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N. 167.
Befertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Oberen, die Kreise Weylar und Marburg 10 fg. fenft 15 Pfg. Reklamen die Betitzelle 30 refp. 40 fs. Bebattion u. Haupterpebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechenschink Nr. 362.
Mittwoch, den 19. Juli 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für verheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeiſterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Kreditwirtschaft.
Pünktliche Zahlung und Borgsystem.
,, Mensch, bezahle deine Schulden!
Lang ist ja die Lebensbahn,
Und du willst noch manchmal pumpen Wie du es so oft getan."
-
Diese Worte des übermütigen Spötters Heinrich Heine enthalten mehr wirtschaftliche Weisheit, als man bei diesem in ökonomischen Dingen nicht eben vorbildlichen ,, ungezogenen Liebling der Musen" vorausseßen sollte. Bez a hle deine Schulden ist unter allen Umständen eine beherzigenswerte Mahnung, selbst wenn man in der Tiefe des Gemüts an die Notwendigkeit wiederholten Pumpes als an eine ausreichende Begründung nicht denkt. Kluge und vorschauende Wirtschafter gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie die Forderung aufstellen, man solle der Verpflichtung zur Schuldenbezahlung und der damit verbundenen Last durch vorbeugen, daß man erst gar keine Schulden macht. ,, Kein Borger sei und kein Verleiher nicht!" läßt Shakespeare den Polonius seinem Sohn Laërtis dringend empfehlen; und wiederum Heinrich Heine ist es, der sich gegen die Borgund Kreditwirtschaft allerdings auf einem anderen Gebiet mit dem Ausspruch wendet:„ Wahre Prinzen aus Genicland zahlen bar, was sie verzehrt."
da
Mit den Poeten würde man am Ende noch unschwer fertig werden. Man brauchte ihnen, in deren Welt die Gedanken leicht beieinander wohnen, bloß die Autorität zu bestreiten, da mitzureden, wo sich im Raume hart die Sachen stoßen. Aber die prosaischsten und nüchternsten Wirtschaftslehrer halten es in diesem Fall ganz und gar mit den unpraktischen Dichtern und predigen immer und immer wieder als ihrer Weisheit letzten Schluß:„ Du sollst nicht leihen, und du sollst nicht borgen!" Freilich verkennen die Männer der Praris nicht, daß der Kredit ein unentbehrliches kaufmännisches Hilfsmittel ist, und sie geben zu, daß heutzutage auch das Handwerk kaufmännisch betrieben sein will. Was hilft es aber, daß sie mit unwidersprechlicher Beredsamkeit auf den außerordentlichen Nußen hinweisen, den der Grundsatz der Bar= zahlung bei Einkauf und Verkauf bringt, wie beispielsweise die großen Warenhäuser bei kleinem Getsinnaufschlag sich die stärksten Erträge sichern, indem sie ihr Kapital im Jahreslaufe vielemal umsetzen! Um es diesen Vorbildern nachtun zu können, muß man nicht bloß selbst Kapital besitzen, sondern auch mit einer Kundschaft zu tun haben, die zur Barzahlung so fähig wie willig und nicht gewöhnt ist, in der Forderung der Barzahlung beinahe eine Beleidigung zu sehen. Der Großfaufmann ist zuweilen in der Lage, sich seine Kundschaft zu erziehen, sie durch die besonderen Vorteile, die er wirklich oder vermeintlich bietet, nach seinen in diesem Fall ganz berechtigten Wünschen zu gewöhnen. Der kleine Handwerker aber, daß Gott erbarm! muß sich auch nach den unberechtigten Wünschen seiner Kundschaft fügsem richten, denn mit jedem einzelnen Kunden, der sich von ihm lossagt, sieht er einen Teil seines notwendigen Lebensunterholts schwinden.
