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Jesertionspreis: Die einspaltige Besitzelle für ganz Oberbeffen, die Kreife Wezlar unb Marburg 10 Pfg. sonst 15 Mfg. Reklamen ble Betitzeile 30 resp. 40 Bfg.
Rebaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selter& weg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.
Mittwoch, den 25. Januar 1905.
Gießener
14. Jahrgang
Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in'e Saus gebracht 60 Pfg., burch die Bost bezogen viertel jährl. Wt. 1.50. Grattabellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Die Bergarbeiter- Interpellation. ( Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.) Der Verlauf der Interpellation über den Grubenarbeiterausstand im Ruhrgebiet ist als Kennzeichen für die soziale Entwickelung Deutschlands wohl die interessanteste Erscheinung der lekten 10 Jahre. Zum erstenmal war ein sozialdemokratischer Redner gezwungen, in der Begründung eines gesetzgeberischen Aktes der eigenen Fraktion die Parteianschauung zurückstellen, um auf dem Boden einer sachlichen und politisch vorurteilslosen Aussprache eine Verständigung mit dem bürgerlichen Element zu erzielen. Der Erfolg feines gemäßigten Auftretens hat vollauf bestätigt, daß bei den bürgerlichen Parteien eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen die Interessen und Wünsche der Arbeiter nicht besteht und daß nur das starke Vordrängen der politischen Weltanschauung der Sozialdemokratie vielfach die Schranke ist, welche die Arbeiter von den übrigen Staatsbürgern scheidet. Der Erfolg der Interpellation für die Arbeiterschaft war ein unerwartet großer. Wenn Persönlichkeiten, wie Kardorff, der Parteigenosse und schwärmerische Verehrer 1000 des verstorbenen Freiherrn von Slumm, der Hofprediger 2000 D. Stöcker und der Freiherr Hehl zu Herrnsheim für die sachliche Berechtigung der Arbeiterforderung eintraten 2000 m und zugleich die Notwendigkeit eines konstitutionellen Verhältnisses zwischen Unternehmer und Arbeiter anerkannten und somit unsere Sozialpolitik auf die neue Bahn einer ständischen Vertretung der Arbeiterschicht vicsen, so ist dies ein praktisches Ergebnis, auf das man vor Monaten noch kaum rechnen konnte. Die Bedeutung dieser Lekenntnisse wird um so größer sein, als, wie mir an maßgebender Stelle eröffnet wurde, gerade die jetzige kritische Zeit eine Entscheidung über die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine bringen
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Zu der sozialdemokratischen Interpellation hätte eigentlich als zuständiger Ressortchef der Staatssekretär Graf Posadowsky das Wort ergreifen müssen, der eine sehr fortgeschrittene sozialpolitische Anschauung vertritt. Obgleich er in der Situng anwesend war, so hat er doch, um nicht mit einem zustimmenden Wort vorzeitig die Regierung zu binden, bollständiges Schweigen bewahrt. Es ist aber ein Frrtum, hirraus auf eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit zwischen dem Reichskanzler und seinem Stellvertreter zu schließen. Das Schweigen des Staatssekretärs gebot sich
Seichelheim in mis diplomatischen und nicht aus prinzipiellen Gründen.
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Durch die Aeußerung maßgebender Parlamentarier aber ist schon jetzt die Situation geflärt und der Boden für die im Laufe der nächsten Session zu erwartende Vorlage vollständig geebnet. Dem bürgerlichen Element hat der gegen. wärtige Grubenarbeiterstreif deutlich vor Augen geführt, daß die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterschaft den politischen Einfluß der Sozialdemokratie so sehr in den Hintergrund treten läßt, daß selbst der Interpellant in der Begründung seiner Auskunftsforderung aus dem Rahmen feiner Fraktion heraustreten mußte. Vor den Arbeitern aber ist der Beweis geführt, daß eine Verständigung mit dem Bürgertum über die Arbeiterinteressen dann am aussichtsZordnete Sperr bollsten ist, wenn die politischen Meinungsgegensätze in den
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Sintergrund treten. Dieser Eindruck der Verhandlung wird auf das Publikum nachhaltig einwirken
Der Hufftand in Petersburg
wird von der Regierung mit eiserner Hand niedergehalten. Die Stadt gleicht einem großen Militärlager und allmählich Eehrt die Ruhe zurück. Die Opfer der Katastrophe find in gewaltigen Leichenzügen nach dem außerstädtischen Friedhofe gebracht worden. Trotzdem herrscht immer noch unter der Bevölkerung große Aufregung. Man fürchtet, daß der glimmende Funke jeden Augenblick wieder zu lodernder Lohe emporschlagen kann. Der Flammenhauch der blutigen Tage bon Petersburg hat nämlich schon weithin im ganzen Reiche neue Brandherde der Revolution entfacht.
