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Nr. 226.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluß Rr. 362.

Dienstag, den 26. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Was wird aus dem Marokkoftreit?

Die beunruhigenden Gerüchte über einen drohenden Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wegen Marokko stellen sich mehr und mehr als haltlose Phantasiegebilde ängstlicher Seelen heraus. Weder in Paris noch in Berlin dentt man bei den maßgebenden Stellen an irgend eine bewaffnete Auseinandersetzung wegen der Meinungs­verschiedenheiten über das afrikanische Sultanat. Das be­stätigen auch die Aufschlüsse, die unser CB- Mitarbeiter in Berlin an einer unzweifelhaft unterrichteten Stelle anläß­lich einer Nachfrage erhielt. Der diplomatische Gewährs­mann äußerte sich folgendermaßen:

Wer von einer Kriegsgefahr spricht, in die Deutschland berwickelt sein sollte oder in die es verwickelt werden tönnte, sieht am lichten Tag Gespenster oder schöpft seine Besorgnis aus dem eigenen zur Aengstlichkeit neigenden Ge­müt. Auf dem weiten Weltenrund ist zurzeit kein Anlaß vorhanden, aus dem man die Vermutung einer Friedens­Störung herzuleiten berechtigt wäre, und geradezu lächerlich ist es, wenn man den langsamen Fortgang der deutsch- fran­zösischen Verhandlungen über die Marokkofrage als Aus­gangspunkt ernsthafter Beunruhigungen hinstellt. Der Zeitpunkt, in dem von hier aus eine Trübung in der Mög­lichkeit lag, gehört der Vergangenheit an, wie Herr Delcassé der Vergangenheit angehört, der vielleicht die Eignung be­saß, Herrn Olivier unseligen Angedenkens das Vorrecht auf den Beinamen des Mannes mit dem leichten Herzen" Streitig zu machen. Herr Delcassé fand glücklicherweise im eigenen Land nicht den Boden für seine leichtherzige Politik; er wurde mit einer Promptheit beseitigt, die vollgültigen Beweis für die Nüchternheit und Besonnenheit der franzö­fischen Politik erbrachte. Herr Rouvier erkannte an, daß Deutschland keine Macht sei, die von einer Nachbarmacht im Vertrauen auf ein wirkliches oder eingebildetes Bündnis alls quantité négligeable behandelt, deren legitime Inter­essen man einfach ignorieren dürfe. Mit dieser Anerken­nung war der Weg der Verständigung geebnet, und auf bei­den Seiten hat man nicht gezögert, ihn zu betreten. In den Hauptfragen ist man schnell zur Einigung gelangt, war man eigentlich schon einig, als das französische Kabinett Herrn Delcassé ausschiffte. Die Nebenfragen, die Erörterungen über untergeordnete Dinge sind es, die lange Zeit in An­spruch nehmen, längere jedenfalls, als manche Politiker, deren Unverantwortlichkeit auf der gleichen Stufe steht mit ihrer Unfenntnis der Aften, ihr gönnen mögen. Mit der Politik aber geht es wie mit dem Zaubertrank im Faust: Nicht Kunst und Wissenschaft allein- Geduld will bei dem Werke sein", und gerade an Geduld haben die unverant­wortlichen Politiker immer nur unzureichenden Vorrat ge­habt. Die Fragen, die in Marokko zu regeln sind, erfordern mancherlei Erhebungen, zuweilen recht zeitraubender Art.

Eisler, Hamburgangen werden, und das ist nicht selten etwas umständlich. er Z. 7364 before Der Sultan von Marokko muß um seine Zustimmung ange­

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Die Einzelheiten selbst sind kompliziert, die Interessen find vielfältig verschlungen, und alle wollen geschont ſein. Der kommenden Konferenz muß ein flares, übersichtliches, allseitiger Zustimmung ungefähr sicheres Programm vor­gelegt werden, damit ihre Arbeiten in absehbarer Zeit zum 20bschluß kommen fönnen. Das ist die Aufgabe des Herrn Rouvier einerseits, der Herren Fürst Radolin und Dr. Rosen andererseits. Die Aufgabe wird auch gelöst werden, so schnell als in der Möglichkeit liegt, aber ohne Ueberstürzung. Freilich ist hier und da auch gesagt worden, Deutschland folle sich mit dem moralischen Sieg", mit dem Rücktritt Delcassés begnügen und an Rouvier in freiwilligem Ent­gegenkommen zugestehen, was es der Delcasséschen Ueber­heblichkeit verweigern müßte. Es ist schwer, sich mit sol­hem Ansinnen ernsthaft zu beschäftigen, das kindisch und geradezu närrisch ist. Politische und wirtschaftliche Inter­effen und Ansprüche können nicht wie Etikette- und Kom­

Beste vom Besten gegentommen zugestehen,

Iches Schutputzen mehrment"-Fragen behandelt werden. Deutschland hat in Ma­Tätig! Fan Union Augst toffo Rechte und Interessen. Für diese ist es eingetreten.

