Brüderlein und Schwesterlein.
- Ein Ostermärchen.
Wege eine alte Frau sitzen. Sie hatte sich ganz in ihre faltigen Gewänder eingehüllt, nur die dürren Arme und das faltige Gesicht blickten unheimlich hervor. Die Kinder wollten sich ängstlich zurückziehen, aber die Alte rief sie zu sich. Da wagten Edelrich und Velleda nicht zu widerstehen und traten zagend an die Zauberin das war die Alte heran.
Diese faßte zunächst die Hände der kleinen Velleda und sagte:„ Kind, du kannst einer alten Frau einen Liebesdienst erweisen! In meiner Hütte unter dem Eibenbaum am Opferstein hab' ich eine kleine Büchse mit heilkräftigen Tropfen stehen lassen, deren ich zu meiner Stärkung bedarf. Geh,
Tief im deutschen Walde versteckt lag der stattliche Hof eines freien germanischen Kriegers. Zwei liebliche Kinder waren sein und seiner treuen Gattin Herzensfreude. Edelrich und Velleda, so hießen die beiden Kleinen, erwiderten herzlich die Liebe der Eltern, aber fast noch inniger waren sie einander in zärtlichster Geschwisterliebe zugetan. Sie spielten und kosten den ganzen Tag zusammen; was Edelrich wollte, das wollte auch Velleda, was Velleda vorschlug, damit war auch Edelrich einverstanden. Edelrich suchte imhole sie mir!" Walde die schönsten Blumen, die süßesten Beeren, welche er Velleda schenkte, und Velleda suchte in der Quelle die niedlichsten Steine, weiße und rosarote, welche rund wie Vogeleier waren, um sie Edelrich zu schenken. Velleda aß die süßen Beeren und schmückte sich mit den schönen Waldblumen, und Edelrich übte sich mit den runden bunten Steinen im Werfen. So flossen den beiden die ersten Kinderjahre dahi.
Als Edelrich zehn und Velleda neun Jahre alt geworden war, mußten sie hinaus in den Wald und die Schafe des -Vaters hüten. Edelrich trug dabei einen Kittel von Lämmerpelz, ein rundes Fläschchen mit wildem Birnmost an der Seite und einen Hirtenstab in der Rechten; Velleda hatte ein Röcklein, ebenfalls von Lämmerpelz, und eine wilde Epheurante fränzte ihr Goldhaar. Als sie eines Tages tiefer denn je in den Wald gedrungen waren, sahen sie am
Osterspaziergänge.
Frei nach Goethes" Faust".
Von O. Qua a§.
Spaziergänger aller Art ziehen hinaus ins Freie.
Einige junge Burschen:
Wohin nun heut am ersten Feiertag?
Erster Bursche:
Nach Gleiberg ich am liebsten gehen mag.
Zweiter Bursche:
Warum nach Gleiberg? Wo der Wald wird schön. Dritter Bursche:
Laßt nach dem Schiffenberg uns lieber gehn. Vierter Bursche:
Ja, durch den Wald, da bin ich auch dabei. Fünfter Bursche:
Als ob es auf der Haardt nicht schöner set. Andere Burschen:
Da wüßten wir wohl noch manch besseren Ort Nach Heuchelheim zur Mühle gehen wir, Es find auch immer hübsche Mädchen dort Und giebts auch stets das beste Bier.
Dienstmädchen:
Kommt ihr nur mit, ich weiß fie schon zu finden, Sie wollten heute nach der Mühle gehn, Und warten wohl schon lange bet den Linden, Gleich müssen wir sie dorten stehen sehn.
3weites Dienstmädchen: Wenn du mir nur gewißlich könntest sagen Ob auch der Meine bei den Linden steht?
