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Nr. 143.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Mittwoch, den 21. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Reform oder Revolution r

( Eigener Bericht.) Petersburg, 20. Junt Reformversprechungen und revolutionäre Schritte wechseln in Rußland einander ab. Manchmal treffen sie auch zu sammen, und dann hat es den Anschein, als ob die Vertreter der verschiedenen Richtungen nicht mehr dieselbe Sprache sprächen, als ob der Nachbar den Nachbar nicht mehr der

stände. Schlimmer noch als alles Andere ist das freiwillige Mißverstehen, das die Absicht gegenseitiger Täuschung zui Voraussetzung hat.

Der Moskauer Semstwo- Kongreß hat, wie man weiß, eine Adresse an den Zaren gerichtet. Diese Adresse spricht sich mit leidenschaftlichen Worten gegen die verrotteten Beamten und Ratgeber des Zaren, gegen den Despotismus und gegen das selbstherrscherliche Regiment aus. Sie ver langt mit aller Entschiedenheit und beinahe drohenden Tones die Berufung einer Nationalversammlung, die von allen Staatsangehörigen ohne Unterschied und mit gleichem Recht gewählt werden müsse, um über Krieg und Frieden zu ent scheiden und dem Land eine neue Organisation zu geben. Die Adresse schließt mit den Worten: Zögern Sie nicht, Majestät, denn groß ist in dieser Stunde furchtbarer nationaler Prüfung Ihre Verantwortung vor Gott und vor Rußland.

Dem Semstwo- Kongreß wurde bedeutet, daß der Zar seine Vertreter nicht empfangen wolle, daß er seine Adresse, die inzwischen veröffentlicht worden war, auch nicht einreichen solle. Der russische Tchin", die Beamtenschaft, durch die Minister vertreten, und die reaktionäre Großfürstenpartei, gleichfalls durch die Minister vertreten, erachteten es als in ihrem Interesse liegend, den Zaren wissen zu lassen, was der Semstwokongreß, eine Versammlung sehr ruhiger und gemäßigter, zum Teil dem höchsten Adel angehöriger Männer, dachte und wünschte. Doch die gesellschaftlichen Beziehungen und der persönliche Anhang dieser Männer waren zu stark. Zwar nicht die Minister, aber die Hofleute des Zaren er wirkten der Vertretung des Semstwofongresses und der Stadt Petersburg eine Audienz. Die Minister wohnten ihr nicht bei. Doch ihr Geist war anwesend und sprach sich in den Worten aus, die sie dem Zaren als Erwiderung gus die Zunge gelegt hatten und die ein Muster inneren Wider spruchs darstellen.

Der Zar konnte nicht umhin, den patriotischen Sinn der bor ihm erschienenen Vertreter des Semstwokongresses anzu. erkennen, mit ihnen das Kriegsunglück und die Wirrnisse im Inneren zu beklagen. Im übrigen aber lehnte er die Forderungen der Adresse und die Konsequenzen der ihm ge machten Vorstellungen unbedingt ab- nicht mit ausdrück lichen Worten, sondern bloß unter der Betonung der Sou beränität seines entgegengesezten Willens, der unerschütterlich sei. Die Wünsche der Kongreßvertreter tat er mit den ein­fachen Worten ab: Berstreuen Sie Ihre Bedenken!" Eine Standesvertretung will er berufen, nicht weil das Volk es berlangt, nicht weil die Intelligenz es befiehlt, sondern weil sein eigener ,, unerschütterlicher souveräner Wille" es vor­schreibt. Von allgemeiner und gleicher Wahl, von einem gleichen Wahlrecht aller Untertanen des Zaren ist dabei keine Rede. Was die Vertreter des Semstivokongresses in. dieser Beziehung vorzutragen haben, wird gar keiner Er­wähnung für würdig erachtet. Die Zulassung der Erwählten zu den Arbeiten des Staates wird ordnungsgemäß durch. geführt werden", heißt es in der Antwort des Zaren. Wem das noch nicht deutlich genug ist, dem muß die Be merkung die Augen öffnen, daß nach dem Zaren die neue Ordnung der Dinge in einer der ursprünglichen russischen Grundsätzen" entsprechenden Weise eingerichtet werden soll. Damit ist klargestellt, daß der Zar zurzeit mit seinen Ministern und der Großfürstenpartei vollkommen überein­stimmt, daß er nicht daran denkt, den Forderungen der Intelligenz in irgend einem Punkt nachzugeben. Die Volks. bertretung, die er berufen will, soll keinerlei Macht, nur eine beratende, keine beschließende Stimme haben.

