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Freitag, den 26. Mai 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Sickener Tageblatt)
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für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Volizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Des Pudels Kern.
Zur deutsch- französischen„ Verbrüderung". Wer für den Frieden spricht, darf allgemeiner Zustimmung sicher sein. Wer gar den ewigen Frieden predigt, hat Es ist eben unmögbon vornherein alle Herzen für sich. lich, den Frieden nicht für ein hohes Gut zu halten. Der Berufssoldat selbst wird im Krieg nur den Zweck sehen, den Frieden wiederherzustellen. Auch wer gern betont, daß der Krieg manche Zugend zeitigt und zu ihrer Uebung häufige Gelegenheit gibt, wird ohne Zögern einräumen, daß der Krieg ein Unglück ist und den Sieger faum weniger schwächt als den Besiegten. Daß ein gesitteter Mensch den Krieg liebt um des Krieges willen, wie man Kunst oder Wissenschaft um ihrer selbst willen lieben mag, ohne jeden Nebengedanken und Nebenzweck, das kommt einfach nicht vor. Man läßt gelten, daß der Krieg auch seine Ehre hat doch dem Frieden schenkt man den Vorzug, und kein Fürst kann höher gepriesen werden als der, den mit Recht der Beiname eines Friedensfürsten schmückt.
Die Prediger des ewigen Friedens hätten gar nicht einmal nötig, den dealismus irgendwie zu verlassen, sich auf das Gebiet praktischer Erwägungen zu begeben, von den Kosten des bewaffneten Friedens zu sprechen, die Erspar nisse aufzuzählen, die die Völker machen könnten, wenn sie teine Kriegsheere und keine Kriegsflotten mehr brauchten. Es wäre sogar weit flüger von ihnen, wenn sie diese Seite der Empfehlung mit Schweigen übergingen. Denn hier wird die Prüfung herausgefordert, ob auch praktisch möglich sei, was die Friedens freunde vorschlagen, ob nicht vielmehr die Berwirklichung ihres Vorschlages die Kriegsgefahr außer ordentlich erhöhen und das Schicksal der Völker dem Zufall anheimgeben würde. Es soll nichts gegen Schiedsgerichte gesagt sein, die etwa vorkommende Streitfälle schlichten. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß fein Staat ein Schiedsgerichtsurteil anerkennen kann, bei dem es sich um sein Lebensinteresse handelt. In solchem Fall dari er auf keines Dritten Urteil hören, muß er sein Leben verteidigen und lieber fämpfend untergehen, als sich ohne Gegenwehr unrühmlich abtum lassen. Die schiedsgerichtlichen Beranstaltungen und Verabredungen mögen noch so gut aus. gebildet werden der beste Friedensschutz bleibt doch die Kriegsfurcht, d. h. die Besorgnis vor dem üblen Ausgang eines nicht unbedingt notwendigen Krieges. Der Staat, der sich wehrhaft hält, so daß niemand mit ihm anzubinden wagt, hat sich um die Erhaltung des Friedens verdient gemacht; während der Staat, der durch seine Wehrlosigkeit eine Versuchung zum Angriff gegen ihn bildet, eine fortgesetzte Friedensgefährdung ist.
Deswegen sind wir aber keineswegs Gegner der Friedensfreunde und der Friedensfreundschaft. Ihre Propaganda ist gut gemeint und kann sehr nüßlich sein, indem sie die Neigung zur Verträglichkeit vertieft und die Leichtfertig. feit im internationalen Verkehr unterdrückt. Sogar ein flein wenig Uebertreibung lassen wir uns ganz gern gefallen. Wir wissen, daß es aus gutem Herzen kommt. Doch so völlig unbesehen dürfen wir die Friedensfreunde und ihre Predigten nicht hinnehmen. Auch unter den Friedenspropheten gibt es falsche Propheten, die unter dem Deckmantel der großen idealen Ziele" ihre Sonderbestrebungen einschmuggeln wollen, die in der Stimmung der allgemeinen Menschenverbrüderung billig und schmerzlos ein Spezialgeschäftchen auf Kosten der gerührten und in ihrer Rühr. seligkeit nicht allzu aufmerksamen Brüder machen möchten.
