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Nr. 68.

Busertionspreis: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­fen, die Kreise Wehlar and Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpebition: teßen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 21. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Grattsbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Die Wohnungsfrage.

Der preußische Landesverband der städtischen Haus- und Grundbesitzervereine hat in Berlin getagt und zu dem in par­lamentarischer Beratung befindlichen Wohnungsgesetz Stel­Jung genommen. Der Verband hat an dem Wohnungsgesetz­entwurf manche Ausstellung zu machen und wird diese Aus­stellungen zur Kenntnis des Abgeordnetenhauses bringen, um zu verhüten, daß Bestimmungen Geltung gewinnen, durch die berechtigte Interessen der Haus- und Grundbesizer ge= schädigt werden. In erster Reihe wünscht der Verband, daß die neuen Verfügungen über das Ausmaß an Luft und Licht für die Wohnräume, über hygienische Einrichtungen, die die Anlage von verschließbaren Wasserabgüssen, die Zuteilung bon besonderen Klosets für jede einzelne Wohnung usw. be­reffen, nicht für die bereits vorhandenen Häuser, sondern nur für die neu zu bauenden Kraft erhalten sollen, weil sonst den Hausbesitzern Lasten aufgelegt würden, die eine außer­ordentliche Steigerung der Wohnungsmieten zur Folge haben müßten. Ferner wünscht der Verband, daß bei der Einrichtung der vom Gesetz vorgeschriebenen Aemter zur Beaufsichtigung der Wohnungsverhältnisse die Hausbesizer zugezogen werden möchten, die gern zu ehrenamtlicher Mit­mirfung bereit seien. Eine dritte Beschwerde richtet sich gegen die steuerliche Bevorzugung der Wohlfahrts- Bauber­eine, deren Konkurrenz den privaten Besitzern dadurch nicht weniger fühlbar werde, daß jene Vereine Wohlfahrtszwecke und nicht Erwerb im Auge haben. Endlich werden noch Einwände dagegen erhoben, daß die Anlage schmaler Straßen bindend vorgeschrieben und nicht dem freien Belieben über­lassem werden soll. Diese Vorschrift, mit der das Verbot der Hoch führung der Häuser verbunden ist, schränke die Ver­perming von Grund und Boden zum Schaden der Besitzer unge bührlich ein. Bei alledem wurde von seiten des Ver­band es einhellig betont, daß die Haus- Grundbesitzer eine Verbesserung der Wohnungsverhältnisse mit lebhafteſter Chimpathie begrüßen würden, und daß sie einen Gegensat vischen ihren Interessen und denen der Mieter nicht als bor banden anerkennen.

Man brauchte nichts davon zu wissen, daß in Berlin und ande ren Großstädten die Hausbesitzer als Hausagrarier" und Hausjunker" bezeichnet werden, um aus der obigen Darlegung zu erkennen, daß die wirtschaftlichen Schmerzen der ländlichen und der städtischen Besizer ungefähr die näm­lichen sind und auch ungefähr den gleichen historischen Ur­sprung haben, und daß hier wie dort ihrer Partei die Partei der Verbraucher gegenübersteht.

Die Mietslast ist, namentlich in den großen Städten, zu außerordentlicher Höhe gestiegen. Nicht 10 Prozent, was ein annehmbares Verhältnis wäre, sondern 30 Prozent und darüber von seinem gesamten Einkommen zahlt der kleine Mann für sein Obdach, das noch dazu recht dürftig bemessen ift. Mit anderen Worten heißt das: Der Ertrag von min

destens 100 unter 300 Arbeitstagen gehört dem Wirt. Als der französische Bauer zu Ende des 18. Jahrhunderts dahin gelangt war, ebensoviel Arbeitstage für den Grund­herrn fronden zu müssen, trat die Revolution ein, deren blutigste Erscheinungen nicht in dem Pariser Schreckens­regiment, sondern in den Untaten der Jacquerien", der Bauernaufstände, zu finden sind.

