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Giessen.
Nr. 252
Jusertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz OberSeffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Bfg. sonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.
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Donnerstag, den 26. Oftober 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen.
Die Hera Witte.
In politischen Kreisen will man jetzt mit Bestimmtheit wissen, daß Graf Witte bereits vom Zaren zum Premierminister ernannt und mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet worden sei. Es verlautet ferner, daß statt der Reichsduma eine wirkliche Konstitution nach westeuropäischen Art in diesen Tagen proklamiert und den Russen Breß-, Rede- und Versammlungs- Freiheit gewährt werden soll.
Ob und inwieweit nicht auch hier der Wunsch des Gedankens Vater ist, werden die Vorgänge der nächsten Tage lehren. Bewahrheiten sich diese Voraussagen, dann hat Graf Witte einen großen moralischen Sieg errungen, der seinen Sieg in Portsmouth übertrifft. Denn während er in der amerikanischen Kongreßstadt nur mit Widersachern zu rechnen hatte, mußte er in Petersburg gegen eine intrigante Hof- und Großfürstenpartei fämpfen, die keine Mittel scheut, um ihr Ziel zu erreichen. Von einem genauen Kenner der Intrigen am Zarenhofe wird der Deutschen ReformKorrespondenz" hierüber folgendes geschrieben:
Zwei Jahre hat Wittes Kampf um die Macht gedauert, und der unerwartetsten Umschläge hat es bedurft, um ihn zum Sieger in dem schweren Streit zu machen. Er hatte elf Jahre lang an der Spitze des Finanzministeriums gestanden und dem weitverzweigten Ressort durch die Wucht seiner Persönlichkeit eine das übliche Maß weit überschreitende Bedeutung gegeben, als seiner Laufbahn plötzlich ein Ziel gesezt wurde. Er erhielt seine Entlassung, um die er nicht gebeten hatte, und wurde auf den Ruheposten eines Präsidenten des Ministerkomitees gestellt, von dem aus noch nie ein Einfluß von Belang versucht worden war. Seine Erfolge hatten seinen Sturz bewirkt. Gerade daß ihm alles gelang, ließ die Festigkeit seines Willens als Eigenwillen erscheinen, den als unerträglich zu betrachten man dem Baren eingeredet hatte. Der Selbstherrscher aller Reußen empfand den Minister, der so oft verneinte, als eine Unbequemlichkeit, als eine Verneinung der eigenen Herrschereinsicht. Dazu war der Zar durch seine nähere Umgebung geführt worden, durch die sogenannte Großfürstenpartei, durch seine Oheime, denen er in menschlich schönem Fühlen väterliche Autorität eingeräumt hatte. Nach Wittes Sturz herrschte Großfürst Sergius, ein unheilvoller Mann, in unheilvoller Unumschränktheit. Ein Repräsentant des Willfürregiments, haßte er jede Regung, ja jeden Schein der Selbständigkeit. Plehwe war sein Mann, Pobjedonoszew war es, talte Fanatiker, die jedes Reformbedürfnis leugneten, jedes Reformberlangen als eine Art Gotteslästerung berurteilten und bestraften. Plehwe und Sergius, beide fielen von Mörderhänden. Doch ihre Grundsäte blieben am Leben und regierten fort und stempelten Witte, der überall für einen konservativen Mann gegolten hätte, zum Neuerer und Umstürzler, dem man deshalb nicht zu Leibe ging, weil man ihn in seiner Machtlosigkeit für nicht mehr gefährlich hielt. Es kam der Tag, wo man den Gestürzten brauchte. Fast höhnend hatte man ihm beim Scheiden aus dem Amt die Leitung der Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland gelassen. Das war vielleicht nicht einmal ernst gemeint gewesen. Wenigstens äußerte der neuernannte Finanzminister Pleske, daß er durchaus nicht gesonnen sei, dem Handelsvertragsabschluß, bloß als Zeitgenosse" gegenüberzustehen. Was aber nicht ernst gemeint war, das wurde ernst, nachdem die Verhandlungen wiederholt ins Stocken geraten waren. Herr von Witte wurde beauftragt, nach Norderney zu gehen, um dort mit dem deutschen Reichskanzler eine Verständigung zu erzielen. Was den anderen nicht hatte gelingen wollen, brachte Herr von Witte zustande. Damit war die Unentbehrlichkeit des früheren Finanzministers ein erstesmal dargetan.