Was hier erzählt worden, hat sich am letzten Montag zugetragen. Die russische Regierung sorgte für rascheste Merkwürdigerweise war sie weit weniger Verbreitung. schnell bereit, die Oeffentlichkeit mit einem Vorgang bekannt zu machen, der nicht minder wichtig und beachtenswert war und sich vier Tage früher abgespielt hatte. In Barskoje Sselo haben einige hundert Offiziere eine ge­meinsame Beratung politischer Art abgehalten, in der sie durch das Erscheinen des Generals Rehbinder gestört wurden, der Gehilfe des Großfürsten Wladimir, des Chef­tommandanten des Petersburger Militärbezirks ist. Dieser bezeichnete die Versammlung ungesetzlich und verlangte ihre fofortige Auflösung. Die Versammelten aber verweigerten die Auflösung und erklärten ihrem Vorgesezten, daß sie nicht Polizeioffiziere und Henker sein wollten. General Rehbinder beharrte auf seine Forderung, daß die Offiziere auseinander gingen, und versprach für nahe Zukunft die Berufung einer gesetzmäßigen Versammlung.

Das ist offenbare Revolution, ganz abgesehen von der Gehorsamsverweigerung. Wenn das Militär versagt, wenn die Offiziere selbst mit denen gemeinsame Sache machen, die sich gegen das selbstherrscherliche Regiment wenden auf wen soll sich denn der Zar stützen, um seinen ,, uner­schütterlichen souveränen Willen" durchzusetzen? Wie will

er die Reformen verweigern, die allseitig verlangt werden, und die mit dem ,, russischen Gedanken" nicht vereinbar sind, wie der Zar ihn versteht?

Der Krieg in Oftafien.

Die japanischen Diplomaten zeigen keine besondere Nei gung, die Verhandlungen über den Friedensschluß zu über­stürzen. Wie der japanische Gesandte Takahira dem Präsi­denten Roosevelt mitgeteilt hat, könnten die japanischen Be­vollmächtigten bis zum 1. August in Washington eintreffen. Falls es für Rußland annehmbar sei, könne die Konferenz um diese Zeit zusammentreten. Bis zum 1. August ver­gehen noch sechs ganze Wochen. Bei der erneuten japanischen Offensive gegen das russische Feldheer unter General Line­witsch ist es nicht ausgeschlossen, daß bis dahin die Lage sich noch mehr zu ungunsten der Russen verschoben hat. Eine Zertrümmerung der Macht des an die Stelle Kuropatkins getretenen Generals würde den russischen Bevollmächtigten auch die letzten Trümpfe aus der Hand nehmen.

Die Lage der russischen Feldarmee scheint in Wirklichkeit nichts weniger wie rosig zu sein. Die Gefechte der letzten Tage sind für sie unglücklich gewesen, die Japaner haben wichtige Positionen erobert und Linewitsch war gezwungen, zurückzugehen. Bereits ist Chengchiatun, das große russische Vorratsdepot jenseits der mongolischen Grenze bedroht und die japanischen Heersäulen drängen mächtig vorwärts. Ob die Russen eingeschlossen sind, wie vielfach behauptet wird, kann einstweilen nicht festgestellt werden; jedenfalls darf man von Marschall Oyama nach dem bisherigen Verlauf der Dinge erwarten, daß er seine Ope­rationen mit großer Vorsicht trifft und nach einem genau vorgezeichneten Plane handelt. General Nogi führt wahr­scheinlich eine Umgehungsbewegung wie bei Mukden aus und kann jeden Augenblick im Rücken der Russen auftauchen. Auf dem östlichen Flügel hält Kawamura die Russen im Schach und eine weitere Heeresabteilung der Japaner ist be­strebt, die Verbindung zwischen Wladiwostok und Charbin abzuschneiden. Bei dieser Sachlage fann man den Russen wirklich kein günstiges Prognostikon stellen und wenn nicht noch im letzten Augenblick eine faum zu erwartende Aende­rung eintritt, muß das Zarenreich bei den Friedensverhand­lungen eben flein beigeben. Es erhält sich übrigens das Gerücht, daß außer Nelidow auch Kuropatkin zum Bevoll= mächtigten bei den Verhandlungen mit Japan ernannt sei. Sicherlich aber merden die Sympathien für die russische Sache nicht gestärkt durch die

