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Rr. 173.

Insertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­Ben, die Kreise Weglar and Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen ble Petitzelle 30 refp. 40 Bfg.

Rebattion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanfchluk Nr. 362.

Mittwoch, den 26. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Vfa., in' Saus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Beitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Bisben und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberbessen.

Schöne Träume.

Die Nordlandreise des Kaisers scheint an politischer Be­beutsamkeit die jüngste Mittelmeerreise noch überbieten zu sollen, eine Ergänzung zu bringen, die einen großen politi­schen Plan zum Abschluß führt. Die jüngste Mittelmeer­reise war dazu bestimmt, dem englisch- französischen Marokko­Abkommen die gegen Deutschland gerichtete Spitze zu neh­men, was nicht anders als durch die tatsächliche Beseitigung jenes Abkommens angängig war. Dies Ziel wurde erreicht. Delcassé, von seinen Ministerkollegen mit Vorwürfen über­häuft, mußte unrühmlichen Abschied nehmen, und Rouvier fand sich, von des Fürsten Bülow formalem Entgegenkom­men unterstützt, mit guter Miene darein, die eingebildeten Zugeständnisse, die sein ungeschickter Vorgänger eingehan­delt hatte, wieder preiszugeben. War nun Delcassés Per­son glücklich; beseitigt, glücklich für das friedliebende Deutsch land, besonders glücklich für das tatsächlich bündnisloje Frankreich, so war doch die Delcassésche Gefahr geblieben, d. i. die Möglichkeit einer genaueren englisch- französischen Ber­ständigung, die zwar für Frankreich Verderben in ihrem Schoße barg, aber auch für Deutschland empfindlichen Scha­den drohte.

Will man einen bestimmten Staat von einem bestimmten Bündnisonhe Gewalt abhalten, so gibt es nur zwei Mittel: entweder selbst das von dem anderen erstrebte Bünd­nis abschließen, oder in ein Bündnis gerade mit dem Staat treten, den man nicht in fremdem Bündnis sehen möchte. Hat keines der beiden Mittel sich anwenden lassen, so bleibt nur ein drittes übrig, das in der gleichzeitigen Anwendung der beiden ersten besteht, im Bündnisabschluß mit den beiden Staaten, die man nicht zusammenkommen lassen wollte.

Das englisch- französische Bündnis im Delcasséschen Sinne war eine Bedrohung des Friedens. Nicht Abwehr war sein Ziel, sondern Angriff. Es sollte das zwar nicht der Form nach aufgehobene, aber durch die Gewalt der Umstände wir­fungslos gemachte Bündnis der Republik mit Rußland er­setzen, dem zuni mindesten der aggressive Schein nicht fehlte. Hatte doch Rußland, zu seinem schweren Schaden, sich ver­pflichtet, zehn Armeekorps an seiner Westgrenze friegsbereit zu halten, so daß es für den Krieg mit Japan über seine besten Truppen nicht verfügen konnte! Wenn es zu einem wirklichen Angriff nicht fam, so war das Verdienst auf der französischen Seite nicht zu suchen; und wiederum war es Herr Delcassé gewesen, der jede Gelegenheit wahrnahm, Misstimmung zu schüren und Mißtrauen zu erregen. Das englisch- französische Abkommen über Marokko, das in der ihn von Teicassé gegebenen Deutung eine Beleidigung für Deutschland war, sollte nach der Absicht des französischen Mi­nisters, der in seltsamer Verblendung seine eigenen Wünsche don der englischen Regierung geteilt wähnte, Deutschland einschüchtern. Deutschland hat sich nicht einschüchtern lassen, und Frankreich weiß ihm jetzt dafür Dank. Frankreich er­innert sich der vielen Freundlichkeiten, die es seit mehr als fünfzehn Jahren von Deutschland erfahren, und erkennt am Ende, daß seine Sicherheit und sein Gedeihen am besten gewahrt sein würden, wenn es mit dem mächtigen Nachbar in ein Freundschafts- und Vertrauensverhältnis träte. Frei­lich müßte das mit rückhaltloser Aufrichtigkeit geschehen, ohne Hintergedanken, ohne verschwiegene Absichten. Deutschland bat sich unausgesetzt vertrauenswürdig gezeigt, eine gerad­linige und offene Politik stets verfolgt und niemals eine Verlegenheit seiner Nachbarn mißbraucht. Rußland hat auch tatsächlich das alte Vertrauen zu Deutschland wiedergewon­nen. Die Zusicherung Kaiser Wilhelms, unter allen Um­ständen der wohlgesinnte Nachbar zu bleiben, hat Rußland die freie Verfügung über sein westliches Heer gegeben. Die Zusammenkunft der beiden befreundeten Monarchen in den finnischen Schären hat unzweifelhaft dazu beigetragen, das Bertrauensverhältnis zu stärfen, c3 riickhaltloser zu machen, den Gedanken an einen zufünftigen Konflikt auszuschließen. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man annimmt, daß im Augenblick Deutschland zum mindesten ebenso wie Frankreich der Verbündete Rußlands ist. Von hier aus bis zum deutsch- französischen Bündnis ist nur ein Schritt.

