Ausgabe 
18.3.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 66.

Erstes Blatt.

Insertionspreis: Die einspaltige Betitzelle für ganz Ober­Beffen, die Kreise Weglar unb Marburg 10 Bfg. fenft 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Samstag, den 18. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der Krieg in Oftalien.

Die immer wiederkehrenden Gerüchte von einer Abbe­rufung Kuropatkins haben recht behalten. Zar Nikolaus hat dem Drängen der Feinde des russischen Oberbefehlshabers nachgegeben und ihn seines Kommandos entsegt. Kuropatkin bleibt Generaladjutant des garen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man den Löwenanteil an dieser Wendung dem General Gripenberg beimißt, dessen Zwist mit Kuropatkin von den Schiedsrichtern zuungunsten des letzteren entschieden worden ist und der bereits wieder ein Kommando erhal­ten hat.

Der neue russische Oberkommandierende

in der Mandschurei wird nach einem Utas des Zaren Groß­fürst Nikolaus Nikolajewitsch sein, jedoch nur dem Namen nach. Er erhält den General Liniewitsch als Leiter der militärischen Operationen zugestellt. In Liniewitsch darf man also den eigentlichen Nachfolger Kuropatkins erblicken. Oberster Generalstabschef wird Suchomlinow, Unterchef des Generalstabes Sacharot, Befehlshaber der ersten Armee Ge­neral Kaulbars, der zweiten Armee General Gripenberg, and der dritten Armee General Gerschelmann.

Die russische Niederlage bei Tielin

it nach den letzten Nachrichten aus London sehr schwer ge-' vejen. Die Japaner machten viele Gefangene. Die Russen mußten in der Eile ihres fluchtähnlichen Rückgangs große Borräte zerstören. Ebenso mußten sie viel Artillerie zurück­

Kuropatkins Glück und Ende.

Berlin, 17. März.

Auf den blutgetränkten Gefilden Mandschuriens hat fich mit dem Fall Mukdens und Tielins der Vorhang über einen neuer Abschnitt des furchtbaren russisch- japanischen Kriegs­dramas gesenkt. Mit dem Aktschluß verschwindet zugleich Der Hauptafteur auf russischer Seite für immer hinter den Sulissen. General Kuropatkin geht, von einem Befehl des Baren abberufen, um seinen Platz im Oberkommando an den Groß fürsten Nikolai Nikolajewitsch abzutreten. Seinen Ab­gang von der Kriegsbühne begleitet ebenso einmütiges Bischen des getäuschten russischen Publikums, wie der Jubel miso no war, der sein erstes Auftreten begrüßte.

Damals, als nach Alerejews kläglichem Fiasko die Ober­gewalt in Kuropatkins Hände gelegt wurde, herrschte die Freudige Zuversicht, daß dem besten Mann" Rußlands die Niederwerfung des gefährlichen Feindes gelingen würde. Auropatkin hatte sich in den Kriegen gegen den Emir von Buchara und in den Kämpfen gegen die wilden Bergstämme on Turkestan wohlverdiente Lorbeeren erworben. m

russisch- türkischen Kriege war er Stobelets rechte Hand und zeichnete sich bei der Eroberung Plewnas aufs rühmlichste aus. In der militärischen Verwaltung hatte er gleichfalls durch seine mustergültige Führung des transkaspischen Gou­bernements gute Fähigkeiten gezeigt. Seine Berufung auf den verantwortlichen Posten des Oberkommandierenden in der Mandschurei dürfte nicht nur als eine neue glückliche Wendung in der Karriere des erprobten Mannes, sondern cuch als ein Glück für die russische Sache betrachtet werden. Tos war die allgemeine Meinung in Petersburg.