Inzwischen hatte sich im Verlauf des Krieges mit Japan die völlige unzulänglichkeit und Unfähigkeit der Kräfte erwiesen, die von der Großfürstenpartei in den Vordergrund geschoben worden waren. Die schlimmen Verhältnisse entwickelten sich so weit, daß man in Petersburg schon anfing, die eigene Armee mehr als die der Japaner zu fürchten. Als über den Frieden unterhandelt wurde, galt Witte für den einzig möglichen Unterhändler. Seine Gegner selbst drängten ihm die Mission auf, von der sie wußten, daß sie Fallen und Fußangeln berge. Wittes Fahrt nach Amerika schien ein Todesgang. Auf sein Haupt sollte die Verantwortung fallen für den Krieg, den er nicht gewollt, für die Niederlagen, die nicht er verschuldet, für die Friedensbedingungen, die man sich nicht anders als belastend und beschämend vorstellen konnte. Witte erreichte als Friedensunterhändler, was jeder für unmöglich angesehen hätte. Er überhob Rußland der Verpflichtung, irgend eine Kriegskostenentschädigung ahlen, und gewährte Japan keinen Zollbreit vormal. russischen Bodens. Der Zar konnte nicht umhin, diese großen Verdienste dankend anzuerkennen. Mit der Verleihung des Grafentitels war dem Dank nicht Genüge geschehen. Der Zar wendete sein Vertrauen dem Manne wieder zu, den er unfreundlich aus dem Amte entlaffen hatte. Das war nicht zu früh geschehen. Wenn es nicht schon zu spät geschah, wird der Zar von Glück sagen
fönnen.
Während Witte in Amerika für den äußeren Bestand Rußlands und um die Wiederherstellung seines Prestiges sich mühte, waren seine Gegner fleißig an der Arbeit gewesen, das durch die Notwendigkeit ihrer Billigung aufgedrängte Reformwerk in ihrem Sinne unschädlich", d. h. wirkungslos und inhaltsleer zu machen. Das war ihnen gelungen, und damit hatten sie der Flamme der Revolution neue Nahrung gegeben. Sie hatten eine Ministerialverfassung ausgearbeitet, innerhalb deren Witte keinen Raum zur Durchsetzung seiner Absichten gehabt hätte. Er hätte dort nur ein politisch zur Untätigkeit verurteilter Ressortminister oder ein machtloser Premierminister sein können. Mit dem einen war Witte so wenig einverstanden, wie mit dem anderen.
Jetzt endlich scheint er am Ziel seiner Wünsche zu sein. Wie es heißt, ist der Zar entschlossen, ihm die Ministerpräsidentschaft und zugleich das Ministerium des Innern zu übertragen. Geschieht das, so ist Graf Witte der mächtigste Mann in Rußland, und das Scheitern der Mission, die er sich selbst gegeben, würde einem Mangel an Wohlwollen nicht zuzuschreiben sein. Freilich ist es möglich, daß seine Aufgabe sich größer erweist, als was durch menschliche Kraft releistet werden kann, daß eine Einrenkung der Dinge in Rußland überhaupt nicht mehr tunlich ist.
Streik- Revolution in Russland.
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Es wird ernst in Rußland. Aus der heiligen Stadt des Reiches, die der Russe als Mütterchen Moskau" bezeichnet, verbreitet sich die Erregung aufs neue in alle Teile des Barenreiches. Was Kundige vorausgesagt haben, scheint ich zu bestätigen: Wenn Moskau losbricht, ist die Gefahr für Das Zarenreich und das Zartum auf der Höhe angelangt. Die aufrührerische Bewegung äußert sich zunächst in einem Fortschreiten der Arbeits- Einstellungen.
Der Streik der Eisenbahner.
