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feiernder Bergleute, die zu den Versammlungen nach Herne gehen. Viele unter ihnen sind Polen, die in diesem Strich des Reviers in der überwiegenden Zahl sind. Hier im rich­tigen Kohlenwinkel ist stets Arbeit für sie vorhanden. Von allen Seiten grüßen die hochragenden Kamine, die Seilstühle, die Anlagen über Tage von vielen Zechen. Ueberall sieht man die mächtigen Steinholden, die unkundige, mit Kodak bewaffnete Spezialberichterstatter abfonterfeiten und irr­tümlich als Kohlenvorräte" der Zechen in ihren Blättern berewigten. Ueberall sieht man die Wirkungen des Streifs: ,, Alle Räder stehen still". An bestimmten Straßenpunkten halten Gendarmen und berittene Polizisten; sie haben nichts Besonderes zu tun, keinen Grund zum Einschreiten; die Ba­role der Führer, vorerst Ruhe und Ordnung zu halten, wird von allen, Organisierten und Nichtorganisierten, befolgt. Es ist alles viel ruhiger und äußerlich gesitteter, als es sonst in diesen Industriegegenden zu regelmäßigen Zeiten an Sonn­und Feiertagen und an Zahltagen der Fall ist.

Herten, 19. Januar.

Balkan- Staaten.

Aus ganz eigenartigen Ursachen scheint sich eine Mi­nisterkrisis in Serbien entwickeln zu wollen. Die ser­bische Regierung beabsichtigt, eine Anleihe aufzunehmen und ihren Ertrag vorzugsweise zu Anschaffungen für das Heer, insbesondere zu Schnellfeuergeschüßen zu verwenden. Um die Frage, wem die Lieferung der Geschütze übertragen wer­den soll, hat sich ein Streit entsponnen. Es werden schwere Beschuldigungen gegen eine Anzahl Minister und anderer hoher Staatsbeamter erhoben, als wenn es bei der Ver­gebung der Lieferungen nicht mit rechten Dingen zugegan­gen sei. Vielfach wird vor Abschluß der Ankaufsverträge die Vornahme von Geschützproben gefordert. Der König Peter soll dahingehende Zusicherungen seinen Offizieren ge­geben haben, während die Behauptung auftaucht, es seien schon Bestellungen erfolgt. Wenn nicht alles trägt, stehen neue innere Wirren in Serbien bevor.

In unserem Ort geht es lebhaft zu. Trotzdem die Ar­beiter sich bisher ruhig verhielten, wurde infolge aufregen­der Gerüchte auf Zeche Pluto sollte ein Arbeitswilliger erschossen sein das Polizeiaufgebot verstärkt. Man sieht berittene Polizisten, Gendarmen, den Karabiner im Leder. futteral. Ueberall zeigen sich die Ordner der Ausständigen, die freiwillige Polizeidienste leisten. Die Bergleute sind durchweg gut gekleidet und befleißigen sich einer musterhaften Haltung. Das wird ihnen auch von ihren Gegnern zu­gestanden.

Gelsenkirchen, 19. Januar.

Im hiesigen Revier ist der Streit allgemein. In den Versammlungen, die hier abgehalten wurden, herrschte große Begeisterung und Einigkeit. Ueberall wurde vom Alkohol abgemahnt. Die Straßen der Stadt bieten ein Bild wim­melnden Lebens. Tausende von Bergleute füllen sie. Es herrscht völlige Ruhe. Nirgends sah man Betrunkene. Polizeimannschaften, den lederbeschirmten Revolver am Gurt, zogen in geschlossenen Abteilungen und einzeln zu den Zechen- und Werkplätzen und den Straßenkreuzungen. Ihnen bietet sich aber fein Anlaß zum Einschreiten. Zwei von Berlin gekommene angebliche Anarchisten wurden wieder entlassen

Dortmund, 19. Januar.

Amerika.

Nab und Fern.

Ein Unfall des Kronprinzen. Als der Kronprinz von seiner Wohnung im Kabinettshause zu Potsdam nach der Eisbahn begeben wollte und mit seinem Dogcart, das er selber lenkte, die Charlottenstraße am Bassinplatz passierte, strauchelte das Pferd über eine Eisenplatte und kam zu Fall. Durch den Ruck stürzten der Kronprinz und der Kut­scher nach vorn aus dem Wagen heraus. Glücklicherweise ging der Fall ohne jeglichen Schaden ab. Der Kronprinz erhob sich sofort wieder, das Geschirr wurde instand gesetzt, und heiter setzte der Kronprinz die Fahrt fort.