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Das war seine Pflicht. Was würde man sagen, wenn Deutschland um eines Kompliments, um einer Höflichkeit willen seine Rechte und Interessen preisgegeben hätte oder jegt preisgeben wollte! Man würde glauben, daß Deutsch­land damit selbst zugestanden hätte, es hätte sich um einer Nichtigkeit willen aufgeregt oder, was noch schlimmer wäre,

eben. Schriftlice aufgeregt gestellt, es hätte eine ebenso gefährliche wie un­

r R. W. a birdige Komödie gespielt. Mit solcher lächerlichen Zu­

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mutung darf man uns freilich nicht kommen, fommt man uns auch von französischer Seite nicht. In den amtlichen französischen Kreisen weiß man nichts von der Ungeduld der unverantwortlichen Politiker, die doch nicht einmal biffen, ob die unvermeidlichen Zögerungen auf deutscher oder auf französischer Seite veranlaßt sind. Ganz und gar erfunden aber ist es, daß in den Pariser Verhandlungen

möbl. 8immugend etwas läge, was zu einem Konflikt ernstlicher Art ohne Penfion zu führen könnte; und leichtfertig ist es, derartige Erfindun­

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gen, die im besten Fall aus Furchtsamkeit entstanden sind, in die Welt zu setzen. Wahrscheinlich ist die Weisheit, die

von diesen Furchtsamen ausgestreut wird, nur ein Nachhall des Eindrucks, den die Rodomontaden gewisser englischer Blätter auf überempfängliche Gemüter gemacht haben.

*

*

Uebereinstimmend mit diesen Darlegungen wird aus Paris halbamtlich gemeldet, daß Dr. Rosen am Sonntag nach seiner Besprechung mit Revoil den Ministerpräsiden­ten Rouvier aufsuchte, mit dem er sich über eine Stunde unterhielt. Das Ergebnis der Unterredung bestätigt den günstigen Eindruck, den die vorhergehenden Be­sprechungen zwischen Rosen, Rouvier und

schen Rouvier und Fürst Nadolin hinterlassen hatten

Der ungarische Hexenkeffet. ( Eig. Bericht.) Budapest, 25. September.

Die Festigkeit, die Kaiser Franz Josef bei dem Empfang der fünf ungarischen Koalitionsführer in Wien befundete, hat den magyarischen Fanatismus bis zur Siedehize ent­flammt. Gestern abend 7 Uhr trafen die Grafen Andrassy, und Zichy, Baron Banffy und Franz Kossuth in Budapest ein. Sie wurden von einer 10 000 Personen umfassenden Menschenmenge am Bahnhof empfangen. Beim Einlaufen des Zuges stimmte die Menge das Kossuthlied an und brach dann in die Rufe aus: Nieder mit der Dynastiel Es lebe die Revolution!" Stürmische Eljenrufe begrüßte die Ankommenden, von denen Kossuth eine An­sprache hielt. In Wien habe man, so sagte der Volkstribun, die ungarische Nation in die Zwangsjacke stecken wollen, um. die Entwickelung Ungarns unmöglich zu machen. Man stände vor großen Ereignissen, bei denen Volk und Führer ihre ganze Widerstandskraft bewahren müßten. Vor dem Klub der Unabhängigkeitspartei wiederholten sich die Ovationen, und Kossuth beglückte die Demonstranten aber mals mit einer Ansprache.

Die Besprechungen des vom Kaiser anstelle Goluchowskis beauftragten Grafen Czirafy mit den Führern der parla­mentarischen Majorität sind gänzlich ergebnislos verlaufen. Die ungarischen Parlamentarier übergaben dem Grafen Czirafy eine schriftliche Erklärung, nach der sie nicht in der Lage sind, auf Grundlage der von dem Könige gestellten Bedingungen die Re. gierung zu übernehmen, da dies mit ihrer persön­lichen Ueberzeugung und ihrem von der Nation bei den Wahlen erhaltenen Mandat in Widerspruch stehe. Graf Cziraky berichtete dem Kaiser über den Ausgang seiner er­gebnislosen Aktion in einstündigem Vortrag.

