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Nr. 46.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreife Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Big. Reklamen die Betitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 23. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Finis Poloniae.

Seit sechs Wochen ist das westliche Rußland, der ganze russische Teil des ehemaligen Königreichs Polen in hellem Aufruhr. Die Arbeiterschaft ist ausständig und bleibt es, trotz aller militärischen Drohungen und obwohl es an bluti­gem Eingreifen der Staatsgewalt nicht gefehlt hat.

In diesen sechs Wochen ist nichts, absolut nichts geschehen, was der aufrührerischen Bewegung auch nur den leisesten spezifisch polnischen Anstrich gegeben hätte. Was in War­schau, in Lodz, in Sosnowice geschah, das vollzog sich in den gleichen Formen auch in Odessa, in Kiew, in Baku. Ueberall regte sich nur die Arbeiterschaft, und nur Arbeiterforderungen trug sie vor. Nicht ein einziges Mal wurde bei Umzügen. Demonstrationen, Lärmiszenen, die polnische Fahne geschwun­gen; nicht ein einziges Mal ließ sich das polnische National­lied vernehmen noch ist Polen nicht verloren".

Das ist eine ungemein auffallende Erscheinung, nament­lich wenn man in Betracht zieht, daß der polnische Charakter nichts weniger als stumpf, daß er im Gegenteil sehr leicht erregbar ist. Wenn troß dieser Erregbarkeit der Polonismus in Rußland sich nicht regte, unter den andauernden Aus­nahmezuständen, bei dem Ansturm gegen die Autorität der russischen Behörden kein Lebenszeichen gab, so mußte er tot sein, wirklich tot. Daß die Bewegung von der Arbeiter­schaft ausgegangen, wäre für die Polen kein Grund ge­wesen, sich von ihr fernzuhalten. In früheren Zeiten hätten sie jeden Vorwand willkommen geheißen und benußt, um zu den Waffen zu greifen, die Sensenmänner aufzubieten und mit diesem Aufgebot gegen die Russen zu marschieren.

Erst jetzt, in weitem Abstand, gibt der Polonismus in Rußland ein schwaches Lebenszeichen, und dieses Lebens­zeichen geht nicht von den Erwachsenen, sondern von den Kindern aus. Schulknaben und Schulmädchen sind es, die ploßlich die polnische Nationalfahne ausgepflanzt und die Forderung nach polnischen Schulen mit polnischem Unter­richt gestellt haben. In Warschau wurde das erste Beispiel gegeben, in anderen Städten fand das Beispiel Nachahmung, und jetzt sind alle polnischen Landgemeinden in dem gleichen Berlangen einig. Die Bauernschaften weigern sich, ihre Kin­der in die nichtpolnischen Schulen zu schicken. Bei den Gym­nasien und Mittelschulen hat das angefangen, in den Volks­schulen ist es fortgesetzt worden. Es ist, als hätte der pol­nische Nationalismus unter den Erwachsenen geschlafen, als hätte erst die Jugend ihn wieder aufgeweckt. Jetzt sind alle. Gymnasien und Realschulen in Russisch- Polen, soweit fie nicht ausschließlich von orthodoren Russen besucht werden, behördlich gesperrt worden.

Wer die Verhältnisse in ganz Westrußland und somit auch in Russisch- Polen in ihrer Entwickelung beobachtet hat, der tonnte wahrnehmen, wie die behördliche Unterdrückung des Bolentums unterstützt und erleichtert wurde durch die soziale Bewegung, die nationale Interessen kaum fennt und jeden­falls nicht betont. Andererseits wurde der sozialen Be­wegung und Propaganda die Arbeit dadurch sehr erleichtert, daß die nationalen Interessen und Bestrebungen niedergehal­ten und an jedem Ausdruck gehindert wurden. Die gewalt. same Russifizierung fämpfte gegen den Polonismus, und der Sozialismus war der dritte, der sich freute und den Ge­winn davontrug. Daher fing jezt in den Städten der Polo­nismus zuerst bei der Jugend der Bessersituierten sich zu Tegen an, bei den Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, wäh­rend auf dem Lande, wo der Sozialismus unter den Er­wachsenen nicht so leicht Eingang findet, die Eltern es waren, die auf ihr Polentum sich zu besinnen begannen.

