Ausgabe 
25.3.1905 Zweites Blatt
 
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Nr. 72.

Zweites Blatt.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­ken, die Kreise Weglar anb Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg. Reklamen ble Petitjelle 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Hauptegpebttion: teßen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 25. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Grattebeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Semper talis

tamen.

[ Politische Wochenschau.]

Dann möge über das deutsche Volt einst geschrieben rerden, was an den Helmen meines ersten Garderegiments

4. S. a. 5. Gniebt: Semper talis"- stets derselbe". Dann werden ro ir von allen Seiten mit Achtung, teilweise auch mit Liebe, als sichere und zuverlässige Leute betrachtet werden und önnen stehen, die Hand am Schwertknopf, den Schild vor uns auf die Erde gestellt, und sagen: tamen"- ,, komme,

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Woas da wolle."

Das sind die Schlußworte der bedeutsamen Rede, die Baiser Wilhelm in vergangener Woche in Bremen gehalten at, ein Programm und eine Mahnung zugleich, eine Er­innerung und ein Ausblick, eine Vergangenheitserklärung und ine Zukunftsfündung in einem. Daß der Kaiser diese Worte at ummittelbar vor Antritt seiner Mittelmeerreise ge­prochen, auf der er Tanger anzulaufen denkt, zwingt bei­Julius Sabu Na nahe dazu, den Inhalt jener Rede mit dem Reiseziel Marokko In Zusammenhang zu bringen. Als im vorigen Jahr der per u. Pflaste Eifer vom Reich fern war, hatte der Reichskanzler Graf erade Arbeit gein Bülow bei Eröffnung und Einweihung des Herrenhauses den Werner, Pilatuspruch getan: Deutschland in der Welt voran!" Kurz Grünberg Idarauf wurde das französisch- englische Abkommen, Marokko betreffend, bekannt. In diesem Abkommen waren Deutsch­Ilands Handelsinteressen in Marokko, die nicht gering sind, Licht in gebührender Weise berücksichtigt. Man hatte darin ii ber Maroffo verfügt, ohne die Zustimmung Deutschlands

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Linzuholen, und diese Zustimmung hielt man so wenig für

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forderlich, daß man Deutschland von dem Abkommen nicht einmall amtlich Kenntnis gab. Deutschland war ignoriert Borden. Seine Antwort bestand darin, daß es wieder igno­rierte. Es betrachtete den Vertrag, der ohne sein Zutun eschlossen war, als nicht bestehend-- und das genügte, daß sofort auch nicht bestand, als Frankreich des Vertrages Ronsequenzen ziehen, sich in Marokko als den Wortführer Europas aufspielen wollte. Dieser deutsche Erfolg ist um so größer, als er ohne jedes Echauffement errungen wurde. Dlan that sich in keiner Art ereifert, man hat das Abkommen, as ums ignorieren wollte, durch ein bloßes Achselzucken aus Der Welt geschafft. Dabei hat man sich nach keiner Seite

ehrmädchen orfen, an niemand ein unfreundliches Wort gerichtet. Semper talis" hieß es von hier aus; man verharrte in Heur. Lehamn higer, inaggressiver Haltung und der marokkanische Gießen, Geltreinput war vorüber. Nun wurde sogar zuvorkommend er­ärt, daß Deutschland nicht beabsichtige, irgend jemandes Mädchel da reise zu stören: Marokko unabhängig wie zubor, Deutsch­arbeit durchaus erirea fands Handel dort so frei wie jeder andere Handel, im Bießen und Bad Nauhei brigen mag jeder tun, was er fann. Wir stehen friedlich dabei, die Hand am Schwertknopf- ,, tamen!" Haus- u. Rüdenmidd Frau Herr, Sonnent Jüngeres braves

