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Nr. 172.
Jnfertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz OberBeffen, bie Kreise Wezlar und Marburg 10 Bfg. sonft 15 Pfg. Reklamen die Betitzelle 30 refp. 40 Bfg.
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Dienstag, den 25. Juli 1905.
Gießener
14. Jahrgang
Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Pfg., tn's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Grattobellagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Kaifer Wilhelm und Zar Nikolaus.
Eine neue Zweifaiser- Zusammenkunft.
-
Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. haben am Montag einander in den finnischen Schären begrüßt. Zar Nikolaus reiste am Sonntag von seinem Sommerſitz Peterhof nach Finnland ab, stieg am folgenden Tag zu Schiff und traf an verabredeter Stelle mit der Kaiserjacht Hohenzollern zusammen. Von Schiff zu Schiff wurde Besuch ab: gestattet. Die beiden Monarchen verweilten in langem vertrautem Gespräch beieinander, das keine Zeugen hatte. Was sie gesprochen, weiß niemand außer ihnen selbst, keiner, der es der Leffentlichkeit mitteilen würde.
Selbstverständlich wird gerade die Unkontrollierbarkeit ein Sporn für die Märchenerzähler sein, in ihren Erfindungen sich keine Rücksichten und keine Schranken aufzuerlegen. Sie sind sicher, daß sie in diesem Falle nicht Lügen gestrafi werden können, außer durch die Tatsachen die aber einen sehr langsamen Gang haben. Sind doch die Märchenerzählungen der Monarchenbegegnung sogar vorausgegangen! Von London und namentlich von Paris aus wußte man ganz genau zu berichten, was Kaiser Wilhelm beabsichtige, was er dem Zaren Nikolaus in verschwiegener Heimlichkeit sagen und raten werde: Kaiser Wilhelm werde dem Zaren empfehlen, mit den Japanern nicht Frieden zu schließen und den Russen keine Verfassung zu geben. Er werde auch ein Bündnis Deutschlands mit Rußland vorschlagen, das Frankreich und Japan einbegreifen, gegen England und Amerika die Spitze richten solle. Das sei eigentlich der Zweck der ganzen Begegnung, die Kaiser Wilhelm gewollt und beinahe erzwungen habe; denn seit der Zusammenkunfi von Riga seien die persönlichen Beziehungen der beiden Monerchen zu einander die herzlichsten und vertrauensbollsten.
Von allen diesen Kombinationen ist nur die Schlußbemerkung zutreffend. Kaiser Wilhelm genießt wirklich seit den Tagen von Riga die vertrauensvolle, herzliche Zuneigung des Zaren. Das übrige ist willkürliche und meisi tendenziöse Zusammenstellung haltloser Vermutungen.
Kaiser Wilhelm hat während seiner Nordlandsreise den König von Dänemark, dann den König von Schweden besucht, es lag nicht die leiseste Veranlassung und kaum die Möglichkeit vor, einem Zusammentreffen mit dem befreundeten Zaren auszuweichen, sobald dieser den Wunsch äußerte, den in der Nähe weilenden Kaiser auf See zu sehen. Zar Nikolaus hat diesen Wunsch geäußert, und dem ist selbstverständlich Folge gegeben worden. Ein von langer Hand vorbereiteter Plan lag nicht vor. Das zeigt sich schon darin, daß von feiner Seite für diplomatisches Geleite Vorsorge getroffen war.
Deswegen ist die Begegnung doch nicht ohne hohe Bedeutung. Sie ist es schon dadurch, daß sie die Irrigkeit der Annahme beweist, der Zar sei ein Gefangener im Peterhof, getraue sich nicht, sein Land zu verlassen, dürfe nicht daran denken, um eines Höflichkeitsaktes willen sich auf ein Schiff zu begeben. Auch kann es nicht wohl in Zweifel gezogen werden, daß Zar Nikolaus die Gelegenheit benutzt haben wird, von Mund zu Mund sich die Ratschläge wiederholen und eingehend begründen zu lassen, die er sich früher schriftlich erbeten und erhalten hatte. Ebenso darf als unfraglich angesehen werden, daß Kaiser Wilhelm, im Gegensatz zu den oben erwähnten tendenziösen Unterstellungen, feineswegs von einem Friedensschluß mit Japan abgeraten hat. Ist doch der Entschluß des Zaren, überhaupt auf Friedensunterhandlungen einzugehen, wesentlich auf das briefliche 8ureden Kaiser Wilhelm's zurückzuführen! Dem gemäß wird Kaiser Wilhelm ganz gewiß auch jetzt dem Baren empfohlen haben, in einen ehrenvollen Frieden zu willigen. Ebenso ist es völlig haltlose Erfindung, wenn behauptet oder auch nur als Vermutung ausgesprochen wird, Kaiser Wilhelm billige und teile die Anschauungen der russischen Reaktion. Hat Har Nikolaus den Kaiser Wilhelm wegen der inneren russischen Wirren befragt, was überaus pahrscheinlich ist, so darf als bestimmt angenommen werden, daß es an eindringlicher Empfehlung an den Zaren, Frieden mit seinem Volk zu suchen, nicht gefehlt hat.