Erstes Dienstmädchen:
Da brauchst du gar nicht lange erst zu fragen, Ich weiß, daß er stets mit den andern geht. Bürgerssohn:
Nun wollen wir hinaus in die Natur, Auf stillem Pfad soll uns die Liebe führen, Und woll'n uns freuen, wie sich Feld und Flur Mit frischem Grün und neuen Blüten zieren. Dort, wo der Bach geschwäßig seinen Lauf Bom Bergeshang ergießt zum Wiesengrunde, Du blühen jetzt die ersten Veilchen auf Und Himmelschlüssel sprießen in der Runde. Dort laßt uns weilen, und mit frohem Sinn Will ich zum Strauß des Lenzes Boten pflücken, Um meines Herzens holde Königin Wie eine Frühlingsgöttin reich zu schmücken. Bürgermädchen:
Wie lieb du bist. Sieh alles um mich her Däucht mir viel schöner als in früh'ren Tagen, Als ob der Sonnenschein viel goldner wär. Als ob im Busch die Finken fröhl'ger schlagen; Als ob ich solche Blumenpracht noch nie geseh'n, So füßer Duft fam mir noch nie entgegen, Den Hauch des Lenzes fühlt ich nie so schmeichelnd weh'n Als ich allein hier wandelte auf diesen Wegen. Mir ist so froh zu Sinn, und wieder, ach, so bang Mein Herz fühlt sich beglückt, und wieder dann bedroht-
Bürgerssohn:
Das ist die Liebe, die dein Herz bezwang, Der sehnenden Minne süßseltge Not. Doch, scheuch die Bangigkeit von hinnen In meinen Armen flieht dich alles Leid,
Mag auch der Lenz mit seiner Bracht verrinnen,
Uns bringt die Liebe ew'ge Frühlingszeit.
Dein Anblick gab erst meinem Leben hohen Wert,
Mit Algewalt zog es zu dir mich hin, Mir ist des Lebens höchstes Gut beschert Da ich durch dich so reich, so glücklich bin. Bürgermädchen:
Ich liebe dich.
Erster Bürger:
Ja ja, man sieht's, es geht doch frisch voran,
Es wächst die Stadt, und dehnt sich in die Weite,
Dies war aber eine Unwahrheit. Die Zauberin wollte nur die Kinder, eines nach dem andern, entfernen, um sich ungestört der Schafe bemächtigen zu können.
Gern wollte ich Euch den Dienst erweisen," antwortete Velleda, aber ich verlasse meinen lieben Bruder nimmermehr, nein, ich lasse ihn nicht allein im Walde zurück, wo wilde Tiere sein Leben bedrohen könnten."
" Dann wird dein Bruder barmherziger sein, als du," erwiderte die Zauberin mit zornblitzenden Augen. Nicht wahr, Knabe, du wirst mir das Gefäß mit den stärkenden Tropfen aus meiner Hütte holen?"
,, Verzeiht, wenn ich Euch die Bitte nicht erfüllen kann," antwortete Edelrich freimütig; ich darf mein liebes Schwesterchen nicht allein im Walde lassen, wir trennen uns nimmermehr."
Und unser Bürgermeister ist der rechte Mann, Auch tüchtige Männer stehen ihm zur Seite. Wenn jeder sich gewärtig seiner Pflicht, Und freudig trägt des Amtes schwere Bürde, Dann wäre es ein Wunder, wenn es nicht Gerade so, und etwa anders würde. Doch ist es nicht die hohe Obrigkeit allein, Der Bürger ist's, der greift mit festen Händen In des Getrieb's verschlungne Fäden ein, Um flüglich sie zum rechten Ziel zu wenden. Zweiter Bürger:
Ihr garstigen Kinder!" Freischte die Alte. Wenn i euch denn so sehr liebt, so sollt ihr ewig als Geschwister einander bleiben. Seht, ich verwandle euch in eine W blume, die zwei Blüten an einem Stamme trägt!"
Nunmehr berührte sie die erschrockenen Kinder mit ihre Zauberstabe. Sofort schrumpften die Kinder zusamme sie wurden kleiner und kleiner, bis sie nur noch eine Spa groß waren. Ihre Füße waren in ein grünes Stämme ihre Arme und Hände in zerschlißte grüne Blätter vert delt; auf dem Stämmchen aber saßen zwei gelbe Blümde
Die Zauberin stieß ein höhnisches Gelächter aus. Gr mal in jedem Jahre," sagte sie grimmig, wenn die Göt Ostara die Kräuter zu neuem Leben weckt, sollt ihr auf Erde zurückkehren und den Menschen das Bild der tre Geschwister vorführen. Dann aber sollt ihr wieder in schwarze Erde zurückſinken!" Nachdem die Zauberin so sprochen hatte, bemächtigte sie sich der Schafe und trie tief hinein in den dunklen Wald, wo die Zweige hinter Herde und der bösen Zauberin zusammenschlugen.