Die größte Ausdehnung hat der Ausstand in den Kreisen Der Eisenbahn- Angestellten gefunden. Sie sind in der Lage, Durch einen Streif nachhaltig zu wirken und das ganze wirtschaftliche Leben ins Stocken zu bringen, und sie sind jest auf dem Punkte angelangt, rücksichtslos in diesem Sinne orzugehen. Schon ist Moskau von der übrigen Welt abJeschnitten. Die Reisenden häufen sich an, und die Frachttücke lagern unbestellbar zu riesigen Ballen getürmt. Die irmen Reisenden( in des Wortes eigentlichster Bedeutung) ehen sich zur Erhaltung ihres Lebens auf die Unterstützung Der Bahnverwaltungen angewiesen, die ihnen bislang noch Jewährt ist. Aber schon winkt das grausige Gespenst einer ŏungersnot immer näher; und dann sind die Folgen nicht ibzusehen. Dann mögen wohl die Bande sich völlig lösen, ind die Menge, der es am Nötigsten zum Leben fehlt, kann leicht zu einem furchtbaren Ausbruch der Leidenschaft getrieben werden, der alle Dämme niederreißt. Eine höchst jedenkliche Meldung ist die, daß die Wasserleitung von den Ausständischen unterbrochen ist und ganze Stadtteile Moss laus ohne Wasser sind.
Der Ausstand breitet sich aus.
Nicht auf Moskau allein und nicht auf die Eisenbahn.c st die Bewegung beschränkt geblieben. Schon sind eine ganze Reihe anderer Städte ebenso wie Moskau von allem Verfehr abgesperrt. Simbirsk, Jekaterinoslaw, Kiew, Smclensk, Woronesch, Saratow, Charkow, Simferopol, Jaroslaw, Odessa, Nischni- Nowgorod sind ehne Verbindung, und immer weiter frißt sich das Feuer, auch zwischen Warsche t und Petersburg ist die Verbindung bereits unterbrochen, 10 daß der englische Botschafter in Petersburg nicht mehr seine Reise ins Ausland antreten konnte. Ueberall ist die Volksmasse in Erregung gekommen. In Jekaterinoslaw suchte die Menge das Postamt zu stürmen, die Truppen, die das Gebäude besetzt hielten, gaben Salven ab, und die Zahl der Toten und Verwundeten ist eine große.
Auch die anderen Berufsstände werden von der Bewegung ergriffen. In Moskau sind die Apotheker in den Streit eingetreten, sie haben beschlossen, ihre Offizinen 311 schließen, und verweigern die Herstellung von Medikamenten. On Balaschow haben sich die Mühlenarbeiter, die Beamten des Semstwos, der Stadtverwaltung und des BranntweinMonopols dem Streit angeschlossen. In Lodz und Pobjanice feiern 40 000 Fabrikarbeiter. Ueberall erklären Handwerker und Bauern den Anschluß an den Ausstand. Unter solchen Umständen ist es keine Phrase, wenn nach einem Bericht aus Moskau ein Führer der Reformbewegung bie weitere Entwickelung wie folgt schilderte:
Falls unsere politischen Forderungen nicht bewilligt werden, wird der Generalstreik proklamiert. Die Arbeit wird in jeder Industrie, in jeder Fabrik, in jeder Grube, auf jedem Feld ruhen. Die ganze arbeitende Bevölkerung von Rußland wird streiken.
Noch gibt es eine Möglichkeit, der drohenden Anarchie zu vehren.
Die Eisenbahner bei Witte.
Die Cisenbahnbeamten, die tatsächlich die Führung in ber Bewegung haben, sind noch einmal an die Staatsgewalt
jerangetreten, um ihre Forderungen dort durchzusetzen. Der Eisenbahnminister Fürsten Chilkom trafen sie nicht, er war jeim Zaren in Peterhof. Aber Graf Witte empfing ihre Deputation. Deren Mitglieder traten sehr selbstbewußt au. Sie erklärten: Die Zeiten sind vorüber, wo Entscheidunge: iber Fragen von vitaler Bedeutung auf dem Verwaltungs vege entschieden werden konnten; alle Forderungen der ar beitenden Klassen müssen durch Gesetze geregelt werden, di nit dem Willen des Volkes gegeben und von ganz Rußlani jenehmigt sind. Es gibt nur eine einzige Lösung: Sofortig Erklärung der politischen Garantien und Freiheiten un Finberufung einer auf dem Wege des allgemeinen un Direkten Wahlrechts gewählten konstituierenden Versamm ung. Das Land darf nicht zur bewaffneten Revolution ge rieben, und es darf kein neues Blutvergießen gestattet wer en. Das Boff hat genug Blut in der Mandschurei und jetz in en Städtet. Dörfern und Ortschaften Rußlands ge opfert
Ueber die Antivoli, aute in Delegieren er teilte, wird aus Moskau gemeldet:
Graf Witte betonte den privaten Charakter der Unterredung und erklärte manche der aufgestellten Forderungen für unausführbar, andere dagegen für tabel. Mejrfach und nachdrücklich sprach sich Witte gegen das allgemeine Stimmrecht aus, das den reichen Klassen durch das Mittel des Stimmenfaufes ein Uebergewicht gebe. Witte erklärte weiter, er erkenne die Versammlungs- und Preẞ= freiheit an, welche sehr bald zugelassen werden würden. Er sei überrascht, zu erfahren, daß der Kriegszustand auj den Eisenbahnen noch nicht außer Kraft gesetzt sei. Dies sei ein Mißverständnis, das in den nächsten Tagen abgestellt werde. Weiter erklärte Witte sich als Gegner allen Druces und Blutvergießens und als Verfechter der weitesten Freiheit, aber er fönne nicht vorhersagen, wie man dem Ausstand ein Ende sezen werde. Er werde mit Chilkom konferieren und sein möglichstes tun; seiner Meinung nach müsse der Ausstand eingestellt und dann friedfertige Bedingungen ausgearbeitet werden.
