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Nr. 220.
Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Dienstag, den 19. September 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes
Die deutsche Arbeiterverficherung.
In Wien ist der siebente internationale Kongreß für Arbeiterversicherung eröffnet worden. Man wird dieser Tagung, die bis zum 23. September andauert, weitgehende Bedeutung nicht absprechen können. Ist es doch sehr wahrscheinlich, daß die Beschlüsse des Wiener Kongresses der deutschen Staatsregierung Anregungen für die beabsichtigte Reform der Arbeiterversicherungsgeseze geben werden. In der Sorge für die Sicherung der vom Erwerb des Tages lebenden Klassen in Zeiten der Krankheit und des Alters ist die Gesetzgebung des deutschen Reiches vorbildlich für alle Staaten geworden. Der soziale Zug unserer Zeit verlangt gebieterisch freie Bahn für den erhabenen Gedanken, auch demjenigen Staatsbürger, der keinen Sicherheitsfonds zum Schuße gegen unverschuldetes Unglück ansammeln fann, Hilfe und Fürsorge angedeihen zu lassen. Deutschland hat diesen Gedanken seiner Arbeiterversicherung zugrunde gelegt und darf stolz auf das Errungene sein. Freilich, um ein großes Ziel zu erreichen, ist die Zusammenfassung aller Kräfte notwendig. So genügte es nicht allein, den Arbeiter gleichsam zu einer Zwangssparkasse durch in jeder Woche zu leistende kleine Beiträge heranzuziehen. Aus eigener Kraft und eigenen Mitteln allein fonnte das handarbeitende Volk nicht den gewaltigen Anforderungen in materieller Beziehung genügen, die sich erhoben. Auch der Arbeitgeber mußte seinen Teil beitragen, damit aus dem Zusammenwirken beider Faktoren ein wohltätiges Ganze entstände. Hat doch auch der Arbeitgeber ein offensichtliches Interesse daran, durch die Krankenverficherung, die von ihr resultierende sachgemäße Behandlung, einen gefunden und leistungsfähigen Arbeiterstand zu erhalten. Andererseits muß es ihm willkommen sein, durch die Fürsorge für Alter und Invalidität, im kommenden weiteren Sinne auch für Witwen und Waisen, die Zufriedenheit der Arbeitnehmer zu stärken, der Unwilligkeit und der Verbitterung entgegen zu wirken, die gar zu leicht üppig ins Kraut schießt, wenn der Blick des kleinen Mannes in der Zukunft nur Mangel, Elend und Ungewißheit für sich und die Seinen sieht.
So mußten Arbeitgeber und Arbeitnehmer das ihre tun, um der Gesetzgebung die Basis für den Ausbau der Versicherungsgesetze zu geben. Mit welchem Erfolge, das ist bei allen Beteiligten, die einigermaßen hellen Blick haben, flar und deutlich. Die Frage, wozu denn eigentlich die Fürsorge für die arbeitenden Klassen, kann heute kaum noch mit Fug und Recht gestellt werden. Gewiß haben sich anliebsame Erscheinungen gezeigt. Man spricht von dem Anwachsen der politisch- radikalen Gesinnung in den Arbeiterkreisen trotz oder infolge der Versicherungsgesetze. Das ist ein unrichtiger Schluß, und keine geringere Autorität als der Oberregierungsrat Dr. Bödicker, der langjährige Präsident des Reichsversicherungsamtes, sagt es knapp heraus, daß die Stiminenzahl der radikalen Elemente bei den Wahlen noch viel größer und das Kolorit der politischen Kämpfe schärfer sein würde, wenn wir keine Arbeiterversicherung hätten. Daß in der Arbeiterschaft nur Undankbarfeit herrsche, sei eben so schief wie die kaum ernst zu nehmende Behauptung, die Arbeiter verdienten es nicht, daß man sich ihrer annehme. In Wirklichkeit stärkt ein wohlfituierter und gesicherter Arbeiterstand die Kraft der Nation nach innen und nach außen. Die Zukunft der nationalen Gemeinschaft muß sich auf einem widerstandsfähigen und gesunden Arbeiterstand aufbauen.
