Ausgabe 
23.9.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 224.

Erstes Blait.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Betitzeile 30 refp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Samstag, den 23. September 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfq. in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchen: fich) Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Volizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen.

Der Zwift um Marokko.

( Ein Interview.)

Ein in Paris lebender Diplomat äußerte sich in einer Unterredung eingehend über die schwebende Marokkofrage und entwickelte folgende Gesichtspunkte:

Im Jahre 1867 wollte Napoleon III. das Großherzog­tum Luxemburg von Holland kaufen. Bismarck kam hinter das geplante Geschäft und enthüllte die Vorgeschichte des Projekts. Dadurch wurde Frankreich gezwungen, auf Luxemburg zu verzichten. Die Rivalität zwischen Frank­reich und Preußen trat zum erstenmal klar an den Tag. Die luxemburgische Frage wurde einer internationalen Kon­ferenz unterbreitet, aber drei Jahre später kam es zum Kriege zwischen Frankreich und dem unter der Führung Preußens vereinigten Deutschland. Soll die Marokko­angelegenheit jest zu ähnlichen Konsequenzen führen? Fast hat es den Anschein.(?) Die Frage ist in diesem Augen­blick feine müßige, obwohl man im großen Publikum nicht recht an den Ernst glauben wiu. Die Verhandlungen rücken nicht recht vom Fleck, so daß es den Anschein hat, als wenn die Situation recht verfahren wäre.

Die Landung des deutschen Kaisers in Marokko betrach­teten die Franzosen als eine Drohung, das ist zweifellos. Man war auf den Krieg gefaßt. Als man zu wissen glaubte, in Deutschland herrsche Mißstimmung, weil der Minister Delcassé allen Annäherungsversuchen ablehnende Passivität gegenübersetzte, ließ man Delcassé fallen. Nun war man überzeugt, daß auch Deutschland gleichsam als Aequivalent Frankreich in Marokko freie Hand lassen werde. Aber man übersah die durch das persönliche Eingreifen des Kaisers der deutschen Diplomatie gegebene Richtschnur.

Die Verhandlungen begannen mit Mißtrauen auf bei­Sen Seiten. In Paris mußte man sich davon überzeugen, daß Deutschland greifbare materielle Interessen versocht. Das verführte die Franzosen zu der Annahme, von deutscher Seite werde die Vorherrschaft in Marokko angestrebt. Ob­wohl die Abmachung, die im Monat Juli getroffen wurde, diesen Verdacht hätte zerstreuen sollen, gewann man doch noch fein volles Vertrauen. Namentlich das Verlangen Deutschlands, die Reform des marokkanischen Finanzwesens und der Polizei solle für kurze Zeit international geregelt werden, stieß auf Widerstand. Die französischen Diplomaten fürchteten, das könne zu einer allmählichen Erweiterung der internationalen Kontrolle und der Verdrängung Frankreichs führen. Auch hinter der von Deutschland besonders betonten wirtschaftlichen Gleichstellung der Nationen titterte man versteckte Absichten.

Gerade das Abkommen vom Juli führte in den letzten Tagen hartnäckige Diskussionen zwischen dem deutschen Vertreter Dr. Rosen und dem französischen Beauftragten Nevoil herbei. Dadurch wurde es klar, daß bei dem Ab­schluß weder hüben noch drüben volles Einverständnis ge­waltet hatte. Vielleicht machten auch Politiker aus der Schule Delcassés erneut ihren Einfluß geltend, jedenfalls Tag der formelle Abbruch der Verhandlungen sehr nahe. Glücklicherweise liegt die Entscheidung bei den leitenden Staatsmännern Rouvier und Bülow. Rouvier ist in Baris eingetroffen und es steht zu erwarten, daß seine Ein­ficht alsbald den Sieg davonträgt über den einseitigen Ma­roffo- Fanatismus, der in manchen Diplomatenkreisen um­geht. In Berlin wird der französische Ministerpräsident ficher volles Verständnis finden.