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Breußen hat einen unvorhergesehenen Ministerwechsel ge­bt: Freiherr v. Hammerstein ist plötzlich gestorben, für ihn Dr. v. Bethmann- Hollweg in das Ministerium des Innern ingezogen. Ein redlicher, aufrichtiger Mann ist gegangen, der in seinem Amt so manchem entgegen sein mußte und der doch keinen gekränkt hat. Das ist kein großer staatsmänni­der, aber es ist ein menschlicher Ruhm, den nur erwerben fann, wer reinen Herzens ist. Der neue Minister ist der

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erste unter den Altersgenossen und Jugendfreunden des Kaisers, der in solche Stellung einrückt. Dem Studien­gefährten hat der Kaiser Huld und Wohlwollen immer er­wiesen. Jetzt wird die Freundschaft auf schwere Probe ge­stellt. Denn der Minister muß auch widersprechen können, und das hatte der Jugendgenosse nicht nötig. An dem Kaiser ist es, in solchem Fall das semper talis" zu bewähren; an dem Minister ist es, es auf die Bewährung ankommen zu lassen, in Treue und Ergebenheit, in gewissenhafter Ueber­zeugung zu sagen: ,, tamen!"

In Mazedonien muß die Türkei ein Kriegsheer unter­halten, mitten im Frieden. Denn der bulgarische Nachbar führt tatsächlich Krieg ohne Kriegserklärung, nur mit Jr­regulären, mit Banden, die nicht über die bulgarische Grenze berfolgt werden dürfen und dort sicheren Unterschlupf finden. Wird aber eine Bande aufgegriffen und nach Gebühr be­handelt, so erhebt man von Sofia aus Geschrei über, bul­garian atrocities", über die von Türken an Bulgaren be­gangenen Greuel, und heult damit den Großmächten in die Ohren. Doch diese kennen die Politik Fürst Ferdi­nands, des Abwesenden". Fürst Ferdinand ist immer ab­wesend, wenn in Bulgarien dunkle Dinge gebraut werden. Er fann immer sein Alibi nachweisen. Das ist seit der Er­mordung Stambulows stets die nämliche Geschichte. Darum sieht man den Fürsten nur ungern sein Land verlassen, dessen etwas turbulenten Gewohnheiten er sich in seiner Politik merkwürdig gut angepaßt hat. Semper talis", heißt es von ihm, und er bleibt auch immer der Nämliche. Er aber ist taub gegen Vorhaltungen, von denen er weiß, daß sie nicht allzu ernst gemeint sind. Er hai ganz genaue Kennt­nis davon, daß man es ihm in Petersburg verargt, wenn er Rußlands jezige Verlegenheit benutt, um Zugeständnisse zu erlangen, die das ungefesselte Rußland ihm nicht bewil­ligen würde. Er weiß jedoch ebenso, daß man vielleicht an­derwärts nicht ungern sieht, wenn von Bulgarien aus ein für Rußlands traditionelle Türfenpolitik abträgliches fait accompli geschaffen wird. Nun hält er sich von Bulgarien fern, obwohl seine Rundreise längst beendet ist, und denkt in seinem Herzen: tamen!"

In Rußland herrscht Ratlosigkeit; aus Ratlosigkeit weiß man zu keinem neuen Entschluß zu kommen, aus Ratlosig­feit verharrt man in der Richtung, die zu den jetzigen Wirren geführt hat. Man hat nicht den Mut zu Aerderungen. Der Krieg wird weitergeführt, nicht weil man ihn will, sondern weil er angefangen ist, und weil die Fähigkeit zu einer neuen Entschließung fehlt. Hunderttausende sind geopfert

abermals Hunderttausende werden vorgeschickt. Die Ver­bindung zwischen Regierung und Volk hat aufgehört, ist ge­lähmt, sie funktioniert nicht mehr. Rein mechanisch ver­harrt man in der begonnenen Bewegung. Dieses Verharren ist nicht das Ergebnis eines bewußten Willens, sondern im Gegenteil: der Willenlosigkeit. Dort ist niemand, der in ruhiger Selbstsicherheit von sich und seinem Tun sagen dürfte: ,, semper talis"- höchstens im schlimmen Sinne fönnte Das Wort gebraucht werden. Niemand auch ist dort berech­tigt, in der Ueberzeugung wohlerfüllter Pflicht den kom­menden Dingen mit dem Ausdruck der Zuversicht entgegen­Behen: tamen!"