Der Rat, den man dem Handwerker und Kleinkaufmann gegeben hat, sich zu Einkaufs- und Kreditgenossenschaften zusammenzutun, ist gewiß sehr gut und hat, wo man ihn richtig zu befolgen verstand, auch vortreffliche Früchte getragen. Doch damit allein ist der Bedrängnis nicht abgeholfen. Soll der Kredit, den der kleine Mann bean= sprucht, die gesunde Unterlage nicht verlieren, so muß er zeitlich ziemlich eng umgrenzt bleiben, darf er sich nicht auf unübersehliche Fristen ausdehnen. Der solide kleine Mann wünscht solche Ausdehnung auch gar nicht. Für ihn und seine Anschauungen sind langdauernde Verpflichtungen eine beängstigende Last. Er fürchtet jeden Fälligkeitstermin und sieht ihm mit Sorge entgegen, weil es meist gar nicht in seiner Macht liegt, die Eingänge nach seinem Bedarf zu regeln. Er wird gemahnt, zuweilen sogar recht dringlich und in kostspieliger Weise; er selbst aber darf nicht mahnen, aus Furcht, den Kunden vor den Kopf zu stoßen und ihn sich abwendig zu machen. Dadurch kommt er nicht selten um die Frucht seines Fleißes, und seine Verhältnisse, die eine Erschütterung nicht vertragen können, gehen zurück. Hiergegen aus eigener Kraft anzufämpfen, ist er gar nicht in der Lage. Die Hilfe muß ihm von außen kommen, nicht vom Staat und nicht von der Kommune, sondern vom Kunden.
Freilich ist der Kunde selbst nicht immer auf Mosen ge bettet. Die Mehrzahl der Kunden des Kleinkaufmanns und des Handwerkers besteht wieder aus kleinen Leuten, deren wirtschaftliche Decke manchmal zu kurz geraten ist. Immerhin tut die Gewohnheit viel. Die Aelteren unter uns entsinnen sich noch der Zeit, in der es für unschicklich galt, früher als vor Jahresablauf eine Rechnung zu schicken. Hierin ist schon ein starker Wandel zum besseren eingetreten. Aber noch lange nicht genug. Die Selbsterziehung des Publi. fums könnte und müßte viel weiter gehen, aus Rücksicht auf den lieben Nächsten wie aus Rücksicht auf das wohl verstan. dene eigene nteresse. Der soziale Sinn, der in unseren Tagen so lebhaft entwickelt ist, sollte sich darin betätigen, daß jeder bei der eigenen Bekümmernis zugleich an die des andern denkt, der unter den nämlichen Mißständen leidet.
Haben wir oben die Dichter zitiert, so möchten wir jetzt die ethische Spruchweisheit des Volkes anführen, die sagt:„ Was du nicht willst, daß dir geschieht, das tu auch keinem andern nicht." Wollte man allgemein nach besten Kräften dieser Vorschrift gemäß handeln, so wäre das die beste und wirksamste Selbsthilfe.
Die Huflösung Ungarns.
Wenn die Kräfte, deren friedliches und verständnisvolles Zusammenwirken die Voraussetzung der Staatsleitung ist, grundsäglich die Verständigung vermeiden und einander die Zumutung stellen, sich zu unterwerfen oder abzudanken, so ist die Staatsordnung aufgehoben, so befindet sich der Staat im Zustand der Revolution. In Ungarn treffen alle Bedingungen zu. Ohne jede zwingende oder auch nur dringende Veranlassung hat die aus den jüngsten Wahlen her borgegangene Mehrheit des Abgeordnetenhauses, die in übrigen feineswegs durch einheitliche Gesinnung, sondern einzig in dem Gedanken der Opposition zusammengehalten ist, den Satz aufgestellt, daß es in Ungarn feine Regierung geben dürfe, die nicht von ihr gebildet wäre, und daß es dieser Regierung, also ihr selbst, zustehe, die Heeresorganisation zu ändern und durch Einführung der ungarischen Kommandosprache die Auflösung der gemeinsamen öster reichisch- ungarischen Armee vorzubereiten. Gegen diesen Willen der Opposition, der natürlich für den Willen der Nation ausgegeben wird, habe die Krone fein Einspruchsrecht. Die Krone müsse sich eben unterwerfen, oder der Kronenträger müsse abdanken. Auf der anderen Seite wird die Bestimmung über Armee und Armeesprache als unantestbares Kronrecht bezeichnet, von dessen Beeinträchtigung nicht die Rede sein dürfe.