In den preußischen Gebieten des weiland Königreichs Bolen hat eine ganz ähnliche Entwickelung stattgefunden, die nur noch nicht so weit gediehen ist, wie jenseits der rus­fischen Grenze. Auch auf der deutschen Seite will der Sozia­lismus bei den Bolen wie überall den Nationalismus erschlagen. Der Reichstagsabgeordnete Korfanty, der Mit­glied der polnischen Fraktion ist, tut die Arbeit der Polen­feinde, und die Polen merken es nicht. Sie spüren nicht, daß fie bei uns auf derselben Bahn sich bewegen, die sie in Ruß­Jand bereits zurückgelegt haben, und auf deren Weiser das Wort Kosziuskos als Inschrift steht: Finis Poloniae!

-

Der Krieg in Oftalien.

Während in Petersburg verlautet, daß eine große Schlacht am Schaho im Gange sei; während aus Tokio be­richtet wird, daß eine große Seeschlacht nahe bevorstehe, da das Geschwader Kamimuras sich bereits in den indischen Gewässern befinde und der Flotte Roschdiestwenskys auf­lauere während so alles darauf zu deuten scheint, daß der Krieg mit voller Energie weitergeführt wird, verdich­ten fich die Friedensgerüchte, die seit einigen Tagen in Lon­don fursierten, zu greifbarer Gestalt. Der Friede soll in naher Aussicht stehen und das Reutersche Bureau ist bereits in der Lage, die russischen Friedensvorschläge Punkt für Punkt aufzuführen. Es behauptet, daß die Frage des Friedens vom Kaiser Nikolaus nicht allein formell

erörtert, sondern daß man sich über die Bedingungen, auf Grund deren Rußland zum Friedensschlusse bereit sei, tat­sächlich wie folgt geeinigt habe:

1. Korea soll unter japanische Suzeränität kommen; 2. Port Arthur und die Liautunghalbinsel an Japan abgetreten werden;

3. Wladiwostok als neutraler Hafen nach dem System der offenen Tür erklärt werden;

4. die chinesische Ostbahn unter eine neutrale inter­nationale Kontrolle gestellt und

5. die Mandschurei bis Charbin hinauf als integrie­render Teil des chinesischen Reichs zurückgegeben werden. Ein Londoner Blatt weiß auch bereits die japanischen Gegenvorschläge zu nennen, die außer den obigen Punkten noch die Rückgabe der Insel Sachalin an Japan und die Zahlung einer Kriegsentschädigung enthalten. In der letz­teren Frage sollen sich Schwierigkeiten offenbart haben. Doch glaube man in Petersburg nicht, daß diese unüberwindlich seien. Obwohl es sehr gut möglich ist, daß Rußland eine weitere Schlacht wagen wird, ehe man zur Entscheidung ge­langt, hält man doch an der Meinung fest, daß angesichts den der inneren Lage und der enormen Schwierigkeit, Krieg fortzuführen, der Friede auf Grund der oben skizzierten Bedingungen abgeschlossen werde, wenn es gelingt, die Ent­schädigungsfrage innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums zu ordnen.

Was Wahres an der Sache ist, muß sich ausweisen. Der japanische Gesandte in London, Baron Hayashi, er­klärte, daß ihm keine Nachrichten vorlägen, die auf einen nahe bevorstehenden Friedensschluß hindeuteten. Der Ge­sandte betonte, daß von Japan sicher keine Einleitung zu Friedensunterhandlungen zu erwarten sei.

Ruffifche Kronkabbalistik.

Petersburg, 21. Februar. Großfürst Paul Alexandrowitsch, der verbannte jüngste Oheim des Zaren, ist begnadigt, in Aemter und Würden wieder eingesetzt und in die Heimat zurückgekehrt. Heute ist er auf dem Wege nach Zarskoje- Selo durch Petersburg gekommen. Der Großfürst, der im Ruf des Liberalismus steht, weil er infolge seiner nicht standesgemäßen Ehe in Ungnade gewesen und von Paris aus nicht wohl an der Groß­fürstenpolitik teilhaben konnte, ist schon einmal der Gegen­stand allgemeiner Aufmerksamkeit gewesen. Er konnte nichts dafür. Es war vor vierundzwanzig Jahren, unmittelbar nach der Ermordung Zar Alexanders II., zu jener Zeit kol­porlierte man hier die seltsamsten Gerüchte, auch kabba­listische Prophezeiungen. Eine von diesen beschäftigte sich; mit dem Großfürsten Paul und sagte dem damals Einund­zivanzigjährigen voraus, daß er seine fünf älteren Brüder überleben und die Krone seines Vaters erben werde.

