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Sammel,

Mühlgaffe 6-8.

Fraite.

Nr. 47.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen bie Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Freitag, den 24. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratt@ beilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bekanntmachung.

In der Versammlung Montag, den 27. d. Mts. nachmittags 3/4 Uhr im Café Ebel dahier, wird der Assistent des Landwirtschaftsrats Herr Dr. Hamann aus Darmstadt die Besichtigung der ausgestellten Saat­gut proben durch ein Referat über: Förderung des Saat­gutbezugs und Verkaufs durch die Saatbaustelleneinricht­ung des Landwirtschaftsrats" einleiten.

Gießen, den 23. Februar 1905.

Der Vorstand

des landw. Bezirksvereins Gießen. Dr. Breidert.

Dr. juris Kaifer Wilhelm.

Die Universität Pennsylvaniens in Philadelphia hat an­läßlich der Washingtonfeier dem Kaiser Wilhelm den Titel eines Doktors der Rechte Ehren halber verliehen. Die näm­liche Auszeichnung wurde zugleich dem Präsidenten Roofe­belt zuteil.

Es ist schon häufig vorgekommen, daß Universitäten in dieser Form ihre Huldigung heimischen und fremden Staats: männern und Generalen darbrachten, in dieser Form ihrer Anerkennung für Verdienste Ausdruck gaben, die nicht ge­rade auf wissenschaftlichem Gebiet liegen mußten. Der Mar­schall Vorwärts", Fürst Blücher, ist Ehrendoktor der Uni­Dersität Orford gewesen, und selbst Schmeichler haben ihm nie nachsagen wollen, daß er zur Welt der Gelehrsamkeit auch nur oberflächliche freundliche Beziehungen gehabt habe.

Die Promovierung von Staatsoberhäuptern zu Ehren­doktoren aber ist neu. Noch kein Monarch und noch kein Republikpräsident ist zu dieser Würde gelangt. In Deutsch­land sind die Fürsten die besonderen Schußherren der Uni­bersitäten, nennen sich sogar Rektoren einzelner Hochschulen, so daß diese nur Prorektoren wählen. Die Lehrkörperschaft der Universität Berlin im Verein mit der Akademie der Wissenschaften heißt die geistige Leibgarde der Hohenzollern. Daß ein ähnliches Verhältnis der Gelehrten- Hochschulen im Amerika zu den schnell wechselnden Präsidenten der Ver­einigten Staaten bestünde, hat man bisher nicht wahrgenom­men. Es wäre so unerfreulich nicht, wenn gerade in dieser Beziehung Amerika sich dem europäischen, speziell dem deut­fchen Muster anbequemte, wenn in dem Land, das vorzugs­meise als das Land der praktischen Menschen, des absoluten Geschäftsmännertums gilt, sich engere Beziehungen heraus­bildeten zwischen dem obersten Vertreter der praktischen Po­litik und den obersten Vertretern der gelehrten Bildung. Beide Teile könnten dadurch nur gewinnen.

Jedenfalls ist es eine mit Freuden zu begrüßende Tat­sache, daß die Universität Philadelphia die erste Gelegen­heit ergriffen hat, namens der amerikanischen Universitäten der Zustimmung zu dem Vorschlag Kaiser Wilhelms feier­lichsten Ausdruck zu geben, Amerika und Deutschland möch­ten zeitweilig ihre Professoren austauschen, möchten einander ihre Gelehrten zuschicken, so daß die Amerikaner in Deutsch­land, die Deutschen in Amerika Vorträge hielten. Die Er­nennung des Deutschen Kaisers zum Ehrendoktor einer amerikanischen Universität ist der Dank für jenen Vorschlag, der eine ehrende Anerkennung der amerikanischen Gelehrten­welt in sich schloß. Für diese Anerkennung hat man jenseits des Ozeans eine feine Empfindung gehabt, gerade weil sie bon so hoher, mit den Strömungen der deutschen Gelehrten­melt traditionell vertrauter Stelle fam.

Ich brauche Amerikaner", soll Kaiser Wilhelm einmal gefagt haben. Selbstverständlich wollte Kaiser Wilhelm da­mit nicht ausdrücken, daß er deutsches Wesen geringer achte. Er wollte damit vielmehr zu erkennen geben, welche Er­gänzung deutschem Wesen zu wünschen sei, damit es sich noch weiter vervollkommne und seine Eigenart zur höchsten Ent­wickelung bringe.