Und zuerst sollten ihr die Ereignisse auch scheinbar recht geben. Kuropatkins geschickten Schachzügen gelang es, den Feind unter Vermeidung größerer Aftionen immer weiter von seiner Operationsbasis abzuziehen und Zeit zu gewinnen, sein eigenes Heer durch Heranziehung von Nachschüben an Menschen und Kriegsmaterial zu runden und zu stärken. Die Petersburger Presse legte ihm bereits den Ehrennamen eines russischen Fabius Cunctator bei. Wie dieser römische Feldherr einst Hannibal durch geschicktes Ausweichen an weiteren Siegen gehindert und durch Hin- und Herziehen ermüdet und geschwächt hätte, so würde es Kuropatkin auch mit den allzu eifrigen Japanern machen. Man lobte seine fühle Ruhe und Besonnenheit, die lieber auf schnellen Ruhm und Ehren verzichten, als das Schicksal des Krieges auf eine Karte seßen wollte. Allmählich nur dämmerte die Er­kenntnis auf, daß man sich in Kuropatkin gründlich getäuscht hatte. Ein Bauderer" war er, aber keiner von denen, bei denen sich hinter verschlagener Zurückhaltung die Energie fräftigen Draufgehens im entscheidenden Augenblick birgt. Bei ihm war der Rückzug kein Schein, sondern der offene Ausdruck seines innersten Geistes. Kuropatkin besitzt un­bestritten soldatische Schulung, aber er ist kein Stratege, er ist ein tüchtiger General, aber fein Feldherr. Ihm fehlt der Wagemut, der im gegebenen Moment die Chancen voll aus­zunügen weiß und dann, wenn es sein muß, auch einmal alles auf eine Karte setzt.

Kuropatkin fonnte sich nicht dazu aufschwingen. Ihm Lam es in allen Lagen darauf an, seine Armee zu retten, nicht den Sieg an seine Fahnen zu feffeln. Die Initiative seiner Untergenerale, die ihm stellenweise günstige Handhaben zu großen Aktionen geboten hätte, förderte er nicht, sondern hemmte sie. Gripenbergs Vorstoß bei Sandepu, der mit 62 Bataillonen unternommen worden war, hätte vielleicht. wenn Kuropatkin ihn energisch unterstützt hätte, ungeahnt günstige Resultate zeitigen fönnen. Kuropatkin schreckte vor der Verantwortlichkeit zurück und zog es vor, eine verhältnis­mäßig fleine Schlappe zu erleiden, ehe er das Schicksal seiner ganzen Armae in Frage stellte. Tatsächlich hat er es aber gerade hierdurch gefährdet. Die Schlacht von Sandepu war der Anfang van seinem und seiner Hauptmacht Ende.

Falsch wäre es nun, Kuropatkin aus seinen Mißerfolgen einen Strid zu drehen. Er hat sein Bestes hergegeben und sich stets durch persönliche Bravour ausgezeichnet. Sein

,, Hören Sie auf, junger Kollege", so unterbrach ihn der Eselsmüller und die Falschmünzer. Heiner, fennen Sie den Eselsmüller? Wenn dieser Satansferl Sie in seine Finger friegt, dann gute Nacht, Herr Kollege".

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Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.)

Sorgen soll er für dich, sein Töchterlein möge dir eine liebe Schwester sen. Du aber folge ihm als tin treuer Sohn, dann mein Junge, geht es dir gut." Der Bursche,( Mägel hieß er), nach seiner Mutter, bersprach alles zu tun, um den Meister zufrieden zu Liebe. So ein Findelfind fühlt mehr als

d. 36. flattfinden ftellen. Er sehnte sich nach Arbeit und Ruhe, suchte

Prämtierung abzu

auch

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Die Bauern waren der Unterrednng gefolgt, denn eine ganze Anzahl war im Wirtszimmer. Bei Heiners Worten brachen sie in ein faum endenwollendes Ge­lächter aus. Der ihnen allen nur zu gut bekannte Eselsmüller saß ja bei den drei Beamten, ohne daß er bemerkt worden war. Heiner kannte ihn, wenn auch die beiden anderen noch nicht.

Hohnlachend rief, als endlich die Winterberger Bauern zu Ruhe kamen, der Neumeyer dem alten wer ich bin und wo ich gedient habe".

rivatbefie befindlidandere Kinder, Heimweh nach dem Vaterherzen, welches Heiner zu: Sollege, Sie müssen überhaupt nicht wissen, Diefelben tönnen unte ihm nicht gegeben wurde.