Greueltaten von Kosaken,

wie sie eben durch englische Kriegsberichterstatter be­fannt werden. Der Vorfall soll das Schlimmste ge­wesen sein, was bisher im Kriege vorgekommen ist. Die Abteilung Kosaken, die ganz unvermutet aufgetaucht war, feuerte zuerst auf kurze Entfernung mehrere Salven auf ein japanisches Lazarett ab und ritt dann mit gezogenem Säbel zum Angriff vor, obwohl die Aerzte und das Lazarettpersonal etwa 300 Mann durch ihre Abzeichen leicht als Zugehörige des Roten Kreuzes kenntlich waren und sich als solche kenntlich zu machen suchten und um Schonung baten. Die Kosaken schlugen wie wild auf das Sanitätspersonal ein und verwundeten viele Personen. Manche der russischen Reiter stiegen sogar ab und wüteten mit dem Bajonett gegen die Wehrlosen, die schreckliche Wunden erhielten. Schließlich wurden die Tragbahren, die Ambulanz- und die Vorrats­wagen mit den Arzneimitteln und Instrumenten in Brand gesteckt und die Schlafräume geplündert. Beim Rückzug schleppten die Kosaken 20 Aerzte als Gefangene mit sich. Es bleibt abzuwarten, was man in Rußland dazu sagen wird. Wenn auch die Nervosität der fortwährend geschlagenen Truppen verständlich erscheint, so darf das doch nicht soweit ausarten, daß zu der kriegerischeu Niederlage auch der voll­ständige moralische Zusammenbruch gefügt wird.

Die Politik.

Die Frage der deutschen Eisenbahn- Betriebsmittel­gemeinschaft wurde in der württembergischen ersten Kammer angeschnitten. Der Minister des Aeußeren Freiherr von Soden erklärte, daß die Verhandlungen über die Betriebs­mittelgemeinschaft in erfreulichem Fortschreiten begriffen seien und über kurz oder lang eine Verständigung erzielt werden dürfte. Vielleicht werde die Betriebsmittelgemein­schaft bereits im Oktober 1906 in Kraft treten können.

Zu der Idee der Lotteriegemeinschaft zwischen Hessen und Preußen wird berichtet, daß eine Konferenz der hessi­schen, thüringischen und preußischen Minister und Finanz­Dezernenten stattgefunden hat. In dem wichtigsten Punkte soll ein Einvernehmen erzielt worden sein.

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Mit der Verwendung vorbestrafter Lente im Justizdienst beschäftigt sich ein Erlaß des preußischen Justizministers.

Der Minister führt aus, es liege keine Veranlassung vor, bestrafte Personen, selbst solche, die eine Freiheitsstrafe er­litten haben, von einer Beschäftigung oder Anstellung im Justizressort grundsäßlich auszuschließen. Es sei vielmehr in jedem Einzelfalle zu prüfen, ob nach der Straftat und der zutage getretenen Gesinnung anzunehmen sei, daß der Be­strafte eine solche Einbuße erlitten habe, daß seine amt­liche Wirksamkeit beeinträchtigt oder das berechtigte Ehr­gefühl der Mitarbeiter verlegt werde.

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Einen bemerkenswerten Beschluß zur Ostmarken­Frage hat der Hauptverein des Evangelischen Bundes in Bosen gefaßt. Danach beabsichtigt der Verein, mit den deutsch- nationalen Korporationen, auch denen der deutschen Katholiken, unter Wahrung seines protestantischen Charak­ters zusammenzugehen.