Von Bündnisvorschlägen für die Gegenwart oder Zufunft ist sicher nicht die Rede gewesen. Dazu sind die Verhältnisse nicht angetan. Ein solches Gespräch wäre bei dem bereits erwähnten Mangel an diplomatischer Begleitung auf russischer Seite auch notwendig ohne unmittelbares Ergebnis geblieben.
Syftemwechfef in England?
( Eig. Bericht.)
London, 24. Juli. Das Ministerium Balfour hat im englischen Unterhaus eine Niederlage erlitten. Bei einer an sich sehr gleichgültigen Abstimmung über einen Budgetposten ist es in der Minderheit geblieben. Die Opposition hatte beantragt, von einer Ausgabe, die die Verwaltung Irlands betraf, einen geringfügigen Betrag abzusetzen, und der Antrag wurde
angenommen, weil ein Teil der Regierungsanhangerswat bereits in die Ferien gegangen war. Das ist freilich nur ein Zufall, und ein starkes Ministerium würde keine Schwierigkeit haben, ihn mit seinen Folgen aus der Welt zu schaffen, indem es seine Getreuen heranholte und den oppositionellen Beschluß widerrufen ließ. Das Ministerium Balfour ist aber nicht start; es traut seinen eigenen Anhängern nicht mehr recht, hat sie jedenfalls nicht fest in der Hand und hält seine Tage unter allen Umständen für gezählt. Gleichwohl wird Herr Balfour nicht zurücktreten, denn dazu gehört ein Kampfesfroher Entschluß, und für diesen fehlen ihm die Voraussetzungen. Er wird sich bemühen, eine hinreichende Anzahl Mitglieder der Regierungspartei nach London zurückzuholen, damit der erwähnte Beschluß wiederrufen werden und er zunächst bis zum Herbst fortwursteln" kann, wie der weiland österreichische Ministerpräsident zu sagen pflegte. Nicht von seinen Handlungen, sondern von unvorhersehlichen Zwischenfällen allein erwartet Herr Balfour Hilfe. Die Opposition drängt ihn nicht. Sie weiß, daß aller Wahrscheinlichkeit nach der Vorteil des Zumartens für sie größer sein wird. Ist es doch bisher nur äußerst selten voraekommen, daß eine Volksstimmung, die einmal im Umschlagen begriffen war, ihre Richtung wieder änderte, ehe sie einen Wandel in der Regierung zuwege. gebracht hatte.
Ehe noch dem gegenwärtigen Kabinett das Mißgeschick der eingangs erwähnten Abstimmungsniederlage begegnet mar, hatte Herr Balfour ein Zeichen hoffnungsloser Schwäche gegeben, indem er den Verzicht auf seine Wah I- rechtsreform erklärte. Diese Reform wollte die schreiendsten der noch vorhandenen Wahlrechtsungleichheiten beseitigen. So mancher kleine Wahlkreis verfügt über zwei Mandate, während größere nur einen Vertreter ins Unterhaus zu entsenden haben. In alter Zeit galt es für einen Grundsatz der Tories, an dem Wahlrecht nicht rütteln zu laffen. Nolumus leges Angliae mutari" wir wollen Englands Geseze nicht geändert wissen das war ihr Programm. Erst die Staatsflugheit Lord Beaconsfields, der damals noch Benjamin Disraeli hieß, brachte neuen Geist in die Partei. Dieser Neuschöpfer des englischen Konserpotismus hatte den Mut, nach einem Wahlsieg eine Wahlreform vorzuschlagen, die weit liberaler war als die, wegen deren die Liberalen eben von der Regierung hatten zurücktreten müssen. Herr Balfour wollte das große Beispiel nachahmen; doch im letzten Augenblick verließ ihn das Selbstvertrauen, verzichtete er auf den Ruhm eines Reformators. Man braucht nicht gerade Sehergabe zu besitzer:. um vorauszusagen, daß seine Parteigegner, die seine Nad;- folge in der Regierung übernehmen, mit einem durchgrei fenderen Wahlreformvorschlag ihn überbieten werden. Urd diesmal wird der Plan auch durchgeführt werden.
