Ausgabe 
25.11.1905 Erstes Blatt
 
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Basertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­been, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonn 15 Pfg. Reklamen die Betitzelle 30 resp. 40 Bfg.

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Samstag den 25. November 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., In's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratiebellagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sießener Zeifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheißen.

Tod und Leben. [ Politische Wochenscha u.]

Der Politiker bedarf nicht der Mahnung des Toten­Sonntags, um der Toten zu gedenken. Allzu häufige Ereig­nisse erinnern ihn an die betrübliche Wahrheit, daß das Leben selbst es ist, das die meisten Totenopfer fordert. Im Süd­westen und im Osten Afrikas heischt der Aufstand Leben um Leben. Zwar die Eingeborenen sinken dahin, aber die Unsern reißen sie mit fort, und so manche hoffnungsfrohe, vielversprechende Menschenblüte mußte vor der Zeit welken, vom mörderischen Fieber oder von Entbehrungskrankheiten roeggerafft. Immer teurer werden uns unsere Kolonien. Das Blut, das um sie vergossen wird, bildet einen festeren Pitt, als je ein reicher Ertrag ihn abgeben könnte. Jetzt ist nicht mehr in Frage, ob sie ihren Preis wert sind, jetzt ge­horen sie unlöslich zu uns. In beiden Gebieten zeigen sich gute Aussichten auf nicht zu ferne Beendigung des Aufstandes. Der Tod en rit Witbois nimmt in Deutsch- Südwest­afrifa der aufständischen Bewegung das Herz. Niederge­brochen war sie seit den Kämpfen am Waterberg ohnehin. Henril Witboi hat das gewußt. Er hat ohne andere Soffnung als die auf den eigenen Tod weitergekämpft. Sein Neffe und Nach er ist ein junger Mann, tapfer und in der Führung nicht kundig. Doch um seiner Jugend willen hat er die Fähigkeit nicht, trotz inneren Ver­zagens zu fämpfen, blos um zu kämpfen. Die Tugend will ein Ziel sehen, das sie für erreichbar hält. Die Hoffnung, die Deutschen zu vertreiben, hegt Witbois Nachfolger nicht. Dazu ist er bei aller Tugend zu flug. So muß er die Soffnung hegen, er werde mit Deutschland seinen Frieden machen fönnen, indem er zum Gehorsam zurückkehrt und für feine fünftige Trente Bürgschaft leistet. Der neue Gouverneur von Deutsch- Süd vestafrifa wird zu prüfen haben, ob die Führer des Aufstands überhaupt Rautelen zu bieten ver­mögen, ob es nicht richtiger ist, die Verfolgung der Auf­ständischen bis zu deren völliger Erschöpfung fortzusetzen, damit sie durch mißverstandene Wilde ich nicht zur Er­neuerung ihres gefährlichen Beginnens verleitet fühler. In Deutsch- Ostafrika haben die Verhältnisse von vornherein günstiger gelegen. Die flimatischen und Terrainschwierig­feiten sind weniger groß, der Balerinangel ist nicht entfernt so drückend, die leberlegenheit unferer Truppen ist nicht in gleichem Maße durch die den Eingeborenen allein vertraute Bodenbe­schaffenheit ausgeglichen. Man kann deshalb darauf rechnen, daß dort der Aufstand nicht ins zweite Jahr währen wird. Wenn der Erbprinz von Hohenlohe- Langenburg demnächst an die Spitze des vom Reichstag zu bewilligenden Kolonialsekretariats tritt, darf er hoffen, doch schon die Morgenröte des Friedens in den Kolonien zu sehen. Ihm wird in seinem neuen Amt ein ungewöhnliches Maß von Vertrauen entgegengebracht. Ehe der Kaiser ihn berief, sollte das Amt dem Direttor Wiegand vom Norddeutschen Lloyd übertragen werden. Herr Wiegand hat geglaubt, in Rücksicht auf seine Familie die ehrenvolle Berufung ablehnen zu sollen, wenngleich er sich natürlich zur Verfügung des Kaisers hielt, falls dieser auf der Berufung bestände. Erbprinz Hohenlohe hat den Vorzug, tein Kolonial- Dilettant zu sein und deshalb keine vorgefaßten Meinungen zu haben. Er hat schon früher gezeigt, daß er es versteht, vom Leben zu lernen; er wird dieselbe Fähigkeit auch auf einem ihn neuen Gebiet bewähren.

