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25.2.1905 Erstes Blatt
 
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8.

Nr. 48.

Erstes Blatt

Jusertionspreid: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­Hessen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Vig. Reklamen bie Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Samstag, den 25. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Verleben oder Verfchulden?

( Die Untersuchung in der Kartätschen- Affäre.)

As am 19. Januar bei dem Fest der Wasserweihe in Petersburg bei Abgabe der Salutschüsse aus der am Börsengebäude aufgestellten Batterie Kugeln in das Winterpalais schlugen, auch in der Nähe des Zaren nieder­fielen, glaubte man vielfach an ein Attentat. Man erinnerte sich, daß schon oft russische Offiziere zu den Nihilisten gehört hatten, und lehnte deshalb die Vermutung eines Versehens ab. Von amtlicher Petersburger Stelle dagegen wurde die mildere Auffassung vertreten. Jetzt kommt aus der russischen Hauptstadt eine Meldung, die zum mindesten die Deutung zuläßt, es wäre bei dem Vorfall vom 19. Januar nicht ganz so harmlos zugegangen. Die Meldung lautet:

Durch Tagesbefehl des Großfürsten Wladimir wer­den der Chef der ersten Batterie der berittenen Garde- Ar­tillerie- Brigade Kapitän Dawydow sowie 4 andere Offi­ziere, darunter Oberstleutnant Polowzow, und 3 Unter­militärs dieser Brigade wegen des bei dem Wasserweihfest abgegebenen Kartätschenschusses dem Militärgericht über­geben."

Durch allzugroße Deutlichkeit zeichnet sich das Telegramm nicht aus. Es läßt die Frage offen, wegen welcher Art von Verschulden die bezeichneten Offiziere und Mannschaften vor das Kriegsgericht gestellt werden sollen, ob wegen eines ver­brecherischen Anschlages oder wegen einer sträflichen Nach­lässigkeit. Gerade in jetziger Zeit, da man zu den schlimmsten Vermutungen neigt, wäre es wohl besser gewesen, den Schleier etwas mehr zu lüften und nicht weiter Verstecken zu spielen.

Die Ausstandsbewegung.

Die gleiche Methode, durch halbe Nachrichten und halbe Verschweigungen eine richtige Vorstellung von den herr­schenden russischen Zuständen zu hindern, wird auch hinsicht­lich der Arbeiterausstände und Straßenunruhen befolgt. In Warschau haben die Maschinisten am Donnerstag den Aus­stand begonnen. Demgemäß sind die Fabriken, die wieder in Tätigkeit getreten waren, aufs neue geschlossen worden. Die Fabrik von Girardow erhöhte ihren Arbeitern den Wochenlohn von 3 Rubel um 30 Kopek, den Wochenlohn von 4,50 Rubel um 22½ Kopet. Danach sollte die Arbeit aufge­nommen werden. Da aber die übrigen großen Fabriken die borher gemachten Zugeständnisse zurückzogen, kam es aber­mals zu allgemeinem Streif. In Jwangorod ist der Streik am Freitag ausgebrochen. In Alexandrowitsch feiern in Fabriken, Mühlen, Werkstätten 5000 von 27 000 Arbeitern. Die Telegraphenstationen von Warschau und der Vorstadt Prag, Macki und Beast- Bitowsk sind beschädigt, die Tele­graphenstationen der Weichselbahnen werden seit Donners­lag Abend militärisch bewacht. Der Postverkehr zwischen Lodz und Warschau wird durch Wagen aufrecht erhalten. In Char­lem haben die Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt. Wieder­mn sind in Lodz die Arbeiter von 6 Fcbrifen zur Arbeit zurückgekehrt, ohne daß ihnen ein Zugeständnis gemacht rorden wäre.

Dieses wirre Durcheinander von Abrüstung und Neu­rüstung in dem wirtschaftlichen Kantpf kann nur insofern der Wahrheit entsprechen, als es zeigt, daß die amtliche Berichterstattung selbst unter dem Eindruck verwirrender Bahrnehmungen steht.