Auf Grund dieser Erklärungen wurde dann eine Ent. cheidung über das fernere Vorgehen von den Eisenbahnern verschoben. Dagegen beschloß eine von 15 000 Personen be uchte Versammlung in der Petersburger Universität, den llgemeinen Ausstand auf allen in Petersburg mündenden Bahnen eintreten zu lassen.
Es ist zweifellos daß die Lage in Rußland so ernst ist, vie nie zuvor. Die Bomben und die Barrikaden beginnen uf der Straße zu herrschen. Die Anarchie breitet sich aus. Belingt es den Ausständigen, den Aufruhr allgemein zu ent achen, dann ist der Brand, der schon lange an dem Gefüge es Barenreiches frißt, zur hellen Flamme entfacht, und das Ende ist dann nicht abzusehen.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
* Ueber die gegenwärtige Lage in Deutsch- Ostafrika berich tet Gouverneur Graf Gözen, daß die telegraphische Verbindung zwischen Mpwapna und Kilimatinde gestört ist. Eine sichere Bestätigung der Gerüchte über einen in fungu, 100 Kilometer östlich von Tabora, ausgebrochenen Aufstand liegt nicht vor. Von der Station Tabora wird gemeldet, daß Boten aus dem Jringabezirk in Unyanyembe Unruhen hervorzurufen suchen, welchen Versuchen gegenüber die Hauptfultanin Kalunde sich ablehnend verhalten soll. Hauptmann v. Hassel beabsichtigt, nordwärts gegen die Wapunga in Utchungwe vorzustoßen. Das Vorgehen soll unterstützt werden durch die Kolonne des Freiherrn v. Wangenheim aus dem Bezirk Kilossa und durch das Detachement des Leutnants v. Krieg mit den ihm angeschlossenen Wahehe- Hilfsfriegern aus Iringa. Von einer Beendigung des Aufstanbes kann nach diesen Nachrichten vorläufig nicht die Rede sein, doch ist überall ein erfolgreiches Vorgehen der deutschen Truppen zu konstatieren.
* Die Frage der Personen Tarifreform wird von der Berliner Handelskammer in einer Eingabe an den Minister Jon Budde ausführlich behandelt. Die Stammer erklärt den Entwurf in seiner jezigen Gestalt für unpraktisch. da durch ihn weiteren Volkskreisen, insbesondere aber einer großen Reihe der mittleren Erwerbsstände Opfer crferlegt werden, beren Verechtigung angesichts der glänzenden Finanzlage der preußisch- hessischen Staatsbahnen nicht anerkannt werden könne. Dafür macht die Kammer eine Reihe anderer Vorschläge. Die wesentlichsten sind folgende: Schnellzugs zuschläge werden nur für die großen internationalen Züge erhoben. Für den Gepäcktarif ist eine ermäßigte Stala anzusetzen. Nach Abschaffung der eigentlichen Rückfahrkarten jind Vorkehrungen zu treffen, daß Fahrkarten für die Rückreise gleichzeitig mit denjenigen für die Hinreise gelöst werben können.
* Wegen der in Bezug auf die Firma Tippelskirch u. Co. Im„ Berliner Tageblatt" ausgesprochenen Verdächtigung bes Kolonialdirektors Dr. Stuebel bat der Staatssekretär