Ein sehr bedenkliches Symptom ist es, daß die bereits gemeldete Feuersbrunst im Marinearsenal zu Sewastopol fich als Folge eines
Aufruhrs unter den Matrosen der Schwarzmeerflotte herausstellt, die das ganze Depot vernichtet haben. Aus London wird dazu gemeldet:
Die Matrosen beklagten sich, daß sie von ihren Offisieren systematisch um Sold und Essen betrogen würden. Sie mußten täglich zwölf bis sechzehn Stunden ohne Extrafold arbeiten. Als Extra- Abteilungen nach Ostasien geschickt wurden, durften sie ihren Frauen und Kindern nicht einmal Lebewohl sagen. Infolge unliebsamer Maßnahmen des Kommandos kam es zum offenen Aufstande. 8000 Matrosen stürmten unter den Rufen:„ Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Autokratie!" ins Arsenal und mishandelten nabeliebte Offiziere mit Eisenstangen. Militär, das gegen die Menterer aufgeboten
wurde, verweigerte den Gehorsam. Die Meuterer konnten ungehindert das Arsenal in Brand sehen.
Auch in Russisch- Polen gährt es bedenklich. In Radom fam es zu wiederholten blutigen Zusammenstößen. Auch in Moskau ist der Generalstreit erflärt, ebenso in Lodz und verschiedenen anderen Städten. Nachstehend die weiteren vorliegenden Nachrichten.
Die Regierungstreue der Truppen scheint sich intakt zu erhalten, trotz aller anfänglich vorgebrachten Zweifel. Neue Nahrung wurden diesen durch die Mitteilung zugeführt, daß der Kommandant Davidow und der älteste Offizier Kargow der Gardebatterie, die während der Wasserweihe den scharsen Schuß gegen das Winterpalais abgaben, verhaftet wurden. Man glaubt daraus auf eine böse Absicht schließen zu müssen. Es würde aber auch kein Wunder sein, daß diese beiden Offiziere verhaftet wurden, wenn nur grobe Fahrlässigkeit vorläge. Daß revolutionäre Propaganda seit langem in der Armee Eingang gefunden hat, ist ja bekannt. Wohl mancher Petersburger Gardeoffizier hat an anarchistischen Verschwörungen teilgenommen und sein Leben unter den Flintenkugeln eines Belotons im Hofe der Festung Schlüsselburg verbluten müssen oder schmachtet in Sibiriens Eiseskerkern. Auch ist es wohl möglich, daß von einzelnen Soldaten, wie behauptet wird, während des Aufstandes, auf die Fenster des Winterpalais statt auf das Volk geschossen worden ist. Das ändert nichts an der Tatsache, daß die Haltung des Militärs als großes Ganze unbedingt regierungstren ist. Erzählungen wie die folgende, sind in das Reich der Fabeln zu verweisen. In einer Arbeiter= versammlung so beißt es erschienen zwei Leute, die unter dem Mantel Militäruniform trugen. Sie richteten an die Versammlung die Frage, ob die Arbeiter wirklich entschlossen seien, dem Tode zu troßen und zum Winterpalaste zu ziehen. Als diese Frage bejaht wurde, fragte der militärische Redner, ob sie wünschten, daß die Scldaten sich weigern sollten, zu feuern. Lante Rufe der Zustimmung erschollen. ,, Dann, Brüder," begann der Redner wieder,„ werden sie nicht schießen. Sie beraten gegenwärtig untereinander.„ Sie werden euer Plut nicht vergießen und wenn der Befehl zum Feuern gegeben wird, werden sie den Gehorsam verweigern." Das furchtbare Blutbad, das die Kugeln des Militärs unter den wehrlosen Massen anrichteten, hat gezeigt, daß derartige Erzählungen wohl nur den Zweck hatten, den Arbeitern Mut zu machen. Einen realen Hintergrund in den Gesinnungen der Armee besitzen sie nicht.
Befürchtungen für den Zaren.
