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Siegen, Marttftraße 11.
Nr. 197.
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Mittwoch. den 23. August 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
So mancher Arbeitgeber hat mit aufrichtigem Eifer an der ihm überlieferten und allein geläufigen Anschauung festgehalten, daß die Arbeiter, denen er Beschäftigung gebe, feine" Arbeiter seien, an deren Wohlergehen er herzlichen Anteil nehme, mit denen er nicht bloß in einem nüchternen geschäftlichen Vertragsverhältnis stehe. Die wirtschaftliche Ausgestaltung, die auf keinem Gebiet sich aufhalten ließ, nicht zulegt die immer weiter greifende Form der Aktiengesellschaft, hob das alte persönliche, gewissermaßen patriarchalische Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter auf, brachte an ihre Stelle unpersönliche und darum notwendig Falte Beziehungen, bei denen weder auf der einen noch aus der anderen Seite von Rücksichten viel die Rede sein konnte. Immerhin blieb bei vielen Arbeitgebern die Anschauung bestehen, daß sie immer nur mit ihren eigenen Arbeitern zu tun hätten, wenn es sich daum handelte, den Arbeitslohn oder die sonstigen Arbeitsbedingungen zu regeln. Mi: ihren Arbeitern wollten diese Arbeitgeber gern Verständi gung in gemeinsamer Beratung suchen, wobei den Arbeitern freigestellt sein sollte, sich durch einen von ihnen gewählten Ausschuß vertreten zu lassen. Dagegen wollte ihnen die Forderung in feiner Weise als berechtigt einleuchten, das bei solchen Verhandlungen für ihre Arbeiter auch Personen sollten mitsprechen dürfen, zu denen sie in gar feinen Direkten Beziehungen standen. Dieses Ansinnen wiesen sie als völlig unangemessen, als ihr Haus- und Besitzrecht beein trächtigend und verletzend zurück. Was hätte der Außen. stehende, der ihr Arbeiter nicht war noch werden sollte oder wollte, der vielleicht überhaupt nicht mehr aktiver Arbeiter war, sondern nur in der Arbeiterorganisation eine Stelle bekleidete, nachdem er sich vorher agitatorisch hervorgetan hatte, in seine Lohn- und Arbeitsbedingungen dreinzureden? Das waren Dinge, die den Außenstehenden nichts angingen. die nur zwischen ihm selbst und seinen Arbeitern abzumachen
maren.
Diese Anschauungsweise war durchaus nicht der Ausfluß arbeiterunfreundlicher Gesinnung. Die humansten und wohlwollendsten Arbeitgeber haben sie gehegt und hartnäckig festgehalten, gerade weil sie den Beziehungen zu ihren Ar beitern nicht das Persönliche, Warmherzige genommen wissen wollten, weil es ihnen widerstrebte, das rein mensch liche Gefühl aus dem wirtschaftlichen Verkehr mit den Arbeitern auszuschalten, überall die Macht und nur die Macht entscheiden zu lassen. Daraus sprach ganz gewiß kein eigensüchtiges Interesse, denn die tatsächliche Ueberlegenheit war immer auf ihrer Seite. Doch die Arbeiter selbst sahen die Dinge einmal anders an. Die Arbeiter wollten die persönlichen Beziehungen nicht gelten lassen, von denen sie, mit Recht oder Unrecht, annahmen, daß sie ihnen am letzten Ende hinderlich seien, das zu erreichen, was sie ihr Recht nannten, und was sie durch kein Wohlwollen sich ersezen lassen mochten, selbst wenn das Wohlwollen weiter ging, als ihr wirkliches oder vermeintliches Recht. Die Arbeiter schlossen, sich zusammen, nicht in einzelnen Fabriken, sondern in ganzen Gewerfen, nicht örtlich, sondern über das ganze Reich. und ihre Gewerkschaftsvertreter follten in allen Lohn- und sonstigen wirtschaftlichen Streitigkeiten ihre sprecher und Wortführer sein.