Die Bekämpfung des Herero- Aufstandes macht weitere Fortschritte. Im Hereroland wurden von den auf die wich­tigsten Orte verteilten Stationsbesatzungen in den letzten Wochen zahlreiche Streifzüge unternommen, namentlich in der Gegend von Waterberg, Owikokorero, Otjihangwe, Epu­firo und in der weiteren Umgebung Windhuks. Hierbei sind insgesamt 120 Sereros im Gefecht gefallen, 572 gefangen acrommen, 60 Gewehre und einiges Vieh erbeutet worden. Das Kaukau- Veldt hatte Hauptmann v. Derben bereits im Mai vom Feinde frei gefunden. Im Nama- Land griff Hauptmann v. Ercfert den 6. Juni am Gamtoap- Revier eine Werft von Hottentotten der Bande Morengas an. Der Feind ließ 4 Tote und 4 Verwundete liegen, diesseits keine Ver= lufte. Die Nachricht, daß Hendrik Witboi auf englischent Gebiet bei Lehutitu size, wird erneut bestätigt.

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Die vielfachen Gerüchte, die über Unruhen im Kame­rungebiete fursierten, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Der als gründlicher Kenner des Kamerungebietes bekannte Hauptmann Dominik, der aus Kamerun in Berlin einge­troffen ist, äußerte seine Ansicht dahin, daß die Verhältnisse in Kamerun nicht anders liegen, als sie überhaunt in den legten zwölf Jahren gewesen sind,

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A In der Marokko- Angelegenheit scheint England einlen­fer: zu wollen, da das offensichtliche Bestreben, Deutschland zu isolieren, feinen Erfolg gezeitigt hat. Von London aus wird bestätigt, daß der französische Botschafter in London, Cambon, nachdem er mit Lansdowne eine Besprechung der marokkanischen Angelegenheit gepflogen, dem Ministerprä­sidenten Rouvier die Versicherung ausgesprochen habe, daß die von dem britischen Vertreter in Fes erklärte Ablehnung der Teilnahme Englands an der vorgeschlagenen Konferenz nicht den amtlichen und bestimmten Charakter hatte, den man ihr zuschrieb, und daß England sich der Haltuna, die Frank­reich in der Konferenzfrage einnimmt, anschließen werde. Das heißt mit anderen Worten, der diplomatische Schachzua, der die Entzmeiung Frankreichs und Deutschlands herbei­führen sollte, ist mißglückt.

Anscheinend sind Erhebungen über Verbesserungen im Gefängniswesen im Gange. Wie ein Berliner Blatt mitzu­teilen weiß, sind an die Gefängnisärzte Rirkulare ergangen, in denen sie befragt werden. welche Verbesserungen sie für Lazarett und sonstige ärztliche Verhältnisse für erwünscht halten.

Oefterreich- Ungarn

Die Errichtung einer neuen deutschen Universität in Mähren beabsichtigt die Wiener Regierung. Bei der Be­ratung des Staatsvoranschlags soll diese Absicht, sowie eine Erweiterung der beiden Universitäten in Prag angekündigt werden. Ein genauer Reitpunkt für die Ausführung der Projekte ist noch nicht bestimmt.

Italien.

Eine ungemein wichtige Encyklika des Papstes über die staatlichen Aufgaben der italienischen Katholiken wird ver­öffentlicht. Sie betrifft die Tätigkeit der christlich- demokrati­schen Katholiken und der Geistlichkeit. Der Papst ermun­tert darin zur Begründung von Volksvereinigungen, um die sich alle anderen katholischen Verbände volkswirtschaftlichen Charakters scharen müßten, und fordert die Katholiken auf, sich an dem öffentlichen politischen Leben zu beteiligen und zwar in einer der christlichen Zivilisation und dem materiel­len Wohl des Volkes dienenden Weise. Der Papst fährt fort, die Kirche werde immer zeigen, daß sie die Fähigkeit habe, sich den der Zeit entsprechenden Bedürfnissen der bürger­lichen Gesellschaft anzupassen. Die Katholiken, die wirt­schaftlichen Vereinigungen angehörten und an öffentlichen Verwaltungen teilnähmen, müßten immer von der Ober­hoheit der Kirche abhängig sein, sollten hingegen, soweit rein weltliche Interessen in Frage fämen, weiteste Freiheit ge­nießen. Der Bapst tadelt sodann diejenigen, die diesen Grundsätzen nicht folgten, und ermahnt die Geistlichkeit, sich von den Parteifämpfen fernzuhalten. Die bürgerliche Be­tätigung der italienischen Katholiken war bisher einge­schränkt durch die bekannte Bulle.Non expedit". die Babft