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Nr. 245
Jasertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz OberGeffen, bie Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.
Sebaftion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Mittwoch, den 18. Oftober 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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in's Haus
gebracht 60 Pfg.. burch die Voit besogen viertel jährt. Dif 1.50. Gratiebellagen: Oberbeffische Jamillenzeitung ih) und die Gießence Seifenbleiwöchen Vita un clica e tragen nanutud.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weylar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Obergessen.
Die Krifis in Mazedonien.
Im alten Wetterwinkel von Europa spitzen sich die Ding wieder einmal zu. Der Groß- Padischah in Konstantinope sträubt sich gegen die Bevormundung durch die übrige europäischen Mächte, die augenblicklich in Mazedonien eir Feld für ihr Eingreifen gefunden zu haben glauben. U:: se Berliner CB- Mitarbeiter hatte Gelegenheit, sich mit einem deutschen Diplomaten über die Sachlage zu unterhal.on. Dabei traten fly... de Gesichtspunkte zutage:
Die Gr te haben der Pforte wiederholt dringliche Borschläge gen Einführung von Finanz- und Verwal tungsreformen gemacht. Die vom Großherrn eingeräumten Bugeständnisse, die sich einzig auf eine Neuregelung des Finanz- und Bollwesens bezogen, sind von den Mächten nicht für ausreichend erachtet worden. Weitergehende Zumutun gen aber wurden von der Regierung des Sultans zunächst berzögernd behandelt und, als eine fernere Verzögerung unmöglich geworden war, glatt abgelehnt. Die Pforte zählte ihre Zugeständnisse auf und behauptete, daß diese allen berechtigten Wünschen genügten und die Verhältnisse in Mazedonien befriedigend regelten. Das ist nun die Ansicht der Großmächte nicht, die jetzt, wie man sagt, zu dem Mittel einer Flotten demonstration greifen wollen. Von der Absicht bis zur Ausführung ist noch ein weiter Weg. Vielleicht findet sich während der vorbereitenden Erwägungen noch die Möglichkeit eines gütlichen Abkommens, was um so wünschenswerter ist, als sich nicht absehen läßt, was eintreten soll, wenn die Pforte auch einer Flottendemonstration gegenüber hartnäckig bleibt.
Es ist nämlich gar nicht unwahrscheinlich, daß dieser Fall Wirklichkeit wird. Der Nachkomme der Khalifen ist in seinem Land unbeschränkter Herrscher. In seinen Entschließungen aber ist er an gewisse Rücksichten auf Vorschriften des Koran gebunden und das in solchem Maße, daß eine freiwillige Abweichung ihn den Thron kosten würde. Der Scheich- ülIslam, der oberste Wächter des islamitischen Glaubens, steht nicht über dem Sultan; doch kein Sultan darf und wird es wagen, in irgend einer Frage, die nach der Meinung seiner mohammedanischen Untertanen die Religion angeht, gegen die Ansicht des Scheich- ül- Islam zu handeln, weil in solchem Falle dem Scheich- ül- Islam die Befugnis gegeben ist, den Khalifen nicht mehr als„ Beherrscher der Gläubigen" anzuerkennen, d. h. die Gläubigen vom Untertaneneide zu entbinden, ja sie zur Auflehnung im Namen des Propheten zu verpflichten. Die Koranvorschriften, deren solche Bedeutung von der mohammedanischen Welt beigemessen wird, daß um ihretwillen die Staatsordnung förmlich aufgelöst, der Sultan entthront werden muß, tönnen unter Umständen der nichtmohammedanischen Welt recht geringfügig erscheinen. Es kommt aber nicht darauf an, wie wir Außenstehenden darüber denken, sondern einzig maßgebend ist die Auffassung der Mohammedaner selbst. Der Vakuf", d. i. der Grundbesitz der islamitischen Kirche, gilt als heiliges und unantastbares Land, das wohl mit Gewalt genommen werden kann, aber niemals freiwillig abgegeben werden darf, am allerwenigsten in die Hände von Ungläubigen". Wo„ Vakuf" vorhanden ist, darf auch kein nichtislamitischer Gouverneur eingesetzt werden. In Mazedonien ist„ Vakuf", und deshalb darf der Sultan ohne die nicht zu erlangende Genehmigung des Scheich- ül- Islam in Mazedonien keinen christlichen Gouverneur dulden, auch nicht die Verwaltungsreformen einführen, die von den Mächten gefordert werden.