Der Deutsche Kaiser, hieß es einst, als es einen Deutschen Raiser nur erst im Wunsch des deutschen Volkes gab, müsse ..mit einem Tropfen demokratischen Dels" gesalbt sein. Kaiser Wilhelm II., der ein durchaus moderner Monarch", ganz und gar ein moderner Mensch" ist, hat diese Forde­rung erfüllt und hat erkannt, daß den Deutschen ein Tropfen amerikanischen Blutes gut sein würde. Deutsche Theorie und amerikanische Praxis geben eine gute Mischung. Aus dem Volk der Dichter und Denker" solle ein tatkräftiges nicht bloß, sondern auch ein tatfrohes Volf werden, gründ­

mit Defonomie- lich in der Gelehrsamkeit und in der Schulung, zweckbewußt einigen Morgen und gewissenhaft in der Betätigung des Erlernten.

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Die Amerikaner haben diese Bedeutung des kaiserlichen Wortes verstanden. Sie pflichten dem Kaiser vom ameri­Fanischen Standpunkt aus bei und wünschen eine Ergänzung des amerikanischen Wesens durch eine Beimischung deutschen

eit zu weiterem Er Wesens. In diesem Sinne haben sie den Deutschen Kaiser Land ift geboten. um Ehrendoktor der Rechte gemacht. Das Anerbieten der

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unter Nr. 7042 an

Ehrung und die Art der Annahme sprechen gleichmäßig da­Für, daß man es hüben und drüben nicht bei dem bloßen Wunsch lassen wird.

Der Krieg in Oftalien.

Ueber die Friedensverhandlungen ist man rasch zur Tagesordnung übergegangen. Man nimmt wohl nicht mit Unrecht an, daß sie auf Börsenmanöver zurückzuführen sind. Auf dem Kriegsschauplaz fahren die Russen, deren Haupt­nacht noch auf dem rechten Ufer des Schaho steht, fort, starke Verteidigungswerke an dem Flusse aufzuführen

General Kuropatkin

ist häufig unterwegs zwischen Kozanshi im Mittelpunkt der Angriffslinie und Hankasai. Es heißt, daß er an einem Augenübel leide, welches durch die strenge Kälte hervor­gerufen wurde. Er soll die Sehkraft auf einem Auge vor­übergehend eingebüßt haben.

Wie weiter aus Tokio gemeldet wird, sind jetzt schon 5 kleine Schiffe im Hafen von Port Arthur wieder flott ge­macht worden. Die in Wladivostok liegende Flotte fuhr kürzlich aus dem Hafen heraus, kehrte jedoch, als sie des Blokadegeschwaders ansichtig wurde, in Eile zurück. Japan hofft, eine neue Flotte von Torpedobootszerstörern inner­halb eines Jahres fertig zu stellen. Jedes dieser Schiffe foll 380 Tonnen groß sein, eine Geschwindigkeit von 29 Knoten und die gebräuchliche Bestückung haben. Zehn neuerdings gebaute Torpedoboote werden jegt in Dienst gestellt.

Die Huller Affäre

ist ihrem Abschluß nahe. Die Kommission hat sich dahin schlüssig gemacht, daß Roschdjestwensky sich gefährdet glau­ben konnte. Nur soll ihm ein Tadel ausgesprochen werden. daß er zehn Minuten lang auf die Fischerboote feuerte und abfuhr, ohne Hilfe zu leisten. Die englischen Blätter sind sehr ungehalten über diese Wendung und erklären sie für ein diplomatische Demütigung Englands.

Sonst wird noch gemeldet, daß General Stössel fich von seinen Offizieren durch ein Festmahl an Bord des ,, St. Nikolaus" herzlich verabschiedet hat. Besonderen Dant zollten die Offiziere Frau Stösest, die sie in einem Toast als ihr Täubchen, ihr Mütterchen Wera Mlerejewna" leben ließen. In Petersburg wird Stössel nicht offiziell empfan­gen. Es findet nur eine Festsibung im Kasino der Armee und der Flotte statt.

*

Der innere und der äufsere feind.

Petersburg, 23. Februar.