Ein beklagens: ocrter Unfall hat uns ein Torpedo­boot und mehr als die Hälfte seiner Besaẞung gekostet. Kein Verschulden liegt vor, das zu sühnen wäre, nur ein elementares Ereignis, auf das man gefaßt sein muß, ohne es borhersehen und abwenden zu können. Leben und Tod sind auf dem Meer vielleicht noch dichter beieinander als auf dem Bande. Die Oberhäupter der befreundeten und benachbarten Staaten haben ihr Beileid nach Berlin vermelden lassen, auch Präsident Loubet von Frankreich und König Eduard von England. Diesem konnte der Ausdruck der Teilnahme schnell zurüdgegeben werden, da einem englischen Schiff ein ähnliches Unheil begegnete. Der Tod der wackeren Seeleute, der Untergang des Bootes sind ein tief betrüblicher Verlust. Doch mit ihm und mit ähnlichen Verlusten hat man schon immer rechnen und bei den Ergänzungsforderungen darauf Rücksicht nehmen müssen. Das Leben verlangt Totenopfer, und die Totenopfer verlangen nach neuem Leben, das in die Lücken einschießt. Die Flottenvorlage, die dem Reichstag zugeht, bringt das in nüchternen Ziffern zum Aus­druck. Im übrigen legt sie sich in ihren Ansprüchen Be­schränkungen auf, die kaum mehr überboten werden können. Weit weniger schüchtern ist die Reichsfinanzvorlage. Sie schlägt Steuern vor, deren Ertrag sich auf 225 bis 250 Millionen Mark berechnet. Die Erträge aus dem neuen Solltarif, der am 1. März 1906 in Kraft tritt, werden auf 50 bis 75 millionen Mark geschätzt. Die Gesamtmehrein­und ein solcher Ertrag ist erforderlich, damit das Reich seine Ausgaben decken, die verderbliche Pumpwirtschaft aufgeben und eine regelrechte Schuldentigung beginnen fönne. In Rußland hat bei dem Ringen zwischen Leben und Tod der Staatsordnung sich allmälig der Sieg auf die Seite des Lebens geneigt. Mehr und mehr nimmt Graf Witte die Zügel der Regierung in feste Hände. Hie und da flackert

mit Lebenslauf, Zeugnahme des Reichs stellt sich danach auf 300 Millionen Mark,

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die Unbotmäßigkeit noch auf, zeigen sich verderbliche Neigun­gen zur Disziplinlongkeit. Aber die besonnenen Elemente alle scharen sich dichter und dichter um den Ministerpräsiden­' ten, dem auch das Vertrauen des Zaren in steigendem Maße ne.t gehört. Eine seltsame Erscheinung ist der Zar selbst. Seitdem er freiwillig die Autokratie entsetzt hat, fühlt er sich frei und glücklich und steht in dem Entschluß, die Reformen durchzuführen, die er verheißen hat.

In Desterreich- Ungarn dauert die alte Wirrnis fort, die mit der Revolution das Verderbliche gemein hat, ohne das versöhnende Element zu besitzen, das in der Kraft­entfaltung und im Wagemut liegt. Die homerischen Helden hielten auch lange eden, aber danach wenigstens schlugen sie mit dem Styrverte drein. Hier wird nur geschwazt, hier gibt es ein ewiges Zungendreschen, und die Wortathleten ge= bärden sich, als wären sie wirkliche Kämpfer. Es ist zum Efeln.

Sultan Abdul Hamid hat das Ultimatum der Mächte abgelehnt und läßt es auf eine Flotteno monstration ankommen. Wen er das tut, so kann er eben nicht anders, so verbietet ihm der Scheichül Islam die weitere Nachgiebig­feit in der mazedonischen Frage. Das Gerücht dagegen, daß Bulgarien auf eigene Rechnung Krieg mit der Türkei an­fangen werde, ist äußerst unwahrscheinlich. Kriegerische Lor­beeren bilden nicht den Ehrgeiz des Fürsten Ferdinand. Er liebt es nicht, vor die Wahl zwischen Leben und Tod gestellt zu sein, wenn seine eigene Person dabei in Betracht kommt.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Eröffnung des Reichstages findet am 28. No­vember um 12 Uhr mittags im Weißen Saale des Berliner Königlichen Schlosses statt. Ob der Kaiser selbst die Er­öffnung vornehmen wird, ist noch unbestimmt.

