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Vom Börfenmakler zum Romandichter. Paris, 25. März.

Ein altes Sprichwort sagt: Wer fälschlich tot gesagt it, lebt noch lange." Jules Verne, der bekannte Verfasser phantastischer Romane, hat dieses Wort Lügen gestraft. Er war vor einigen Tagen tot gesagt. Der Telegraph hatte das Ereignis in alle Welt gemeldet, während der Schriftsteller noch dem Leben angehörte. Ihm hat die vorzeitige Todes­botschaft keinen Nußen gebracht. Gestern hat er die Augen für immer geschlossen.

Jetzt wird man wohl erfahren, wie alt Jules Verne eigentlich geworden ist. Er wollte sein Alter niemals an­geben. Es interessiert feinen Menschen", pflegte er zu jagen, nicht einmal mich selber." Das Geheimnisvolle, das er in seinen Schriften mit Vorliebe behandelte, trieb ihn zur Geheimnistuerei. Das Phantastische zog ihn früh schon zum Theater. Als er in Paris auf Verlangen seines Vaters Jurisprudenz studierte, schrieb er kleine Stücke, die nicht des Erfolges entbehrten und ihm die Protektion von Alexander Dumas eintrugen. Er wurde Theatersekretär, vernachläs­sigte aber dabei nicht die realen Dinge, er war Unteragent eines größeren Börsenmaklers. Eines Tages sagte Verne an der Börse zu seinen Kollegen: Kinder, ich glaube, daß ich Euch verlassen werde. Ich habe die Idee gehabt, die, nach Girardin jeder Mensch haben muß, um sein Glück zu machen. sch habe einen ganz neuartigen Roman geschrieben, eine Idee von mir. Gelingt es, dann bin ich sicher eine offene Gold­adier. Ich werde dann weiter Romane schreiben, und Ihr fönnt weiter Papiere kaufen und verkaufen. Ich habe so eine Ahnung, daß ich mehr verdienen werde als hr!"- Man lachte: Lacht nur," sagte er, man wird ja sehen, wer 3ulegt lacht!"- Einige Wochen später erschien der Roman Fünf Wochen im Ballon", der erste der berühmten Serie naturwissenschaftlicher Romane, dessen Originalität aller Welt gefiel: er wurde in alle Sprachen übersetzt. Die Goldader" war tatsächlich offen", und Verne beutete sie ein halbes Jahrhundert lang gehörig aus. Verne brachte es auf neunzig Romane, produzierte jedes Jahr zwei, manchmal drei Romane, mit wech­felmdem Glück, aber nie ohne Erfolg. Dieser erfinderische, fruchtbare Geist war nie um Stoff verlegen: er war stets allen neuen Entdeckungen der Wissenschaft auf der Spur und machte daraus, indem er sie bis zu den äußersten Konsequen gert übertrieb, Romane, die von einer erstaunlichen Phantasie jeugten: Was ich auch erfinde, was ich auch tue", sagte er manchmal, ich werde stets unter der Wahrheit bleiben."

Als im Jahre 1872 sein berühmter Roman Die Reise um die Welt in 80 Tagen" herauskam, machte der Theater­dichter d'Ennery daraus ein Bühnenstück. Es wurde auf­gefführt, und die Goldader" hatte sich in eine Gold­grube" verwandelt. Vierhundertmal hinter einander ging die Reise um die Erde" über die Bretter. Millionen ver­dienten die Direktoren, die das Stück kreiert hatten, und noch weitere Millionen brachte der dramatische Roman Michaei Strogoff, der Kurier des Zaren!" So war aus dem kleinen Börsianer, der sein Lebensalter verheimlichte, ein gemachter Mann und ein berühmter Schriftsteller geworden. Das Kreuz der Ehrenlegion legt man ihm auf das Grab. Es war das letzte Kreuz, welches vom Kaiser Napoleon verliehen wurde.

Sechs fertige Romanhandschriften hat er uns hinter­lassen. Sie werden vielleicht noch manche Ueberraschung ent­halten.

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Vermilchies.

=[ Die Möbel aus Schillers guter Stube".] Die Stadt Weimar hatte die Absicht, zur Ergänzung des Mobiliars im Schillerhause die im Besize des Rentners Koch in Stettin befindlichen Möbel aus Schillers ehemaliger guter Stube" ( in seiner Weimarer Wohnung) käuflich zu erwerben. Der Herr verlangt nicht weniger als 40 000 Mark. Daraufhin ist die Stadt von ihrer Absicht zurückgetreten.