Von 300 Arbeitstagen 100 dem Grundherrn widmen, wie der französische Bauer vor 120 Jahren sagte, oder dem Wirt, wie man heute in den Städten sagt, das ist in der Tat unerträglich. Nur ist der Wirt von heute noch weniger als der Grundherr von damals an der Höhe der Auflage schuld. Der Wirt bekommt sie gar nicht. Er muß sich mit ganz be­scheidener Verzinsung des in seinem Besitz steckenden Kapitals begnügen. Den Hauptteil frißt die Grundrente, deren Höhe von den Grundbesitzern nicht geschaffen, den meisten von ihnen nicht einmal willkommen ist. Das gilt vom städtischen genau so wie vom ländlichen Grundbesitz.

Ob und wie in diese Verhältnisse Wandel gebracht wer­den kann, soll hier nicht erörtert werden. Die Beteiligten müssen sich, so gut es angeht, auf der Grundlage der be­stehenden Verhältnisse einrichten, die Parteien müssen ein­ander entgegenkommen, und an dem Staat ist es, die Inter­essen aller zu wahren.

Gesunde und luftige, helle Wohnungen für alle- das ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen. Durch Befehl ist es nicht zu erreichen, auch durch staatlichen nicht. Auch der Weg der Wohlfahrtsbestrebungen führt nicht an das erwünschte Ende. Alle müssen zusammenarbeiten, der Staat und die wirtschaftlichen Parteien dann wird zwar immer noch nicht alle Wohnungsnot beseitigt, aber es wird wieder einmal ein tüchtiges Stück besser geworden sein.

Der Krieg in Oftalien. Unermüdlich sind die Japaner den fliehenden Russen auf den Jersen. Neum Tage lang dauert jetzt bereits die Ver­folgung und täglich kommt es zu mehr oder minder heftigen Gefechten, bei denen die Japaner im allgemeinen die Ober­hand behalten.

Kaynan von den Japanern besetzt.

Der letzte größere Kampf, von dem berichtet wird, fand um die wichtige Position von Kayuan, 20 Meilen nordöst­lich von Tielin, statt und endete mit der Besetzung dieses Punktes durch die Japaner. Marschall Oyama meldet über diese Operation unter dem 20. März nach Tokio:

Eine japanische Abteilung hat gestern nachmittag 4 Uhr Kayuan besetzt. Der Feind versuchte später einen Gegenangriff, wurde aber zurückgeschlagen. Der Feind brannte die Brücken auf der Hauptstraße südlich Kayuan

Neumeyer stand auf, ging auf den ruhig sitzen

ab und zerstörte auch einen Teil der Eisenbahnbrücke. In der Nähe von Mukden wurde eine große Anzahl vergra­bener russischer Geschüße gefunden.

Auch der Versuch der Nussen, die Eisenbahnbrücke über den Hunho zu zerstören, ist nur teilweise gelungen. Die provisorischen Reparaturen sind fast beendet, und innerhalb einer Woche werden Züge von Dalny nach Mukden und wei­ter verkehren.

Die Russen sollen sich nach der Behauptung englischer und italienischer Korrespondenten bei der Räumung Muk­dens nicht damit begnügt haben, ihre Kriegsvorräte zu vernichten, sondern sollen in wahrhaft vandalischer Weise gegen das Privateigentum friedlicher Einwohner gewütet. ja auch deren Leben nicht geschont haben. Ueber diese Schreckensszenen bei der Räumung Mukdens wird im allgemeinen übereinstimmend folgendes berichtet:

Am 10. März begannen die Kosaken die Stadt zu plün­dern. Wahnsinnig betrunken begingen sie die wildesten Exzesse. Sie schlugen einen Italiener, einen Russen und vier Griechen tot und plünderten sie aus. Die Waren­häuser, die Eisenbahnstation, die Hospitäler und Wohn­häuser begossen sie mit Petroleum und setzten sie in Brand. Vicle betrunkene russische Soldaten schliefen in den Stra­ken, während andere ebenso betrunken in rücksichtslosester Weise ihrer Zerstörungswut freien Lauf ließen.

General Kuropatkin

soll nach Petersburger Gerüchten auf seine Bitte zum Be­fehlshaber der Ersten Mandschureiarmee ernannt worden sein. Diese Meldung ist jedoch mit großer Vorsicht aufzu­nehmen, jedenfalls befindet sich Kuropatkin auf dem Wege nach Petersburg. Daß Gripenberg, sein grimntigster Geg­ner, wieder nach dem Kriegsschauplatz als Befehlshaber un­terwegs ist, hat sich bisher allerdings auch nicht bestätigt. Der heilige Krieg".