* Den allgemeinen Teuerungsverhältnissen will der neue Reichsetat durch eine Erhöhung des Wohnungsgeld­zuschusses für die Unterbeamten um die Hälfte Rechnung. tragen.

* Die Verschiebungen im Kolonial- Dienst werden jetzt durch die amtliche Bekanntmachung zu endgiltigen. Der Rück­tritt Dr. Stübels von dem Amte des Kolonialdirektors erfolgt in der Form, daß ihm vom 27. November ab ein Urlaub bis zur anderweitigen Verwendung erteilt wird. Er hat zugleich den Stern zum Roten Adlerorder 2. Klasse erhalten. Die Ablösung Dr. Stübels übernimmt bekanntlich Erbprinz Ernst von Hohenlohe- Langenburg. Der neue Gouverneur von Südwestafrika Herr von Lindequist ist in Lüderizbucht ein­getroffen und hat die Verwaltung des Schutzgebiets über­

nommen.

* Der neue Oberpräsident der Rheinprovinz Freiherr von Schorlemer hat eine Verfügung in Sachen der Fleisch­Teuerung erlassen, derzufolge die Regierungspräsidenten auf Maßnahmen zur Versorgung der ärmeren Bevölkerung mit billigem Fleisch Bedacht nehmen sollen. Es wird besonders auf die Herstellung einer engeren Verbindung zwischen den Viehzüchtern und den Konsumenten verwiesen und empfohlen, daß die Zechenverwaltungen die Fleischversorgung ihrer Ar­beiter übernehmen und ebenso die Stadtverwaltungen für die ärmere Bevölkerung ihrer Kommune und den landwirt­schaftlichen Viehverkaufsgenossenschaften Räume zum Fleisch­verkauf überlassen.

* Die deutschen Ansprüche auf die Hafenarbeiten in Tanger sind nach einer genauen Prüfung als berechtigt auch von Frankreich anerkannt worden. Die Arbeiten haben des­halb ohne einen Einspruch von französischer Seite be­gonnen.

* In Deutsch- Ostafrika besteht seit dem vorigen Jahre die Rupien- Währung. Die Rupie hat ungefähr die Größe eines Zweimartstückes und einen Wert von 1,33 M.; sie zer­fällt in 100 Heller und wird in Stücken von 1, ½ und % Rupie ausgeprägt. Um die Schwierigkeiten, die sich aus dem Verkehr mit Silbermünzen ergeben, einigermaßen zu heben, gibt man jezt Banknoten von 5, 10 und 50 Rupien aus. Sie sind in Kupfer gestochen und bilden Meisterwerke deutschen Gewerbefleißes.

Oefterreich- Ungarn.

** Der Grazer Landtag beschäftigte sich mit dem Wahl­recht in langen erregten Debatten. Schließlich wurde ein Antrag angenommen, der die Einführung des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts verlangt.

England.

Tage stehende fonservative Ministerium Balfour abzulösen. * Die liberale Partei rüstet sich, das am Ende seiner Da verdient eine Rede Beachtung, die der anerkannte Führer der Liberalen, Lord Rosebery, über seine Stellung zu Deutsch­land und Frankreich hielt. Rosebery bestritt, daß er seine Ansicht über das englisch- französische Marokkoabkommen ge= ändert habe. Man hat mich, sagt er, deutschfreundlich genannt. Ich bin ein Freund jedes zivilisierten Landes, und ich achte jede Nation. Wenn ich jedoch besondere Sympathie für irgend ein Volk hätte, so wäre es für Frankreich. Ich verstehe fast

fein Wort Deutsch, und ich habe keine deutschen Freunde, während ich viele Franzosen liebe und lange Zeit in Franks reich zugebracht habe. Zum Schluß äußerte sich Rosebery abfällig über Englands Beteiligung an einem etwaigen konti­nentalen Krieg.

Hof und Gesellschaft.

Der Kaiser gedenkt der König Alfons von Spanien im März seinen Gegenbesuch abzustatten. Einen Monat später wird König Eduard von England in Madrid erwartet.

Nachweben.

Ein Staat, der, wie Rußland, von großen Crschütte­rungen heimgesucht ist, kehrt nicht plötzlich über Nacht in das Stadium der Ruhe zurück. Noch eine ganze Weile zuckt immer wieder das Feuer der Leidenschaft auf, und man kann schon zufrieden sein, wenn es gelingt, den Brand zu lokali­sieren. In diesem Falle darf man auf die Zukunft bauen und auf allmäliche Wiederkehr der Ordnung rechnen.