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[ Der weise Landesvater.] Veranlaßt durch einen fürzlich vom Gemeinderat in Röthen gefaßten Beschluß, beim Besuche des regierenden Herzogs bis zu 3000 Mark für Aus­schmückung der Straßen aufzuwenden, hat jetzt die Regie­rung bekannt gegeben, daß das nicht dem Willen des Landes­herrn entspreche. Denn öffentliche Gelder hätten andere Bestimmungen.

[ Für Autographen jäger] veröffentlicht Peter Rosegger im Briefkasten seines Heimgartens folgende deutliche War­nung: Wer ein Autograph von mir haben will, oder irgend so etwas, der nehme sich in acht! Jeder, der mir nahekommt, würd angebettelt. Ich weiß fümmerlich dotierte Waldschul­häuser, arme Bergbauernfinder, abgebrannte Kirchen, not­leidende Volksbüchereien...! Wer mich in Ruhe läßt, dem tue ich nichts. Wer mir aber auch nur den Aermel streift, den bettele ich an."

=[ Zwei Menschenleben wegen eines Hutes.] Drei junge Leute aus Altona waren vorgestern in Neu- Rain­bille" zur Musterung gewesen, zogen dann von Wirtschaft zu Wirtschaft und begaben sich schließlich nach Neumühlen­Debelgönne, wo sie sich ein Segelboot mieteten. Bei dem Wrack der Atabaska" flog der Hut des einen, da die jungen Beute allerlei Unfug im Boot trieben, ins Wasser. Se be­mühten sich, ihn wiederzuerlangen, aber dabei kenterte das Boot und die drei, die des Schwimmens unfundig waren, stürzten in die Elbe. Nur einer fonnte gerettet werden, Die beiden anderen fanden ihren Tod in den Wellen.

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=[ ,, Der Kronprinz der Sahara".] Dem Pariser Zivil­gerichte wurde eine Klage der Madame Francis Delierre gegen Monsieur Jacques Lebaudy überreicht, in welcher die Anerkennuna der Vaterschaft begehrt wird.

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seiner vorjährigen Anwesenheit in Brüssel lernte der Kaiser der Sahara" die in Frage kommende Dame kennen. Er er­hob sie zur Gräfin de Loches" und verbrachte einige flotte Monate mit ihr in Paris. Dann entstand ein Zerwürfnis und die beiden gingen auseinander. Nun wurde gegen Le­baudy eine Klage auf Anerkennung der Vaterschaft überreicht und er nahm ursprünglich einen negierenden Standpunkt ein. Vorgestern kam eine Eingabe an das Gericht, in welcher er erklärte, das Kind als das seine anzuerkennen, wenn die französischen Behörden es in die Matrikel als Untertan des Kaiserreichs Sahara eintragen. Sein Sohn solle einst die Krone tragen und der erste Bürger des neuen Reiches sein. Da die französischen Behörden betreffs Anerkennung des Kaiserreiches der Sahara eine ablehnende Antwort gaben, soll demnächst in der Schweiz die morganatische Ehe Lebau­dys mit der Gräfin de Loches" geschlossen werden, und dort hofft er Millionär, daß sein Sohn in die Matrikel als Un­tertan des Kaiserreichs Sahara eingetragen wird.

=[ Schmuggel auf der Lokomotive.] Eine neue Methode des Schmuggels wurde von den Zollbeamten in Belfort ent­deckt. Die Passagiere des Schnellzuges nach Chaumont sahen zu ihrem Erstaunen, wie die Lokomotive ihres Zuges auf ein Nebengeleis gebracht wurde, während eine andere telegra­phisch herbeordert wurde, um den Zug an seinen Bestim­mungsort zu bringen. Der Tender war ganz mit geschmug­gelten Waren angefüllt. Schachteln mit Puder, Tabak in Paketen, Zigarren und Zigaretten zu Tausenden und Streich­holzschachteln waren in Wachstaffet eingepackt, und diesen Paketen hatte man unregelmäßige Formen gegeben, als ob es Kohlen wären. Der Lokomotivführer und der Heizer wur­den verhaftet.

Lokales.