Es ist begreiflich, daß der Sultan jeder Möglichkeit el, er trogt, als daß er sich in solche unentrinnbare Gefahr begievt. Daher die Hartnäckigkeit Sultan Abdul Hamids, der sonst in resignierter Nachgiebigkeit geübt ist, dessen Klugheit auch bollkommen ausreicht, ihn erkennen zu lassen, daß die Kräfte feines Reiches ihm keine Aussicht auf erfolgreichen Widerstand gewähren. Er kann nur damit rechnen, daß die Mächte selbst sich scheuen werden, die Exekution zu übernehmen, wäre es auch bloß aus Besorgnis vor Streitigkeiten, die über die teilweise Erbschaft ausbrechen möchten. Die seitherigen Erfahrungen Europas mit den Balkanstaaten sind nicht gerade ermutigend und zur Wiederholung ähnlicher Frperimente verlockend. Auch sind der begehrlicher Anwäi er auf die mazedonische Beute zu viele. Es fehlt überdies nicht an abenteuerlichem Sinn selbst unter gefürsteten Häuptern, bie von einem künftigen südslawischen Kaiserreich träumen und Großmachtsgelüfte baben. Es ist also wohl möglich, daß die Rechnung des Sultans sich als richtig erweist und seine Zähigkeit ihn über die Mot des Augenblicks hinweghifft. Auch sind die Großmächte über die Zwangslage unterrichtet, in der sich der Sultan befindet. Abdul Harid, Sor en weit besserer Kopf ist, als man in Europa gewöhnlich annimmt, wo man merkwürdigerweise sein politisches 1! r= beil aus den Wigsiättern schöpft, ist längst mit dem Gebanken vertraut, daß er seibst oder sein Nacholger irgendmann einmal Europa wird verlasser und nach Klemajien Bh zurückziehen müssen. Im Hinblick auf dieses Ereigni abfen Eintritt sich nicht berechnen läßt, hat er vorschauerd diar die bessere Verbindung Kleinasiens mit den religiöse sentren feines Reiches Sorge getragen, die Ermächtiauna
zum Bau der anatolischen Bahnen und der Bagdadbahn gegeben. Nicht um der schönen Augen des Herrn Siemens willen hat gerade die Deutsche Bank die Konzession erhalten. Der Konzessionsinhaber solite eben kein Suffe, kein Fran3ose, fein Engländer sein, sondern der Angehörige eines Staates, der feine selbstische Orientpolitik verfolgt. Sultan Abdul Hamid ist in seinem Herzen vorbereitet, den Staub Europas von seinen Füßen zu schütteln. Er wird es nicht ohne Kampf tun, trok der sicheren Niederlage. Die Niederlage verbietet ihm der Koran nicht, wohl aber verbietet ihm der Koran, verbietet ihm als Wächter des Korans der Scheich- ül- slam den freiwilligen Verzicht auf„ Vakuf", aus irgend ein Stück„ heiligen Landes". Darum wird Sultan Abdul Hamid eher die grüne Fahne des Propheten aufpflanzen, und den Glaubenskrieg verkünden, der die mohammedanische Welt, soweit sie gläubig ist, in seine Dienste zwingt, als daß er eine Nachgiebigkeit zeigt, die selbstmörderisch wäre.
Diese Zwangslage, in der sich der Sultan befindet, ist in gewissem Sinne eine schwere Bedrohung des Friedens. Andererseits bildet sie eine eindringliche Mahnung an die Mächte, mit vermehrtem Eifer nach vermitteíndem Ausol h zu suchen. Die Zeit ist nicht dazu angetan, daß man leig n Herzens eine Katastrophe herbeiführen dürste.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
Die deutschen Truppen in Deutsch- Ostafrika haben wei tere Erfolge errungen. Nach einer Depesche des Gouver neurs Graf Gößen schlug Hauptmann von Wangenheim, unterstützt von Massai- Hilfskriegern, sechshundert Aufstän dische am 10. Oftober bei fega im Südwesten des Bezirks Morogoro und marschierte auf Widunda weiter. Damit ist der größte Teil des Bezirks Morogoro unterworfen. Im Lindibezirk schlug Hauptmann Seyfried auf Streifzug nach Massassi die Rebellen bei Nyangao. Leutnant Ligspiegel schlug mit Teilen der dritten Kompagnie die Aufständischen aus Umbekuru, Grenzfluß zwischen Kilwa und Lindi. Ma jor Johannes ging mit einem Expeditionskorps auf den Kreuzern Bussard"," Seeadler" und dem Gouvernementsdampfer Kaiser Wilhelm II." nach Kilwa. Das Expedi. tionskorps besteht aus der Kompagnie von der Marwig, der Kompagnie von Kleist, dem Detachement Marine- Infan terie von Schlichting und den Etappentruppen unter Ober. leutnant Frank, zusammen etwa fünfhundert Gewehre, drei Maschinengewehre, fünfzig Hilfskrieger, sechshundert Träger. Das Detachement von Grawert ging gleichzeitig zur Verstärkung nach den Matumbibergen. Die Station Siongea ist durch Oberleutnant Klinghard entsegt worden.