Auf eine baldige Erledigung der englischen RegierungsTrisis ist nicht zu rechnen. Man darf sich vielleicht darauf einrichten, daß sie im kommenden Spätherbst zum Austrag gebracht wird. Nach der gegenwärtigen Stimmung der Be bölkerung Englands wird ein Systemwechsel eintreten. Das merkwürdigste aber ist, daß in diesem Fall der Systemrease! ein Berharren in der alten Wirtschaftspolitik Englands be deutet.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
* Bei der am 1. Dezember d. I. stattfindenden allgemeinen Volkszählung sollen beantwortet werden Fragen nach Br und Zuname, Verwandtschaft oder sonstige Stellung zum Haushaltungsvorstand, Familienstand, Geschlecht, Geburtstag und Jahr, Hauptberuf und Stellung im Hauptberuf, Religionsbekenntnis, Staatsangehörigkeit, ob im aktiven Dienst des Deutschen Reichs oder der deutschen Marine stehend, und schließlich für reichsangehörige, landsturmpflichtige Männer im Alter von 39 bis zum vollendeten 45. Lebensjahr die Frage, ob militärisch ausgebildet. Außer diesen Fragen steht den einzelnen Regierungen das Recht zu, Zusatzfragen zu stellen. Das statistische preußische Landesamt stellt drei Ergänzungsfragen und zwar nach der Geburtsgemeinde, dem Vorhandensein von Gebrechen und nach der Muttersprache.
* Neuerdings wird als Ort für die Marokkokonferenz San Sebastian in Spanien genannt. Von dort wird gemeldet, daß der spanische Minister des Aeußern Garcia bis Ende des Monats in San Sebastian bleiben werde, um mit den Vertretern der Mächte über die Marokkofrage zu konferieren.
Die seit langem in der Schwebe befindliche Strafprozeßreform für das Deutsche Reich wird den Reichstag in der nächsten Session wahrscheinlich noch nicht beschäftigen, sondern erst im Winter des nächsten Jahres auf die Tagesordnung gestellt werden.
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Aus Deutsch- Südwestafrika ist ein neuer Krankentransport in Hamburg eingetroffen. Der Dampfer„ Hans Woermann" überbrachte 8 Offiziere und 109 Mann an Kranken und Verwundeten. Die Kranken, deren Zustand es erforderlich macht, kommen in das Garnisonlazarett in Altona, die übrigen werden in das Berliner Garnisonlazarett gebracht. Die Genesenen erhalten einen 14tägigen Heimatsurlaub.
*
Nachrichten von einem bedauerlichen Erzeß der Eingeborenen auf den deutschen Südseekolonien hat der Dampfer Willeshed" nach Sidney gebracht. Nördlich von der Junospize in Deutsch- Neuguinea überfielen Papuas die zur Beschützung der Eingeborenen vor einem Inlandstamm unter Stuckhardts Führung abgeschickte Expedition. Der Kapitän Möller und drei Begleiter erhielten Speerwunden. Die Papuas wurden jedoch verjagt und fünf von ihnen getötet.
Mehrere kaufmännische Berufsvertretungen in Württemberg übermittelten dem Eisenbahnminister eine Reihe von Wünschen zur Eisenbahntarisreform. Der Minister antwortete, daß zwar von jeder Seite Opfer gebracht werden müßten, wenn auf den deutschen Bahnen etwas Einheitliches erreicht werden solle; er sei aber gern bereit, für die in Wegfall kommenden Landeskarten die Schaffung eines Ersatzes, der der Vereinheitlichung nicht im Wege stände, zu unterstützen. Die Einführung der 4. Klasse lasse sich kaum umgehen, dagegen solle der Schnellzugszuschlag nur auf ganz bestimmte Schnellzüge Anwendung finden und nicht zu sehr ausgedehnt werden. Im übrigen sei der bis jetzt bekannt gegebene Reformplan nur ein Entwurf, der erst noch gründlich zu beraten sei.