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Aus dem Gerichtssaal.

Die weitere Verhandlung in der Detmolder Schmäh­brief- Affäre hat wenig Interessantes erbracht. In längeren Ausführungen wird noch einmal das bereits im Vorbericht Gesagte flargelegt, daß nämlich nach einer sehr ergiebigen Periode die anonyme Briefschreiberei plößlich versiegte. Das fällt mit der Verlobung der beiden Angeklagten zeitlich zu­sammen. Plötzlich nach vier Jahren, im Januar 1903, wurde Lemgo wieder mit anonymen Briefen überschwemmt. Diese unterscheiden sich wesentlich von der ersten Serie. Während die ersteren sich im großen und ganzen mit der Liebesaffäre des jetzigen Ehepaares Kracht beschäftigten, sind die letzteren voll von geringschätzenden Bemerkungen über andere Per­sonen. Dann werden noch einmal die Vorgänge bei der Haussuchung geschildert, die zur Verhaftung des Ehepaares Kracht führten. Es wurden im Papierkorb Schnitzel von Löschblättern gefunden, auf denen in der Schrift des Anony­mus das Wort Carol" stand. Die Angeklagte Kracht hat sich verdächtig gemacht, indem sie mit großer Haft den Inhalt des umgestülpten Korbes wieder hineinwvarf. Der Ange­flagte Kracht gibt zu, daß auch ihm die Sache mit den Papier­schnitzeln verdächtig vorgekommen sei. Er sowohl wie seine Frau räumen ein, daß es nach dem Tatbestande wahrschein­lich sei, daß die Briefe in ihrem Hause geschrieben seien. Erft fiel der Verdacht auf Kracht selbst, doch wurde er nach kurzer Haft gegen Kaution wieder entlassen, weil ein Brief in der Handschrift des Anonymus eintraf, der ihn für unschuldig erklärte. Die Behörde schritt nunmehr zur Verhaftung Frau Krachts. Diese behauptet, daß sie seit der Verhaftung ihres Mannes stets in jemandes Gesellschaft gewesen sei, um jeden Verdacht zu entfräften. An den Schivager Krachts fam ein Brief, in dem sich der Anonymus erbot, sich gegen Zahlung von 1000 Mark zu nennen.

§ Von Stufe zu Stufe. Wegen betrügerischen Erwerbs zweier Rennpferde wurde in Berlin der Kausmann Acker­mann zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte die Pferde von einem Händler unter falschen Vorspiegelungen herausgelockt und später verkauft. Adermann ist aus wohi­habender Familie und hat ſindiert. Spiel und Weiber brachten ihn herunter. Er wurde nacheinander Kellner und Schauspieler, schließlich Kaufmann". Als seine Gelder ganz zu Ende waren, versuchic er sein Glück auf Renn­bahnen und griff schließlich zum Beirug.

§ Juckpulver als Foltermittel hatte der dänische Unter­suchungsrichter de Klaumann angewandt, der deshalb zu vier Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Um einen Untersuchungsgefangenen zum Geständnis zu bewegen, ließ er ihn nicht nur wiederholt durch den Aufseher prügeln, son­dern er raubte dem Gefangenen jede Nachtruhe durch An­wendung eines sogenannten Juckpulvers", das man dem Unglücklichen auf sein Nachtlager streute. Die Folge war denn auch ein fingiertes Geständnis, das sich aber bald als erzwungen herausstellte.

§ Die Görlitzer Verhandlungen wegen der Unterschleife in preußischen Eisenbahnwerkstätten haben erdrückendes Ma­terial gegen den Hauptangeklagten Kaufmann Friedeberg ergeben. Die mitangeklagten Bahnbeamten sind im allge=

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