Unter diesen Gesichtspunkten möchten wir die neuesten Vorgänge im Zarenreiche als vereinzelte Begleiterscheinungen und notwendige Folgen der allmälich abflauenden Erregung auffassen.

Zerstörungs- Wut.

Vielfach macht sich eine Sucht in den Volksmassen geltend, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen und mit Demolierungen und Brandstiftungen vorzugehen. Besonders in Moskau sind derartige Szenen vorgekommen. Es wird von dort darüber gemeldet:

Ausständige Arbeiter haben sich der Zerstörung der Tabaksfabrik von Bostanjoglo schuldig gemacht. Das bekannte große Etablissement wurde nebst mehreren anderen Gebäuden vernichtet.

Auch ein Warenhaus fiel der Volkswut zum Opfer, weil die Besitzer es ablehnten, die Arbeitszeit zu verkürzen. Ferner demolierten Zeitungshändler eine Druckerei, deren Eigentümer den Preis der Zeitungen nicht herab zen wollte. Auch die Dienstboten drohen wieder mit Niederlegung der Arbeit.

Semstwos und Duma.

Trotz aller dieser Vorkommnisse, die sich in ähnlicher Weise in anderen Städten ständig wiederholen, nimmt die geordnete Entwickelung ihren Fortgang. Der Kongreß der Semstwos hat sich für die Unterstellung der Minister unter den Ministerrat erklärt und tritt für das allgemeine und direkte Wahlrecht ein. Dagegen lehnte der Kongreß eine Einberufung einer konstituierenden Versammlung ab nnd will deren konstituiernden Funktionen der ersten Reichsduma bei­gelegt sehen. Auf diese richtet sich mehr und mehr das all­gemeine Interesse.

Sollte wirklich das Gerücht sich bestätigen, daß der Zar beabsichtige, seine Kinder zu seiner Mutter nach Dänemark zu senden, so würde das auch noch nicht der Annahme wider­sprechen, daß die fernere Entwickelung einen geordneten Ver­lauf nimmt.

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Spanische Phantasien.

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Sonderbare Ansichten eines Ausländers. In einem großen Madrider Tageblatt gibt ein in Berlin lebender Spanier als Nachwort zum Besuch König Alfonsos seine höchst furiosen Meinungen über Deutschland und seine Bewohner zum besten. Neben vielen ergözlichen schiefen Dar­stellungen bringt der Abkömmling der alten Maurenfämpfer auch einige Beobachtungen bei, denen man eine gewisse Tatsächlichkeit nicht absprechen kann. Doch hören wir den edlen Spanier selbst. Er schreibt:

,, Der spanische Bergwind, der für furze Zeit über die brandenburgische Ebene dahingegangen war, hat nachgelassen; mir Spanier in Berlin blieben, wie Schiffe der alten Zeit, mitten auf dem Meere bei plöglich eingetretener Windstille. Einige Tage lang waren wir nächst dem Kaiser und dem Fürsten Bülow die wichtigsten Persönlichkeiten in Berlin; wir gingen durch die Friedrichstraße gleichsam mit stolz auf­getafelter und beflaggter Seele, wie eine Brigg unter dem Bassatwind. Aber, ach! wenn alles Menschliche und Irdische flüchtig ist, warum sollen es nicht auch die Könige und die Winde sein! Gestern noch redeten uns die Kellner in den Restaurants in einem eigens importierten Spanisch an; die Zimmerwirtinnen wurden ob der Jugend unseres Königs so gerührt, daß sie uns den Kaffee billiger gaben; der preußische Barbier ließ sich herab, uns nach der in Spanien üblichen Barttracht zu fragen. Es waren schöne Tage eines goldenen Zeitalters, die rasch vorübergerauscht sind und in unserer Seele nichts als Melancholie zurüdgelassen haben. Gestern waren wir tapfere und unglückliche Spanier"; heute haben wir nicht einmal einen Halen, wo wir unsern Hut hinhängen könnten, und die Zimmerwirtin fordert das mehr, was sie uns gestern zu wenig abgenommen hat. Glanz und Nieder­gang, Aufstieg und Fall, ein König, der kommt, und ein König, der geht.