Ein solcher falscher Friedensprophet ist der Baron d'Estournelles de Constant, der sich jetzt in deutschen Blättern vernehmen läßt, falsch in mehr als einer Beziehung. Er will den Frieden nur insofern, als er für Frankreich den Siegespreis ohne Kriegsgefahr einheimsen möchte. Und er will den europäischen Frieden nur zur gemeinsamen Abwehr der vermeintlichen amerikanischen Gefahr. Ruin und Revolution drohten dem uneinigen Europa von Amerika. Warum, das sagt Baron d'Estournelles de Constant nicht. Wohl aber sagt er, warum nach seiner Ansicht Europa nicht einig werden könne. Frankreich und Deutschland könnten nicht zusammenkommen, weil Elsaß- Lothringen sie trenne. Und nun kommt das alte Lied, des Pudels Kern: Gäbe Deutschland Elsaß- Lothringen an Frankreich zurück, so wäre der Frieden auf ewige Zeiten besiegeit. So sagt Herr d'Estournelles, der nicht bloß französischer Senator, sondern auch ein großer Narre ist, und der uns durch seinen Vorschlag beweist, daß er uns für noch größere Narren hält. Elsaß hat zweihundert Jahre zu Frankreich gehört. Frankreich hatte es durch List, Betrug, Gewalt an sich genommen. Das war beinahe sein gutes Recht, da Deutschland sich das gefallen ließ. Aber diese unwürdige deutsche Gefälligkeit hat Frankreich nicht friedlich gestimmt. Frankreich hat in häufigen Wiederholungen Deutschland mit Krieg überzogen und in einem seltenen Anfall von Bescheidenheit bloß das linke Rheinufer verlangt. Das war vor dem Krieg von 1870/71, das haben die Welteren unter uns ebenso wie d'Estournelles de Constant mit erlebt. Wir haben also die Erfahrung gemacht, daß Frankreichs Friedensliebe bei dem Besitz von Elsaß- Lothringen nicht gewachsen ist. Wir müßten die größten Narren sein, für die Herr d'Estournelles uns zu halten die Freundlichkeit hat, wollten wir Elsaß- Lothrin
gen an Frankreich zurückgeben, um jene Erfahrung zu erneuern. Freilich verspricht Herr d'Estournelles, daß es anders kommen werde. Aber er ist nicht Frankreich. Und wenn er befugt wäre, im Namen Frankreichs zu sprechen und zu versprechen, so würden wir ihm nicht glauben. Es ist vielleicht unhöflich, das zu sagen. Doch der französische Senator, der uns solche Kindlichkeit zumutet, hat uns nicht gerade zur Höflichkeit verpflichtet.
Die Prediger der Friedensliebe, die uns zur Friedens. liebe befehren wollen, während wir doch Friedensliebe schon nor ihnen betätigt haben, und die für ihre gänzlich unange brachten Bekehrungsversuche einen Lohn beanspruchen, die find recht verdächtige Freunde der guten Friedenssache. Die Antwort bleibt den Herren natürlich nicht schuldig, und sie wird je nach dem Temperament des Antwortenden verschieden klingen. Am besten ist es, sich gar nicht zu echauffieren
dazu sind jene Herren zu ungefährlich, sondern die Baron d'Estournelles de Constant und Genossen einfach auszulachen.
Der Krieg in Oftafien.
Wenn man einer Nachricht des Reuterschen Bureaus ante Manila Glauben schenken darf, hatte sich das große Ercignis, auf das die ganze Welt mit gespanntem Interesse wartete, an der Pforte des Stillen Ozeans bereits vollzogen.
Die japanische Flotte geschlagen?
Die bezügliche Meldung, die das Datum des 25. Mai trägt, berichtet in lafonischer Kürze:
Ein unbestätigtes Gerücht besagt, die Flotten seien im Süden von Formosa zusammengestoßen und die Japanes seien geschlagen.
Jeder Kommentar zu dieser Nachricht wäre nerfrüht. Sie fann ebensogut auf Wahrheit beruhen, wie eine bloße Kombination sein, die sich auf der früheren Meldung aufbaut, daß die Flotte Roschdjestwenskys den Baschi- Kanal südlich Formosa passiert und in den Stillen Ozean eingetreten sei. Da es von Anfang an hieß, Togo bewache die Küste von Hermosa, so wäre ein Zusammentreffen dort nicht weiter wunderbar.