In Baku ist man- immer nach der amtlichen russischen Berichterstattung rührig und in starker Erregung. Bei der Schilderung der Ruhe hält sich der Bericht nicht lange auf, dagegen malt er die Erregung recht ausführlich und läßt sie auch wohl begründet erscheinen: die Läden sind ge­schlossen, die Banken unter militärischem Schutz geöffnet, zahlreiche Personen sind getötet, noch mehr verwundet, ganze Familien ermordet, Hunderte von Einwohnern verlassen die Stadt, die gleichwohl der amtliche Bericht sagt es- ruhig ist. In Batum ist es nur am Tage ruhig, abends kom­men Raubanfälle vor. Die Garnison ist verstärkt, Patrouil­len durchziehen die Straßen. Viele Türken verlassen die Stadt, um in ihre Heimat zurückzukehren; das türkische Konsulat versieht sie mit den erforderlichen Mitteln. Die Werkstätten der russischen Dampfschiffahrtsgesellschaft sind leer. In Adjari, 40 Werst von Batum, haben Unruhen be­gonnen; doch wird tröstend hinzugefügt, daß in anderen Be­zirken die Ruhe noch nicht gestört sei. Von der Menge der Todten in Baku wird nichts gesagt.

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In gleicher unsicherer Weise gestalten sich die Meldungen politische Reformabsichten.

Geheimrat Köbcke, der an der Spike der kommission zur Erleichterung der Preßverhältnisse steht, findet jeden Vorschlag seiner Mitglieder noch zu weitgehend. Die Kom­mission will die Zensur für Volks- und Kinderbücher bei­behalten, will sie im übrigen nur für Bücher von einem ge­wiffen Umfang und für Zeitungen aufheben, die nur noch den Gerichten verantwortlich sein sollen. Geheimrat Roboko stimmt im Prinzip" allem bei; er meint aber, der Wechsel solle nur ,, stufenweise" vor sich gehen. Man kann sich den­ten, was dabei berauskommen wird.

Szur efne amtliche Meldung aus Petersburg lautet be stimmt, und diese enthält ein bloßes Dementi: Es ist nicht wahr, daß einer besonderen Kommission unter dem Vorsitz des Ministers Witte die Ausarbeitung eines Projekts, betref­fend den Semski Sobor, übertragen werden solle. Und selbst hier bleibt noch im Ungewissen: ob die Kommission und ihr Auftrag vielleicht einem anderen Minister unterstellt werden soll.

Der Krieg in Oftafien.

Die Friedensgerüchte haben kläglich Fiasko gemacht. Der russische Botschafter in Washington, Graf Cassini, hat be­stimmte Nachricht von höchsten amtlichen Stellen in Peters­burg, wonach der Krieg mit verstärktem Nachdruck fort­gesetzt werden soll. Man setze im Hinblick auf die Kuro­patkin zugegangenen Verstärkungen große Hoffnungen auf dessen Operationen bei Eröffnung des Frühjahrsfeldzuges. Graf Cassini schreibt die neuen Friedensgerüchte dem Wunsche Japans zu, die Stimmung des Marktes zu Gunsten einer neuen Anleihe zu beeinflussen. Auch die Japaner lassen energisch dementieren, daß sie zum Frieden bereit seien. Deutlicher aber als alle offiziösen Dementis sprechen

Vorbereitungen zur Belagerung Wladiwostoks, die von seiten der japanischen Heeresleitung getroffen wer­den. Aus Tokio wird gemeldet:

Japanische Truppen sind fürzlich an der Mündung des Tumen- Flusses in Nordkorea gelandet, um dieselbe von Minen zu säubern; dies sei nötig, bevor das japanische Heer an die Einschließung von Wladivostok gehen könne. Sonst liegt vom Kriegsschauplatz selbst weiter keine Nach­richt von Wichtigkeit vor. Dagegen erfährt man noch auf dem Wege über Paris folgende interessante Einzelheiten über den

Bericht der Hullkommission.