Wer aber in der Osterzeit hinauswandelt in Feld Flur, der kann Edelrich und Velleda in ihrer verwandel Gestalt erblicken. Die gelbe Osterblume zeigt im Gegen zu ihren Schwestern aus der großen Familie der Anemone an der Spize ihres Stengels je zwei Blüten, die geschwiste lich nebeneinander stehen, über den feinen dreifach gespal tenen Blättern. Die Blüten aber sind goldgelb wie di Teutonenköpfchen Edelrichs und Velledas, ja im Kelche jede Blume ist das schimmernde Flachshaar noch als goldene Büschel zu schauen.
Zu neuem Leben ist der Mensch erwacht, Wie fann er besser wohl den Schöpfer preisen, Als für die neugeschenkte Frühlingspracht Sich herzlich froh und dankbar zu erweisen. Wagner:
Von Dankbarkeit wird man wohl wenig finden, Wohl sind sie froh, jedoch im andern Sinn, Der Eine will der Liebsten Sträuße winden, Der Andre eilt zum Tanz begierig hin. Die Mädchen tragen stolz zu aller Schau Die neuen Hüte und die neuen Kleider, Es spreizt sich jede wie ein eitler Pfau Und danten ihre Schönheit meist nur ihrem Schneider. Manch' hübsches Lärbchen ist ja auch dabei, Das weiß man und versteht zu profitieren, Kommt ihnen dann ein junger Bursch vorbet, Da gibt's ein Schäfern und ein Kokettieren. Sie sind des Tands und Spieles nur beslissen,
Da habt ihr recht, und um des Ganzen willen Sei jeder nur bemüht, an seinem Ort Zum eignen Wohl die Pflichten zu erfüllen, Dann bringt er auch das Ganze fcäftig fort, Seht jenen Baum, in ungezählter Dienge Treibt er die Wurzeln in der Erde Schooß, Und alle diese weitverzweigten Stränge Gemeinsam machen sie den Baum erst stark und groß. Von ernsten Dingen wollen sie nichts wissen. Jedwede Wurzel sucht die Lebenssäfte Auf eignen Weg geschäftig anzuzieh'n Und alle führen die erlangten Kräfte Nach einem Ziele zu dem Stamme hin;
Der wächst und treibt dann Aeste, Blätter, Blüten, Und aus den Blüten reist die süße Frucht, Doch wenn nicht unten sich die Wurzeln mühten Ihr wohl vergebens nach den Früchten sucht. Drum, wenn die Bürger sich geschäftigt rühren Muß es zum Wohl und Wachsen der Gemeinde führen. Dritter Bürger:
Herr Nachbar, ja, das Gleichnis stimmen mag, Doch kann die Frucht nur in der Sonne reifen Wenn Sturmgebraus und böser Hagelschlag Nicht vorher sie wird von den Zweigen streifen. Drum ist es gut, daß in dem deutschen Land Ein Fürst regiert mit flugbedächt'gen Walten, Der stets bestrebt, mit startbewährter Hand Dem Volke Ruh und Frieden zu erhalten. Dann mag im fernen Asien der Kriegsgott dräuen Wir wollen uns hier unsrer Früchte freuen. Ein Arbeiter:
Aus dumpfer Werfstatt treibt es mich hinaus Im Frühlingssonnenschein die Brust zu weiten, Wie kcaftverzehrend ist des Lebens harter Strauß Und wie verderblich ist das ew'ge Streiten. Hier fühle ich, daß ich ein Mensch noch bin, Dort drinnen aber bin ich nur Maschine; Ein anderer schöpft reichlich den Gewinn Den ich allein mit saurem Schweiß verdiene. Zweiter Arbeiter:
Das ist nun deine alte Litanei, In deinem Hasse bist du ewig blind; Mach dich von deinem Vorurteil doch fret Und sieh die Dinge, wie sie wirklich sind. Sett jener nicht sein Alles wagend ein Mit seinem Wissen und mit seinem Gelde? Was täte wohl der Hände Kraft allein Wenn nicht der Geist sich helfend zugesellte? und sich ergänzen in harmonischen Gestalten, Zusammenwirken müssen Geist und Kraft Der eine sorgt und denkt, der andre emsig schafft, So muß ein jeder seines Amtes walten. Nicht jener ist des kleinen Mannes Freund, Der ihn zum steten Stampfe hezt und schürt, Indem er vorgiebt, daß er's ehrlich mit ihm meint Von seinem Gelde nur ein freies Leben führt.
