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g des Betrages franko vom

ch.m. b.H., Berlin SW. 19

Nr. 298.

Zafertionspreis: Die einfpaltige Betitzelle für ganz Ober­been, bie Kreife Beglar und Marburg 10 Pfg. font 15 Pfg. Reklamen ble Betttzelle 30 resp. 40 fg.

Rebaftion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 88. Fernsprechanfchlah Rr. 362.

Dienstag, den 19. Dezember 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgehelt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( tägit) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Eine Friedenskundgebung.

Eine von mehreren tausend Personen besuchte, von den Heltesten der Berliner Kaufmannschaft nach dem großen Börsensaal berufene Versammlung, zu der sich Notabilitäten der politischen, Gelehrten- und kommerziellen Welt einge= funden hatten, bat in Berlin dem Wunsch und der zuversicht­lichen Erwartung Ausdrud gegeben, daß zwischen Deutschland und England freundschaftliche Beziehungen hergestellt und er­halten werden sollen.

Der englische Botschafter am Berliner Hof war von der geplanten Kundgebung benachrichtigt. Dienstlich bis Ende des Monats außerhalb festgehalten, mußte er sich begnügen, schriftlich seiner Sympathie und seiner ungetellten Zustimmung Ausdruck zu geben. Das war im Grunde selbstverständlich. Auch lag nicht in seiner Zustimmung die Bedeutung der Kund­gebung. Ebensowenig in den wohlgemeinten aber inhaltlich erstaunlich dürren telegraphischen Veipflichtungen der Herren Gerhart Hauptmann, Sudermann und Ludwig Fulda, die wohl selbst sich einigermaßen unbehaglich fühlten, als man ihnen zu­mutete, zu einer Frage der auswärtigen Politik sich zu äußern. Die bühnenkundigen Herren wissen im Grunde wohl auf den Brettern Bescheid, die die Welt bedeuten", doch auf den politischen Weltbühnen find sie wenig heimisch. Deshalb machten ihre telegraphischen Verlegenheitsworte, die sich ganz­lich in den Grenzen allgemeiner Redewendungen hielten, teinen geradezu erschütternden Eindruck. Sie stachen un= günstig ab von allen anderen Aeußerungen, die sämtlich etwas zu sagen hatten und zu sagen wußten. Kaufleute und Gelehrte, Politifer von Beruf und Technifer fanden kräftige und eindringliche Worte, um vor Deutschland und England und vor aller Welt zu bezeugen, daß in deutschen Herzen fein Raum ist für Haß und feindselige Gesinnung gegen England, daß der Deutsche sich dem Engländer verwandt fühlt, daß nichts geschehen ist, was die traditionelle deutsch­englische Verbrüderung aufheben oder auch nur beeinträchtigen

fönnte.

Freilich englische Blätter haben sich vielfach un­freundlich gegen Deutschland geäußert. Doch eben das­felbe haben auch deutsche Blätter England gegenüber getan. So notwendig und ſegensreich die Journalist! ist, so wird sie selbst am allerwenigsten Anspruch auf Untrüglichkeit erheben. Sie befißt Selbsterkenntnis genug, um zu wissen, daß im Eifer der öffentlichen Rede und in dem Drang nach besonderer Deutlichkeit man leicht zu Ent­gleisungen fommen fann, zu Uebertreibungen und Derbheiten, die nicht buchstäblich gemeint sind, denen man aber nicht sofort anmerkt, daß sie gar nicht buchstäblich aufgefaßt sein wollen. In diesem Betracht wird überall gesündigt, bei uns nicht weniger als jenseits des Kanals. Das hat sich bei mancher Gelegenheit gezeigt. Warum aber nur der kleinen Aergerlichkeiten denken, die der Tag verschlingt, für die es kein Morgen gibt? Warum nicht lieber die Dienste in treuem Gedächtnis bewahren, die man gern immer wieder entgegen= genommen hat und für die man dauernden Dank schuldet? Es ist ja eine ganze Weile her, seit Friedrich der Große gegen ganz Europa zu kämpfen hatte und einzig England auf seiner Seite hatte. In hundertundfünfzig Jahren fann sogar eine Danfesschuld verjähren. Aber die deutsch- englische Rechnung hat auch stattliche Posten jüngeren Datums: In der ganzen Welt außerhalb Deutschlands ist die Erstehung des Deutschen Reichs nirgends mit solchem Jubel, mit so herzlicher Freude begrüßt worden, wie in England. Und bei dem Jubel, der nichts kostet und wenig nügt, ist es nicht geblieben: Die Regierung der Königin Vittoria von England hat dem neuen Deutschen Reich wiederholt sehr schäzbare Dienste er­wiesen. Die englische Regierung hat in Uebereinstimmung mit dem englischen Volt sich ohne Vorbehalt und ohne Hinter­gedanken auf den Boden der Anerkennung der deutschen Politik gestellt, obwohl deren Anfänge im dänischen Krieg bon 1864 den englischen Wünschen entgegen gewesen

waren.