Nach weiteren, bisher ebenfalls nicht verbürgten Mel­dungen aus der russischen Hauptstadt, soll in Regierungs­freisen der Plan bestehen, den Zaren zu veranlassen, den Krieg gegen Japan als einen heiligen" zu erklären. Dadurch würden die russischen Klöster gezwungen werden, ihr un­geheucres, auf 7 Milliarden Rubel gefchäßtes Kapital zur Verfügung des Landesherrn zu stellen. Man ist jedoch vor­läufig in gut unterrichteten Kreisen sehr ungläubig diesem Gerücht gegenüber. Es heißt, daß Pobjedonoszew, der Pro­fureur des heiligen Synod, sich mit aller Entschiedenheit gegen derartige Pläne ausgesprochen habe. Die Finanz­falamität ist aber ohne Frage sehr groß und ohne eine ret­tende Hand, die die nötigen Mittel vorschießt, glaubt man, könnten die Kriegskosten nicht mehr bestritten werden.

Holzkreuze. Jetzt sah man von der Straße ab in tiefe

der Eselsmüller und die Falschmünzer. bleibenden Gjelsmüller zu, legte ihm, nachdem er sich Schluchten des Weges nach Winterberg zu. The Neu­

14)

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H. Alle Rechte vorbehalten. ( Nachdruck verboten.) Zum Donnerwetter," rief Neumeyer ,,, bin ich denn verrückt geworden? Ich bin königlicher Grenz­jäger und feiner glaubt es. Meine Kollegen gehen fort, ich aber size hier und esele mich mit so'n ver­dammten Eselsmüller herum".

,, Richtig", spottete der Eselsmüller ,,, das kommt bom der Abstammung, Esel zu Esel". ,, Sterl, jetzt ist es aber genug, oder ich schieße Dich nieder," so rief Neumeyer und sprang auf. Womit?" fung der Eselsmüller ,,, etwa mit einem Rechenstiel, wie der Birkenbringhäuser Bauer einen Hirsch schoß?"

Ein neues brausendes Gelächter erschallte. Denn immer mehr Bauern hatten sich angesammelt. Dieser, auch dem Neumeyer bekannte Wit machte ihn sich selbst bergeffend. In seiner sinnlosen Wut sprang er auf der Eselsmüller zu und wollte ihn fassen. Doch ein inziger Faustschlag und Neumeyer taumelte auf die dls set nichts geschehen, der Eselsmüller.

in Positur" gefeßt, die Hand auf die Schulter und sprach:" Im Namen des Gesezes verhafte ich Sie." Kaum, daß er diese Worte gesprochen, so erhielt er von dem Eselsmüller ein paar derbe Ohrfeigen mit den Worten:" Im Namen des Eselsmüllers, von ihm verabreicht." Ruhig ging dann der Eselsmüller in den Stall zu seinem Esel, band denselben los und führte ihn in den Hof.

Gerade als er sich aufsetzen wollte fam Neumeyer. Er wollte den Eseismüller angreifen, doch in felbigem Augenblick erhielt er einen Wurf der Hinterfüße des Esels, daß er besinnungslos zurücktaumelte. Diesen Augenblick benutte der Eselsmüller, um in den nahen Stall zu springen und sich daselbst zu verbergen.

Neumeyer, wieder zu sich gekommen, nahm an, der Eselsmüller set in den nahen Wald geeilt. Er faßte deshalb schnell den Esel und sich darauf schwingend, die Sporen einsetzend, ging es dem nahen Walde zu. Heiner und Knackwurst hatten aus der Ferne den lachte laut. Jezt holt der Teufel den neugebackenen Kollegen", so sprach er zu Knackwurst. Er wies auf den munter trabenden Esel. Vor Lachen konnte er

meyer es sich ahnen ließ, war der Esel die Böschung hinunter und in eine dieser Schluchten geraten. Mit Verzweiflung hatte sich Neumeyer an den Hals des Esels angeklammert, um nicht fopfüber abzustürzen. In der Schlucht angekommen, sann er, wie nun weiter? Jetzt war guter Rat teuer. Er versuchte den Esel wieder hinauf zu lenken, aber es ging nicht. Aus seinen Jugendjahren wußte er, wie Esel behandelt werden mußten, um zum Gehorsam gebracht zu werden. Doch alle seine Künste scheiterten an diesem dickfelligen Grautier.

