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Bürgerverein zu Gießen.

Gestern Abend vollzog sich im Neuen Saalbau ein für das kommunale Leben unserer Stadt hochbedeut­samer Aft: Die Gründung des Bürgervereins Gießen. Schon eine ganze Zeit lang ist dies r Gedanke ventiliert worden, eine festere Gestalt nahm er jedoch erst seit einigen Wochen an, wo ein Komitee werbend mit ihm in die breite Deffent ichkeit trat und den Boden bereitete. So hatten denn gestern Abend auf Einlad­ung der mit den Vorarbeiten betrauten Kommission zahlreiche Bürger aus allen Kreisen unseres Gemein­wesens sich zur definitiven Gründung des Vereins im Neuen Saalbau" eingefunden.

Um 9 Uhr eröffnete Lehrer Müller im Auftrage der Kommission die Versammlung u. wünschte den Verhand­lungen einenrecht ruhigen und fachlichen Verlauf Er führte aus, daß die Entstehungsgeschichte im leztem Grunde auf eine Zufälligkeit zurückgehe. Es war zur Zeit der Stadtratwahl- Agitation, als eine Bürgerversammlung im Löwen" eine Kommission niedersetzte, damit sie Kandidaten vorschlüge. Die Wahlen gingen vorüber, aber die Kommission blieb, fie löste fich nicht auf, sondern schloß sich noch fester zusammen. Sie hatte bet ihren Beratungen gefundeu, daß noch so manche andere Frage brenne und ihre befriedigende Lösung nur finden fönne, wenn die ganze Bürgerschaft SD trieb die tätigen Anteil daran nähme.

Kommission unbewußt weiteren Zwecken zu, und als fie sich dann bei Licht besah, da war sie, die sich aus Bürgern aller Stadtteile und Stände zusammensetzte, bereits das getreue Miniaturbild des fünftigen Bürger­vereins. Nachdem dem Gedanken einmal Worte ber­Itehen waren, nahm er schnell greifbarere Gestalt an und trat schließlich in die Oeffentlichkeit. Eine wie große Lücke im kommunalen Leben er ausfülle, zetge die Tatsache, daß bereits 400 Einwohner ihre Mitglied­schaft vollzogen hätten.

Der Redner verwahrte den Verein auf das Ent­schiedenste gegen den etwaigen Vorwurf, daß er aus Mißtrauen gegen die Stadtverwaltung entstanden sei. Nicht Mißtrauen set die Triebfeder, sondern die Er­fenntnis, daß ein so blühendes Gemeinwesen wie Gießen einer in fommunalen Fragen wohlunterrichteten Bürgerschaft bedürfe. Auch den politischen Vereinen würde die Berechtigung nicht abgesprochen, da der Bürgerverein nur Fragen von allgemeinem Inter­esse anschneiden werde.

Der Verein wolle nicht spalten, sondern einen. Nur dem Hause wäre der Beistand gesichert, auf das das einende Wort des Altmeisters Goethe, der an der Stätte, an der der Bürgerverein geboren wurde tm ,, Löwen"-verkehrte zutreffe. Mit einem Anruf an die Versammelten, daß dies ein jeder bedenken möge und stets ein so echt bürgerlicher Getst, wie ihn die zahl­reiche heutige Versammlung zeige, den Verein durch­wehen möge, schloß Lehrer Müller seine mit großen Beifall aufgenommene Rede.

In der fleinen Pause, die jetzt eintrat, wurden Schreiben von dem Reichstagsabgeordneten Kommerzienrat Heyligenstaedt und Landtagsabgeordneten Justizrat Dr. Gutfleisch verlesen, in denen sie ihre Abwesenheit entschuldigen und der Ver­handlungen des Abends einen ersprießlichen Erfolg wünschen. Kommerzienrat Heichelheim erklärte gleichzeitig seinen Beitritt. Ebenfalls wurde bekannt gegeben, daß die Stadträte Kirch und Schmall ihr Fernbleiben entschuldigt hätten.

Sodann trat man in die Beratung der Statuten ein. Kaufmann Horst, der sie vortrug, wies darauf hin, daß die Kommission nach gründlicher Erwägung sich entschlossen habe, sie in der Form, wie sie der Versammlung vorlägen, zu unterbreiten, Vorschläge zu Abänderungen und Ver­besserungen wären willkommen. Ohne erhebliche Abweichungen wurden die Sazungen dann von der Versammlung acceptiert. Eine furze sachliche Debatte entspann sich über den Punkt, ob der Verein in das Vereinsregister eingetragen werden solle. Die Mehrheit sprach sich jedoch dagegen aus, da vor

der Hand fein Grund dazu vorläge und behielt dieses einer späteren Zeit vor. Auch an verschiedenen anderen Stellen sezte die Debatte noch ein, namentlich wie weit der Verein feine Grenzen bei Einladungen von Nichtmitgliedern zu seinen Bersammlungen ziehen solle.