Der Widerstand gegen diese Forderung würde auf seiten der Arbeitgeber vielleicht noch hartnäckiger gewesen sein, als er sich tatsächlich gezeigt hat, wenn nicht die wirtschaftliche Entwickelung selbst die Entscheidung des Streits in die Hand genommen hätte. Vielfach waren die Arbeitgeber zu großen, teilweise nationalen, manchmal soga: internationalen Verbänden zusammengetreten, die durch freiwillige Verein barungen bestimmte Preise für ihre Produkte festsetzten oder festzusetzen suchten, die Produktion unter sich verteilten, den Wettbewerb regelten, die Erteilung von Zuschlägen bei Bewerbungen in eine vorgeschriebene Reihe brachten, und wa dergleichen mehr ist. Daß solche Vereinbarungen auch auf die Lohnverhältnisse unter Umständen recht tiefgreifenden Einfluß ausüben, ist nicht zu verkennen Hier hatten also Arbeitgeber bei der Bestimmung von Löhnen für die Arbeiter anderer mit geredet, und nicht bloß mit geredet, sondern mitbestimmt. Es fonnte vorkommen und ist sicher borgekommen, daß eine solche Lohnfestsetzung in einer Fabrit gegen die Stimme des Fabrikbeiters stattfand. Die Arbeitgeberverbände haben sich former wiederholt genötigt gesehen, bei eintretenden Streifs ihre Stung gegenüber den Lohnforderungen der Streifenden zu verembaren. Sogar zu Aussperrungen haben Arbeitgeberverbände gegriffen. wenn die Durchführung eines wirtschaftlichen Streits es berlangte.
Damit war der Standpunkt, daß der Arbeitgeber immer nur mit seinen Arbeitern zu verhandeln habe, tatsächlich und rechtlich verlassen, und es ist nur folgerichtig, wenn jeßt die Deutsche Arbeitgeberzeitung dafür eintritt, daß man nicht ferner auf die Weigerung berharre, mit den Arbeiterorganisationen zu verhandeln Selbstverständlich wird die Arbeitgeberschaft selbst sich desto fester organisieren. Aber immerhin ist einstweilen ein Streitpunkt meggeräumt, der gerade die Besten am meisten zu erregen und zu extremer Saltung zu bestimmen geeignet war
Wird der Krieg fortgesetzt?
Die Krisis in den Friedensverhandlungen. Prophezeien auf Jahre hinaus dazu gehört bloß Begeisterung, aber auf einen Tag prophezeien-- dazu gehört außerdem Wagehalsigkeit. In dem Augenblick, da wir schrei ben, sind die Friedensverhandlungen in Newcastle vielleicht schon abgebrochen, und wir sollen es unternehmen, ohne Kenntnis des Gegenwärtigen das vorauszusagen, was sein wird. Und wir wagen es auf die Gefahr hin, daß die Tatsachen uns unrecht geben. Wir glauben nicht, daß es sofort zum Abbruch der Friedensverhandlungen kommt. Dazu hat sich Präsident Roosevelt, auf den beide Parteien Rücksicht zu nehmen haben, zu sehr engagiert. Gar nicht auf ihn hören, hieße ihn beleidigen. Selbst wenn Russen und Japaner im lieben Gemüt fest entschlossen wären, auf die Gefahr der Fortsetzung des Krieges hin und der Infragestellung aller bisherigen Siege auf der einen Seite, auf die Gefahr vollständigen erneuten Zusammenbruchs hin auf der anderen Scite, nicht um ein Titelchen nachzugeben, so müßten sie doch auf das dringliche Zureden Roosevelts die Erneuerung der Verhandlungen versuchen. Dieser Versuch) würde immerhin einige Tage in Anspruch nehmen. Wir glauben eben auch gar nicht, daß Russen und Japaner gar so triegswätig sind. daß sie nicht bereit sind, die eine oder andere Konzession zu machen. Sie haben beide nach kaufmännischem Brauch der sich hierin mit dem diplomatischen deckt ein gut Stück vorgeschlagen und zetern und barmen über Forderungen und Anerbietungen. Es geht dabei zu wie beim Kuhhandel. Der Offerent, der scheinbar erzürnt davongerannt ist, kommt. zögernden Schrittes mit einem kleinen Mehrangebot zurück, und der Verkäufer, der sich gleichgültig stellt, brennt darauf, seine Ware gegen eine geringe Erhöhung der vorigen Offerte loszuschlagen. Die Japaner schwören Stein und Bein, sic fönnten es nicht billiger tun, sie dürften sich sonst nicht in Tokio sehen lassen. Und die Russen versichern, daß sie sich weder zu Landabtretungen noch zur Kostenentschädigung je entschließen würden, da sie nicht einmal