Der Bericht ist nach der Art der Geschworenen- Verdikte abgefaßt und enthält die einzelnen Fragen sowie die darauf bezüglichen Antworten Ja oder Nein, und die Angaben, ob mit Stimmenmehrheit oder einstimmig. Ferner verlautet, es werde durch den Bericht festgestellt, daß der Vorfall von Hull weder auf den militärischen Ruf noch auf die Gefühle der Menschlichkeit des Admirals Roschdjestwensky oder seiner Untergebenen einen Schatten werfe. Doch werden zwei ge­wichtige Vorbehalte gemacht, nämlich 1) daß der Admiral das Geschützfeuer nicht 10 his 12 Minuten lang hätte fort­setzen sollen, 2) daß er die Pflicht gehabt hätte, sofort nach der Ankunft in den englischen Gewässern die englischen See­behörden von dem Vorfall zu verständigen. Die Höhe und Verteilung der von Rußland zu leistenden Entschädigung wird den Gegenstand direkter Verhandlungen zwischen der russischen und britischen Regierung bilden.

Die Mitglieder der Kommission gaben ihrem Vorsitzen den, dem französischen Admiral Fournier, ein Diner, auf welchem Freiherr von Spaun den Toast auf den Präsiden­ten Loubet ausbrachte.

Die Dolitik.

Die technische Hochschule in Braunschweig hat wieder Frieden. Eine Vermittelungskommission hat mit Geschick ihres Amtes gewaltet, Studentenschaft und Rektorat haben sich freundschaftlich verständigt.

Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben hatte im Preußi­schen Abgeordnetenhause anläßlich einer der vier Polen­debatten einer polnischen Provokation gegenüber gesagt, daß die galizischen Polen den Ruthenen gegenüber auch nicht als die besten Brüder sich zeigten. Deswegen bei den galizischen Polen ungeheuere Erregung natürlich: gespielt- Gr­suchen an den gemeinsamen Minister des Auswärtigen Gra­fen Goluchowski, durch den Botschafter in Berlin Beschwerde zu führen. Da in Desterreich Polnisch Trumpf ist, mußte Graf Goluchowski tun, was ihm befohlen war. Selbstver­ständlich wird Herr v. Rheinbaben die Erklärung abgeben, daß es ihm ferngelegen und er nicht beabsichtigt habe, eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Staates zu versuchen oder einen fremden Bevölkerungsteil zu verlezen. Nun können die Polen wieder abrüsten.

Deutfcher Reichstag.

( 148. Sitzung.)

CB Berlin, 24. Februar. Heute wurde zunächst die 2. Beratung des Poste tats ohne erhebliche Debatte zu End geführt. Eine Diskussion bon allgemeinem Interesse entspann sich nur über die For­derung der Mittel zu außerordentlichen Unterstützungen der Beamten im Osten. Wie schon bei der ersten Lesung, wurde auch jest wieder darüber gestritten, ob diese Beihilfen nicht berschleierte Ostmarkenzulagen seien. Der Staatssekretär Krätke, die Rechte und die Nationalliberalen leugneten es, aber die Opposition blieb bei ihrer Auffassung, und da zu ihr das Zentrum gehörte, hatte sie die Mehrheit, die For­

derung wurde daher, entsprechend dem Beschluß der Budget­tommission, abgelehnt. Der Postetat wurde bis auf eine neben­sächliche Position, über die die Kommission noch einmal be­raten soll, angenommen. Ebenso der Etat der Reichs­druckerei. Es folgte die zweite Beratung des Etats der Reichseisenbahnen, an der sich die reichsländischen Abgeordneten in hervorragendem Maße beteiligten. Der erste war der Nationalliberale Schlumberger, der die Behauptung aufstellte und zu beweisen suchte, daß für Ver­fehrsanlagen in Elsaß- Lothringen zu wenig getan werde. Außerdem hatte er für die Eisenbahnarbeiter einige Wünsche, denen der Zentrumsabgeordnete Erzberger noch einige andere hinzufügte. Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten v. Budde sagte als Chef der Reichseisenbahnen wohlwollende Prüfung der Anregungen zu, warnte aber nachdrücklich davor, schablonenmäßig zu verfahren.

Heer und flotte.

