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Nr. 247
Znsertionspreis: Die einspaltige Bettzelle fur ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. sonft 15 Big. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.
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Freitag, den 20. Oftober 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes
Reichsfinanz- Reform.
Der Bundesrat hat sich bereits mit den Reichsfinanz reform- Vorschlägen des Reichsstaatssekretärs Freiherrn von Stengel beschäftigt. Nicht lange mehr, und man wird diese Vorschläge im einzelnen fennen lernen, die dann als Vor lage für den Reichstag erscheinen. Die einzelstaatlichen Finanzminister haben die Empfehlungen des Reichsschazz sekretärs nicht unbesehen hingenommen, sondern sie sehr genau erwogen und geprüft, ehe sie ihre Zustimmung gaben. Namentlich die Finanzminister der fleineren Staaten haben ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet, ob die ganze Reform ihnen auch wirklich die Erleichterung der finanziellen Lasten bringe, ohne die es ihnen auf die Dauer unmöglich sein würde, die Finanzen in Ordnung zu halten.
Freiherr von Stengel will ganze Arbeit tun: er will den Einzelstaaten die Last der Matrifularumlagen abnehmen, Soweit sie die an die Einzelstaaten zu verteilenden Uebers schüsse übersteigen, und gleichzeitig dem Reich die Mehreina nahmen zuführen, deren es bedarf, um aus der Schuldena wirtschaft herauszukommen, um nicht länger darauf angea wiesen zu sein, laufende Ausgaben durch Anleihen zu decken, Denn dahin ist es im Laufe der Jahre gediehen, daß das Reich, das nach der Konstruktion seines Finanzwesens ein Budgetdefizit gar nicht fennt, weil der seine direkten Ein nahmen übersteigende Bedarf nach der Verfassung ihm aus den automatisch zu entsprechender Höhe anwachsenden Matrifularumlagen zufließt, aus Rücksicht auf die Einzelstaaten zur Borgwirtschaft übergegangen ist. Daß das Reich drei Milliarden Mark Schulden gemacht hat, tut ihm nicht weh und drückt es nicht. Aber daß es bisher nicht verstanden bat, folche Einrichtungen zu treffen, die es vor der Notwendigkeit schüßen, für laufende Ausgaben zu Anleihen zu greifen, das ist ein schwerer Vorwurf für alle, die es angeht Am meisten aber geht es den Reichstag an, denn der Reichs tag ist es gewesen, der bisher alle Finanzreformversuche vers eitelt, alle Vorschläge zu angemessener Erhöhung der Reichs einnahmen abgelehnt hat. Dagegen ist es wiederum der Reichstag gewesen, der alle Mehrausgaben bewilligt hat. Wer aber die Ausgaben bewilligt und die Einnahmes erhöhung ablehnt, der erzwingt die Schuldenwirtschaft.
Nun ist es freilich des Reichstags Pflicht, jeden Steuer borschlag sich genau anzusehen und ihn abzulehnen, wenn er nicht gut scheint. Doch wer einem Bedarf gegenübersteht, den er selbst veranlaßt hat, der darf sich nicht mit negierender Kritik begnügen, der muß seine Ablehnung durch einen positiven Gegenvorschlag ergänzen. Gefällt dem Reichstag eine bestimmte ihm vorgeschlagene Deckung nicht, so muß er die Verneinung mit einer bestimmten Empfehlung be gleiten. Dann ist es am Bundesrat, die Empfehlung des Meichstags zu prüfen und entweder darauf einzugehen oder auf einem dritten Wege die Verständigung zu suchen. Nun zwischen Ja und Nein dürfen die Dinge nicht stehen bleiben, denn die Borgwirtschaft ist des Deutschen Reiches nicht wür dig und auf die Dauer auch nicht erträglich.