Roschdjestwensky und seine Pläne.
Daß eine Seeschlacht bald zu erwarten sei, betonte auch der Verweser des russischen Marineministeriums, Admiral Avellan, gegenüber einem Petersburger Journalisten. Roschdiestwensty verfüge über viele Mittel, die Japaner zur Schlacht zu zwingen Das Unglück von Port Arthur werde sich nicht wiederholen. In seinen Berichten teile Roschdjestwensky mit, er fühle sich besonders infolge eines Nierenleidens ermüdet; duch habe sich sein Befinden seit Antritt der Fahrt nicht verschlimmert. Admiral Foelkersahm sei jedech krank. No: chdjestwensky stehe wie bisher an der Spize des Geschwaders und führe es zuversichtlich seinem Ziele zu. Die Ernennung eines neuen Sommandierenden der Flotte im Stillen Ozean jei zu erwarten gewesen, da Roschdjesttrensky nur Chef seines Geschwaders sei.
Die Politik.
Ueber das Telegramm des Kaisers an den Vorsitzenden des Flottenvereins werden jezt nähere Mitteilungen gemacht, deren Richtigkeit vorläufig nicht nachzuprüfen ist. Nach diesen unkontrollierbaren Angaben soll der Kaiser der Leitung des Vereins seine ernste Mißbilligung über das von ihr verkündete Programm und die Agitation ausgesprochen haben. Er ordne an, daß die Agitation sich fortan in den Bahnen des Regierungsprogramms zu bewegen habe. Jede andere Tätigkeit betrachte er als einen Eingriff in seine Kommandogewalt.- Ob dieser Wortlaut sich als authentisch Wie neuerdings herausstellt, muß abgewartet werden.
verlautet, sind jetzt die Differenzen im deutschen Flottenverein wieder beigelegt. Der Präsident des Vereins, Fürst von Salm- Horstmar, hatte eine Audienz beim Kaiser in Stuttgart, in der die Meinungsverschiedenheiten ausgeglichen worden sind.
Da sich der Reichstag in furzem vertagen wird, hat die Regierung auf die Erledigung des Militärpensionsgesetzes bor der Sommerpause verzichtet. Dagegen rechnet man auf die Verabschiedung der Maß- und Gewichtsordnung und der Börsengesegnovelle.
Ein beim Reichstag eingelaufener Antrag Dr. Arendt befürwortet die Verwerfung des Geseßentwurfs über die kleinen Banknoten und die Erhöhung der Reichskassenscheine bon 120 auf 180 Millionen Mark.
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In Triest haben die Beratungen des ostdeutsch- österreichischen Eisenbahnverbandes begonnen. Verhandlungs. gegenstand sind die Tarifverhältnisse zwischen Preußen. Sachsen, Bayern und Desterreich
Ein Gefeßentwurf zur Regelung der Bergarbeiterberhältnisse ist dem Reichstag durch das Zentrum vorgelegt
worden. In sedis Arnteln wird die Frage ahnlich wie in der Vorlage der preußischen Regierung an das Abgeordneten. haus behandelt. Eine von anderer Seite im Reichstag eingebrachte Resolution will die verbündeten Regierungen ersuchen, alsbald eine Novelle zur Reichsgewerbeordnung einzubringen, um die Kontraktabschlüsse im Bergbau zwischen Arbeitgeber und-nehmer neu zu regeln.
Der Führer der freisinnigen Volkspartei, Eugen Richter, soll vor der Gefahr stehen, das Augenlicht gänzlich zu berlieren. Richter ist im allgemeinen sehr leidend, so daß die Rückkehr des bedeutenden Parlamentariers ins voliti. sche Leben äußerst fraglich ist.
Rufsland.
Eine Judenverfolgung ist am Mittwoch in Warschau ausgebrochen. Viele Häuser wurden demoliert, es ent. wickelten sich Schlägereien und Ueberfälle. Viele Menschen wurden sterbend oder verwundet in die Spitäler gebracht. Militär und Polizei schritten erst spät ein. Die Unruhen dauern fort.
Balkan- Staaten.