Allerdings, die neuen Lasten fielen im Anfang schwer auf manchen mühsam um sein Vorwärtskommen ringenden Gewerbtreibenden. Im schweren Kampfe mit der ausländischen Konkurrenz spannte die deutsche Industrie unter vielfach ungünstigen Bedingungen alle Kräfte an, um in Front zu kommen. Da waren die sich summierenden Kosten für die Arbeiterversicherung wenn auch kein unübersteigliches, so doch ein im Wege liegendes Hindernis, das überstiegen werden mußte. Es wurde überstiegen, und heute wollten wir wohl kaum zurück, um eine andere Lösung zu suchen. Die Mängel, die dem Versicherungswesen noch anhaften, find allmählich erkannt worden. Eine zu weitgehende Dezentralisation hat unnötige Belastung und Umständlichkeit geschaffen. Man zieht die Zusammenlegung von Kranken- und Invalidenversicherung in Erwägung, man diskutiert über die Frage, ob das Maß der gewährten Selbstverwaltung Uebelstände gezeitigt hat, ob Befähigungsnachweis und mittelbare oder unmittelbare Qualität als Staatsbeamte für die Kassenfunktionäre am Plaze sei. Es wird sicherlich angestrengte Arbeit und manche heiße Debatte erfordern, ehe das geplante Reformwerk fir und fertig dasteht. Die Vereinfachung der Verwaltung, die Verbilligung des Betriebes, die dadurch ermöglichte Ausdehnung auf Witwen und Waisen sind wünschenswerte Dinge, die anderen Fragen haben sekundären Wert und können nach lediglich praktischen Gesichtspunkter erledigt
werden.
Eines darf nicht aus dem Auge verloren werden. Das Prinzip, nach dem sich der Ausbau der deutschen Arbeiterbersicherung zu vollziehen hat, muß das der ausgleichenden
Gerechtigkeit sein- Gerechtigkeit hüben und drüben. Die auferlegte Last darf keinen der Träger, stehe er in diesem oder jenem Lager, zu Boden drücken, aber getragen muß sie werden, zum Wohle des Staates und im Interesse des friedlichen Zusammenlebens der einzelnen Bevölkerungsschichten und Erwerbsstände. Deshalb ausgleichende Gerechtigkeit jedem das Seine.
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Frieden in Skandinavien.
( Eig. Bericht.)
Christiania, 17. September. Die Kriegsposaunen sind verstummt, die Mitwelt braucht nicht länger in komischem Schrecken und höhnischem Mitleid zu erbeben in der Erwartung, daß Norwegens Bauern und Schwedens fröhliche Kinder in grimmer Fehde das Schlachtfeld mit ihrem Blute düngen. Die Verhandlungen in Karlstad zwischen den Delegierten Schwedens und Norwegens haben zu einem beide Teile befriedigenden Resultat geführt. In Schweden herrscht große Begeisterung. Im ganzen Lande länten die Glocken, auf öffentlichen Plätzen spielen Musikkapellen, um die allgemeine Freude auszudrücken. Weniger stürmisch äußert man sich in dem bedächtigen Norwegen, aber zufrieden ist man doch damit, daß der etwas rostige Säbel und die Großvatersflinte nicht aus der Ecke geholt zu werden brauchen. Man hat viel zu sehr das Gefühl der eigenen Ohnmacht, um sich über die tatsächlichen Verhältnisse zut äuschen. Hätte sich wirklich ein Feldzug zwischen den Brudernationen entwickelt, wer weiß, ob die Großmächte nur als Zuschauer das interessante Schauspiel angesehen hätten. Gar leicht hätte dieser oder jener große Bruder" die Lust zum„ Friedenstiften" bei sich erwachen fühlen. Und befanntlich gewinnt der dritte immer, wenn zwei sich streiten. Schon deshalb empfindet man es wie eine Befreiung von schwerer Last, wenn nach den Tagen der Drohungen und Mißhelligkeiten ein Uebereinkommen erzielt ist. Aber auch im übrigen fann man glauben, daß die Freude über die Erhaltung des Friedens eine aufrichtige ist. Tatsächlich hat Norwegen in den letzten Wochen militärische Vorbereitungen getroffen, die nun wohl eingestellt werden. Das kann man auf schwedischer Seite mit Fug und Recht verlangen. Die übrigen Streitfragen werden leicht geschlichtet werden können.