Das neue Reichsfinanzreformprojekt des Freiherrn bon Stengel soll ziemlich kompliziert sein. Das ist kein Fehler, denn es besagt im Grunde nur, daß die erforderlichen Mit tel nicht bloß aus einer Quelle geschöpft werden. Ein Ertrag von 150 bis 200 millionen Mark fann aus einer Quelle nur gewonnen werden, wenn man ein Staatsmono bol schafft. Hierzu aber ist zurzeit auf keiner Seite Neigung borhanden. Man sagt ferner, daß Freiherr von Stengel darauf bestehe, seinen Plan als unteilbares Ganze behandeln zu lassen, aus dem man nicht einzelne Teile herausnehmen fönne, wie die Rosinen aus dem Kuchen. Das ist schon eine schwierigere Bedingung. Doch ist sie begreiflich und liegen, die Reichsfinanznot vollständig zu beseitigen und micht durch Flickmerk neuen Aufschub herbeizuführen. Das
fowie zum Krantliefern empf auch wohlbegründet. Dem Reichsschatsekretär muß daran
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nteresse des Reichs liegt in der gleichen Richtung. Den Reichstag freilich wird es Ueberwindung kosten, seine Popu larität aufs Spiel zu setzen, indem er unpopuläre Steuern bewilligt. Doch populäre Steuern gibt es in der ganzen
Schöne möbl. Zimmelt nicht, und so wird der Reichstag schließlich eine post mit oder ohne Benfion ju tibe Wahl treffen müssen. Je ausgiebiger, desto besser, Gießen, Bismarda 17 benn um so länger bleibt ihm die gleiche unangenehme
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Glessen.
Dir: Germann Steingo Freitag, den 20. Oftobe
3. Freitage
Abonnements Vorstellung.
Rovität!
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Kater Lamp
Romöbie in 4 ten bo
Emil Rofenom
Arbeit erspart. Die einsichtige Wählerschaft wird damit schon einverstanden sein, denn sie weiß, daß die Reichsregie rung neue Steuern nicht verlangt, weil sie persönlichen Geminn davon hätte oder aus Liebhaberei oder aus Schaden freude, sondern weil ohne die neuen Steuern die ruinöse Bumpwirtschaft weitergehen müßte, an deren Wegziel nod biel härtere Steuern stehen.
Der Mehrbedarf ist da; er ist aus Ausgaben entftanden, die als unvermeidlich angesehen werden müssen und bie jedenfalls der Reichstag in jedem Pfennig bewilligt hat. Der Mehrbedarf muß also gedeckt werden. Da das Reich fo wenig wie irgend einer unter uns die Möglichkeit hat, Belder aus der bierten Dimension zu holen, da das Reich bas Geld irgendwoher nehmen muß und dazu einzig unsere aschen ihm zur Verfügung stehen, so ist die Frage nicht, ob ir neue Steuern haben wollen, sondern welche neue Steuern uns am wenigsten unbequem find. Ist das erst aferem Bewußtsein fest eingeprägt, so ist das Schwerste berwunden und die Verständigung wird verhältnismäßig Beicht sein
W
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
In der gestrigen Sigung des Bundesrats wurden der Zentralafrikanischen Bergwerks- Gesellschaft die Korpora tionsrechte verliehen.
* An maßgebender Stelle zieht man dem Vernehmen nach eine Reform der Nahrungsmittel- Kontrolle für das ganze Reich in Erwägung. Es soll eine bundesrätliche Verordnung geplant sein, nach der dann die Einzelstaaten ihre besonderen Anordnungen erlassen würden
* Der Rücktritt des preußischen Ministers für Handel und Gewerbe Möller wird nunmehr amtlich publiziert. Die Entlassung erfolgt nach dem Wortlaut der Bekanntmachung auf eigenen Wunsch. Herr Möller behält Titel und Rang eines Staatsministers, ferner wird ihm der erbliche A del verliehen. Gleichzeitig wird die Ernennung des bis. herigen Oberpräsidenten der Provinz Westpreußen Delbrüd zum Handelsminister und diejenige des Regierungspräsiden ten in Marienwerder zum Oberpräsidenten von Westpreußen bekannt gegeben.
* Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Schweden über den zu vereinbarenden Handelsvertrag sollen am 30. Oktober in der schwedischen Hauptstadt Stockholm beginnen.
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Seine 22. Jahresversammlung hält der deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke gegenwärtig in Münster i.. ab. In erster Linie beschäftigte man sich mit den Trinkerheilstätten. Dem Sonderverband für Trinkerheilstätten gehören 30 Anstalten an. Ein Gesezentwurf über die Fürsorge für Trunksüchtige ist dem Reichstage zugegangen. Mehrere Redner wandten sich energisch gegen die vielfach angepriesenen Geheimmittel gegen Trunksucht, die durchweg schwindelhaft und zwecklos seien. Empfohlen wurden als Ersaßgetränke natürliche und fünstliche Mineralwässer, ungegorene Frucht- und Obstsäfte, Kakao und Tee und Kaffee. Sehr erstrebenswert ist die Einführung von Milch als Ersaßgetränk. Der beste Ersay für alle geistigen Getränke seien reines Wasser, gutes Obst und Milch.