Napoleon Geld gegeben hätten, der doch Moskau eingenommen hatte. Ueberdies ver ichere General Kuropatkin in Uebereinstimmung mit den übrigen Generalen, daß er die Japaner ganz gewiß schlagen werde. Im schlimmsten Fall könne die russische Armee sich bis Irkutsk zurückziehen, und die Japaner sollten zusehen, ob sie soweit nachrücken könnten. Das ist auf beiden Seiten mächtig aufgeschnitten! Die Japaner wissen recht gut, daß ihr Volk mit dem Sieg zufrieden ist und mit der Erlangung von Korea und mit dem Kostenersatz, den China dafür zahlen kann, daß ihm die Mandschurei wiedergegeben wird. Und die Russen sind mit ihrer Geschichte vertraut genug, um damit bekannt zu sein, daß Napoleon wohl im Kreml zu Moskau gesessen, dann aber seine ganze große Armee verloren hat. Den Siegesversprechungen ihrer Generale glauben sie selbst nicht; denn an solchen Versprechungen hat es in den letzten anderthalb ahren nie gefehlt, und noch keine ist eingelöst worden. Herr Witte ist ein kluger Unterhändler, und die um Baron Komura sind nicht minder verschlagen. Sie reißen und beißen sich um die Knochen, aber die Verständigung haber sie im Auge. Die Japaner werden es billiger tun, und die Russen werden mehr aufwenden.
Minister Witte betonte abermals in einem Interviewv. er könne nicht sagen, daß jede Hoffnung geschwunden set, aber die Aussicht auf Frieden scheine ihm so gering, daß er sie gleich Null betrachte. Er dementierte ferner, daß Präsident Roosevelt ein Schiedsgericht oder den Rückkauf von Sachalin vorgeschlagen habe.
In Washington gibt man der Meinung Ausdruck, daß die Friedensverhandlungen scheitern würden, falls Ruß land sich nicht zu einer Kriegsentschädigung verstände.
Politische Rundschau.
Deutfches Reich.
* Die Uebermittelung der deutschen Antwortnoke an Frankreich in der Marokkofrage soll heute erfolgen. Man nimmt an, daß Frankreich und Deutschland jetzt in allen Punkten übereinstimmen.
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Einen interessanten Beitrag zu dem Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und England liefert der Bericht der Birminghamer Deputation, die kürzlich in Deutsch land weilte, um die Wohnungsfrage zu studieren. Die Kom mission erklärt, sie habe in Deutschland keine Spur von Haß gegen England gefund. Dazu bemerkt das Blatt " Daily News", in beiden Ländern seien es nur die internationalen Unheilstifter und Sensationsblätter, die ver heßend wirkten.
Für den Empfang des englischen Ostsee- Geschwader: haben die städtischen Behörden von Swinemünde ein stimmig einen Betrag von 3000 Mark bewilligt. Die vor Swinemünde aus verbreitete Meldung, daß ein Beschluß des Magistrats gefaßt worden sei, jede Ausgabe für diesen
Zwed abzulehnen, wird als erfunden bezeichnet. Es sind weder Anträge in dieser Richtung gestellt, noch Beschlüsse gefaßt worden.
* Für die Expedition nach Deutsch- Ostafrika stellte das in Kiel garnisonierende erste Seebataillon die Offiziere Hauptmann v. Schlichting als Befehlshaber, Oberleutnant Sticler v. Heydekamp und den Leutnant Engelbrecht. Das in Wilhelmshaven garnisonierende zweite Seebataillon stellte Frhrn. v. Stengel und Leutnant v. Milchewski. Eine Waschinengewehrabteilung mit vier Geschüßen, sowie Sanitätsund Zahlmeisterpersonal begleiten die Expedition. Die Ankunft der Abteilung, die als Marine Feldkompagnie v. Schlichting bezeichnet wird, an der ostafrikanischen Küste wird gegen den 10. September erwartet. Die 160 Mann des Expeditionskorps meldeten sich auf einen Aufruf hin freiwillig. Sie gehören sämtlich dem Jahrgang 1904 an. Nach einem Telegramm aus Lindi ließ der Kreuzer„ Bussard" dort den Leutnant zur See Wernecke mit einem Detachement von 12 Mann und einem Maschinengewehr zurück. Der Kreuzer ist gestern früh nach Mikindani gegangen und hat dort ein Detachement, bestehend aus einem Waschinisten und 8 Mann nebst einem Maschinengewehr, zurückgelassen. Gestern abend ging der„ Bussard" nach Kilwa Kiwinje. Im Bezirk Lindi und Mikindani sind keine Unruhen ausgebrochen.