Immer weiter dehnt sich der Ausstand der Fabrikarbeiter aus, und immer größer wachsen dadurch die Scharen der zum Aufstand bereiten Volkskreise. Der Umgebung des Zaren konnte es nicht verborgen bleiben, daß die Sicherheit des Herrschers in der Hauptstadt schwer bedroht sei, und es gelang, ihn zu veranlassen, daß er nach Zarskoje- Selo sich begab. War auch für die Absperrung des Winterpalais gesorgt, so durfte es doch nicht als ausgeschlossen erscheinen, daß in den Tumulten es einzelnen Demonstranten gelingen könne, durch den Kordon des Militärs zu schleichen. Es ist wirklich die Rede davon, daß ein Trupp während der Zusammenstöße an eine kleine Tür des Schlosses und durch diese in das Palais gelangt sei. Auf der inneren Treppe seien sie dann auf Wachen gestoßen, aufgehalten und festgenommen. Wie weiter erzählt wird, wäre dann eine peinliche Durchsuchung des Palais in allen seinen Teilen vorgenommen, um zu sehen, ob am Ende irgendwo Bomben gelegt worden wären.
In Zarskoje- Selo befindet sich der Zar unter dem Schutze solcher Regimenter, die man für unbedingt sicher hält. Alle Zugänge der kaiserlichen Residenz sind von Truppen besetzt. Ein Kavallerie- Regiment ist jeden Augenblick zum Aufsitzen fertig, für den Fall, daß aufständische Trupps sich dem Aufenthalte des Zaren nahen sollten. Außerdem aber steht ein geheizter Eisenbahnzug bereit, um den Zaren mit seiner Familie und Umgebung aus der bedrohlichen Nähe der Hauptstadt hinwegzuführen, wenn es sich vernotwendigen sollte.
Als ein bemerkenswertes Zeichen für die Stimmung, von der die Menge jezt beseelt wird, ist die mehrfach verbürgte Tatsache zu betrachten, daß die Wut sich gegen das Bildnis des Zaren zu kehren beginnt. Während es noch im Zuge am Sonntag als Heiligtum getragen wurde, ist es jetzt überall den schlimmsten Insulten und der Vernichtung ausgesetzt. Im Gegensatz dazu wird das Bild der Kaiserin stets geschont und respektiert. Ganz unpopulär sind dagegen nach wie vor die Großfürsten. Keiner derselben fann es wagen, sich auf der Straße zu zeigen, und ihre Paläste müssen vom Militär gegen die Wut des Volkes geschützt werden.
Der Hauptherd des Aufstandes
In den Meldungen aus der russischen Hauptstadt kehrt immer der Stadtteil Wassili- Ostrow wieder. Dort ist der eigentliche Sitz der ganzen Bewegung. Von dort empfingen die Demonstranten, die den Versuch machten, vor das Kaiserschloß zu ziehen, ihren größten Zuzug. Dorthin kehrte die Menge zurück, als sie ihren Plan gescheitert sah. In Wassili. Ostrow wurden die ersten Barrikaden errichtet, die von den Kanonen der Garde- Artillerie zusammengeschossen werden mußten.
Wassili- Ostrom ist eine Insel in der Newa. Eine Anzahl Brücken führen über den Fluß zu dem Quai vor dem Winterpalais. Auf der Insel liegt die Börse, von wo aus der Kartätschenschuß am Fest der Wasserweihe auf das Winterpalais abgefeuert wurde. In dem Stadtteil Wassili- Ostrow wohnen zumeist Studenten der Universität und der Bergakademie und Kunstakademiker. An diese Gegend schließt sich ein weites Viertel, das von Fabrikarbeitern dicht bevölkert ist, da hier vornehmlich die Industrie ihre Stätte hat. Quer durch die Insel ziehen sich die Straßen. Sie werden„ Linien" genannt, sie tragen keine Namen, sondern sind von der Börse ab numeriert. Die Linien mit gerader Nummer liegen links, die mit ungerader rechts Stadtteil bom großen Prospekt, der den ganzen durchzieht. Die vierte und die fünfte Linie, in denen die ersten Barrikaden errichtet wurden, befinden sich in der Nähe der Akademie der bildenden Künste. Sie liegen noch nicht in der eigentlichen Fabrikstadt, sondern bilden den Uebergang zu ihr.
Was im Süden die Putilow- Fabriken, das bedeutet im Norden die Wassili- Insel. Zwischen beiden liegt die Zarenresidenz, das Winterpalais. Dort trafen die Arbeiter aller Richtungen zusammen, oder sie wollten dorthin, als sie von den Soldaten zurückgehalten wurden.