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Wir machen an dieser Stelle nur eine einseitige Rechnung auf, wir gedenken hier nur der Freundlichkeiten, die wir von englischer Seite erfahren haben. Mit aller Absichtlichkeit. Wir wollen ja darum feinen abschließenden Ausgleich herbei­führen, wir wollen im Gegenteil die guten Beziehungen andauern lassen und sie noch mehr als bisher betont wissen. Die Dienste, die wir England geleistet haben, die mögen uns gleichgesinnte Engländer in England aufzählen, um dort aufklärend zu wirken und die schlummernde Freundschaft zu uns wieder zu weden.

In England hat man unser politisches Erstarken mit freudiger Anerkennung begrüßt. Es wäre vielleicht nicht in dem Maße geschehen, nicht so vorbehaltlos, wenn man in England nicht instinktiv empfunden und später flar erkannt hätte, daß zwischen Deutschland und England ein Interessengegensatz nicht be­tehen, eine Interessenfeindschaft faum gedacht werden kann. Freilich sind England und Deutschland auf manchem Gebiet laufmännische Konkurrenten. Aber abgesehen davon, daß Ronkurrenten nicht Feinde zu sein brauchen und am aller­wenigsten die Feindschaft zu kriegerischem Zusammenstoß führen muß stehen England und Deutschland zu einander weit mehr in dem Verhältnis von Kunden als von Konkurrenten. Deutschland hat feinen besseren Kunden als England, und England hat keinen besseren Kunden als Deutschland. Beide berdienen an dem, was sie faufen, wie an dem, was fie

verkaufen, sodaß die Gestaltung der Handelsbilanz ohne jeden Einfluß ist.

Wir haben auch wirtschaftlich, England viel zu danken, wir haben viel von ihm gelernt. Selbstverständlich haben wir dafür Lehzahlt. Doch das haben wir längst wieder herei acht.

Deutse Ein Verb: Niemand mögen, dc

und England im Krieg mit einander?

wäre es und für beide Teile ein Unglück!

d die Verantwortung dafür auf sich nehmen cine Mißstimmung und ein Mißverständnis zu olchem Un il führen.

Das wu der unpoetische und darum den Poeten nicht sehr geläufige, com Clehrten, wie den Praktikern und Bo­litifern um so einleuchtendere Grundgedanken der Friedens­versammlung vom vorigen Sonntag.

Der Hbfall der Oftfee- Provinzen.

Unaushaltsam nimmt die 3 rsetzung in Rußland ihren Fortgang. Die Ostseeprovinzen müssen vorderhand für Ruß­land als verloren gelten, und schon greift die Bewegung nach Polen hinüber. Alle Bande beginnen sich zu lösen, und die Schreckensszenen mehren sich in entsetzlicher Weise.

Wie eine gleichberechtigte Macht muß bereits die Revolutionspartei in den baltischen Provinzen behandelt

werden.

Siegreiche Revolutionäre.

An hunderttausend Letten und Efthen sind in Hellem Aufruhr, und ihr Wüten richtet sich in erster Linie gegen die Deutschen, den durch Intelligenz und Bentz an erster Stelle stehenden Volksstamm. Die Saat beginnt aufzugehen, die von den Panslamisten gejät ist. Der Friede zwischen Deutschen und Letten hörte auf, als die Russifizierung der Ostseeprovinzen mit allen Mitteln durchgeführt wurde. Da hezte man die Letten wider die Deutschen und stellte sie als von letteren bedrückt dar. Jetzt wüten sie gegen alles, und das Einschreiten der Staats­gewalt erweist sich als vergeblich. Aus Peterburg wird darüber gemeldet:

Die Letten sind wohlbewaffnet und stellen sich dem Militär zum offenen Kampfe. In zahlreichen blutigen Gefechten haben die Revolutionäre die Truppen in die Flucht geschlagen. Die Gutshöfe werden eingeäschert, die Besizer gefangen genommen oder ermordet. Auch gegen die Pfarrhäuser richtet sich die Wut des Volfes.