Die Gesamtzahl der Truppen, die in Südwestafrika zurzeit Verwendung finden oder auf dem Wege dorthin sind, bleibt nach neuesten Feststellungen um dreihundertfünfzig Mann hinter dem Sollstand zurück. Eine Verlegung des Budgetrechts des Reichstages hat demgemäß nicht statigefunden. Von mehreren Seiten wird behauptet, es würde an einer Vorlage für die Schaffung eines solonial. heeres gearbeitet.
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Der in Straßburg i. E. tagende Deutsche Katholikentag sandte an den Papst und den Kaiser Huldigungs- Telegramm ab. Der Kaiser ließ durch ein Telegramm an den Präsidenten des Katholikentages danken. Der Papst hatte seinen Segen gespendet. In der ersten geschlossenen Generalversammlung wurde die Papstfrage behandelt und ein Antrag angenommen, der die volle Freiheit für den Papit verlangt und zu reichlicher Unterstützung des Peterpfennigs auffordert. In der ersten öffentlichen Versammlung sprach Abg. Gröbek über die Quellen und Segnungen des religiösen Lebens, in dem er sich auch gegen die Ehescheidungen und gegen die Frauen- Emanzipation wandte. Prälat Erhardt- Straßburg behandelte die Bedeutung des Papsttums für Religion und Kultur.
Norwegen.
** Die norwegische Regierung hielt eine Konferenz in der Unionsfrage ab. Die Regierung machte sich dahin schlüssig, man müsse auf die Anfrage der schwedischen Regierung entgegenkommend antworten, indem man Schweden ersuche, die Aufhebung der Reichsakte anzunehmen und durch Verhandlungen zu einer ersprießlichen Lösung der Unionsfrage mitzuwirken.
Frankreich.
** Der französische Gesandte Taillandier hat in Marokko eine Note überreicht, in der die Freilassung des gefangen genommenen algerischen Hauptmanns, die Bestrafung des schuldigen Kaids, sowie die Zahlung einer Entschädigung von 2000 Dollars und von noch 100 Dollars für jeden weiteren Tag der Verhaftung gefordert wird. Man will wissen, daß die französische Regierung, falls nicht sofortige Befriedigung gewährt wird, eine bedeutsame Demonstration madien wird, die entweder in der Besetzung eines Bunktes an der algerischen Grenze oder in einer Flottendemonstration vor einem maroffanischen Hafen bestehen soll. Die diplomatischen Kreise sind überzeugt, daß der Sultan sogleich Befriedigung versprechen wird. Minister Nouvier hat den Signatarmächten des Madrider Vertrages Mitteilung von diesem Vorgehen gemacht.
Für die bevorstehende Präsidentenwahl ordnete die Regierung die Instandsetzung des Palastes in Versailles an, in dem am 18. Januar 1906 der Nationalfongreß den neuen Präsidenten wählen wird. Rufeland.
** Sofort nach Verkündigung der Verfassung nehmen die Verhaftungen hervorragender Persönlichkeiten ihren Fortgang. In der Sommerfrische Udelnaja wurden im Hause des Professors Miljukow zehn Personen, meist Ingenieure und angesehene Schriftsteller, verhaftet und in Einzelhaft gesetzt. Alle sind Liberale von gemäßigster Färbung. Als Grund wird angegeben, daß die Verhafteten verdächtig seien, einen Wahlfeldzug für liberale Kandidaten zur Duma vorbereitet zu haben. Die Verhaftungen erregen allgemeines Aussehen und sind geeignet, den Wert der Verfassung vollends herabzusetzen. In Moskau mußten auf Befehl der Polizei sämtliche Hausbefizer anläßlich der Verkündigung des kaiserlichen Manifestes ihre Häuser illuminieren. Unter den Kosaken greift die gegen die Heranziehung zum Polizeidienste gerichtete Stimmung um sich. Auch die uralischen und sibirischen Rosaken wollen nichts mehr davon wissen.