Aus den Statuten erhellt, daß der Berein, der den Namen Bürgerverein zu Gießen führt, fich den Zweck gef bt hat, unter seinen Mitgliedern Interesse und Verständnis für städtische Angelegenheiten zu wecken und zu pflegen und das allgemeine Wohl der Stadt zu heben. Er trachtet dies vornehmlich auf drei Wegen zu erreichen:

a) Durch Vorträge und Besprechungen von solchen Gegenständen, die das allgemeine städtische Interesse in Anspruch nehmen.

b) Durch Vorstellungen und Eingaben bei den zu­ständigen Behörden. c) Durch Wicken in der Presse.

d) Durch Beteiligung an Wahlen, bei denen das

städtische Interesse besonders in Frage kommt. Mitglied fann jeder volljährige Einwohner Gießens werden, der ernstlich an dem Wohle der Stadt mitarbeiten

will.

Nach einer kleinen Panse übernahm Lehrer Müller dann das Präsidium wieder und man schritt zur Vor­standswahl. Hierzu bemerkte er, daß die vorbereitende Kommission ebenfalls in langen und ernsten Beratungen Männer für die einzelnen Aemter ausersehen hat, die seither den Bestrebungen reges Interesse und großen Fleiß gewidmet haben. Die Kommission hat grundsäßlich Stadtverordnete nicht mit in die engere Wahl eingeschlossen; es soll dies tein Mißtrauen diesen Herren gegenüber sein, sondern man

sagte sich, ein Stadtverordneter muß über den Parteien| resp. Vereinen stehen; dagegen gehören diejenigen Männer, welche die Kommission vorzuschlagen sich erlaubte, allen Be­völkerungsschichten und allen Bezirken der Stadt Gießen an. Es find dies:

Schreinermeister Beil sen.( Vertreter des Handwerks und des Bezirks der Grünbergerstraße), Möbelfabrikant Franz Brück( Vertreter des Centrum und der In­dustrie), Dachdeckermeister Carlé( Vertreter von Süden und des Handwerfs), Banfier Grünewald( Ber­treter der Geldwelt), Raufmann Emil Horst( Vertreter von Südwest), Max Jastowsky( Vertreter des Centrum, der Gastwirte und verwandt u Zweige), Pro­furist Karl Hosch( Vertreter der Angestellten und Privatbeamten), Bibliothekar Dr. Koch( Vertreter des Bezirks Effenbergerweg und der Gelehrten), Lehrer Valentin Müller( Vertreter der Lehrerschaft), Cigarren­fabrikant Mueller( Bertrer des Bezirks der Mar­burgerstraße), Meggermeister Ernst Ludwig Sad( Ver­treter von Norden und der Innungen), Bäckermeister Pfeiffer( Vertreter von Nordwest und der Innungen), Uhrmacher Schmidt( Vertreter der Geschäftswelt und des Cntrums), Kaufmann Karl Seibel( Vertreter bon Seltersberg- und Riegelpfad- Bezirf), Georg Simon ( Vertreter der Landwirtschaft), Professor Dr. Sommer ( Vertreter der Universität), Fabrikant L. Troß( Ver­treter des Bezirks über der Lahn) und Heinrich Winn als Vertreter des Baugewerbes.

Die Versammlung stimmte dem Kommissionsvorschlag zu und wählte auf Vorschlag des Professors Dr. Strack die 18 Herren gemeinsam per Afflamation in den Vorstand.

Nachdem der Vorfland seinen Dant für das ihm ent­ge gengebrachte Vertrauen abgestattet hatte, ersuchte Möbel­fabrikant Franz Brück aus seiner Mitte heraus die Ver­sammlung, dem Vorftande einige Fingerzeige zu geben, in welcher Richtung die Betätigung des Bürger- Vereins für die nächste Bufunft gewünscht werde. Gleichzeitig brachte er in Vorschlag, die Theater- und Saalbau- Frage auf die Tagesordnung der Februar- Bersammlung zu setzen. Die Versammlung erklärte sich damit einverstanden und so wird dieser wichtigen, bedeutungsvollen Frage schon im nächsten Monat nähergetreten werden. Da unter Punkt 3 Ver­schiedenes" nichts vorgebracht wurde, schloß der Borsigende Lehrer Müller mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf unsere Stadt Gießen die sehr anregend und fachlich ver­laufene erste General- Versammlung des Bürger- Bereins zu Gießen.