Immer wieder taucht die venezolanische Frage auf und droht, zu neuen Verwickelungen zu führen. Neuer­dings waren die Beziehungen zwischen Venezuela und den Vereinigten Staaten von Nordamerika sehr gespannte ge­worden, und Präsident Castro war sogar gewillt, dem amerikanischen Gesandten seine Pässe zu schicken. Es be­durfte eines sehr energischen Auftretens, um Castro gefügig zu machen. Besonders sträubte er sich, dem amerikanischen Vorschlage, der auf Einsetzung eines Schiedsgerichts zur Austragung der noch schwebenden Streitigkeiten ging, zuzu­stimmen. Schließlich zog Castro es aber doch vor, in die amerikanischen Forderungen zu willigen.

Hof und Gesellschaft.

*** Prinz Heinrich von Preußen stattete von Berlin aus dem Füsilier- Regiment Nr. 35 in Branden­burg a. H., dessen Chef er ist, einen Besuch ab.

Der Mülheimer Bergwerks- Verein verlangte für seine Beamten Waffenscheine. Viefach finden Versammlungen der Frauen statt, in denen die Männer zum tapferen Aus­halten im Kampfe aufgefordert werden. In Niedermassen forderten verschiedene Rednerinnen die anwesenden Frauen auf, dafür zu sorgen, daß kein Bergmann das Haus ver­läßt. In Dorstfeld sind 58 Personen als Schußmannschaf ten der Polizei bereidigt worden. Sie tragen schwarz- weiße Binde, Polizeikokarde, Revolver und Seitengewehr. Zahl­reiche Bergleute erklärten, gern arbeiten zu wollen, sie fürch­teten sich jedoch vor den Streifenden. Bei verschiedenen Zechen wurden deshalb Sammelpläge für Arbeitswillige eingerichtet, von wo aus sie durch Gendarmerie, die fort­gesetzt Verstärkungen erfährt, nach den Zechen begleitet wer­den. Wie es heißt, soll auf Gendarmen geschossen und ein Bergmann verwundet sein. Doch wird sich das Gerücht, wie so viele andere, wohl als Sensationsmache herausstellen.

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** Am 2 Uhr beginnend, Ausschusses Lages Ordnung Genehmigung Guthmann zu bandes Dübel haufen wegen Schildger bon ftelle von Ra -h- Cin des Kreis

A Ein grauenhafter Mord wird aus Bayern berichtet. Auf der Eisenbahnstrecke zwischen Kempten und Wullenstetten bersah die Frau des Bahnwärters Hirnigel den Dienst in Vertretung. Als Frau Hirnigel auf der Strecke sich befand, wurde sie von einem 34jährigen Menschen namens Richard Heinz aus Wullenstetten überfallen, vergewaltigt und dann auf gräßliche Weise ermordet. Der entmenschte Mörder schlug den Kopf der Frau solange mit aller Wucht an eine Telegraphenstange. bis er zu einer blutigen Masse zermalmt war. Der Schreckenstat war ein harter Kampf vorangegan­gen; die kräftige Frau muß sich mit aller Macht zur Wehr gesetzt haben, darauf deuten die Hände der Frau hin, die furchtbar zerfetzt sind. Als der Mörder festgenommen wer den sollte, schnitt er sich mit einem Rasiermesser den Hals ab und war auf der Stelle tot.

Die Beiseßung des Fürsten Alerander von Lippe, des letzten aus dem Stamme Detmold, hat im Mausoleum zu Detmold stattgefunden. An der Trauer­feierlichkeit nahmen neben vielen anderen Fürstlichkeiten und Abordnungen fremder Höfe der Graf- Regent mit seinem Hause teil.

Weiter wird noch gemeldet: In der Konferenz vor dem Oberbergrat v. Velsen waren nur die Arbeitervertreter, nicht aber der Bergbauliche Verein vertreten. Irgendwelche auf den Verlauf der Bewegung Einfluß übende Beschlüsse konn­ten daher nicht gefaßt werden. Es sollen nun die Ausschüsse ihre Wünsche und Beschwerden im einzelnen vorbringen, und die Vertreter der Regierung werden dann die Mißstände prüfen und Abhilfe zu schaffen suchen.

Deutfcher Reichstag.

( 122. Sigung.)