Die Friedensglocken, die man gestern ertönen ließ, haben leider nicht hier und nicht in Tokio gehangen. Sie wurden pon denen geläutet, die zur Herstellung des Friedens nicht berufen sind, auch nichts dazu beitragen können. Daß für Rußland das Aufhören des Krieges ein Bedürfnis ist, läßt sich kaum in Abrede stellen. Doch der nationale Ehrbegriff läßt nicht zu, daß man unbezwungen einen ungünstigen Frieden schließt. Bezwungen aber ist Rußland nicht, und zu anderen als für Rußland ungünstigen Bedingungen würde jegt Japan nicht auf einen Frieden eingehen. Es ist begreif­lich, daß gerade ein Alleinherrscher, der nicht in der Lage ist, einen Teil der Verantwortung von sich abzuwälzen denn damit würde er das autokratische Regiment selbst ver­dammen auf das Prestige des Landes Rücksicht zu nehmen hat. Und niemand wird in Abrede stellen, daß Rußlands Prestige auf lange Jahre verloren wäre, müßte es sich für besiegt erklären von einem Lande, das vor kurzem noch nicht den Ehrgeiz haben durfte, sich zu den Großmächten zu rech= nen. Das Wort, Rußland sei ein Riese mit tönernen Füßen, würde neue und kaum zu bestreitende Geltung gewinnen.

Freilich die Finanzfrage! Man ist vielfach der Meinung, Rußland könne die Fortdauer des Krieges finanziell nicht aushalten, weil sein Kredit im Ausland erschöpft sei. Ob wirklich Rußland nicht im Stand sein würde, neue Anleihen im Ausland aufzunehmen, mag unerörtert bleiben.. Es sei jogar die naheliegende Vermutung unterdrückt, ob nicht noch cher Japan an das Ende seiner finanziellen Kräfte kommen möchte. Nur darauf sei hingewiesen, was man im Ausland so leicht übersicht: daß Rußland für innere Anleihen noch ein sehr großes und jungfräuliches Feld hat, das andere Staa­ten schon längst angreifen und erschöpfen mußten: Die ortho­doren Kirchen und Klöster haben unermeßliche Reichtümer aufgehäuft, die nach vielen Milliarden zählen. Diese Reich­tümer sind zumeist gut und sparsam verwaltet, und im äußersten Notfall werden sie sich dem allergottesfürch­tigsten Baren" nicht versagen. Von Gewalt braucht dabei nicht die Rede zu sein, nicht einmal von sanftem 3wang.

Einstweilen aber hat Rußland größere Sorgen, als um den Krieg im fernen Osten und um seine Kosten. Ueberall kracht das Band in seinen Jugen. Daß im Westen teilweise der Eisenbahnverkehr aufgehört hat, ist das Schlimmste noch nicht. Zugeständnisse der Forderungen kann die Angestellten bald wieder zum Dienst zurückführen. Bedenklicher ist schon, daß die Regierung in sehr vielen und gerade in den dicht bevölkerten Bezirken nicht wagen darf, neue Aushebungen borzunehmen. Vielfach hat man sich sogar gezwungen gesehen, die bereits erlassenen Aushebungsbefehle zu widerrufen. Allmählich jedoch und darin liegt die größte Gefahr löst sich der Staatszusammenhang selbst auf, greift Anarchie im eigentlichen Wortsinn Plat Den blutigen Schlägereien

zwischen Armeniern und Persern im Lafu ist zwar schnell die Versöhnung gefolgt; doch nichts bürgt dafür, daß der Zwist sich nicht erneuert, und die Völkerschaften, deren Zuge­hörigkeit zu Rußland in ihrem eigenen Gefühl sehr lose ist, zur unvergessenen Unabhängigkeit zurückkehren. Gegenwärtig ist keine Macht vorhanden, die sie hindern könnte.

Es ist ganz flug von den leitenden Männern, daß sie thren ganzen Einfluß rücksichtslos aufwenden, um die Fabri­fanten zu bestimmen, sie möchten ihren Arbeitern weit ent­gegenkommen. Diese tun es nach Kräften und erreichen da­mit auch vielfach die Wiederaufnahme der Arbeit. Das ist beispielsweise in Lodz und in Sosnowize geschehen. Doch die Ausstände sind ein fressendes Feuer, das manchmal ganz plößlich und unerwartet weitergreift. Der Verkehr Warschau -Thorn ist heute unterbrochen, der Verkehr auf den Weichsel­bahnen wird vielleicht schon morgen eingestellt sein, der von Mostau nach Kiew hat starf eingeschränkt werden müssen. Noch ist es ein bloßes Gerücht, aber die Bestätigung ist immerhin möglich, daß die aufständischen Tartaren in Ba­fum, die nur zum Teil Perser sind, zum Teil dem Stamm angehören, der dem Zaren die Leibwache liefert, daß die Kaukasier in Batum, Kuteris, Putinina provisorische Regie­rung eingesetzt haben. Einen drolligen Beigeschmack hat es, daß die hiesige Polizei selbst mit Streik droht, wenn ihre Bezüge nicht erhöht werden. Richtig ist, daß die Anforder­ungen an die Polizeimannschaften in letzter Zeit wesentliche Steigerung erfahren haben.