**
frankreich.
* Wie jetzt durch gemeinsamen Beschluß der zuständigen Minister bestimmt ist, tritt ein französisches Geschwader die Besuchsreise nach den Vereinigten Staaten Ende Oktober an.
Belgien.
** Zur Teilnahme an der Unabhängigkeitsfeier ist das deutsche Linienschiff Kaiser Kar! der Große" Sonntag abend in Antwerpen eingetroffen. Während die Musik auf dem Schiff die Brabanconne spielte, lief der Banzer in den Hafen, mit der deutschen Nationalhymne und begeisterten Zurufen empfangen.
Türkei.
** Nach amtlichen Feststellungen beträgt die Zahl der bei dem Bombenattentat Getöteten 24, die der Verwundeten 78. Ueber die Täter liegen noch) feine bestimmten Anhaltspunkte vor. Man nimmt an, daß sie bei der Explosion selbst getötet worden sind. Am Sonntag wurden die Toten und die verstümmelten und unfenntlichen Zeichenreste béerdigt. Ein Schwerverletter hat ausgesagt, daß kurz vor der Explosion ein unbekannter Mann einen Korb auf einen Wagen stellte und sich dann entfernte. Einige Minuten später erfolgte die Explosion. Die Nachforschungen werden in der ganzen Stadt und der Umgebung fortgesetzt und mit größtem Eifer gepflogen. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Es wurden Bulgaren, Armenier sowie Angehörige anderer Nationen, ebenso zahlreiche Mohammedaner in Haft genommen. Im Yildiz tagt ununterbrochen, auch während der Nacht, die Untersuchungskommission. Es werden chemische Analysen verschiedener Explosionsreste vorgenommen. Die militärische sowie die polizeiliche Ueberwachung des Yildiz ist bedeutend verstärkt worden. Im Aufstandsgebiet von Yemen haben die Truppen des Sultans einige bemerkenswerte Erfolge errungen. Die Türfen begannen am 17. Juli den Vormarsch auf Sana bon drei Seiten aus. Ahmed Feisi Bascha vertrieb mit drei albanesischen Bataillonen die Insurgenten aus einer starfen Stell bei Menacha und fügte ihnen schwere Verluste zu. - Von der bulgarischen Grenze werden abermals Unruhen gemeldet. Eine starke bulgarische Bande verwüstete die patriarchistischen Dörfer Valtino und Gredeschnika im Vilajet Monastir und erschlug einen großen Teil der Bevölkerung. Russland.
** Ein blutiger Pöbel- Aufruhr in Nishnij- Nowgorod ist das neueste Ereignis. Die Bewegung richtete sich nicht gegen die Regierung, sondern gegen die höheren Klassen der Bevölkerung. Die Menge drang in die Häuser ein, und die Zahl der Opfer ist eine beträchtliche. In der Stadt herrscht völlige Panik. Man hegt den Verdacht, daß der Gouverneur, der zur altrussischen Partei gehört, den Pöbel" gegen die ihm verhaßten Intellektuellen" gehetzt habe.- Auf der Güterstation der Weichselbahn Peltsowis na wurde eine Bombe geschleudert. Im Kaukasus desertierte eine ganze Kompagnie, die nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollte, mit allen Offizieren auf türkisches Gebiet. An der russischen Grenze werden jetzt die Gepäckstücke der Reisenden peinlich untersucht, weil in letzter Zeit mehrfach Bomben eingeschmuggelt sind.
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Balkan- Staaten.
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In Serbien fanden am Sonntag die Wahlen zur Stupschtina statt. Von 29 Städtemandaten erhielten die selbstärdigen Radikalen acht, die Gemäßigtradikalen vier, die Nationalisten drei, die Sozialisten zwei und die Fortschrittspartei eins. In elf Städten sind nochmalige Wahlen erforderlich. Nach den sonstigen Wahlresultaten erhielten die Sell ständigradikalen 47, die Gemäßigtradifalen 22, die Nationalisten 7, die Sozialisten zwei Mandate.
Amerika.
** In dem Negerstaat Haiti befürchtet man ernste innere Verwickelungen. Der Präsident der Republik. Nord, selbit