Die livländische Ritterschaft und die Stadt Riga haben ein tes dringliches Wort an den Zaren und die Minister gerichtet, in dem sie auf die ungesäumte Veendiung der Russifizierungsversuche und die Abberufung der fremden Beamten als einziges Rettungsmittel hinweisen.

Zum Schuß der Deutschen.

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Um deutsche Reichsangehörige, die durch die Unruhen in den russischen Ostseeprovinzen gefährdet sind, im Notfall auf­zunehmen und nach Königsberg zu bringen, ist auf Ver­anlassung des Reichskanzlers der Dampfer Wolga" von Stettin aus nach Riga abgegangen. Ferner geht der Schnell­dampfer Prinz Heinrich" von Misdroy nach Reval und nach Libau ein Dampfer der Hamburg- Amerita- Linie in See. Schweden hat Kriegsschiffe nach Riga und Petersburg ge­schickt.

Die Armee versagt!

Es ist von der Entsendung einer starken Militärmacht nach den Ostseeprovinzen die Rede. Allein auf diese ist weniger Verlaß, denn je zuvor. Immer mehr Regimenter meutern und können nur mühsam durch Gewährung ihrer Forderungen bei den Fahnen gehalten werden. Eine Mel­dung aus Petersburg besagt:

Die Peter- Paul- Festung ist überfüllt von verhafteten Soldaten. In Barskoje- Selo hat Trepom eine besondere Wache für den Zaren aus ganz zuverlässigen Elementen verschiedener Regimenter gebildet.

Auch in der Schwarzen Meer- Flotte beginnt es sich wieder zu regen. Dem bei dem Aufruhr in Sebastopol ge= fangen genommenen Leutnant Schmidt soll es mit Hilfe der Wärter gelungen sein, aus dem Gefängnis zu entkommen. Neuer Generalstreik?

Die Verhaftung des Rates der revolutionären Arbeiter­partei ist von dieser mit der Wahl eines neuen Ausschusses beantwortet worden. Es ist auch schon von einem neuen Generalstreif die Rede, und die Regierung trifft ihre Vor­fehrungen, ür die aus Petersburg gemeldet wird:

Eine amtliche Bekanntmachung erklärt, die Regierung würde Maßnahmen von vollständigem Ausnahme­Charakter anwenden, wenn die bestehenden Geseze nicht genügen sollten, der Tätigkeit der Revolutionäre Einhalt zu tun.

Wie verlautet, macht sich in der Bevölkerung eine starke Erbitterung gegen die Verkehrsbeamten geltend, und diese sehen sich Gewalttätigkeiten ausgesetzt, wenn sie durch ihren Die Ausstand die Bevölkerung ferner zu Grunde richten. telegraphische Verbindung von Petersburg und Mostau nach Deutschland ist wiederhergestellt.

Witte und Durnowo bedroht.

Wilde Gerüchte von neuen Anschlägen durchschwirren die Luft. Bei dem verhafteten Revolutionsführer Chrustatew

ein lan zur Gefangennahme Wities gefunden sein. Bnews, berg Stüße der" on besonders verhaft ist, usbe har var einem Attentat bewahrt. In der Rabe feiner naming wurde ein Mann mit einer Bombe berbaftat

Politische Kundschau.

Deutfches Reich.

In entschiedener Weise nimmt eine offiziöse Auslassung Stellung zur Vorgeschichte des Marottozwiftes. Ein westdeutsches Blatt hatte behauptet, daß Fürst Bülow, ob­wohl er natürlich hinterher die volle Verantwortung über­nahm, ja selbst das Urheberrecht für die Idee der Kaiserfahrt für sich beanspruchte, von der ganzen ihm allzu gefährlich er­scheinenden Maroffo- Sache nichts wissen wollte, bis der Kaiser selbst in seiner raschen demonstrativen Art das Versäumte nachzuholen fuchte." Dazu sagt die offiziöse Stimme: Wir weisen diese Darstellung, wie die im Anschluß daran er= wähnte ,, Klage der Franzosen", daß Fürst Bülow ,, sich bis zum Eingreifen des Kaisers sozusagen Watte in die Ohren stopfte", als eine wahrheitswidrige Geschichtsflitterung zurück. Ten Reichskanzler ist, wenn er auch das Eingreifen in die Marokko- Frage auf den nach seiner Kenntnis der Dinge ge eigneten Zeitpunkt verschob, die Wahrnehmung der deutschen Rechte und Interessen im Scheriftschen Reich niemals zu gea fährlich" erschienen. Die Landung Seiner Majestät des Kaisers in Tanger war feine plögliche Schwenkung unserer Politik. Sie wurde nach reiflicher Ueberlegung ins Werk gesetzt als ein durch die Umstände gerechtfertigtes Mittel, um den inter­nationalen Charakter der Marokko- Frage zu bekunden." Die spanische Regierung hat übrigens vorgeschlagen, die Marotfotonferenz in Madrid und nicht in Algeciras abzu­halten. Italien soll bereits beigestimmt haben. Auch von einer abermaligen Verlegung der Konferenz ist die Rede.