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* Zu dem mehrfach erwähnten Burenkomplott in DeutschSüdwestafrika wird berichtet, daß die angeblichen Buren Müller, Liljenfeld, Gildenhuis, Waterson, de la Rey, Brink und Botha festgenommen sind. Waterson wurde inzwischen wegen Eseldiebstahls zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Als das Wahrscheinlichste ist anzunehmen, daß es sich nur um eine im großen Stile angelegte Räuberei handelte. Gefährliche Elemente aus der Kapkolonie sind zur Genüge im Schutzgebiet. Andries de Wet, der inzwischen wieder in Windhuk eingetroffen ist, gibt in einem Brief seinem Abscheu über die Pläne jener Abenteurer und seinem tiefen Bedauern Ausdruck, daß während seiner Abwesenheit jenen Eintritt in sein Haus gewährt sei. Er schreibt u. a.: a, berdienen wir, die wir den Namen ur tragen, etwa alle, mit diesem Lumpengesindel, das sich ebenfalls Bur nennt, über einen Kamm geschoren zu werden?... Warum müssen wir mit dem aus allen Nationalitäten bestehenden Abschaum Südafrikas, bekannt als. ,, national scouts", in einem Atemzuge genannt werden mit Menschen, die wir mehr hassen und verachten, als der Engländer sie je verachtet hat oder der Deutsche sie verachten kann?"
* Der in Breslau tagende schlesische Städtetag beschoß zur Fleischteuerung, an den Landwirtschaftsminister und das Staatsministerium die Litte zu richten, die Einfuhr gesunden Schlachtviehs und Fleisches über die Landesgrenze unter den notwendigen veterinären Vorsichtsmaßregeln baldmöglichst freizugeben. Der Leipziger Landwirtschaftliche Kreisverein lehnte die Stellungnahme zur Frage der Fleischteuerung ab unter dem Hinweis, daß die Landwirte kein Interesse an der Verbilligung der Viehpreise haben. Die Konsumenten müßten sich an die jetzigen höheren Fleisch. preise gewöhnen.
Norwegen.
** Es herrscht allgemein die Meinung, daß das Storthing dem Prinzen Karl von Dänemark die Krone von Norwegen anbieten werde. Im Fall der Zusage wird die Volksvertretung alsbald zur Königswahl schreiten, da der Vorschlag auf Gründung einer Republik feine Aussicht auf Annahme hat. Die schwedische erste Kammer sprach ebenfalls die Anerkennung Norwegens als selbitändigen Staates ans. Damit ist der Unionsstreit endgültig erledigt.
Belgien.
** In Brüssel wurde die von der belgischen Regierung einberufene zweite internationale diplomatische Konferenz zur Herbeiführung eines einheitlichen internationalen Seerechtes eröffnet. Deutschland, England und DesterreichUngarn sind durch offizielle Vertreter beteiligt, roas den Beschlüssen der Konferenz eine bedeutende Tragweite gibt. Deutschland ist vertreten durch den Gesandten in Brüssel Graf Wallwitz und Dr. Duns vom Reichsjustizamt. Außer dem sind vertreten Dänemark, Vereinigte Staaten, Frank reich, Holland, Belgien, Italien, Japan, Schweden.
Rufsland.