Daß derartige Meinungsverschiedenheiten vorkommen, ist begreiflich. Es ist ebenso am letzten Ende verständlich, daß die Vertreter einer Auffassung alle irgend verfügbaren Mittel, selbst die der Gewalt und des Rechtsbruchs, aufwenden, um ihrer Meinung Geltung und Anerkennung zu erzwingen. Denn auch das Recht das wirkliche oder vermeintliche will durchgekämpft und durchgesezt sein, und solcher Kampf hat wiedernm sein eigenes Recht. Es ist im Grurde nur logisch und folgerecht, wenn man angesichts einer unüberbrücklichen Kluft der Ansprüche die Erwartung einer doch zu erzielenden Verständigung aufgibt und von der Fiktion Abstand nimmt, als sei die eigene Partei, die nur ein Teil des Staatsganzen ist, die legitime Erbin und Vertreterin des ganzen Staates. Ist man einmal in der Revolution, so wendet man die Mittel der Revolution an und macht im Falle des Sieges seinen Willen zum Gesez, womöglich mit rückwirkender Kraft. So verfährt die ungarische Opposition. Sie hat im Abgeordnetenhaus, das bereits geschlossen war, das Ministerium Fejervary für verfassungswidiig erklärt; sie hat einen leberwachungsausschuß eingesezt, der eine förmliche Gegenregierung darstellt; sie hat die Kommunen aufgefordert, der königlichen Regierung die borgeschriebene Hilfe bei Steuererhebungen zu versagen; sie hat ihnen jetzt direkt verboten, bei der Einberufung von Reservisten die notwendige Mitarbeit zu leisten. Kurz, die Opposition tut alles, was in ihren Kräften ist, der königlichen Regierung die Fortführung der im Staatsinteresse rotwendigen Geschäfte, die auch gar keine Unterbrechung vertragen, unmöglich zu machen. Zur planmäßigen Ausübung dieser Regierungshinderung ist von der Opposition ein engerer Ausschuß gewählt worden, der aus den Grafen Andrassy, Apponyi und Polanyi besteht.
Wenn das keine Revolution ist, so gibi es feine. Demgegenüber glaubt das Ministerium Fejervary an der Vorstellung festhalten zu können, daß es aus der Sackgasse, in der es sich befindet, einen ordnungsmäßigen Ausweg gebe, daß es möglich sei, die Regierungsgeschäfte nach den Vorschriften der von der anderen Seite tatsächlich gebrochenen und aufgehobenen Verfassung weiterzuführen. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum, dessen Folgen um so schwerwiegender werden, je länger der unhaltbare Zustand andauert. Denn auf der anderen Seite wird eine rege Tätigkeit entwickelt, die unter allen Umständen merbende Kraft hat, während diesseits das Bestreben, sorglich jede aufgezwungene Regelwidrigkeit zu vermeiden, zum mindesten den Anschein der Schwächlichkeit erweckt. Wenn immer nur herüber- und nicht hinübergeschossen wird, so kann der Ausgang nicht lange fraglich sein. Untätigkeit mag zuweilen das Ergebnis eines heroischen Entschlusses sein, imposant ist sie niemals, und eine Regierung, die nicht zu imponieren weiß, wird bald in Gefahr geraten, alle ihre Stüßen zu verlieren.
Man hat den Magyaren oft nachgesagt, daß der politische Sinn bei ihnen ungewöhnlich stark entwickelt sei. In der Tat haben sie ihren politischen Willen nicht selten durchzusetzen verstanden. Das ist eine rühmliche Eigenschaft, aber nur dann, wenn der von Zähigkeit getragene politische Wille vernünftig und staatsmännisch ist. Das scheint er im vorliegenden Fall nicht zu sein. Die Herrschaft der Magyaren im eigenen Lande, die eine Minoritätsherrschaft ist- denn die Magyaren sind in Ungarn gegenüber der Deutschen, Sloift wenen, Kroaten, Rumänen, Serben eine Minderheit wesentlich durch die österreichisch- ungarische Staatsgemein
schaft gehalten und auf die Dauer möglich. Steht Ungarn für sich allein, so gewinnen die centrifugalen, die auseinandertreibenden Kräfte die Oberhand. naturgewaltig, unwiderstehlich. Die ungarische Freiheit", auf die der Magyar so stolz ist, hat ein ganz eigenartiges Gepräge, das die lachende Seite nur der herrschenden Minderheit zeigt, während die der nichtmagyarischen Mehrheit zugewendete Seite der Medaille minder erfreuliche Gefühle zu wecken angetan ist. Die magyarische Freiheit besteht der Hauptsache nach in der Unfreiheit und Rechtlosigkeit des Nichtmagyaren. Die Naivetät, mit der der Stockmagyar diese Dinge wohlgefällig betrachtet, kennzeichnet sich in der selbstbewußten Ruhmredigkeit, mit der ein Herr der Bußta einem fremdbürtigen Gast einst gesagt haben soll:„ Der Magyar ist ein freier Mann. Wenn ich dich hier binden und durchprügeln lassen will, so hat mir feiner etwas zu verbieten." Das Geschichtchen ist vielleicht erfunden, aber es ist gut erfunden. Die tätige Prügelfreiheit mag ihre Süßigkeiten haben, die leidende wird sich doch nur ganz ausnahnisieise Freunde gewinnen. Die Schwärmer für die Freiheit, die der Magyar meint, kennen sie nicht.