Anläßlich der Beendigung des rumänisch- türkissen Konfliktes gab der rumänische Minister des Aeußeren im Parlament Erklärungen ab, nach denen ein Trade des Sultans der rumänischen Bevölkerung folgende Nechte in der Türkei gewährt: Das Recht, Gottesdienste in rumänischer Sprache zu zelebrieren, das Recht der Errichtung rumäni scher Schulen mit eigenen Schulinspektoren und Lehrern, das Recht der Konstituierung von Gemeinden unter eigenen Bürgermeistern und das Recht der Entsendung von Delegier ten in die Verwaltungsräte der Wilajets.
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Hof und Gesellschaft.
Das Befinden der Kaiserin ist ein so günstiges, baß sie bereits eine Ausfahrt hat unternehmen können. Der Unfall, von dem die Kaiserin betroffen war, hat besonders in Wiesbaden allgemeine Teilnahme gefunden. So er chienen vor dem Schlosse eine Anzahl kleiner Mädchen, un der hohen Patientin Blumen zu überreichen und ihr gute Besserung zu wünschen. Der Posten wollte die Kleinen nich ins Schloß einlassen, aber der Kaiser, der die Szene vor einem Fenster aus gesehen hatte, ließ die Mädchen durc einen Adjutanten zu sich holen, teilte ihnen mit, daß sie sich um die Kaiserin keine Sorge machen sollten, ließ die Beglück en mit Kaffee und Kuchen bewirten und ihnen durch einen Rakaien das ganze Schloß zeigen.
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Der Einzug der Braut des Kronprinzen n Berlin findet nach dem jetzt festgestellten Programm am 3. Juni, nachmittags um 5 Uhr, statt. Die Herzogin Cäcilie wird an der Seite der Kaiserin einziehen. An der Spa ierbildung werden die Studenten der Berliner Hochschulen ich nicht beteiligen. An ihrer Stelle werden vor der Univer. ität die Kadetten Aufstellung nehmen. Die Hochzeitsreise vird das junge Baar auf der Jacht„ Hohenzollern" von Kiel mus unternehmen, die der Kaiser zu dem Zwecke zur Ver fügung gestellt hat.
Der neue politische Mord.
( Eig. Bericht.) Petersburg, 24. Mai. Der Gouverneur von Baku, Fürst Nataschidse, ist ermor bet worden. Eine Bombe, die jetzt übliche Waffe der russi schen revolutionären Partei, hat ihn getötet. Es war ganz und gar der paradigmatische politische Mord, genau so boll. bracht, wie gegen den Minister v. Plehwe und gegen den Großfürsten Sergius: während einer Fahrt. Die Bombe tötete den Insassen, d. i. den ebengenannten Gouverneur, und einen zufällig vorübergehnden Kosakenoffizier, und erwundete den Kutscher. Den Mörder hat man nicht er. griffen. Das wird nicht ausdrücklich gemeldet, es kann aber als sicher angenommen werden, da das Gegenteil unfraglic berichtet worden wäre.
Politische Morde kommen überall vor, in Rußland sind fie seit langem an der Tagesordnung. Wer irgendwo in Rußland an der Spitze eines Bezirks steht, dessen Leben darf von vornherein als bedroht gelten.
Und doch hat die Ermordung des Gouverneurs von Baku ein eigenes Gepräge. Es ist vielleicht ein Zufall, aber dann ein sehr bezeichnender Zufall, daß der Ermordung eine öffentliche Verurteilung unmittelbar vorausging. Die Verurtei. lung kam nicht von einer Verschwörergruppe, nicht von über. reizten jungen Leuten, die drohen, ehe sie treffen, die schrecken vollen, ehe sie treffen, sondern von einem ernsthaften Manne, dessen Seele nicht daran dachte, zu ungesetzlichen Gewalt. mitteln zu greifen oder sie auch nur zu empfehlen. Das frühere Stadtoberhaupt von Baku, Nowikow, hat in der Zeitung Samarkand" eine Anklage gegen den Türsten Nataschidse veröffentlicht, aus der der Zorn über widerrechtliches, menschenmörderisches Gebahren schreit, die Empörung über den Mann, der in höchster Beamtenstellung Mezeleien nicht bloß nicht hinderte, wo er es fonnte, sondern sie anstif. tete und ihre Zahl mehrte. Wenige Tage nach Veröffent lichung dieser moralisch vernichtenden Anklage erfolgte die Färberliche Rernichtung durch die Bombs.