Der Erfolg der Konferenz soll durch vorherige Einigung über das Programm gesichert werden. Das ist notwendig, damit keine der beiden Parteien schließlich das Gefühl der Niederlage gewinnt. Mehr wie schlimm wäre ein solcher Ausgang; er könnte gar zu leicht eine Entwickelung herbei­führen, die derjenigen in dem erwähnten Falle Luxemburg ähnelte. Wenn man diese Gefahr in Frankreich und Deutsch­land berücksichtigt, kann es unmöglich schwer fallen, Emp­

Ceibungen werdefindlichkeit und Mißtrauen zu verbannen.

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Die Verhandlungen scheinen sich trotz der in den Aeuße­rungen des Pariser Diplomaten zutage tretenden Bedenk­lichkeit doch einem günstigen Ausgang zu nähern. Die am Donnerstag stattgefundene Unterredung Dr. Rosens mit Rouvier soll einen wesentlichen Fortschritt gebracht und die Lage in befriedigender Weise geklärt haben. Rosen hatte gestern wieder eine Besprechung mit Revoil.

Die Be­sprechung Rouviers mit dem Fürsten Radolin findet heute nachmittag statt, da Rouvier dem Minister Witte zu Ehren ein Frühstück gibt. Wie von maßgebender Stelle in Paris erklärt wird, ist die Meldung eines Morgenblattes, daß an die Eventualität gedacht würde, etwaige Meinungsverschie­denheiten in der Marokkoangelegenheit einem Schieds­gerichte zu unterbreiten, durchaus aus der Luft gegriffen. Frgendwelche grundlegenden Differenzen bestehen nicht mehr.

Kämpfe in Deutsch- Afrika.

Das Gouvernement von Deutsch- Ostafrika meldet, daß

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einer Reihe von Gefechten in den Kitschibergen geschlagen habe. Die Rebellen erlitten große Verluste, auf deutscher Seite wurde nur ein farbiger Soldat verwundet.

Wie weiter berichtet wird, sollten dreißig Mann Marine­infanterie mit der Verstärkung für Morogoro unter Haupt­mann Freiherrn von Wangenheim am 21. September mii ,, Bussard" nach Bagamoyo gehen, um dann nach Morogor zu marschieren. Zur Beendigung der Pazifizierung von Morogoro werden nach Eintreffen dieser Verstärkung dem Hauptmann v. Wangenheim über 160 Asfaris außer der Marineinfanterie zur Verfügung stehen. Dreißig Mann Marineinfanterie und zwei Kompagnien Farbige werden Mitte Oftober in Kilwa zum Vorgehen auf Liwale- Songea bereit sein. Im Bezirk Lindi steht Hauptmann Seyfried mit 30 Mann Marineinfanterie und 100 Askaris; erstere sollen eine feste Stellung bei der Missionsstation Massassi besetzen.

Auch der Stamm der Wahehe im Aufstand. Bisher hatte man angenommen, daß die kriegerischen Wahehe dem deutschen Regiment treu geblieben wären. Das hat sich leider nach den neuen Nachrichten nicht bestätigt. Der Benediktiner- Abt Norbert traf mit flüchtenden Missio­naren aus Rigonsera und Peramiho am Niassa- See ein. Der Telegraph nach Tabora ist in Ordnung. Von Mahenge und Songea liegen keine Nachrichten vor. Hauptmann Nig­mann hatte mit der Kompagnie Iringa Mitte September ein siegreiches Gefecht in Uchungwe auf der Grenze der Be­zirke Mahenge und Iringa gegen Wahehe und Wam­bunga. Auf deutscher Seite wurden 3 Farbige getötet und 4 derwundet. Der Feind erlitt schwere Verluste und zog sich in der Richtung auf Isakara zurück. Hauptmann Nigmann unternahm sofort die Verfolgung. Ein deutscher Offizier, Oberleutnant Martin Sandrock, wurde bei einem Gefecht schwer verwundet und starb in Massanga.

In Deutsch- Südwestafrika.

Die über England verbreitete Nachricht von dem Verlust eines deutschen Konvois an Hendrik Witboi scheint auf einen wesentlich unbedeutenden Vorfall zurückzuführen. Jetzt wird aus Kapstadt berichtet, die Deutschen meldeten, daß Morenga den Waffenstillstand brach und Rindvieh raubte; sie gäben zu, daß Trothas Umgehungsbewegung gegen die Witboi bisher erfolglos gewesen sei. Eine zweite Depesche erklärt, daß Morenga 200 von Major Eckhardts Pferden und Rindern erbeutet habe.