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O Der Arbeiteransstand im Naphtagebiet von Baku ist durch das Entgegenkommen der Arbeitgeber beigelegt. Die wesentlichen Zugeständnisse sind Abmachungen über die Ar­beitszeit, und Festsetzung eines Minimallohnes.

Eine furchtbare Eisenbahnkatastrophe ereignete sich bei Darfield in der englischen Grafschaft York. Ein Expreßzug von Schottland fuhr von hinten auf einen von London kom. menden Postzug. Das Unglück wurde dadurch noch ver größert, daß der Expreßzug von der Londoner Station St Pancras nach Schottland in die Trümmer der erstgenannter beiden Züge hineinfuhr, daß die Trümmerstücke Feuer fingen und dichter Nebel herrschte. Soweit bisher feststeht, wurden 6 Personen getötet und 20 verletzt.

Mit Mann und Maus untergegangen ist aller Wahr­scheinlichkeit nach der deutsche Dampfer Christine Sell" aus Flensburg. Das Schiff, das sich auf der Fahrt von Neu­stadt in Holstein nach Grangemouth befand, ist seit 8 Tagen überfällig. Es hat Stagen nicht passiert, und es wird an genommen, daß es im letzten Sturm mit Mann und Mau untergegangen ist.

Hus dem Gerichtsfaal.

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§ Ist Untersuchungshaft Hinderungsgrund für den Straf­antritt? Diese Frage wird von dem zu 15 Jahren Zucht­haus verurteilten Mörder Theodor Berger zur Entscheidung gebracht werden. Neben der Zuchthausstrafe, die er für die Ermordung der kleinen Lucie Berger erhalten hat, ist Berger wegen Kuppelei noch zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Gegen die Zuchthausstrafe hat er Revision eingelegt. Gefängnisstrafe möchte er während der bis zur Durchfüh­rung der Revision vor der höheren Instanz bestehenden Un­tersuchungshaft sofort abbüßen, und er hat einen dahingehen. den Antrag gestellt. Diesen hat die Staatsanwaltschaft ab­gelehnt. Berger hat gegen den Entscheid durch seinen Ver­teidiger Beschwerde erheben lassen. Es wird also die Frage grundsätzlich zum Austrag kommen, ob ein Angeklagter, der sich zum Antritt einer über ihn verhängten Strafe meldet, mit Rücksicht auf eine schwebende Untersuchungshaft von der Verbüßung der Strafe zurückgehalten werden kann.

CB Berlin, 19. Januar. Die zweite Beratung des Po ste tats begann mit einer in der Hauptsache sozialpolitischen Debatte, in der das Zen­trum an der Spize marschierte. Die ausschlaggebende Par­tei hatte zwei Resolutionen eingebracht, in denen vier Wünsche enthalten sind. In der ersten wird empfohlen, den gemeinnügigen Arbeitsnachweisen in bestimmten( Morgen-) Stunden die Benutzung der Fernsprecheinrichtungen gegen ermäßigte Vergütung zu ermöglichen. In der zweiten wird zunächst beantragt, daß die Sonntagsruhe für die Post- und Telegraphenbeamten durch Einstellung der Geld- Nachnahme, des Drucksachen- und Paketverkehrs an Sonn- und Fest­tagen, sowie durch Verkürzung der Schalterstunden für den Paketverkehr an den Vorabenden dieser Tage in erhöhtem Maße durchgeführt werde. Sodann wird eine weitere Be­schränkung der wöchentlichen Maximalarbeitszeit gefordert und schließlich das Verlangen nach einer der Statistik der Verhältnisse der Beamten und sonstigen Angestellten der Post- und Telegraphenverwaltung in den Kolonieen ausge­sprochen. Begründet wurden die Anträge vom Abg. Trimborn in einer anderthalbstündigen Rede, die er selbst als sehr lang und an anderer Stelle als langweilig bezeichnete. Er führte einen ganzen Berg von Zahlen an, um seine Behauptungen zu beweisen, aber mit dem ihm eigenen rheinischen Humor verstand er es mehr als einmal, Leben in die Gruppen der toten Ziffern zu bringen, und mit dem Interesse zugleich die Heiterkeit des Hauses zu wecken. Was er sagte, klang plausibel, aber teilweise nur so lange, bis der Staatssekretär des Reichspostamts seine Stimme dagegen hob. Da zeigte sich's wieder, daß jedes Ding seine Seiten hat. Herr Krätke ist mit der Tendenz der Zentrums­anträge, Besserstellung der Beamten, durchaus einverstanden, fann ihnen aber im einzelnen nur teilweis zustimmen. Die einschlägigen Verhältnisse sind so schwierig, daß man mit einer gewissen Vorsicht vorgehen muß. Den Verkehrs­beschränkungen zeigte sich der Staatssekretär wenig geneigt. Er versicherte, daß er für seine Untergebenen so viel wie möglich herauszuschlagen suche, und knüpfte daran die Be­merkung, daß er auch schon mehr getan habe, als selbst der Abg. Trimborn trop seines eifrigen Studiums entdeckt habe. Dessen Statistik sei bereits erheblich überholt, es seien, seit die von ihm verlesenen Ziffern niedergeschrieben wurden, bereits 1,5 Millionen Marf mehr für die Besserstellung der Beamten aufgewendet worden. Der sozialdemokratische Abg. Singer betonte insbesondere die Notwendigkeit, die Lage der unteren Beamten aufzubessern, und zwar nicht nur ma­teriell. Die Vorgesetzten sollten sich nur darum fümmern, was die Beamten im Dienste tun, nicht aber um ihr außer dienstliches Verhalten. Die Maßregelungen aus politischen Gründen müßten aufhören.