Man ist vielsach gewöhnt, bei jedem Bündnis zu fragen, gegen wen es sich richte. In diesem Fall wäre die Frage nicht am Plate. Deutschland hat immer nur Abwehrbünd­misse geschlossen, deren Zweck die Erhaltung des Friedens war, und dem Frieden hat es am besten gedient, indem es fich das Vertrauen der mächtigen Nachbarn durch unzweifel­Haste Vertrauens würdigkeit seiner Politik gewann, man konnte beinahe sagen: erzwang. Für Rußland gilt das unbedingt; daß es auch für Frankreich Geltung hat, ist in höchstem Waße wahrscheinlich geworden. Das deutsch= französisch russische Bündnis würde sich gegen feinen Staat richten, nicht einmal an Japan, an das man zuerst denken könnte. Es sei nur daran erinnert, daß die Friedensverhandlungen, die im nächsten Monat in Newyork beginnen werden, nicht bloß zu einem Aufhören des Krieges führen, sondern die jetzigen Gegner zu Freunden und Bun­desgenossen machen sollen. Es bedarf keiner näheren Dar­legung, daß die Erreichung dieses Bieles wesentlich erleich­tert wird, menn Rußland nicht allein steht, sondern als der Berbindete Frankreichs und Deutschlands erscheint.

Dantit eröffnet sich der Ausblick auf eine höchst befriedi­gende Zukunft. Die freundschaftliche Vereinigung der kon­tinentalen Mächte und ihre ebenso freundschaftliche Verbin­dung mit der jüngsten Großmacht Japan verbürgt die Er­haltung des Friedens in ihrem weiten Bereich und macht auch jede von außen kommende Friedensstörung fast unmög­lich. Die frevelhaften und abenteuerlichen Pläne, die in Delcassés Hirn aufgetaucht waren, einen Seekrieg zu ent­fachen, werden damit völlig zu Phantastereien, und die zivi­lisierten Staaten kommen in die Lage, ihre ganze Kraft den Werken des Friedens und der Kultur, der Förderung der allgemeinen Wohlfahrt zuzuwenden.

Wir geben zu, daß wir mit diesen Vorstellungen den Tat­sochen voraufgeeilt sind, daß diese, Vorstellungen noch etwas traumhaftes haben. Aber diese Traumbilder liegen in der Richtungslinie der Wirklichkeit, und es ist nicht allzu ver­wegen, mit hoffender Seele zu erwarten, daß sie greif­bare Gestalt annehmen werden.

Der Krieg in Oftafien.

Die Heere der Russen und Japaner stehen sich in den auf beiden Seiten befestigten Stellungen südlich von Charbin seit Wochen becbachtend gegenüber. Die selbstverständlichen fleineren Gefechte und Scharmüßel haben bisher keine we­sentlichen Veränderungen an der Front der Armeen herbei­geführt. Wenn man aber die begonnene Regenzeit für den Stillstand der japanischen Offensive verantwortlich gemacht hat, so dürfte das ein Irrtum gewesen sein. Aller Wahr­scheinlichkeit nach hat die japanische Heeresleitung wie in allen früheren Fällen mit äußerster Vorsicht gearbeitet, um einem Mißerfolg vorzubeugen. Dafür sprechen auch die neueren Nachrichten von weiteren Befestigungen in der japa­nischen Front und der Heranschaffung schwerer Geschütze. Die rege Tätigkeit auf beiden Heeresflügeln weist auf be­vorstehende große Unternehmungen hin. Auf den Flanken drängen japanische Abteilungen unablässig vor, so daß die Umzingelung der russischen Armee

immer mehr in den Bereich der Möglichkeit rückt. Ueber Tofio erfährt man, daß die beiden Armeen nur noch 19 Kilo­meter voneinander entfernt stehen. Ernsthaft mit den Rus­fen aneinandergeraten ist der japanische Armeeführer Baron Hasegawa. Man schlägt sich heftig um den Besitz des Tumen­rasses. Aus Wladivostok kommende Depeschen besagen, daß die Japaner mit Ungestüm die russischen Stellungen angrei­fen. Die Russen, heißt es, behaupten das Gelände hartnäckig. Viermal schon wären die Japaner zum Sturmangriff mit gefälltem Bajonett geschritten, aber jedesmal seien sie mit ungeheuren Verlusten zurückgeworfen worden. Die Japane find 30 000 Mann stark.