Ueber den Inhalt der Karlstader Vereinbarungen ist vorläufig noch nichts Positives bekannt, doch verlautet, daß die Norweger in wesentlichen Punkten nachgegeben haben. Die Verhandlungen dauern fort. Die Frage der Grenzbefestigungen soll bereits gelöst sein, auch der Schiedsge= richtsvertrag zwischen beiden Mächten soll im Prinzip Annahme gefunden haben.
So wird die Unionstrennung friedlich und schiedlich vor sich gehen, und die Zukunft wird es hoffentlich zeigen, daß die skandinavischen Reiche auch ohne Personalunion freundschaftlich nebeneinander leben können.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
Erhebungen über die Wirkungen der geplanten Verfonentarif- Reform sind schon seit längerer Zeit im Gange, haben aber noch kein abschließendes Resultat ergeben. Man läßt daher, um in dieser Beziehung Klarheit zu schaffen, die Verhältniszahl der gelösten einfachen und der Rückfahrfarten noch einmal für einen Monat für die gesamten preußisch- hessischen Staatsbahnen feststellen. Da möglicherweise bei den früher wahrgenommenen Verschiedenheiten die Entfernung, für die die Fahrkarten gelöst werden, eine ausschlaggebende Rolle spielen, so sind bei den jetzigen Erhebungen Zonen von 1 bis 30 Kilometer, 31 bis 100, 101 bis 300, 301 bis 600 Kilometer gebildet worden.
* Nach einer halbamtlichen Meldung sind jetzt die Verhandlungen in der Marokkofrage so weit gediehen, daß der Ort der Konferenz endgültig festgelegt zu sein scheint. Die Konferenz soll in Algeciras, einem spanischen Handelsstädtchen am Golf von Gibraltar zusammentreten. Voraussichtlich sollen die Verhandlungen Ende Januar nächsten Jahres beginnen. Die Mächte, welche an der Marokkofonferenz teilnehmen werden, dürften durch folgende Diplomaten vertreten sein: Frankreich Revoil, England Arthur Nikolson, Deutschland Dr. Rosen, Spanien Djeda. Belgien Graf Bubeseret.
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* Nach einem Bundesratbeschluß unterliegen der Pflicht zur Invalidenversicherung polnische Arbeiter russischer oder österreichischer Staatsangehörigkeit nicht, wenn ihnen der Aufenthalt im Inlande nur für eine bestimmte Zeit gestattet ist und sofern sie in inländischen land- und Forstwirt. schaftlichen Betrieben beschäftigt werden.
* Nach einer Anordnung des Oberstaatsanwalts der bayerischen Pfalz soll der Handwerksmeistertitel in öffentlichen Urkunden nur noch den Namen solcher selbständiger
Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Handwerker beigefügt werden, die zur Führung des Meistertitels nach den gesetzlichen Bestimmungen berechtigt sind. Die Handwerkskammer der Pfalz hatte bei der Provinzialregierung Klage darüber geführt, daß jeder selbständige Handwerker in der Regel als Meister bezeichnet werde.
In Jena wurde der sozialdemokratische Parteitag vorgestern durch einen Begrüßungsabend eröffnet, auf dem Bebel eine große kritische Rede hielt. Die eigentlichen Verhandlungen begannen gestern unter Singers Vorsitz mit Begrüßungsansprachen der von außerhalb erschienenen Teilnehmer, unter denen eine Anzahl russische und polnische Genossen und Genossinnen auffallen. Dr. Franz Mehring ist nicht anwesend. Es wurde zunächst über die Parteiorganisation verhandelt, zu der Abg. von Vollmar das Referat lieferte. Vom Vorstand sind mehrere Resolutionen vorgelegt, nämlich betreffend die Fleischnot, die in Deutschland ergangenen Redeverbote und betreffend eine Erklärung der englischen Gewerkschaften zugunsten des Friedens..