Inzwischen beginnt sich bereits Kohlenmangel geltend zu machen. Dabei kommen neben dem Ausstande in Westfalen auch noch die in England und Schottland abgehaltenen Feier­tage in Betracht. In Hamburg ist der Preis für 40 bis 60 Pfennig für den Doppel- Hektoliter in die Höhe gegangen. Aus Belgien werden große Versendungen von Kohle nach Deutschlad vorbereitet.

Die Politik.

In der Budgetkommission des Reichstags standen die südwestafrikanischen Bahnbauten zur Beratung. Die im Nachtragsetat enthaltene Forderung von 200 000 Mark für Vorarbeiten zum Bahnbau von Windhuk nach Rehoboth wurde abgelehnt, obwohl die Regierung sich zur Ausgabe dieser Summe bereits vertragsmäßig verpflichtet hat. Außer dem wird in einem dem Reichstage jetzt bekanntgegebenen Telegramm des Generals v. Trotha der beschleunigte Aus­bau der Otavi- Bahn bis Omaruru verlangt. Dafür sind nach der entsprechenden Position des Nachtragsetats vertrag. lich festgesetzt: drei Raten in Höhe von 1 400 000 Mark( bis 1. Dezember 1904) und der Rest von 350 000 Mart sofort nach Fertigstellung der Bahn.

Frankreich.

Präsident Loubet verhandelt mit den maßgebenden Po­litifern über die Lösung der Ministerkrisis. Die Gegensätze stehen sich ziemlich schroff gegenüber. Die Radikalen ver­langen ein Ministerium, das in Combes' Spuren wandeln, die Dissidenten unter des Kammerpräsidenten Doumer Füh­rung berlangen stürmisch Anteil an der Leitung, da nur so eine Versöhnung der Republikaner möglich sei.

Russland.

A Entgegen den Kundgebungen, die eine Reform des Regierungssystems fordern, treten jetzt auch die Anhänger des autokratischen Regimes in die Deffentlichkeit. So hat sich ein Russischer Klub gebildet und durch eine Abordnung dem Kaiser eine Ergebenheitsadresse überreichen lassen, in der jeder Gedanke an eine Abänderung der Selbstherrschaft, welche neben der Orthodorie und dem Nationalbewußtsein die Grundlage des Vaterlandes sei, zurückgewiesen wird. Daß Kaiser Nikolaus wieder ganz für diese Anschauungen gewonnen ist, bewies die Antwort, die er der Abordnung des Russischen Klubs erteilte. Er sprach ihr seinen Dank aus mit dem Bemerken, dem ehrlichen russischen Gedanken der Adresse könne man weder etwas hinzufügen, noch von dem­selben etwas hinwegstreichen. In Kiew ist bereits eine Sitz­ung des Kriminalistenkongresses von der Polizei geschlossen. Als das Publikum den Saal verließ, wurden revolutioire Schriften verteilt. Ein Student rief: Nieder mit der Au­tofratie!"

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§ Gegen den Masseur Köhler lautet das vom Schwur­gericht zu Berlin gefällte Urteil auf 5 Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust und 6 Wochen Haft. Die Mitange­flagten wurden zu Gefängnisstrafen von 6 Monaten bis binaub zu 2 Monaten verurteilt. Köhler erklärte, die Strafe annehmen zu wollen.