Die japanischen Treppen in Korca zeigen in letzter Zeit eine vermehrte Tätigkeit. Auch das Bestreben, den Amur mit seinen Neben- Wasserstraßen von der Mündung aus immer weiter ins Innere des Landes hinein zu beherrschen, deutet darauf hin, daß von Osten her der russischen Armee die große Gefahr droht, von Charbin abgeschnitten zu werden. Es bedarf nicht erst der Einnahme ron Wladiwostok, um über Ninguta entlang der Bahn nach Charbin die rückwärtigen Verbindungen, die empfindlichste Stelle jedes großen Heeres, zu treffen.

Die Eroberung von Sachalin

ist eigentlich schon Tatsache. Der Gouverneur von Sachalin telegraphiert nach Petersburg, daß Montag am südlichen Horizont der tartarischen Meerenge bei dem Posten Aleran­drowsk mehrere japanische Schiffe und Torpedoboote in Sicht famen; zwei fuhren nordwärts davon; die anderen gruppier­ten sich in der Nähe des Postens Dosse und gaben vier Schüsse ab, ohne Schaden zu verursachen. Um 11 Uhr wurden im Süden mehrere große Schiffe bemerkt. Eine zweite Depesche des Gouverneurs meldet: zwei japanische Torpedoboote hiel­ten an der Mündung des Flusses Arhoff 12 Werst nördlich von dem Posten Alexandromst, beschossen die Küste und ent­fernten sich dann in südöstlichen Richtung. Verschiedene russische Abteilungen wurden auf dem Lande von den Ja= bonern zurückgetrieben, eine größere Anzahl von Russen flüchtete ins Gebirge.

Zu den Frieder sverhandlungen wird der Umstand in Petersburg besonders kommentiert, daß Witte vor seiner Abreise zur Friedenskonferenz von der Kaiserin- Mutte: empfangen wurde. Eine Folge der Be­strebungen, Witte in das Lager der friegerisch gesinnten Reaktion hineinzuziehen, war dessen Verlangen, ihm be­stimmte Grenzen für den abzuschließenden Friedensvertrag zu geben. Die Abgrenzung erfolgte durch den Zaren selbst in Gegenwart Lamsdorffs, der innerhalb des Ministerkomi­tees der einzige Freund des russischen Bevollmächtigten ist. Eine feineswegs beneidenswerte Situation ist es jedenfalls für den russischen Bevollmächtigten, nach Lage der Dinge einen möglichst günstigen Abschluß der Verhandlungen zu erzielen. Auf jeden Fall werden ihn bei der Rückkunft Ge­hässigkeiten und Vorwürfe empfangen.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Die Verpflichtung zur Invalidenversicherung besteht nicht für diejenigen Personen, die aus einer früheren An­stellung bei Kirchengemeinden, Instituten oder Verbänden der preußischen evangelischen Landeskirche Pensionen be ziehen, die den Mindestbetrag der Invalidenrente erreichen. So hat der Bundesrat neuerdings beschlossen.

* Aus den Aufstandsgebieten in Deutsch- Südwestafrika kommt die Nachricht von einem bedauerlichen Vorfall, der wieder für die immer noch anhaltende Unsicherheit zeugt. Beim Ueberfall einer Proviantfolonne zwischen Kariboem und Gaibes am 17. Juli sind die Reiter Bartholomae aus Flacht, Linz aus Ebenweiler, Mannsperger aus Cleebronn und Wersinger aus Hagenbach gefallen. Ob der Proviant in die Hände der Aufständischen fiel, ist aus der amtlichen Meldung nicht zu ersehen.