Fassen wir die Eindrücke zusammen, die sie hinter­lassen hat, so fönnen wir erklären, daß der Verein lebens­fähig und ein wichtiges Moment fünftig in unserem Stadt­leben sein wird.

Lokales.

G. H.

25. Januar 1905.

)( Der Kreisausschuß hat die Wahl des Johannes 24. zum Bürgermeister von Leihgestern aufge hoben, da Unregelmäßigkeiten vorgekommen waren. Joh. Heß ist der Sohn des verstorbenen Bürgermeisters Heß und war am 25. November v. Js. mit großer Majorität gewählt worden.

= Eine Petition in Sachen der Gießener Viehm arkisperre an das Großh. Heff. Ministerium ist, wie im Inseratenteil der heutigen Nummer näher zu ersehen, in Borbereitung. Man wird sich noch erinnern fönnen, daß vor einigen Wochen, als eine förmliche Er­bitterung unter den interessierten Geschäftsleuten wegen der Sperre sich bemerkbar machte, ein Komitee zusammentrat, bestehend aus dem Stadtverordneten Kirch und je 2 Herren vom Ortsgewerbeverein, Detaillistenverein, Gastwirteberein, Bäckerinnung, Verkehrsverein und der Stallbefizervereinigung, welches sich der Sache mit Fleiß annahm und nach den verschiedenen Verhandlungen jezt an die gesamte Bürgerschaft wendet mit der Bitte, die Petition recht zahlreich zu unter­zeichnen.

Das Ministerium haite vor einiger Zeit einer Deputation gegenüber die teilweise Aufhebung resp. eine

haftete hat bereits mehrere Einbrüche, die er in Gemein­schaft mit Hudde beging, eingestanden. Er ist ebenfalls ein schwerer Junge", da er von verschiedenen Orten aus wegen Diebstahls, Einbruch und Raub verfolgt wird. Dille gibt zu, im November, Dezember und Januar oft mit Delar Hudde in Brüssel und Lüttich zusammengewesen zu sein. In Lüttich verübten sie noch mit einem dritten Ge­nossen, Names Fraancois Fuller, mehrere Einbrüche und beraubten einen Betrunkenen. Hierbei fiel ihnen ein größerer Geldbetrag, goldene Uhr und sonstige Wertgegen­stände in die Hände. Die Beute wurde geteilt. Hudde wohnte zumeist in deutschen Herbergen, war stets gut ge­fleidet und im Besitze von mehreren hundert Mt. Bargeld. Hudde äußerte verschiedentlich, daß der deutsche Boden ihm unter den Füßen brenne, überschritt aber nichtsdestoweniger einige Male die Grenze, um bald wieder in Belgien zu erscheinen. Nach den weiteren Aussagen Dilles, hatte Hudde bereits seine Erfahrungen bei Einbrüchen gesammelt und zu einem völligen System zusammengestellt. Er führte aus, die Pfarrer hätten einen verdammt leichten Schlaf. Bei einem Einbruch müsse mann stets bewaffnet sein, in den

meisten Fällen feien zwar die Betreffenen schon aus Angst ruhig. Bei den Frauen genüge fast immer ein Griff an die Gurgel, dagegen sei es bei Männern empfehlenswert, sofort unzweideutig auf den Revolver hinzuweisen.

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n. Berreift" ohne Angabe wohin ist seit letzten Samstag der Kasernenwärter der alten Zeughausfaserne zu Gießen. Verschiedene Geschäftsleute und Freunde warten mit Schmerzen auf seine Rückkehr.

tt Stadttheater Gießen. Es dürfte allgemeines Interesse erregen, daß Theodor Birk vaterländisches Schau­spiel Anna von Hessen am nächsten Sonntag, den 29 Jan., an unserer Bühne herausfommen wird. In der Festwoche, in der die Vern ählung unseres Großherzogs stattfindet, darf diese Premiere aktuelles Interesse beanspruchen und wird auf einen gewissermaßen festlichen Charakter tragen. Für die Titelrolle ist Fräulein Rottmann vom Frankfurter Stadt­theater gewonnen worden.

r Mücke. Dim Toftmeister Philippi hier wurde der Kronen Order 4. Klasse verliehen. Dem Vater des früheren Dr. Werner in Grünberg der Rote- Adler­

Drden mit Eichen Laub.

* Gelnhausen, 23. Jan. Die Stadtverordnetenver­sammlung bewilligte den Betrag von Mt. 170 000 für Ausführung der Kanalisation. Außerdem genehmigte die Stadtverordnetenversammlung die Einführung einer Mobiliarumsatzsteuer von 1/2 Prozent.