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§ Unschuldig im Zuchthause. Vom Schwurgericht zu Lüneburg waren vor drei Jahren der Vichhändler Kirsch­stein und der Schlächter Scheuer wegen Meineids zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und trop fortgesetzter Beteue­rung ihrer Schuldlosigkeit dorthin abgeführt worden. Nach­dem sie den größten Teil der Strafzeit abgesessen haben, stellt sich nunmehr heraus, daß sie tatsächlich unschuldig sind. Der Hauptbelastungszeuge hatte, von Haß und Rachsucht getrieben, beide Männer durch seine Aussagen belastet. Kirschstein und Scheuer wurden sofort auf freien Fuß gesetzt.

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[ Graf Pückler mundtot!] Die Hoffnung der Anhänger des Grafen Pückler, daß ihm von der Berliner Polizei wiedz erlaubt werden würde, in öffentlichen Versammlungen zu reden, nachdem er vom Gerichtshof für geistig gesund erklärt war, hat sich nicht erfüllt. In der ersten Tonhallenversamm­lung, die Graf Bückler nach der Entlassung aus der Haft veranstaltete, erklärte der überwachende Polizeioffizier, dis Versammlung werde aufgelöst, sobald Pückler als Redner auftrete. So konnte er nur als schweigender Gast der Ver sammlung beiwohnen. Seine Anhänger bereiteten ihm leb­hafte Ovationen.

( 121. Sizung.) RK Berlin, 19. Januar. Die ganze heutige Sigung wurde mit einer Debatte über die Kosten des Seuchengesetzes ausgefüllt. Während im Hause eine ganz ungewöhnlich starke Unruhe herrschte, die oft für längere Zeit es unmöglich machte, die Redner zu verstehen, wechselten diese in bunter Reihenfolge. In borderster Linie fämpften immer wieder die Abgg. Gamp, Frhr. v. Zedliz, v. Ditfurth für die Entlastung der kleineren Gemeinden und die stärkere Inanspruchnahme des Staates, während der Abg. Wellstein vom Zentrum zu vermitteln suchte. Von den Ministern sprach Dr. Studt nur selten und kurz, desto öfter und eifriger aber der Finanzminister Frhr. b. Rheinbaben, der mit Nachdruck hervorhob, daß der Staat schon den überwiegend größten Teil der Kosten übernehme, und der im besonderen den konservativen Antrag v. Heyde­brand für unannehmbar erklärte. Von diesem Antrag wurde daraufhin ein Teil angenommen, der andere abgelehnt. Ob bis zur dritten Lesung noch eine Einigung zwischen Regie­rung und Mehrheit erzielt werden wird, wie der Minister es hofft, steht dahin. Uebermorgen steht die Hiberniavorlage auf der Tagesordnung. Der Präsident teilte zum Schluß auf eine Anfrage hin mit, daß am nächsten Montag die Etats­beratung, am folgenden Montag oder Dienstag die zweite Beratung der Kanalvorlage beginnen soll.

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[ Die sprechende Postkarte.] Die Postkartenmanie hat einen guten Erwerbszweig geliefert, und es muß schon eine ganz besondere Abwechselung geboten werden, wenn diese festen Fuß fassen soll. Die photographische Ansichtspostkarte scheint vorläufig die Oberherrschaft zu behalten, obgleich win bon Händlern vernehmen, daß sie auch Vorrat von Postkarten in zahlreichen anderen Druckverfahren haben. Der neueste Rivale ist ein Benny- Automat, und zwar nicht für Ansichts­oder Porträtkarten, sondern für ein phonographisches Doku­ment in des Absenders eigener Sprache. Die Erfindung tommt aus Wien. Die betreffende Person erhält durch den Automaten ihre Rede auf einer dünnen Grammophonplatte, die auf einer Postkarte firiert wird und dann wie eine ge­wöhnliche Postkarte versandt werden kann. Die Platte foll aus einem neu erfundenen Material bestehen, das so hart ist, daß eine Beschädigung bei dem Postversand nicht ein­tritt. Natürlich besteht nun für den Empfänger eine Schwie­rigkeit in der Reproduktion der Rede des Absenders, aber hier soll durch einen neuen billigen Phonographen abgeholfen werden. Sollte diese Erfindung Erfolg haben, so ist kein Zweifel, daß diese Phonographenpostkarte der illustrierten Postkarte sie ernste Konkurrenz hereiten mird

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