* Die Anstellung von amtlichen Vertrauensärzten für die Invaliditäts- Versicherungsanstalten wird gegenwärtig in den Bereich der Möglichkeit gezogen. Versuchsweise haben in der Rheinprovinz bereits die Provinzialverwaltung und die staatliche Untersuchungskommission die Anstellung von zwei derartigen Vertrauensärzten beschlossen. Da zur dauernden Einführung einer solchen Einrichtung die Zustimmung des Parlaments notwendig wäre, wird man wohl zunächst den Erfolg dieser Probe abwarten müssen, da wahrscheinlich manche Einwendungen nicht ausbleiben werden.

* Der Vorsitzende des rheinisch- westfälischen Kohlensyndi­fats erklärte zu der Hibernia- Angelegenheit, das Syndikat sei in der Stellungnahme des Fiskus zu der Hibernia un­beteiligt. Wenn der Fiskus dem Kohlensyndikat beizu­treten wünsche, so hätten die Zechenbesitzer in dem Anerbieten an Minister Möller vom September 1904 den Weg dazu ge­wiesen. Wenn auch damals der Handelsminister das An­erbieten abgelehnt habe, so halte das Kohlensyndikat noch jetzt seine Bereitwilligkeit aufrecht.

* Die polnische Propaganda in den östlichen Provinzen Preußens organisiert lebhaft den neugegründeten pol. nischen Ostmarkenverein. Die Provinz Posen soll nach dem neu aufgestellten Teilungsplan in 46 Starosteien zerlegt werden, und diese Starosteien werden wieder in Kommis­sariate zerfallen. Es wird beabsichtigt, daß für jede Straße ein Kommissar ernannt wird, an den Anmeldungen und Bei­träge geschickt werden können. Auch dem Ausbau einer Or­ganisation in Westpreußen widmen die Polen große Auf­merksamkeit, so daß die deutschen Vereine viel Mühe auf­wenden müssen, um nicht zurückzubleiben.

* Die Frage der Sonntagsruhe ist durch den kürzlichen Beschluß der Stadtbehörden in Frankfurt a. M., absolute Sonntagsruhe im ganzen Handelsgewerbe einzuführen, wie­der in den Vordergrund des Interesses gerückt, zumal auch allgemein gesetzgeberische Verfügungen in dieser Richtung erwartet werden. Aus verschiedenen Bnvölkerungskreisen ist nun die Freigabe des Obstverkaufs an Sonn­und Feiertagen verlangt worden. Die königliche württem­bergische Kreisregierung in Heilbronn und der preußische Regierungspräsident in Oppeln haben diesem Wunsche Rech­nung getragen und entsprechende Verfügungen erlassen.

* Die von der württembergischen Eisenbahnverwaltung dem Beirate der Verkehrsanstalten vorgelegte Denkschrift über die Eisenbahntarifreform stellt für die württembergi­schen Staatsbahnen folgendes finanzielle Ergebnis fest: Die Ersparnis, die sich für das reisende Publikum ergeben wird, berechnet sich bei zugrundelegung des Personenver­fehrs im Jahre 1903 und ohne Berücksichtigung einer Ver­kehrssteigerung auf jährlich 1924 000 Mark und bei Um­wandlung von etwa einem Drittel der zuschlagspflichtigen Schnellzüge in zuschlagsfreie Eilzüge auf jährlich 2 195 000 Mark. Dabei ist allerdings ein großer Abgang von der dritten in die vierte Klasse zu Grunde gelegt.

Balkan- Staaten.

Die Wahlen zur serbishen Skupstina haben ein Ne. sultat ergeben, das eine absolute Regierungsmehrheit sichert. Gewählt wurden 78 selbständige Radikale( Regierungs­pariei), 50 gemäßigte Radikale, 14 Nationalisten und Libe­rale, 4 Fortschrittler, 2 Sozialisten, 1 Bauernparteiler.

** Das Unwesen der bulgarischen Banden setzt die Mc­bölkerung der Grenzdistrikte fortdauernd in Schrecken. Eine Buigarenbande, die sich in Triko gebildet hatte, griff das griechische Torf Lorikovo- Gradesnika an, brannte 64 Häuser nieder, plünderte das Dorf und tötete den Priester nebst sieben angesehenen Grieden. Eine andere bulgarische Bande griff zu derselben Zeit ein kleines Dorf in demselben Distrift, namens Pelalima, an, brannte einige Häuser, nie­der ud tötete mehrere Griechen

Skandinavien.

** Tie Auseinandersegungen über die Lösung der schwe­disch- norwegischen Union soden nach dem Beschlusse der ein. gesezten Untersuchungskommission nicht durch die Regierung, wie der König vorgeschlagen hatte, sondern vom Reichstag geführt werden. Die Kommission stellt die Bewilligung der