26. März 1905

P Warnung. Vor einiger Zeit versuchte in Gießen ein Unbekannter eine, einem 10- t.- Stück ähnliche Spiel marke für ein echtes 10- Mf.- Stück zu verausgaben. Als der Betrug bemerkt wurde, entschuldigte er sich damit, er habe von Fastnacht her noch einige derartige Spielmarfen im Portemonnaie und sich vergriffen und gab ein echtes 10- Mt.- Stück in Zahlung. Da der Betrüger dies Manöver wiederholen wird, sei vor ihm gewarnt. Er ist etwa 30-35 Jahre alt von mittlerer Statur, hat blondes Haar, blonden Schnurrbart, ist gut gefleidet und hat gutes Benehmen.

P Unfug. In der Nacht auf Sonntag wurden zu Gießen in der Weftanlage von roher Hand eine Anzahl Bierbäumchen abgebrochen. Hoffentlich gelingt es der Polizei, den Täter zu ermitteln.

** Glücklicher Gewinner. Der Hauptgewinn der Gießener Pferdemarktslotterie ist nach Grünberg an | Herrn Bahnmeister Stein gefallen.

** Hassia- Verband. Der diesjährige Delegierten tag des Hassia- Verbandes findet am 4. Juni in Laubach statt. Graf Karl zu Solms- Laubach wurde zum Ehrenmit glied der Hassia ernannt.

** Kapellmeister Polster siedelt von Gießen nach seiner Heimatsstadt Dessau über. Der Bauer'sche Gesangverein hat ihn zu seinem Ehrenmitgliede ernannt und bringt ihm heute Abend ein Ständchen.

** Geländet wurde heute Vormittag aus der Lahn die Leiche des Glasreinigers Karl Wiesner von Gießen.

§ Grünberg, 26. März. Silberne Hochzeit. Mittwoch, den 29. d. M., feiert das Ehepaar Otto Kreuder und Frau dahier das Fest der Silbernen Hochzeit.

? Laubach. 26. März. Versetzt. Mit dem 1. April siedelt der hiesige Postverwalter Rau nach Lich über, da er zum Vorsteher des dortigen Postamtes ernannt ist. Man sieht den beliebten Beamten, der hier 31 Jahr lang ge= wirft hat, ungern scheiden.

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Wetterfeld. Hier soll eine Genossenschafts­molferet errichtet werden.

K Von der Lahn, 26. März. Marmor- Bruch. In Odersbach bei Wilburg hat ein Konsortum aus Köln ein größeres Terrain erworben, um dort Marmor zu brechen.

-ch Vezberg, 26. März. Selbstmord. Der alte Schornsteinfeger Steinmüller von hier hat gestern Nachmittag seinen Tod in dem am Wege nach Fellingshausen gelegenen Weiher gesucht und gefunden. Etwa eine Stunde nach der Tat wurde seine Leiche gefunden und es ist ganz unerklärlich was den 75jährigen Greis so unerwartet in den Tod getrieben hat.

-ch Azbach, 26. März. Jagdhütte. Fabrikant Rinn aus Heuchelheim, Pächter der Gemeindejagden von Kinzenbach und Azbach hat im vorigen Herbste im hiesigen Gemeindewald eine massive Schußhütte erbauen lassen. Die­selbe steht unmittelbar am Waldweg von Kinzenbach nach Grube Morgenstern resp. Hof- Bubenrod und enthält zwei Räume, welche z. Zt. ihre innere Ausstattung erhalten.

*** Groß Felda, 27. März. Tückische Krankheit und Tod. Schnell und unerwartet ist einer unserer be­liebtesten und im großen Umkreis gut bekannter Mitbürger, der Gastwirt Bölzing verstorben. Zu Anfang ber­gangener Woche erkrankte er an einer schweren Darmkrant. heit, er mußte sich am Samstag in der Klinik zu Gießen einer Operation unterziehen, nach der er sich ganz wohl

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fühlte. Aber am Montag früh 6 Uhr trat eine Wendung ein und er ist dann ganz ruhig entschlafen, zu früh für seine Angehörigen und Mitbürger.

= Bernsfeld. Opfer des Berufs. In v. W. wurde ein junger Bergmann durch abstürzende Gesteins­und Erdmassen schwer verleßt. Der bedauernswerte Ar­beiter mußte nach Gießen in die Klinik übergeführt werden.

K Nassau, 26. März. Die Lahntalbrauerei ging in der Zwangsversteigerung für 131000 Mt. an den Hauptgläubiger, Malzfabrikanten Hausmann aus Cochem, über, nachdem sich dieser mit der Bedingung des Gläubiger­ausschusses, 100000 Rt. an seiner Forderung nachzulassen, einverstanden erklärt hatte.