Kabbalistisch war die Prophezeiung insofern, als sie sich auf Wort- und Zeichendeutungen stüßte. Die fünf ältesten Söhne des Zaren Alexander II. einschließlich des als Thronfolger verstorbenen Erstgeborenen waren

Nikolaus, Alexander

Biaormu,

Alexis, Sergius.

Stellt man die Anfangsbuchstaben dieser fünf Namen vorwärts und rückwärts zusammen, so erhält man die drei russischen Worte: Na was sawan", und deren Bedeutung ist: ,, leber euch das Leichentuch". Hieraus hatte der Aber­glaube die erwähnte Prophezeiung gemacht, nach der nur der sechste Sohn, Großfürst Paul, übrigbleiben sollte. Einst­meilen ist dem Zaren Alexander II. der dritte Alexander und diesem Nikolaus II. gefolgt, und zwischen dem regierenden Zaren und der etwaigen Thronanwartschaft des Großfürsten Paul stehen außer dem kleinen Thronfolger ein Bruder des Baren und die Großfürsten Wladimir und Aleris mit ihren Söhnen. Bei dieser Gelegenheit mag erwähnt sein, daß es eine Hofpartei gibt- an ihrer Spiße der wieder einmal sterbensfrank gesagte Generalprokureur des heilig dirigie­renden Synod Pobjedonoszew die dem Großfürsten Wla­dimir die Thronfolgeberechtigung bestreitet, weil die Groß­fürstin Marie Paulowna, geborene Herzogin von Mecklen­burg, Gemahlin des Großfürsten Wladimir, nicht zur ortho­doyen russischen Kirche übergetreten ist, ihre Kinder also Kin­der einer unbefehrten Regerin" sind. Marie Paulowna ist seit vierzehn Jahren die einzige nichtorthodore Groß­fürstin. Die Witwe des jetzt ermordeten Großfürsten Ser­gius ist im April 1891, nach siebenjähriger Ehe, zur russischen Kirche übergetreten.

Daß die Berufung des Großfürsten Paul nach Moskau einen Umschwung in der Politik einleiten soll, wird von Op­timisten geglaubt, von minder Vertrauensseligen bestritten. Einstweilen wird man gut tun, die Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Soll ein Wandel eintreten, so wird er zu­nächst durch einen Wechsel in den leitenden Beamtenstellen sich ankündigen. Dem Präsidenten des Ministerkomitees Herrn v. Witte ist wiederholt nahegelegt worden, einen maßgebenden Posten zu übernehmen. Er hat bisher immer abaelehnt. Daraus geht hervor, daß er nicht geglaubt hat,

der Einfluß der Großfürsten werde ihm gestatten, in irgend einer Stellung wirklich die Politik durchzuführen, die nach seiner Auffassung die richtige ist. Sollte er jegt, nach dem Ableben des Großfürsten Sergius, anderer Meinung sein, so wird er wahrscheinlich nicht unterlassen, die ablehnende Haltung aufzugeben und sich dem Zaren zur Verfügung zu stellen. Sein Sturz war das Werk des Großfürsten Ser­gius. Wird er jetzt Reichskanzler, so darf man glauben, daß eine Zeit der Reformien anbricht.

Die Dolitik.

Auf dem Umweg über London erfährt man von einem angeblichen Heiratsprojekt im Hohenzollernhaus. König Alfons von Spanien soll sich um die jetzt 13jährige jüngste Tochter Kaiser Wilhelms Prinzessin Viktoria Ruise beworben haben. Die Eheschließung soll natürlich noch auf sich warten lassen. Der Ueber­tritt der Prinzessin zur katholischen Religion sei Der borausgesetzt. Kaiser habe seine Zustim= mung zu dem Eheprojekt gegeben. Natürlich sind das Fabalaien. Heutzutage werden Prinzessinnen nicht mehr mit 13 Jahren verlobt. Auch sonst liegt nicht der geringste Grund zu der Annahme vor, König Alfons werde bei der Wahl einer Lebensgefährtin über den hierbei traditionell borgeschriebenen Kreis hinausgehen.