Obwohl die ungarischen Chauvinisten- Blätter einmütig betonen, die abweisende Haltung der Wiener Zentralregie­rung sei ungerechtfertigt gewesen und werde den Ausgangs­punkt zu neuen Reibungen und Kämpfen geben, ist man im übrigen Reiche im großen und ganzen mit der Zurück­dämmung der magharischen Anmaßung einverstanden. Man fängt an, in der westlichen Reichshälfte zu begreifen, daß die von den Ungarn angestrebte Zerreißung des Reiches das Ende jedes politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes sein würde. Auch die ven den Magyaren unterdrückten Völker­stämme der Osthälfte drohen, daß sie im Falle der Aus­lieferung der Armee an die Magyaren zum offenen Auf­stand schreiten würden. Tatsächlich bereiten sich im Osten die Rumänen, Serben, Kroaten, Slowaken und Ruthenen darauf vor, die Waffen gegen die Ungarn zu ergreifen, so­bald diesen noch weitere Vorrechte eingeräumt würden.

Die Haltung des Kaisers betrachtet man als den end­gültigen Abschluß des bisherigen Schwankens und des Zu­standes der Ungewißheit. Trotz alles Geschreis ist man in Pest wenig zubersichtlich; man befürchtet mit Recht, daß nach dem Ausgang der Wiener Audienz der Reichsrat un­berweilt energische Maßnahmen ergreifen werde, um Ungarn zu zwingen, seinen Beitrag zu den Reichskosten zu zahlen.

Krone und Parlamentsmehrheit sind einstweilen am Ende der gütlichen Ausgleichsverhandlungen angelangt. Kaiser Franz Josef hat sich in einer Weise engagiert, die einen Rückzug für ihn zum mindesten außerordentlich er­schwert. Von einer Unmöglichkeit freilich kann nicht die Rede sein. Man braucht nur daran zu denken, daß vor 56 Jahren die ungarische Revolution blutig niedergeworfen wurde und daß trotzdem zwanzig Jahre später mancher von den nur durch die Flucht dem Galgen entronnenen Revolu­tionären an der Regierung Ungarns in den hervorragendsten Stellungen Anteil hatte. Auf die Revolution von 1849 war eben der Ausgleich von 1867 gefolgt.

Dem Kaiser Franz Josef ist es gewiß schwer gefallen, in seinen hohen Jahren einen Entschluß zu fassen, der ihn zwingt, in Unfrieden mit einem großen Teil seines unga­rischen Volkes zu sein. Ganz gewiß hat er den Entschluß als eine Notwendigkeit erkannt. Und von seinem Stand­punkt aus ist das auch begreiflich. Die ungarische Oppo­ſition iſt mindestens zu einem erheblichen Teil nicht bloß dynastiefeindlich, sondern geht auch offen darauf aus, Ungarn politisch und wirtschaftlich von Oesterreich völlig zu trennen, höchstens in der Spike die Personalunion bestehen zu lassen, das Gesamtreich als solches aber aufzulösen. Desterreich- Ungarn ist eine Großmacht, Desterreich und Ungarn aber würden nur zwei Staaten untergeordneten

Ranges sein, im europäischen Völkerkonzert nicht erheblich höher stehen als etwa Rumänien und Griechenland. Es ist verständlich, daß Kaiser Franz Josef von einem solchen Verzicht auf seine bisherige Stellung nichts wissen mag und daß er dabei das Interesse seiner Länder mehr noch als seine persönliche Würde im Auge hat.

Wahrscheinlich wird Kaiser Franz Josef das ungarische Abgeordnetenhaus auflösen. Die weitere Entwickelung der Verhältnisse wird zunächst von dem Ausfall der Neuwahlen abhängen, vorausgesetzt, daß der Kaiser es überhaupt zu Neuwahlen nach dem bisherigen Modus kommen läßt. Doch hierüber sind nur Vermutungen möglich, die schon von dem nächsten Tag berichtigt werden können. Der österreichisch­ungarische Staatsgedanke ist es, für dessen Erhaltung Kai­ser Franz Josef sich und seine Macht einsetzt und nach seiner Ueberzeugung einsetzen muß. Da die ungarische Opposition diesen Staatsgedanken bekämpft, so ist einstweilen die Rechtsgrundlage aufgehoben, und die Entscheidung ist der Macht anheimgegeben. Auf welcher Seite die größere Macht ist, wird sich erst zeigen müssen.