K Von der Bergstraße, 26. März. Obstblüten. Seit einigen Tagen stehen die Mandelbäume in voller Blüthe. Alle Obstarten, besonders Frühobst, zeigen reichliche Frucht­fnospen.

Stadttheater in Gießen.

Kabale und Liebe.

Ein bürgerliches Trauerspiel in 5 Aufzügen von Friedrich Schiller. Kabale und Liebe, ursprünglich Louise Millerin betitelt, stellt einen markanten Bunft in der deutschen Literatur­geschichte dar: die Umgestaltung ber rührseligen bürgerlicher Tragödie in die soziale Familientragödie. Mit meisterlid Shakespearescher Mischung von Tragit und Komit richtet der ideale Schiller in hoher, schwungvoller Sprache in der Kabale und Liebe einen flammenden Protest gegen kleinstaatlichen Absolutismus und Nieder knebelung des Bürgertums. In Idee und Anlage hat das Werk mit dem, wenngleich auch gewaltigeren Othello, Achulichkeit: in beiden Stücken treibt aufgeregte Eifersucht der Helden zur Tötung der Geliebten resp. Gattin, und aus diesem Grunde ist der Dichter hier wie da gezwungen, den ersten Teil der Handlung zur Motivierung der Tat vorzudichten und den Neben figuren einzuräumen.

Die Darstellung muß als eine gelungene bezeichnet werden. Die Regie des Herrn Linzen hatte mit großer Umsicht ihre Anordnungen getroffen und für ein wirkungs­volles, geschlossenes Zusammenspiel gesorgt. Mit der Dar­stellung des Ferdinand war Herr Lüttjohann betrau: worden. Mit großem Fleiß hatte der junge Künstler aud gestern wieder seine Rolle ausgearbeitet und den feurigen, idealen, deutschen Jüngling in seiner ungebrochenen Krasi und unverdorbenen Seele Leben atmend auf die Bühne gebracht. Man fonnte es mit Händen greifen, daß dec Darsteller den Dichter ganz in sich aufgenommen. Als Partnerin stand ihm in Louise Frl. Dülfer zur Seite, die das schlichte, ehrbare Bürgermädchen in allen Phasen gut zu verförpern wußte. Präsident Walter wurde von Herrn Linzen gegeben. Zweifels hatte Herr L. die richtige Auffassung und eine ganze Reihe Partien glückten ihm auch sehr gut, doch trat ihm sein Organ recht oft hindernd in den Weg, indem es sich nicht zu der ruhigen, präzisen und suggestiven Lage abzuklären vermag. Mit einem leisen Bug feiner Ironie führte Herr Lippert seinen Hofmarschall von Kalb durch und eine gute Darstellung war auch Frau Gartners Lady Milford, namentlich die tigerartige Wildheit in den Ausbrüchen höchstgesteigerter Leidenschaft verliehen ihrem Spiel eine große Lebendigkeit. Der Haus­sekretär Wurm fand in Herrn de Giorgi in Ton und Maste einen trefflichen Darsteller. In abgerundetem und diskreten Spiel wußte Herr G. den gewissenslosen Intriganten mit einem manchmal wahrhaft teuflischen Lächeln auf die Bühne zu bringen. Im Gegensatz zu seinem feindetaillierten Spiel bewegte Herr Konradi sehr zweckentsprechend als Stadtmusifant Milner sich in graden, festen Strichen, das Bürgertum, das feine Phantastereien fennt, gut charafterefierend, während Frau Fischer als seine Frau den vollendeten Typus der Mutter lieferte, die nicht hoch genug mit der Tochter hinaus fann. G. H.

Brief- und Fragetaften der Redaktion. + Eine recht unangenehme Beobachtung machte Schreiber dieser Zeilen auf dem letzten Pferdemarkt, wo die anwesenden Losehändler 30 und noch mehr Prozent Auf­schlag für ein Los verlangten. In Zukunft müßte diesem Treiben gleich von vornherein Einhalt geboten werden, wenigstens auf den öffentlichen Märkten und Festpläger. Die Opfer waren dieses Mal meistens Landleute, die noch gern ein Los haben wollten.

Bießener landwirtschaftlicher Wetterbiens. Boraussichtliche Bitterung in Hessen für Dienstag, den 28. März. Zunächst trüb und stellenweise besonders in Oberhessen geringer Regen, Starkenburg vorwiegend trocken, milder besonders nachts.

( Näheres durch die Gießener Wetterfarte.) Verantwortlich: für die Politik und den Inseratentel Albin Klein, für den übrigen Inhalt: Georg Horn, belb in Gießen.

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