Faust:
Es ist der Jugend gern gegönntes Recht Mit heiterm Sinn das Leben zu genießen, Nur wer des Mißmuts grämlich finst'rer Knecht Den kann das lebensfrohe Bild verdrießen. Das ist des Alters föstlichster Gewinn Der eignen Kindheit freudig zu gedenken Sich teilnahmsvoll verstehend zu versenken. Und in der Jugend engbegrenztem Sinn Gar früh genug kommt dir des Lebens Ernst, Wie auf den Frühling folgt des Sommers Glut, Dann kommt die Zeit, da du erkennen lernst, Was oft am Schönsten ist nicht immer gut. Manch schöne Blüte wird im Lenze dich entzücken Wenn sie von ungefähr dein Auge trifft, Doch willst du ihre Frucht im Herbste pflücken Dann findest du, daß sie ein tötlich Gift. Doch laß uns reden nun von ernst'cen Dingen, Sie machen mir das Herz so bang und schwer; Indeß bei uns die Festtagsglocken flingen Tönt aus der Ferne Kriegsgetöse her. Im fernen Süden kämpfen uns're Brüder Im Sonnenbrande gegen wilde Barbarei, Im Osten geht die Macht des Zaren nieder Und viele trifft das tötlich sichre Blei. Da weicht die Menschenliebe fürchterlichem Hasse Und reiche Ernte hält der Schnitter Tod, Vom wilden Ningen, Rasse gegen Nasse, Färbt sich das weite Schlachtfeld blutigrot. Wann wird auch dort die Frühlingssonne scheinen? Statt Kriegslärm tönen Feierglockenklang? Kann keine Macht die Gegner wieder einen, Daß auch dort draußen töne Friedenssang? Die frohe Botschaft werde allen Landen, Die uns im Herzen freudig widerklingt: Christ ist erstanden, ja, er ist auferstanden, Daß er der Menschheit Heil und Frieden bringt!
Verantwortlich: für die Politik und den Inseratentell Albin Klein, für den übrigen Inhalt: Georg Horn, beide in Gießen.
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Glaub' mir, im Guten läßt sich oftmals mehr erringen, so rasch wie möglich für die Monate Mai und Juni die Nicht jeder läßt sich zum Entgegenkommen zwingen.
Faust und Wagner. Faust:
Ein neuer Frühling fam ins Land gezogen Befretend von des Winters eis'gem Bann. Sieh', wie ein Meer mit schaumgefrönten Wogen Steht dort der Bäume Blütenpracht sich an, Wenn sie, vom Lenzeshauche lind gefüßt, Sich rauschend wiegt, wie sanftbewegte Wellen. Und überall, zu jeder Frist
Will neues Leben aus der Erde quellen.
Giessener
Deuesten Dachrichten
und Sie erhalten die bis Ende April erscheinenden Nummern gratis. Das Abonnement tostet mit Trägerlohn monatlich 60 fg.
Unsere Haupt expedition befindet sich
Gießen, Seltersweg 83.
1905.
Wollten doch morgen nachmittag einige Kollegen
ihre
Frauen hinschicken, damit sie den Schatz bewundern sollten. Er schloß den Schrank auf und wunderte sich, daß der Schlüssel steckte; hatte er ihn nicht geschoben?
dede
AUS DEM REICHE
WI
DES
Nr. 95
Samstag, den 22. April