* Aus Kattowitz kommt eine überraschende Meldung. Wegen der Fleischteuerung soll die russische Grenze geöffnet werden, d. h. das Kontingent der zur Einfuhr erlaubten Schweine soll erhöht werden. Die Mitteilung ist vorläufig mit aller Reserve aufzunehmen. Wenn wirklich das erhöhte Schweinekontingent, wie es vom 1. März 1906 ab über die russische Grenze kommen soll, zugelassen würde, so bedeutete das eine Aenderung in der bisherigen Haltung der preußischen Regierung.
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Für die Kasse der sozialdemokratischen Partei sind im August dieses Jahres 24 600 Marf eingekommen. Das ist weniger wie in den früheren Monaten, immerhin übersteigt der Betrag die Leistungen der übrigen politischen Parteien ganz bedeutend.
Oefterreich- Ungarn
** Zu der Angelegenheit der Zeyssig- Broschüre wurde der Verteidiger Zyganys, des Verfassers der Broschüre, der Advokat Dr. Elemer Halmr, am Sonntag abend verhaftet und zwar unter der Beschuldigung, sich im Verein mit Zygany der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht zu haben. Gestern wurde jedoch der Rechtsanwalt wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, da ein strafbares Delikt nicht verliege.
Rufsland.
** Die Nachrichten aus dem südlichen Rußland lassen eine immer schlimmere Entwickelung im Naphthagebiet erfennen. Die Tataren zerstörten wieder eine Anzahl Bohrlöcher und bedrohen andere in Baku und den Vororten. Es werden große Truppenmassen nach den Naphtha- Distrikten beordert, auch soll dort eine besondere Polizeitruppe aus entlassenen Soldaten gebildet werden. In Odessa wurden zwei Französinnen verhaftet, die zu Schiff revolutionäre Flugschriften einzuschmuggeln versuchten. In Sewastopol wurden zwei Matrosen vom„ Pobjedonoszew" hingerichtet. In Kurland wurden von aufrührerischen Bauern verschiedentlich Revolverattentate gegen GroßBei der Eröffnung des russischen grundbesitzer verübt. Psychiater- Kongresses in Petersburg forderte Professor Bezhern Preß-, Rede- und Versammlungsfreiheit. In Warschau wurde ein frühererer Fabrikbesizer, der der Polizei Spitzeldienste leistete, von drei Unbekannten erschossen.
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Afien.
Nach dem Ergebnis des abgelaufenen Rechnungsjahres scheint die Finanzlage des japanischen Staates doch nicht so schlecht zu sein, wie vielfach behauptet wurde. Die Abrechnung des Staatshaushaltes für das mit dem 31. März schließenden Rechnungsjahr hat einen Ueberschuß bon 50 Millionen Yen ergeben. Die Unruhen in Tokio sind ziemlich gedämpft, doch wird die Umgebung der Regierungsgebäude noch immer von Militär bewacht. Es sind Unterschlagungen von 330 000 Yen, begangen durch drei MarineZahlmeister, entdeckt worden. Die Nachricht wurde zunächst mit Ruhe aufgenommen, nachdem jedoch bekannt wurde, daß sich die Unterschlagungen über ein Jahr hin erstrecken, ohne daß sie gemerkt wurden, hat ein Gefühl des Mißtrauens gegen die Marineverwaltung Platz gegriffen. Amerika.
** Präsident Roosevelt beabsichtigt, alsbald nach der Ratifizierung des Friedensvertrages seine Zirkularnote wegen Einberufung einer zweiten Haager Konferenz abzusenden. Der Newyork Herald" benennt als vorgeschlagene Verhandlungsgegenstände die Ausdehnung der Genfer Konvention auf den Seekrieg sowie das Verbot, Explosivstoffe aus Luftschiffen auszuwerfen.
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Hof und Gesellschaft.
Der Kaiser hat an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz einen Erlaß gerichtet, in welchem der