* Nach einer Mitteilung des deutschen Botschafters in New York Speck von Sternburg ist der Panther- Zwischen­fall durch freundschaftliche Uebereinkunst zwischen Deutschland und Brasilien erledigt.

Die Aufstandsgebiete in Deutsch- Südwest- und Ostafrika gehen ihrer allmählichen Beruhigung entgegen, wenn auch noch immer vereinzelte Gefechte davon zeugen, daß nicht alle Arbeit getan ist. Nach einer Meldung des Gouverneurs von Ostafrifa Grafen Gößen wurde die be­festigte Etappenstation Liwale abermals erfolglos angegriffen. Oberleutnant Wagner hatte ein Gefecht am Kitope- Berg. Der Feind floh. In Südwest- Afrika macht der rührige Mo­renga den Deutschen noch stark zu schaffen. Er unternahm. einen erneuten Angriff auf Sandfontein, wobei fünf deutsche Reiter fielen und vier verwundet wurden. Die Abteilung bes Rittmeisters Hägele warf östlich von Aub Leute des Cornelius nach Süden zurück und verfolgte sie. Hierbei wurde ein Reiter schwer, ein Reiter leicht verwundet. Bei Bubuoms, östlich Aminius, hatte die 4. Batterie ein Gefecht gegen Hottentotten, wobei der Feind drei Tote, zwei Gewehre, acht Reitochsen und 25 Stück Großvieh einbüßte. Auf deutscher Seite wurden ein Reiter schwer, ein Offizier und ein Reiter leicht verwundet.

In Dresden und Chemnitz tam es abermals zu Demonftrationen gegen das fächsische Wahlrecht, die zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei führten. In Dresden zogen nach dem Schluß von stark besuchten Ver­Jammlungen große Menschenmassen durch die Straßen, die burch Polizeiaufgebote mit blanker Waffe auseinander ge­trieben wurden. Ein größerer Haufen der Demonstranten­beabsichtigte, vor der Wohnung des Ministers von Mensch Rundgebungen zu veranstalten. Als sich ein starkes Polizei= tommando in den Weg stellte, kam es zu Tätlichkeiten. Die Polizisten zogen blank und hieben ein, mehrere: Schüsse fielen, auch wurden Steine geschleudert. Im ganzen wurden 18 Verwundete nach dem Krankenhause gebracht, 14 davon wurden nach Anlegung eines Verbandes entlassen, 4 mußten im Krankenhause verbleiben. In Chemnitz durchzogen mehrere tausend Teilnehmer der Wahlrechtsversammlungen die Hauptstraßen, demonstrierten tumultuarisch vor der All­gemeinen Zeitung und wollten nach dem Rathaus vordringen.. Sie tamen schließlich in ein förmliches Handgemenge mit der Schußmannschaft, von der sie zurückgedrängt wurden. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor. Wie es heißt ,.

hat die sächsische Regierung der konservativen und der nationalliberalen Fraktion der zweiten sächsischen Kammer bertraulich mitgeteilt, daß sie die Absicht habe, noch in dieser Session neue Vorschläge für eine Wahlrechtsreform zu machen.

* In Leipzig tagte der außerordentliche Verbandstag des Audeutschen Verbandes. Die Versammlung nahm rine Resolution an, in der die Erwartung ausgesprochen twird, der Reichstag werde über die Flottenvorlage der Re­gierung hinausgehen, damit eine schnellere Verstärkung der Kriegsmarine möglich werde. Ferner forderte der Ver­bandstag die Entsendung von Kriegsschiffen in die russischen Häfen zum Schütze der in Rußland ansässigen Reichsdeutschen.