Die

Schnellfenergeschütze in England. Wie der englische Kriegs­minister im Unterhause mitteilte, wird das britische Heer am 31. März d. J. 156 Schnellfeuergeschüße haben. Bis zum Juli sollen weitere 50 hinzukommen. Innerhalb 30 Monate, von der ersten Bestellung an gerechnet, werde England faſt 1000 Geschüße mit vollständiger Ausrüstung haben. Annahme, daß alle anderen Länder im Besitz von Schnell­feuergeschützen seien, wies der Kriegsminister zurück. Die Vereinigten Staaten hätten keine solchen Geschütze, Desterreich habe sich zwar für ein System entschieden, lasse aber noch nicht herstellen; Belgien mache noch Versuche, und Deutsch­land so behauptet der englische Kriegsminister- habe ein Geschütz eingeführt, das fein wirkliches Schnellfeuer­geschütz sei.

Nah und Fern.

Sauerbrunnen für Südwestafrika. Dem Mangel an Tankwasser für unsere Truppen in Südwestafrika will man durch Harzer Sauerbrunnen abhelfen. Die Heeresverwaltung gab nach Goslar den Auftrag einer schleunigen Lieferung von 600 000 Flaschen dieses Getränkes.

+ Schreckliche Stunden auf der Lokomotive. In der Nähe von Kassel wurde die Lokomotive eines Eisenbahnzuges mit­ten in der Fahrt defekt. Die Steuerung und die Bremie ver sagten, und das heiße Wasser begann auszuströmen, so daß die Maschinisten sich hinter die Kohlen im Tender verkriechen mußten und schrecklich verbrüht wurden. Dazu kam die fort­gesezte Angst, daß eine Kessel- Explosion erfolgen könnte. Schließlich gelang es doch, die Maschine zum Stehen zu bringen, wodurch namenloses Unglück verhindert wurde.

* Brand in einer Londoner Automobilfabrik. Ein großer Schaden entstand durch ein Feuer, das in St. Martins Lane in London 13 Gebäude, meist Fabriken und Lager von Auto­mobilen zerstörte. Es sind Werte im Betrage von 200 000 bis 250 000 Mark vernichtet. In den Arielwerfen verbrann­ten allein 30 bis 40 Motorwagen, deren jeder 1000 Pfund foſtet.

Ein riesiger Wolkenbruch überschwemmte die italie­nische Stadt Bari. In einzelnen Straßen stand das Wasser meterhoch. Einige Bersonen sind umgekommen. Eine An­zahl Häuser ist in großer Gefahr.

Deffentliche Versammlung des Bürger­vereins Gießen.

Theater- und Saalbanfrage. Professor Strad tonstatierte den Fortschritt in den hiesigen Theaterverhältnissen und weist auf die beschränkten Räumlichfeiten hin, die den hiesigen Konzerten zur Verfügung stehen. Er erblickt deshalb in dem Saalbau ein dringendes Bedürfnis. Aber nicht der Mufit allein zu Liebe solle er errichtet werden, sondern vielmehr auch Kongressen, Volks­versammlungen und ähnlichen Veranstaltungen dienen, in nicht allzuferner Zeit werde der Bürgerverein sich auch nach größeren Räumlichkeiten umsehen müssen, da er ja die wei­testen Kreise zu seinen öffentlichen Versammlungen heranzu­ziehen gedenke. Die Rentabilität eines solchen Saalbaues sei gesichert, wenn man sich einmal vor Augen führe, daß ein Privatunternehmer sich bereit gefunden habe, den Saal­bau auf eigene Koften hinzustellen. Das spreche mehr wie alles andere für die Rentabilität, denn ein Privatunternehmer wolle und müsse verdienen. Ein Theater aber erfordere unter allen Umständen Zuschüsse und wenn die ganze Bausumme geschenkt werde. Deshalb befürworte er dringend das Saal­bauprojekt. Sollte man sich aber zu einem Theater- ohne Saalbau entschließen, so sei der Saalbauverein, der 20000 t. gesammelt habe, bereit, den Saal hinzustellen. Zu dieser Summe träten aber noch fast 19000 t., die zu Zwecken des Saalbaues gezeichnet seien. Er hoffe aber, daß man sich für das Doppelprojekt Theater- und Saalbau entscheide. Professor Fromme ging auf die Rentabilitätsfrage

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