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Bald kam das föstliche nordische Essen, Suppe mit leisch, Schweinebraten mit Kartoffeln usw., einfach, ans fangen?" sagte Rüsseler, er hatte mit ihm gedient, man, da falschmünzern wir bis zum Weltuntergang". Bleu meyer war einer der dümmsten Gänsejungen ge­mation für die reichen Bauern an der Diemel die

The Neumeyer seinen Redeschwall beendet hatte, fiel ihm der Eselsmüller ins Wort und sprach:" Wir junge, nachmaliger Kuhjunge und jetziger Unteroffizier sind hier in Küftelberg, und ein ehemaliger Gänse­im X.... Bataillon, ist für uns wenig genug." Diese, mit eisiger Ruhe gesprochenen Worte des Esels­ihn anstarrten. Dann auf einmal brach ein tosender Neumeyer sah aus wie eine Leiche. Endlich raffte sich derselbe auf, schritt auf den jetzt berzerrtem Gesicht:" Mensch, wer sind Sie, wissen Ste,

Konzert der hieesen, die es gab. Barfaß hatte er bis zu Konfir- müllers wirften so verblüffend, daß alle sprachlos zur Verteilung.Bänse gehütet. Als er später Kuhjunge war, fühlte Beifallssturm los. an, Weinhänd aber nicht bringen fönnen. Er wurde mit zwanzig

am Montag, 20. M

er sich schon erhaben. Zum Pferdefnecht hatte er es

eteiligung ergebent bart anfing zu wachsen erhielt er die Tressen. Sein ruhig dasigenden Eselsmüller zu und frug mit wut­

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alter Sergeant, wie er gewöhnlich genannt war, blieb sein Vorgesetzter. Von oben her" faßte ihn derselbe oft. Der Feldwebel cin Marquis von Toledo, nannte ihn nie anders als das gest tegelte Eichhörnchen. Nun tegt hatte er als Invalide Stellung, wie er es nannte. Neumeyer saß bei seinen beiden älteren Kollegen und gab ihnen Unterricht über den Fang der Falsch

wer ich bin.?"

,, Gewiß", entgegnete in Ruhe der Eselsmüller, Ste wollen der neue Grenzjäger sein, Ste haben ja soeben es selber gesagt. Ich aber bin der Eselsmüller".

Jetzt erst sah Heiner, den in anderer als ihm be­fannten Kleidung vor ihm sizenden Eselsmüller an. Gewiß und wahrhaftig, es war der Teufelskerl, der

bungen auf dem münzer. Er wollte Leib und Seele an den Teufel Eselsmüller.

ausliefern, wenn er nicht die ganze Bande fangen und ins Zuchthaus bringen würde.

,, Gute Reise, neuer Kollege". Dieses sagend, stand Heiner auf und sprach zu Knackwurst: Herr Kollege,

Rückzug von Liaujang war ein strategisches Meisterstück und auch die Sammlung des geschlagenen russischen Heeres nach der Schlacht bei Mukden kann als mustergültig bezeichnet werden. Daß er sich über seine Fähigkeiten getäuscht hat, ist verzeihlich. Für die Entwickelung der Dinge in Ostasien aber ist dieser Unistand von weitgreifender Tragik. Nicht allein Kuropatkins Glück hat an ihm sein Ende genommen, auch Rußlands Stern ist durch ihn gesunken, vielleicht für immer.

Die Politik.

Die Unterrichtskommission des preußischen Abgeord­netenhauses hat dem Plenum einen Antrag zur Annahme empfohlen, nach dem am 9. Mai., der hundertsten Wie­derkehr des Todestages Schillers, in allen Schulen ein Fest­actus stattfinden soll, mit Verteilung von Prämien, die aus Schillers Werken bestehen, an die Schüler. In Berlin wird die Universität eine große Schillerfeier veranstalten, für die ihr das Opernhaus zur Verfügung gestellt wird. Die Teil­nahme an dieser Feier soll nicht auf die Universitätskreise beschränkt sein.