Bedrohliche Anzeichen.
Ruhestörungen und Ausschreitungen wiederholen sich fortgesetzt. Während die gemäßigteren Elemente unter den Arbeitern jedes Vergehen gegen das Eigentum perhorreszieren und vor Plünderungen warnen, haben sich doch schon Elemente hervorgewagt, die es auf die Läden und Warenniederlagen abgesehen haben. Ein förmlicher Kampf ent spann sich um den Kaufhof, den Gostinnyi Dwor, jenes große am Newski- Prospekt belegene Etablissement der Kaufmannschaft, in dessen Höfen und Gebäuden eine riesige Anzahl von Geschäften, Läden und Warenlagern vereinigt sind. Ein Volkshaufe stürmte in den Kaufhof und begann zu plündern und zu rauben, bis Kosaken und Infanterie anrückten und rücksichtslos auf die Menge einhieben und so die Gebäude säuberten.
Es kann nicht Wunder nehmen, daß derartige Vorkommnisse der Verbreitung von unheimlichen Gerüchten Vorschub leisten. So ist die Rede von geheimen Werkstätten, in denen Bomben und andere Wurfgeschosse mit den furchtbaren Sprengstoffen der Neuzeit, mit Lyddit und Melinit, hergestellt werden. Zur Beruhigung wird hinzugefügt, daß die Polizei durch Verrat in den Besitz einer ganzen Liste von geheimen Werkstätten gelangt sei. Dagegen wird wieder geltend gemacht, daß in einer größeren Anzahl Fabriken ganze Mengen von Explosivkörpern den Arbeitern in die Hände gefallen seien.
Die Polizeibehörden sind am Werke, um gegen unliebfame Zwischenfälle Maßregeln zu treffen. Vor allem hat man das Augenmerk auf die Möglichkeit von Brandstiftungen gerichtet. Die Hauswirte und Dworniks haben Verhaltungsbefehle erhalten. In den Fabriken ist die fortwährende Anwesenheit der Hausfeuerwehren angeordnet, und die großen Baumwoll- Magazine sind unter besondere Bewachung gestellt.
Allein trotz dieser Maßnahmen läßt das Gefühl der Unsicherheit und die Besorgnis, daß jeden Augenblick etwas Furchtbares sich ereignen könne, die Bewohner nicht zu Ruhe kommen. Erfahrungsmäßig wird aber durch die zur Unerträglichkeit gesteigerte Nervosität die Erbitterung vergröBert, und weitere Ausbrüche und Ausschreitungen sind die Folge.
Das geschäftliche Leben beginnt natürlich unter der allgemeinen Unruhe zu stocken und ist teilweise gänzlich zum Stillstand gebracht.
Man denke sich eine Großstadt ohne Straßenbeleuchtung. Und nun gar eine im Aufruhr befindliche Stadt in Dunkelheit gehüllt! Die elektrische Beleuchtung versagte, da die Arbeiter aufgehört hatten, den Dienst zu versehen. Man half sich, so gut es ging. Allein was vermochten noch so große, in den Straßen entfachte Holzfeuer als Ersatz für die gewohnten, Tages helle spendenden Bogenlampen zu leisten! Es wird daher allgemein als eine Erlösung empfunden, daß die Elektrizitätswerke durch Einstellung von Marinemannschaften den Betrieb haben aufnehmen können, und die Kunde, daß das Netz für die Straßenbeleuchtung wieder unter Strom stehe, hat überall Genugtuung erweckt.
Man denke sich ferner eine Großstadt ohne Zeitung. Seit mehreren Tagen muß sich das Petersburger Publikum mit den Nachrichten behelfen, die man sich von Mund zu Mund erzählte. Daß damit die wilden Gerüchte nur an Umfang und unheilvollem Einfluß gewinnen, bedarf nicht des Nachweises. Neuerdings hat der Zeitungsstreit nach Moskau übergegriffen, und auch dort wiederholt sich die zeitungslose Zeit mit allen ihren Schäden und Gefahren.
Auch die Rechtspflege hört auf, mit gewohnter Präzision zu arbeiten, und damit ist eine weitere Gefahr im Anzuge. Die Advokaten des Petersburger Appelhofes haben in einer im Gerichtsgebäude abgehaltenen Versammlung beschlossen, fich mit der Arbeiterbeweguna solidarisch zu erklären und