Es ging immer tiefer zur Schlucht hinein. Er war hier ganz unbekannt. Er fluchte, hieb mit einem erhaschten Stocke, gab dann gute Worte, zuletzt lieb­foßte er den Efel. Alles aber war vergeblich. Schließ­lich fing der Esel an zu Bocken", dabei immer tiefer in den Wald eindringend, bis ein gebahnter Weg erreicht wurde. Jezt, wo hinaus. Rechts oder links. Schließ­lich wollte er dem Esel des Rätsels Lösung überlassen. würde. Kaum war er abgestiegen, so fing der Esel an in scharfem Trabe nach Medelohn zu eilen. Neumeyer mußte scharf laufen, ihn wieder einzuholen. Auch als

18. März 1905 w Wirtsbank zurück. ,, Wage es nicht noch einmal", sprach, Esel mit Reiter dem Walde zu traben sehen. Heiner Er stieg ab, um zu sehen, wohin derselbe sich wenden

Bortemonnaie mi

Nideltafdenuhr;

Als sich der Grenzjäger Neumeher wieder von dem erhaltenen Schlage erholt hatte, sprach er ruhtger,

farbiger Weinzipiele mal Mann, sind Sie wirklich der Eselsmüller, den hochmütigen Kollegen, deshalb gönnten sie ihm, Doch seine Eselskenntnisse kamen ihm zu ſtatten. Er mit 9 Mt. und 2dnen zweiten Angriff wagte er jetzt nicht. Hören nicht mehr reden. Beide, Helner und Knackwurst, haßten er ihn schon am Zügel hatte, gab es saure Arbeit. 1 südafrikanisches dann muß ich Ste verhaften, denn gerade Thretwegen die ihm jetzt vom Eselsmüller gegebene Leftion. Ja, sprang auf denselben und nun ging es vorwärts. Aber des Präsidenten bin ich nach Medebach gesetzt. Sie sind in Verdacht, der Eselsmüller kannte sein altes Grautier. Belohnung von 10 nicht allein falsch Geld zu machen und zu verbreiten, der gefundenen Gesondern ,, Nordhäuser" und andere verbotene Ware so- zahlte seine Zeche und nahm dann seinen Weg auf Bemühungen, den Esel wieder auf gangbaren Weg zu alsbald bei uns gelt gar aus Holland einzuschmuggeln. Ich habe versprochen, Medelohn zu. Dort, das wußte er, traf er vor einem, bringen. Zuletzt schien der Esel wild zu werden.

2

1905.

at Gießen.

rg.

Sie zu fangen".

" Nun, der Fang ist ja leicht, doch eins sage ich Shren, wenn Sie keinen Fanghaken bei sich haben, fangen Sie mich nicht. Auch wenn wir an einem Lisahe hier sitzen. Wer gar zu nah bei mir kommt, läufft Gefahr, sich die Nase einzustoßen".

Er ging ganz gemütlich zum Gastwirt Fingerling,

dem Esel bekannten Stalle denselben ohne den neu­gebackenen Grenzjäger.

Neumeyer ritt auf dem luftig vorantrabenden Esel in den Küste berger Wald hinein, in der Hoffnung, den entwichenen Cselsmüller einzuholen. Er kam auch bis an die beiden rechts an der Staatsstraße stehenden

nicht weit. Dann ging es weiter zum Walde hinein, ohne Weg und Steg. Vergeblich waren Neumeyers

Er

schien mit einem Male Lust zu haben, den Grenzjäger abzuladen. Neumeyer spürte so etwas von des Esels Tücke. Doch, ob er sich noch so fest anflammerte, in der Nähe von Medelohn ward er abgeworfen. Be­wußtlos blieb er mit zerbrochener Kniescheibe an einem Felsplock liegen. ( Fortsetzung folgt.)