Die Dolitik.

* Der Dank des Kaisers an die Staatsmänner, die in vorderster Reihe bei dem Abschluß der Handels. berträge mitgewirkt haben, ist erfolgt. Reichskanzler Graf Bülow hat die Marmorbüste des Kaisers, Staatssetre tär Graf Posadowsky den Schwarzen Adler- Orden, Land­wirtschaftsminister v. Podbielski das Großkreuz des Roten Adler- Ordens erhalten, Staatssekretär Frhr. v. Richthofen ist zum Mitglied des preußischen Staatsministeriums er­nannt worden. Man hatte wohl erwartet, daß Graf Bülow den Fürstentitel erhalten würde. Auch hatte der Kaiser ihm diesen schon früher zugedacht. Graf Bülow aber hatte ihn ablehnen zu müssen geglaubt, weil seine Vermögens­verhältnisse fürstlichem Rang nicht entsprechen.

*

Nachdem ver Nerastag die Handelsverträge sämt lich verabschiedet hat, wird er nicht umhin können, sich in Bälde mit der Frage der Flettenverstärkung zu beschäftigen. Es steht zu hoffen, daß er dabei dieselbe rühmliche Wort fargheit bewähren wird, durch die er sich bei der Beratung der Handelsverträge ausgezeichnet hat. Die Flottenver­stärkung zwingt sich auf, einfach, weil alle anderen Staaten ihre Flotten auch vergrößern. Präsident Roosevelt hat eben berkündet, Amerika müsse sich eine unangreifbar starke Ma­rine zulegen, die dann um so sicherer den Frieden wahren werde; Englands Flottenpläne sind bekannt; Frankreich gibt im Jahre 1905 allein 121 Millionen für Kriegsschiffe aus. Unter solchen Umständen darf und kann Deutschland gar nicht zurückbleiben.

Im nördlichen Teil des deutsch- südwest afri tanischen Schutzgebiets find die Owambostämme durch unsere Schuttruppen noch zu unterwerfen. Oberleutnant Winkler schäßt nach Missionarberichten die Stärke der Ovambostämme auf deutschem Boden auf 51 000 Seelen mit 9000 vaffenfähigen Männern, auf deutschem und portu­giesischem Voden auf 45 000 Seelen mit 10 000 waffen­fähigen Männern, und auf portugiesischem Boden auf 35 000 Seelen mit 10 000 maffenfähigen Männern.

Rufsland.

Der Mörder Johnssons, des Senatsprokureurs von Finnland, hat seine etwaigen Mitschuldigen nicht ange geben. In Ermangelung Mitschuldiger hat die Polizei auf Befehl des Gouverneurs von Finnland den Vater, die Schwe­ster und einige andere Verwandte des Mörders festnehmen lassen.

Oefterreich- Ungarn.

Die Kombination eines Uebergangsministeriums Daranyi hat sich als untunlich erwiesen. Die Kossuthfraktion hat sich auf ihr Programm besonnen, das als Regierungs­orogramm unmöglich, das ein bloßes Revolutionsprogramm ist. Sie will kein Kabinett dulden, das die österreichisch­ungarische Zollgemeinschaft bis 1917 festhält und Handels­verträge bis 1917 abschließt und das nicht eine ,, nationale" Militärreform, d. h. eine Auflösung der gemeinsamen öster­reichisch- ungarischen Armee verheißt. Es ist nicht unmöglich, daß die liberalen Ueberläufer die Kossuthpartei wieder ver. lassen und zu der Fahne zurückkehren, unter der sie so lange gefochten haben.

Türkei.

Die mazedonischen Wirren sollen jetzt dadurch beseitigt werden, daß Mazedonien einen von der Pforte zu er­nennenden Generalgouverneur erhalten soll. So will es England, dessen Staatssekretär des Auswärtigen Lord- downe die Einsetzung einer europäischen Kommission zur Aus arbeitung eines dahin zielenden Planes beantragt hat. Die