Es wird noch immer Bestätigung auch für diese angeb­lichen Mißerfolge unserer Truppen abzuwarten sein. In jedem Falle wäre es betrüblich, wenn sie sich bewahrheitete, zumal auch das Kesseltreiben gegen Witboi erfolglos ge­blieben ist.

Arbeiterverficherungs- Kongress.

( Eig. Bericht.)

Wien, 22. September.

Das überaus taktvolle und bestimmte Eingreifen des Geheimen Rats Dr. Boe dicker verhinderte gestern das Wiederaufleben des Zwists vom Mittwoch. Während der fünfstündigen Sigung tamen 40 Redner zum Wort. Zum Schluß zollte man der geschickten Leitung Dr. Boedicers all­gemeine Anerkennung. Zu Ehren der Kongreß- Teilnehmer hatte die niederösterreichische Handels- und Gewerbekammer abends einen Empfang veranstaltet, zu dem sämtliche hiesige und fremde Delegierte, der Leiter des Handelsministeriums Graf Auersperg und zahlreiche Kongreßteilnehmer er­schienen waren. Von allen Seiten wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, durch gemeinsame Arbeit die schweben­den Fragen der Lösung entgegenführen zu können. Handels­fammerpräsident von Kink wies auf den erfreulichen Um­stand hin, daß sich; Vertreter der Arbeitgeber und Arbeit­nehmer zu vereintem Wirken zusammengefunden hätten. Der Abend verlief in bester Weise.

In der heutigen Sigung befaßte sich der Kongreß mit der Frage der internationalen Unfallstatistik. Regic­rungsrat Kaan schlägt eine Resolution vor, wonach der Kon­greß mit großem Interesse jene Beschlüsse zur Kenntnis nimmt, die bei der diesjährigen Tagung des Internatio­nalen Statistischen Instituts in London in Angelegenheit der Einrichtung einer internationalen Unfallstatistik gefaßt wurden. Der Kongreß beschließt die Einsetzung einer Kom­mission zum weiteren Studium der Frage und beauftragt die Kommission, sich mit der vom Internationalen Statisti schen Institut eingesetzten Kommission ins Einvernehmen zu setzen. Sodann referierte Klein über die Frage der Er­richtung einer internationalen Unfallstatistik auf Grundlage der Erfahrungen der deutschen Unfallstatistik.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Das Inkrafttreten des neuen Zolltarifs am 1. März 1906 macht die Aufstellung eines neuen Statistischen Waren­berzeichnisses notwendig. Der Entwurf ist nach Anhörung der Sachverständigen für die Wertermittelung schon seit Monaten im Kaiserlichen Statistischen Amte fertiggestellt.

Im Laufe der letzten Woche hat eine eingehende Beratung im Reichsamte des Innern stattgefunden. An der Hand des Ergebnisses dieser Beratung wird der Entwurf einer Umarbeitung im Kaiserlichen Statistischen Amte unter­zogen werden; es ist zu hoffen, daß er noch vor Weihnad ten dem Bundesrate zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Während das bisherige Warenverzeichnis etwa 1200 Num­mern umfaßte, muß das neue nicht unerheblich mehr, mög­licherweise annähernd 2000 Nummern enthalten.