A Der Bergarbeiterstreik im Bezirk Neurode ist beendet. Die Arbeiter haben bedingungslos die Arbeit wieder auf­genommen. Maßregelungen von Arbeitern finden nicht statt, den Streifenden wird sogar die Deputatkohle nach­geliefert.

England.

Vor einigen Monaten war eine Kommission von Zio­nisten, an ihrer Spize Major Gibbons, ausgezogen, um Uganda zu erforschen, d. H. um zu ermitteln, ob Uganda für eine zionistische Niederlassung geeignet sei. Die Kommission ist auf dem Heimweg. Sie hat das Land sehr gesund ge­funden, kann sich aber gleichwohl nicht dafür begeistern, einen Ansiedelungsversuch dort zu machen. Sie ist selbst Gegen­stand von Angriffen seitens der Eingeborenen gewesen, und glaubt deshalb, daß Ansiedler noch heftiger befeindet werden würden. Der Bericht an den nächstsommerlichen Zionisten­fongreß wird wohl darauf hinauslaufen, Uganda nicht zu empfehlen.

Die Etatsberatungen sind in England wie anderwärts das Schmerzenskind der Regierungen. Auch dort wird das Budgetgesetz regelmäßig nicht rechtzeitig fertig. Zur Aus­hilfe hat Balfour vorgeschlagen und die Mehrheit des Un­terhauses hat ihm beigestimmt, daß die Beratung über gewisse notwendige Etatsteile zu festgesetzten Zeiten geschlossen wer­den müssen. Die Minderheit erklärte natürlich, daß hierin eine Beeinträchtigung der Freiheiten des Parlaments liege. Balkan- Staaten.

In Mazedonien werden die Banden von den türkischen Truppenführern einzeln aufaehoben und unschädlich gemacht.

nur einen Augenblick, bitte". Draußen aber fonnte

Heiner vor Lachen kaum reden. Endlich sprach er:

Kollege, der Hochmuts- und Einfaltspinsel von Neu­meyer erhält eben eine gründliche Abkühlung, ächt Küftelberger Art. Küstelberger Art. Wir werden jezt einen Spaß er­leben, der nur wenigen im Leben passiert. Dieser Eselsmüller ist mit dem Teufel im Bunde, daran zweifle ich alter Bursche nicht, wenn auch mein Ernst mia auslacht. Uns Kollegen soll dieser Kerl vom Halse bleiben. Aber diesen neugebackenen hochmütigen Grenzjäger Neumeyer mag er mal ordentlich anteufeln." Dann gingen sie zurück in das Wirtszimmer, um noch ein wenig den Dingen zuzusehen.

Neumeyer hatte schon seine Fragen an den Esels­müller gestellt, derselbe aber gab recht dumme Ant­worten. Gerade als die beiden wieder eintraten, frug Neumeyer_den Eselsmüller: Noch einmal frage ich Sie, wie Sie heißen?"

" Habs schon gesagt, obgleich ich es nicht nötig hatte: Hans von der Dachshöhle", so erwiderte der Eselsmüller.

,, Kerl, glauben Sie mich uzen zu können, dann zeige ich Ihnen wer ich bin."

Das sehe ich ja mit diesen meinen Augen, Sie sind ein Mensch, wie wir, haben einen gewichsten" Schnurrbart und grüne Uniform."

Kerl, jetzt ist es aber genug", schrie Neumeyer, ,, ich bin föniglicher Grenzbeamter, wissen Sie es nun." Währenddessen ging Heiner und Knackwurst wieder hinaus und zum Marktplatze.

" Nun", erwiderte der Eselsmüller, wäre dieses wahr, dann hätte es schon im Amtsblatt bekannt ge­macht werden müssen. Sie scheinen weiter nichts als ein ächter Windbeutel zu sein, wie der Kappen­schnetder".

Fortsetzung folgt.