* In Baden scheint die Regierung davon überzeugt zu sein, daß aus der allgemeinen Personentarif- Reform ange sichts der veränderten Suchlage in bezug auf die Betriebs. mittelgemeinschaft vorläufig nichts, werden wird. Nach. dem jezt von Bayern neue Vorschläge gemacht worden sind, denen zufolge die Gemeinschaft nur auf die Güterwagen erstreckt werden solle, und nachdem Preußen diesen Vorschlägen zugestimmt hat, fühlt Baden sich veranlaßt, seinen Standpunkt zu wechseln. Baden ist bereit, auch an der Beratung der bayerischen Anträge mitzuwirken in der Hoffnung, daß, wenn später einmal die Vorteile einer solchen beschränkten Gemeinschaft klar zutage liegen werden, auch die Ausdehnung dieser Gemeinschaft auf die übrigen Betriebsmittel wieder ins Auge gefaßt würde. Allein den engen Busammenhang der Betriebsmittelgemeinschaft mil der Frage der Personentarifreform hält die badische Regie rung nunmehr für gelöst. Sie sieht sich deshalb von ihrer Zusage, unter Annahme der vierten Wagenklasse und Verzicht auf das Kilometerceft sich der preußischen Tarifreform anschließen zu wollen, befreit. Die badische Regierung will mit dem Eisenbahnrat und den Landständen selbständig darüber entscheiden, inwieweit das Reformprogramm für Baden durchgeführt oder abgeändert werden son. Eine derartige Stellungnahme eröffnet schlechte Aussichten für das baldige Zustandekommen der Reform. Oefterreich- Ungarn
** Das abermalige Kabinett Fejervarh für Ungarn Hal sich bereits konstituiert. Ackerbauminister György ist von seinem Posten enthoben und der frühere Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Baron Feilitsch zum Ackerbauminister ernannt. Baron Fejervary wird mit einstweiliger Leitung des Finanzministeriums und des Ministeriums a latere betraut und behält gleichzeitig das Präsioium des Kabinetts. Gleichzeitig werden Justizminister Zanyi, Handelsminister Börös, der Minister des Innern Kristoffy, Honvedminister Bihar und der Kultus- und Unterrichtsminister Lukacs neuerdings in dieser Eigenschaft wiederernannt,
Russland.
** Nach der Vollziehung des Friedensschlusses plant die Regierung die Aufhebung der Strafkolonie auf Sachal Der russische Teil der Insel soll russischen Untertanen freien Kolonisierung überwiesen werden,
Hof und Gesellschaft.
*** Der deutsche Kronprinz ist mit seiner Gemahlin in Potsdam wieder eingetroffen. Vom Bahnhof
Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
begab sich das Kronprinzenpaar in das Neue Palais. Die Beförderung des Kronprinzen zum Major steht für den 26. Oktober, den Tag der Enthüllung des Moltke- Denkmals, bebor.
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Die Vermählung des Prinzen Eitel- Friedrich von Preußen mit der Herzogin Sophie Charlotte bon Oldenburg ist für den Februar nächsten Jahres in Aussicht genommen. Das junge Paar wird dann in der Villa Ingenheim in Potsdam Wohnung nehmen.
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Der Prinz und die Prinzessin von Wales haben von London aus ihre Reise nach Indien angetreten.
Soziales Leben.
Der Ausstand in der Berliner Wäsche Industrie. Die Generalversammlung des Vereins Berliner Wäschefabrikanten hat einstimmig beschlossen, am Montag die Betriebe zu schließen, falls bis dahin die Arbeit nicht aufgenommen wird. Dadurch würden einschließlich der Streifenden 15 000 Arbeiter und Arbeiterinnen erwerbslos.