Der Krieg in Oftalien.
In der Mandschurei ruhen die Kriegsoperationen vollständig. Selbst die Vorpostengefechte sind eingeschlafen und die beiderseitigen Armeen stehen sich abwartend in starken Positionen gegenüber. Zum Teil wird die überaus ungünftige Witterung für den Stillstand verantwortlich gemacht. Nach einer Proklamation des Kommandanten von Wladimostok scheint allerdings die Abschließung der Festung von dem russischen Feldheer nahezu Tatsache zu sein.
Auf der Insel Sachalin
haben die Japaner bei Korsakowsk vollständiges Material für cine 125 Meilen lange Feldbahn somie 3000 Kulis gelandet. Die Gesamtstärke der japanischen Streitkräfte in Sachalin beträgt 14 000 Mann aller Waffengattuen. Die russischen Streitkräfte sind geringer und werden faum der Okkupation irgend welchen ernsthaften Widerstand entgegensetzen fönnen. In den letzten Tagen haben die Japaner nach einem Bericht des Generals Linewitsch den Ort Naibutschi an der Südostküste Sachalins beschossen.
Die Friedensverhandlungen femmen langsam in Fluß. Der russische Unterhändler Witte berläßt heute Petersburg und reist über Cherbourg nach Portsmouth ab. In diplomatischen Kreisen legt man viel Wert auf die Person Wittes als Friedensunterhändler, weil mian sich erinnert, daß dieser Staatsmann von Anfang an ein Gegner der russischen Eroberungspolitik in Ostasien gewesen ist. Von den japanischen Forderungen dürften nach englischen Quellen nur zwei wirkliche Schwierigkeiten hervorrufen. In Japan wünscht man eine Zusage, daß Rußland das zweite Gleis der sibirischen Bahn nicht ausbaue und im Stillen Ozean keine Kriegsflotte unterhalten werde. Beide Forderungen sind augenscheinlich darauf zugeschnitten, Rußland die Möglichkeit zu nehmen, in einigen Jahren den Verfuch zu unternehmen, seine verlorene Stellung in Ostasien miederzugewinnen. Witte hält man für den geeigneten Mann, der Schwierigkeiten am leichtesten Herr zu werden.
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Die Bedeutung der Infel Sachalin. ( Von unserem Mitarbeiter.)
Die Besitzergreifung der Insel Sachalin durch die Ja paner bildet eine neue Phase in dem für Rußland so unglücklichen ostasiatischen Kriege. Da durch einen neuerlichen Sieg der Truppen des Mikado der ganze Süden der Insel den Russen bereits verloren ist, dürfte die in kurzer Zeit beborstehende vollständige Offupation Sachalins einen wesentlichen Faktor bei den Friedensverhandlungen bilden.
Sachalin ist eine lange schmale Insel, gegenüber der sibirischen Küste. Das Klima der Insel mit seinem furzen heißen Sommer und seinen hohen Kältegraden im Winter eignet sich kaum noch zum Getreidebau. Es wird behauptet, daß bei einer vernünftigen Bewirtschaftung des Bodens doch sehr gut Körnerbau getrieben werden kann. Infolgedessen bildet etwas Kartoffelbau und der Fischreichtum der Flüsse und der Küstengewässer Sachalins die Quelle des Lebensunterhaltes der Bewohner. Die Zahl der Einwohner betrug 1890 rund 20 000 Röpfe, 1897 aber bereits 30 000; dieser Zuwachs kommt ausschließlich auf Rechnung der nach Sachalin deportierten russischen Sträflinge. Die ganze russische Bewölkerung besteht außer den Beamten lediglich aus deportierten Verbrechern. Entlaufene Sträflinge bilden eine furchtbare Gefahr für die nur durch geringe Militär- oder Polizeikommandos aufrechterhaltene Ordnung und Sicherheit, daß es unmöglich ist, auf Sachalin zu reisen. Raub und Mord waren unter russischer Verwaltung an der Tagesordnung. Durch die furchtbaren Zustände, welche die Deportation geschaffen hat, sind die Eingeborenen, die Giljaken, Orotschonen und Ainos dem Aussterben entgegengeführt worden. Für diese Naturvölker kann die Verdrängung der Russenherrschaft nur Vorteile bringen. Die entfebliche Sittenverderbnis ist direkt auf das Konto der russischen Invasion zurückzuführen. Die ganze Atmosphäre der