Ein deutscher Studentenstreif ist etwas ungewöhnliches. Derartige Bewegungen galten bisher für eine russische Eigentümlichkeit. Jezt aber haben wir einen solchen in Han­nover an der polytechnischen Hochschule. Dort haben 900 Studierende erklärt, daß sie die Vorlesungen nicht mehr be­suchen wollen, bis das Disziplinarurteil, das den Kommili­tonen Heile relegierte, zurückgenommen sei. Heile war der Führer der Studentenschaft in der Verfechtung der akade­mischen Freiheit. Nachdem Ministerialdirektor Dr. Althoff im Abgeordnetenhaus versichert hat, daß er nicht daran denke, so wenig wie der Minister, die akademische Freiheit anzutasten, daß in diesen Beziehungen nur Mißverständnisse obgewaltet hätten, und daß das Ministerium mit der Rele­gierung des Studenten Heile gar nichts zu tun habe, darf man hoffen, daß Aufklärung und Verständigung nicht lange auf sich warten lassen werden. An einer Amnestie wird es dann auch nicht fehlen. Die Verständigungsverhandlungen sind bereits im Gange.

Oefterreich- Ungarn.

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W Der derzeitige Rektor der Wiener Universität, Hof­faplan Schindler, hatte vor einiger Zeit, wie erinnerlich, fie einige Studenten wegen ungebührlichen Verhaltens dis­waren gewaltsam ins Rektorzimmer eingedrungen ziplinarisch bestraft. Da der Vorfall in Zusammenhang mit den Kundgebungen wegen der Innsbrucker Vorkommnisse stand, hatte man in studentischen Kreisen in dieser Maß­regelung eine deutschfeindliche Handlung gesehen. Jetzt sind 60 Studenten auf den wunderlichen Einfall gekommen, den Rektor dadurch zu ärgern und gewissermaßen zu strafen, daß sie ihren Uebertritt zum Protestantismus erklärten.

Russland.

Die Ausstandsbewegung unter den Eisenbahnangestc­ten greift um sich. Die Moskau- Woronesch- Eisenbahn hat den Verkehr eingestellt, in Warschau und auf fast allen Stationen Russisch- Polens herrscht Petroleum- Mangel, weil der Ver­lehr auf den Südwestbahnen aufgehört hat. Auch bei der Wladikawskasbahn hat ein Ausstand begonnen. Am Mitt­moch( 22.) früh 9 Uhr konnte der von Preußen kommende Güterzug in Sosnowice nicht zur Weiterbeförderung ange­nommen werden. In Warschau fonnte um 12½ Uhr der fahrplänmäßige Zug nach Wien nicht abgehen. Zwischen Sos­nowice und Dombrowska waren die Schienen der Haupt­strecke aufgerissen. Demzufolge entgleiste ein Güterzug, der von Ausständigen geplündert wurde.

Der Ernst der Lage wird daraus erkennbar, daß der Eisenbahnminister auf Befehl des Zaren angeordnet hat, es sollten unverzüglich alle Forderungen der Arbeiter an den Staatsbahnen bewilligt werden.

Als Grund für diese auffallende Nachgiebigkeit mag an­gesehen werden, daß die beabsichtigte und bereits vorbereitete Mobilisierung in Warschau wegen der dort herrschenden Zu­stände hat aufgegeben werden müssen.

Der Pope Gapon, der am, blutigen Sonntag" die Arbeiter in Petersburg zum Winterpalais geführt, ist heil nach London entkommen und hat von dort aus an die Ar­beiter Rußlands eine Aufforderung gerichtet, mit Dynamit und Bomben vorzugehen und Schrecken zu verbreiten.

Balkan- Staaten.

A Nachdem das serbische Ministerium Baschitsch sich mit der Partei der Königsmörder solidarisch erklärt hat, glaubt es hinreichenden Anspruch auf Kredit gewonnen zu haben. Finanzminister Dr. Patschu hat sich nach Wien begeben, um eine Anleihe zu kontrahieren. Vorsichtshalber hat er sich ein Rundreisebillet nach Berlin und Paris genommen.

Türkei.

Die Pforte sieht sich in der Notwendigkeit, den fich vorbereitenden Aufstandsversuchen in Mazedonien entgegen­zutreten. Sie besetzt zahlreiche militärisch wichtige Punkte.