Politische Rundschau,

Deutsches Reich.

* Ueber die weiteren Kämpfe in Deutsch- Ostafrika berich­tet der Gouverneur Graf Göken, daß die auf Mahenge ge­richteten Angriffe der Aufständischen erfolgreich abgewiesen wurden. Die aufständischen Wapogoro verloren 356 Tote. Die Kolonne Grawerth, mit der die Verbindung seit vier Wochen unterbrochen war, ist von Limale aus in Kilwa eingetroffen. Sie hatte sechs für den Gegner verlustreiche Gefechte, ohne ihrerseits Verluste zu erleiden. Die Leichen des Bischofs Spies und des Feldwebels Faupel wurden be­erdigt. Die Verbreitung der Bewegung wurde wesentlich durch falsche Gerüchte über Niederlagen der Weißen ver­anlaßt.

* Zu der projektierten Reichsfinanzreform hat das Reichs­schazamt auch Erwägungen darüber angestellt, ob es an­gängig sei, die Stempelsteuer zu erhöhen. Näheres wird erst nach Beginn der Verhandlungen des Bundesrats be­kannt werden.

* Auf dem Parteitag der Freifinnigen Volkspartei wurde beschlossen, das Einvernehmen mit der deutschen Volkspartei in jeder Weise zu fördern. Der Parteitag ist der Ueber­zeugung, daß ein freundnachbarliches Verhältnis zu der freisinnigen Vereinigung und zu anderen liberalen Partei­gruppen im Interesse des Gesamtliberalismus zu unter­stützen ist. Der Parteitag hält aber ein Zusammenwirken mit nationalsozialen Elementen für eine politische Unmög­lichkeit, gleichviel welcher politischen Gruppe sie sich an­schließen.

* Vom 2. bis 4. Oktober wird die Jahresversammlung der mecklenburgischen Lehrerschaft in Doberan tagen. Sie wird sich hauptsächlich mit den mecklenburgischen Schul­fragen beschäftigen. Ein Antrag fordert den Vorstand des Landeslehrervereins auf, bei der Regierung dahin vorstellig zu werden, daß für alle Lehrer ein einheitliches Pensions­gesez, wie solches für die Staatsbeamten in Kraft ist, er­lassen werde. Alsdann wird gefordert, daß das Kündigungs. recht der Ritterschaft aufgehoben und die ritterschaftlichen Lehrer allein durch das Ministerium beziehungsweise durch cine Zentralstelle angestellt und gekündigt werden, ferner daß die Lehrergehälter zeitgemäß aufgebessert und dic Lehrerküster von den niederen Kirchendiensten befreit mer. den. Dann wird Verbesserung der rückständigen Wohnungs­berhältnisse für die Lehrer gefordert.

Afien.

** Die Reformen- Ideen der chinesischen Regierung haben sin Bomben- Attentat verursacht. In dem Augenblick, wo die zur Bereisung Europas bestimmte Reformkommission Peking mit der Bahn verließ, explodierte eine Bombe in dem fiu sie reservierten Wagen. Shon wurde schwer, sieben andere Mitglieder der Kommission weniger schwer verwun­det. Wutingfang ist leicht verlegt worden. Der Urheber des Anschlages, welcher sich im Wagen befand, ist in Stücke gerissen worden. Es ist bemerkenswert, daß die chine­sischen Bombenwerfer sich gegen die Neuerungen wenden, welche die Regierung anstrebt. Ihre Vorbilder im östlichen Europa handeln genau in entgegengesetter Richtung.

Der Präsident des russischen Ministerkomitees uno er­folgreiche Friedensunterhändler Witte ist von Paris in Berlin angekommen. Er machte einen Besuch bei dem Staatssekretär des Auswärtigen, Freiherrn von Richthofen, und hatte auch eine Unterredung mit dem Reichskanzler Fürsten Bülow. Witte beabsichtigte auch, mit Berliner Finanzleuten zu konferieren und soll vom Kaiser in No­minten empfangen werden.

Schweiz.

** Bei der Schlußtagung des internationalen Friedens. fongresses spendete der polnische Graf Gourowsky eine halbe