** Lich, 24. Januar. Der Grotherzog traf heute auf zwei Tage zum Besuch seiner Breut hier ein. Donner& tag wird es sich nach Berlin begeben, um einer Einladung des Raisers, an dessen Geburtstagsfeierlichkeiten teilzunet men zu folgen.

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) Ettingshausen, 24. Jan. Nachdem nun die Stadt Grünberg 40 000 t. Obligationen für den Bahnbau Lich Ettingshausen Grünberg übernommen hat, gilt der Bahnbau als gesichert. Grünberg sollte eigentlich wie Lc85 000 Mt. übernehmen. Die ist noch übrigen 45 000 Mt. müssen auf die anderer Orte verteilt werden. Mit dieser Berteilung beschäftigte sich vorige oche in Grünberg eine Versammlung der Bürgermeister der beteiligten Gemeinden. Du dborn, Ettirgshausen und Nieder- Bessingen sollen noch je 10 000 Mt., Lich noch 15 000 Wit. Obligationen

zeichnen.

* Darmstadt, 24. Januar. Montag Abend hielten etwa 300 russische Studenten der hiesigen technischen Hochschule eine Versammlung ab, in der sie zu den Ereignissen in Petersburg Stellung nahmen

Deueste Nachrichten.

Petersburg 24. Januar. Heute Nacht wurden der Professor Karejeff, die Echriftsteller Peschechonoff und Aimenely, sowie die Stadtverordneten Rechtsanwälte Kedrin und Schmitnikoff verhaftet.

pener lambwiss& aftlicher Wetterdiens Boreussichtliche Wuterung in Hessen für Donnerstag, den 25. Januar. Zeitweise etwas aufklärend, im allgemeinen

Milderung dieser Sperre in Aussicht gestellt; hoffentlich trocken, ein wenig fälter. wird nach Eingabe der Petition an maßgebender Stelle den berechtigten Wünschen unserer Bevölkerung bald entsprochen

werden.

e Theater und Saalbau- Projekt zu Gießen. der Wie uns gestern bereits mitgeteilt, wurde in Sizung des Komitees am Montag' Mitteilung über die bis jetzt eingegangen Beichnungen gemacht und dabei das erfreuliche Resultat Tonstatiert, daß für das bei Ablehnung ganze Projekt Mr. 287 700 und dasselbe durch die Stadtverordneten für das Theoter

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Mt. 282 850 und für den Saalbau Mt. 39 250 bis jet zur Verfügung stehen. Besonders bemerkt wird die starke Beteiligung der Universität. Es wäre nun zu wünschen, daß auch die breite Bürgerschaft mit ihren Zeichnungen nicht länger zurüchielte.

( Näheres durch die Gießener Wetterforte.)

Verantwortlich: für die Politik und den Inseratentel:: Albin klein, är den übrigen Inhalt: Georg Horn, beide zu Gießen.

Arbenenad, weis der Eiadi Gießen. Gartenstraße Nr 2( Bürgermeisterei­

gebäude) Zimmer Nr. 14.

Es fönnen eingestellt werden:

1 landwirtschaftlicher Knecht, 1 Viehfütterer( auswärts) 1 Waschinenschlosser, 2 dreiner, 1 Holzdreher, 1 Herr­schaftstutscher( auswärts), 1 jüngerer Pferdewärter ( auswärts), 15 Dienstmädchen( hier und auswärts), 1 Lauffrau.

Es suchen Arbeit:

1 landw. Knecht, 1 pengler, 1 Schlosser, 1 Installateur, 2 Schreiner, 2 Wasch- und Putzfrauen, 1 Kutscher, 1

Untersuchung einen guten Schritt vorwärts tun können. Kellner, auch Portier oder Diener, 1 Hausmädchen,

n In der Heldenberger Mordaffaire hat die Die goldene Uhr des ermordeten Pfarrer Thoebes wurde, wie uns auf Befragen die Staatsan­waltschaft Gießen mitteilt, in Köln in einem dortigen Pfandhaus ermittelt; dieselbe soll veräußert worden sein zu einer Zeit, da hadde sich in Köln oder dessen umgegend aufgehalten haben soll. Die ganze Untersuchung hat übrigens so schwerwiegende Beweise an der Schuld Suddes erbracht, daß man schon jetzt behauptet, der Ber­haftete steht toß seines Leugens mit dem Heldenberger Word in Zusammenhang

* Noch ein Genosse Huddes. In der Nacht zum Dienstag ist abermals ein Komplize Huddes verhaftet, und zwar der Kellner Dille aus Brüssel. Der Ver­

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