Die Krisis im sächsisch- thüringischen Textilgewerbe. Der Verband sächsisch- thüringischer Webereien hat beschlossen, sämtliche Verbandswebereien zu schließen. Dieser Beschluß soll durch Anschlag in den Verbandsfabriken bekannt gemacht verden. In dem Schriftstück heißt es:„ Wir sind vertragsmäßig genötigt, am Abend des 28. Oktober alle Verbandsvebereien zu schließen. Um Webern und Webereien, welche bereit sind, die Arbeit zu dem vom Verbande für die Ortsgruppe aufgestellten Mindestlohntarif aufzunehmen, hierzu Gelegenheit zu schaffen, ersuchen wir diese Arbeiter, sich spätestens bis zum Abend des 2. November in den FabrikContoren zu melden. Erfolgen in allen Verbandswebereien Jenügend Anmeldungen, so werden wir am Montag, dem 6. November, unsere Betriebe wieder eröffnen." Die Maßcegel der Fabrikanten wird Unterstüßung durch die sächsischthüringische Färberei- Konvention finden. Die an die Kün digung gebundenen Betriebe wollen ihre Fabriken am 4. November schließen.
Beendeter Ausstand. Der Ausstand in der Hannoverschen Maschinenbau- Aktiengesellschaft vormals Georg Egestorff" ist durch gegenseitige Vereinbarung beendet worden.'
Aussperrung in Bielefeld. In der Bielefelder Maschinenfabrik vormals Dürkopp u. Co. sind 700 Arbeiter ausgesperrt. Alle Einigungsversuche durch den Vorsitzenden des Gewerbegerichts, Randgerichtsdirektor Löher, sind gescheitert, die Gesamtaussperrung der Arbeiter aller Bielefelder Nähmaschinenfabriken soll in den nächsten Tagen erfolgen.
Nab und fern.
† Die Jagdhütte des Königs von Sachsen abgebrannt. Der König Friedrich August von Sachsen traf in Tarvis in Kärnthen ein, um dort der Jagd obzuliegen. Zu dieser Zeit traf die Nachricht ein, daß die dem Könige gehörige, erst vor kurzem errichtete und mit Proviant versehene Jagd. hütte auf dem Praschnik- Sattel abgebrannt sei. Wahr. scheinlich handelt es sich um einen Racheakt.
† Sturmschäden auf See. Die Schäden, die der zwei Wochen anhaltende Sturm in der Nordsee angerichtet hat, stellen sich als immer größere heraus. Allein in Curhaven wurden 14 große Seeschiffe mit schweren Havarien eingeschleppt. Gesunken sind vor der deutschen Nordseeküste fünf Schiffe mit rund vierzig Mann Besaßung.
† Vom Zuge überfahren. In der Blumenthalstraße in Dessau wurde auf dem durch keine Schranke gesicherten Uebergange der Bahn nach Wörlitz das Fuhrwerk eines Möbelmagazins von einer Lokomotive zertrümmert. Der Kutscher erlitt so schwere Verlegungen am Unterleib, daß er sofort verstarb. Auch das Pferd ist tot.
† Revolver- Attentat eines Blinden. Ein dreißigjähriger erblindeter Seemann in Hamburg gab auf seine Ehefrau, die ihn verlassen wollte, zwei Schüsse aus einem Revolver ab. Die Frau wurde schwer verlegt, der blinde Schütze wurde verhaftet.
† Ein vorsichtiger Selbstmörder. In Gnesen suchte ein Photograph auf eine sehr entschiedene Weise den Tod. Er schnitt sich die Pulsadern auf und sprang dann vom fün Len Stockwerf auf den Hof hinunter. Dort blieb er mit zerschmetterten Gliedern tot liegen.
† Explosion in einem Steinbruch. Im Steinbruche zu Reuth im bayerischen Vogtlande machten zwei Steinhauer ein Feuer in der Feldschmiede an, um sich zu erwärmen. Diese Der eine hantierte dabei mit Dynamit- Patronen. explodierten und töteten den einen der Männer, während der andere auf den Tod verlegt wurde.
† Mord um einen Schnaps. Auf dem Bahnhofe von Marienburg in Ostpreußen wurde ein Kutscher von einem Arbeiter erstochen, weil er dem Verlangen, einen Schnaps auszugeben, nicht nachkommen wollte. Der Ermordete hinterläßt Frau und fünf Kinder. Der Messerheld entkam unerkannt.
† Mordversuch aus Eifersucht. In Mühlhausen i. Th. gab ein Arbeiter auf eine verheiratete, Frau, mit der er ein