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Die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft haben nun auch zur Fleischteuerung Stellung genommen. Wegen der Höhe der Fleischpreise beabsichtigen sie vom Standpunkte der Industrie und des Handels Berlins aus bei den Reichs- und Staatsbehörden darauf zu dringen, daß Maßnahmen ergriffen werden, welche die aus der Fleischnot dem Handel und der Industrie drohenden Gefahren zu be­seitigen geeignet sind. Was den Handel mit Vieh, Fleisch und Fleischwaren aus dem Auslande betrifft, so liegt er infolge der zahlreichen Einfuhrverbote und der Einfuhr­erschwerungen gänzlich darnieder; es ist ihm jede Möglich­feit, zur Beseitigung der Teuerung tatkräftig eingreifen und dabei auch seine eigene Position kräftigen zu können, ge­Diese für das deutsche Wirtschaftsleben überaus bedenkliche Situation wird nach der Ansicht der Aeltesten im kommenden Frühjahr, wenn die neuen, erhöhten Zölle auf Vieh und Fleisch in Kraft treten werden, eine Verschärfung erfahren. Die Stadtverordneten und der Magistrat zu Magdeburg nahmen mehrere gegen die Fleischteuerung gerichtete Anträge einstimmig an. Diese Anträge betrafen die Absendung von Eingaben an die Reichs- und Staats­regierung zur Deffnung der Grenzen für die Vieheinfuhr und ferner die schleunige Einberufung eines deutschen Städte­tages zur Veranstaltung einer Kundgebung gegen die Fleisch­teuerung. Eine vom deutschen Fleischerverband nach München einberufene Versammlung nahm scharfe Resolu­tionen gegen die Teuerung an. Im Laufe der Diskussion gab der Ministerialrat Keller die Erklärung ab, daß das Ministerium des Inneren nicht abgeneigt sei, die Fleisch­versorgungskommission wieder einzuberufen, wenn ein po­sitives Ergebnis zu erwarten sei.

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* Die Schaffung eines gemeinsamen Oberverwaltungs­gerichts für die thüringischen Staaten wird von den beteilig­ten Kreisen angestrebt. Im nächsten Monat findet in Arn­stadt eine Konferenz aller thüringischen Handelsvertretungen in der Angelegenheit statt.

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Zu den Gerüchten über den Rücktritt des preußischen Handelsministers Möller äußerte sich der Minister selbst folgendermaßen: Das Gerücht von meinem Rücktritt ist nichts als ein müßiges Geschwätz. Es gibt natürlich Ber­sonen, die von Zeit zu Zeit derartige Gerüchte immer wie­der in die Presse lancieren: einmal sind sie ja wahr, und dann sind die Gewährsmänner jener Notizen natürlich die großen Männer. Von einer Amtsmüdigkeit meinerseits ist absolut nicht die Rede; ich habe natürlich keine Lust, mich im Dienste zu verschleißen. Aber das kann ich wohl sagen: wohl niemals gab es eine Zeit, in der es mir ferner gelegen hat, vom Amte zurückzutreten, als es die jetzige ist."

* Der in Jena tagende sozialdemokratische Parteitag be­handelte gestern die rFage des Massenstreiks. Da Bcbel das Referat übernommen hatte, war der Saal überfüllt. Er empfahl in längerer Rede eine Resolution, die dahin geht, daß gegenüber den Versuchen der herrschenden Klassen, den Einfluß der Arbeiterschaft zu schmälern, die Arbeiter mit allen Mitteln für volle Gleichberechtigung kämpfen und jeden Angriff darauf abwehren müßten, wobei er die Massen­Arbeitseinstellung als eines der wirksamsten Mittel betrachte. Eine in diesem Sinne gehaltene Resolution wurde schließlich einstimmig angenommen.

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Rufsland.

Im Sächsischen Garten in Warschau wurde durch einen unbekannten jungen Mann eine Bombe geworfen. Einige Personen wurden verletzt. Auch gegen das Bank­geschäft von Scheneschewski wurde eine Bombe geschleudert, die indessen nur den Balkon der Häuser traf. In Baku wird die Aufnahme der Arbeiten in den Naphtha- Werken durch den Mangel von Arbeitern sehr erschwert. In Ba­tum wurde eine geheime Waffen- Niederlage entdeckt.

Schweiz.

** Der in Luzern tagende Friedenskongreß nahm ein­stimmig eine Resolution an, die den Wunsch ausdrückt, daß fich Schweden, Norwegen und Dänemark für alle Zeiten neutral erklären möchten. Die Neutralität soll sich auf ihre fontinentalen und insularen Territorien, sowie auf die wich­tigsten Gewässer, die ihre Territorien trennen, erstrecken. Afien.

** Die Truppen in Korea und die Seestreitkräfte waren bisher noch von dem Waffenstillstand zwischen Russen und Japanern ausgeschlossen. Jetzt ist auch für diese Teile der im Kampf gewesenen Heere der Waffenstillstand vereinbart worden. In der Kornilow- Bai fand eine Besprechung des