** Auch bei der Bestattung der Leiche des Fürsten Tru beẞkoi kam es zu blutigen Straßen- Vorgängen in Mosfan. Als Tausende von Studenten von der Bestattung im Don schen Kloster durch die Straßen zogen, wurde, angeblich von einem Agent provocateur, ein Schuß abgefeuert. Darauf hin griffen die Kosaken an. Es entstand ein regelrechter Straßenkampf, bei dem von der Menge mit Stöcken und Steinen, von den Kosaken mit Säbeln und Nagaiken ge kämpft wurde. Fünf Personen wurden durch Säbelhiebe verwundet, darunter zwei Studenten schwer. Die Annahme, daß Fürst Trubeßfoi an Gift gestorben sei, soll durch die Obduktion als falsch festgestellt, der Tod vielmehr durch Bluterguß ins Gehirn erfolgt sein.- In Sosnowiect ließ der Untersuchungsrichter einen Polizeibeamten wegen mehrerer von ihm begangenen Raubmorde verhaften,
Afrika.
** Ein neuer Zwischenfall hat sich in Marokko ereignet Der Kapitän und ein Marine- Infanterie- Leutnant von den gestrandeten englischen Werkstättenschiff„ Assistance' wurden von sechs Banditen gefangen genommen. Die Ve gleitmannschaft der beiden Engländer, bestehend aus 21 Askaris, ergab sich, ohne Widerstand zu leisten. Der Haupt mann der Bande. Valiente, zeigt sich erbötig, die Gefangene gegen seinen in Saft gehaltenen Bruder auszuwechseln
dustric.
Soziales Leben.
Drohende Aussperrung in der Berliner Wäsche- InDer Verein Berliner Wäschefabrikanten hat eine Generalversammlung einberufen, in der seitens der Fabrifanten zu dem Streit der Wäschearbeiter und-Arbeiterinnen Stellung genommen werden soll. Vor allem wird in dieser Versammlung auch über eine Aussperrung der nicht streikenden Arbeiter Beschluß gefaßt werden. Die Meinungen der Fabrikanten sind sehr geteilt. Besonders die kleineren und mittleren Fabrikanten, die das Interesse haben, ihre Betriebe, soweit es angeht, offen zu halten, sind Gegner ber Aussperrung, so daß es voraussichtlich nicht zu dieser Begenmaßregel der Arbeitgeber kommen wird. Die Zahl Der Streifenden hat sich beträchtlich vermehrt. Es streiken jetzt fast sämtliche Zuschneider, Wäscherinnen und Plättecinnen.
Beendeter Streif. Der seit neun Wochen dauernde pafencrbeiterstreik in Bremen ist durch gegenseitiges Nachjeben der Parteien beendet. Es wurde ein neuer, bis 30. suni 1908 geltender Tarif abgeschlossen. Der Tagelohn jeträgt jegt 4,50 Mark für Schiffs-, 4,20 Mark für Landirbeit.
Nab und fern.
† Ein Gewinnlos verkauft. Ein Lotteriekollekteur in Ber lin, der noch eine beträchtliche Menge der ihrem Ende zu neigenden Meßer Dombau- Lotterie im Besiz hatte, machte die Entdeckung, daß eines der Lose, das er kurz vorher berkauft hatte, mit 20 000 Mark gezogen sei. Ueberdies wird auch noch versichert, daß der Käufer des Loses die Nummer in der Gewinnliste auf dem Ladentische gesehen habe.
† Gruben- Unglück. Auf der Zeche Dorstfeld bei Dort. mund ereignete sich eine Kohlenstaub- Explosion. Ein Häuer wurde dabei getötet, vier andere wurden verlegt.
† Radfahrer und Automobil. In Straßburg wurden zwei auf einer Radtour befindliche Sergeanten vom FeldartillerieRegiment Nr. 51 von einem Automobil überfahren. Einer bon ihnen, der Trompeter Kolb, wurde getötet.
† Die eigene Frau zum zweitenmal geheiratet. Nach neunjähriger, glücklicher Ehe mußte ein Gastwirt in dem Dorfe Zieslübbe in Mecklenburg sich zum zweitenmal mit seiner Frau standesamtlich zusammengeben lassen. Bei der ersten Ehe war nämlich, wie sich erst jetzt herausstellte, ein Formfehler passiert, insofern der Standesbeamte versäumt hatte, die Eheschließungsurkunde mit seinem Namen zu vollziehen. Der Beamte aber ist inzwischen verstorben. Noch neun andere Ehepaare müssen ebenfalls nochmals die Ehe schließen.
† Der unget ene Bürgermeister. Die Unterschlagungen, die der Bürgermeister von Kappelrodeck in seiner Eigenschaft als Rassierer des dortigen Vorschußvereins begangen hat, stellen sich als immer höher heraus. Die veruntreute


