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18.2.1905 Erstes Blatt
 
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In Leipzig und Wien.

Nr. 42.

Erstes Blatt.

Jnsertionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, die reise Weglar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 y. Reklamen die Petitzeiie 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpediion: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Samstag, den 18. Februar 1905.

Gießener

14. Jahraang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Bekanntmachung.

Montag, den 27. Februar d. I., nachm. Uhr wird zu Gießen im Café Ebel eine Hauptversammlung

des landwirtschaftlichen Bezirks- Bereins zu Gicken stattfinden, zu der die Mitglieder und alle Freunde des Vereins eingeladen werden.

Gießen, den 14. Februar 1905.

Der Vorstand

des landw. Bezirksvereins Gießen. Dr. Breidert.

Tages- Ordnung:

1. Bezug von Saatkartoffeln und Saatgut.

2. Vortrag des Herrn Professor Reichelt- Friedberg über: Obstverwertung.

3. Verschiedenes.

Während der Versammlung findet eine Aus­#ellung von Saatgutproben statt.

Grofsfürft Sergius ermordet! Während die Erörterungen über angebliche oder wirkliche Reformpläne in Rußland immer mehr ins Uferlose gingen, hat die Propaganda der Tat den beklagenswerten Mut zu Verbrechen gefunden. Ein Telegramm meldet:

Moskau, 17. Februar, 4 Uhr 5 Min. Auf der Fahrt des Großfürsten Sergius vom historischen Museum nach dem Kreml wurde der Wagen beim Justizpalast von zwei Personen in einer Droschke erwartet. Als der Großfürst den Justizpalast passierte, folgten sie dem Wagen, eine Bombe wurde unter den Wagen geworfen; es erfolgte eine starke Explosion, der Wagen wurde zertrümmert und der Großfürst getötet. Die Mörder wurden verhaftet, einer ist schwer verwundet. Ferner sind mehrere Stu­denten verhaftet.

Voll Entsezen steht die Kulturwelt vor diesem neuen Ver­brechen der Propaganda der Tat", und voll Abscheu wendet fie sich von einer Gemeinschaft ab, die durch Ermordung ein­zelner ein Regierungssystem zu ändern versucht, das ihr der Aenderung bedürftig scheint.

Ein Charakterbild des Ermordeten. Petersburg, 17. Februar. Großfürst Sergei war der fünfte von den sechs Söhnen Zar Alexanders II. und hat ein Alter von noch nicht 48 Jahren erreicht. Mit der zweitältesten Schwester des jetzigen Großherzogs von Hessen Prinzessin Elisabeth 1884 ber­mählt seit ihrem im Jahre 1891 erfolgten lebertritt zur orthodoren russischen Kirche heißt sie Jelissaweta Feodorowna war er der Schwager des Prinzen Heinrich von Preußen und seines Neffen, des Zaren Nikolaus II.

Obwohl er seit vielen Jahren sich vom Zentrum der Po­litik fern hielt, weil er als Generalgouverneur in Moskau lebte, galt er doch, und mit vollem Recht, für eine Hauptstütze, ja für die Seele der sogenannten Großfürstenpartei. Pobje Donoszew, der fanatische Generalprokureur des heilig diri­gierenden Synod, war ebenso wie der vorletzte Minister des Innern v. Plehme nicht die Führer, sondern die Stroh­männer, nicht die Köpfe, sondern die Instrumente der seit dem Tode des Zaren Alexander II. in Rußland maßgeben­den Politik. Nicht erst unter der Regierung seines Neffen hat Großfürst Sergei entscheidenden politischen Einfluß ge­wonnen, er hat ihn schon auf seinen Bruder Zar Alexan­der III. in unheilvoller Weise geübt. Er war es, der die Gemahlin seines Bruders, die jetzige Kaiserin- Mutter Marie Feodorowna, für sich zu gewinnen wußte. Die Art, wie er das getan, ist für ihn charakteristisch: Er simulierte eine ver­zückte hingebende Verehrung für die hohe Frau, die nicht umhin konnte, sich durch die demütigste Huldigung eines Mannes geschmeichelt zu fühlen, der überall sonst einen fast erschreckenden Zynismus an den Tag zu legen, mit ihm förmlich zu kokettieren liebte. Großfürst Sergei war immer für extreme Maßregeln, für unbedingte Rücksichtslosigkeit, bon der niemandem, der mit ihm in Berührung kam, Proben erspart geblieben sind. In diesem Sinn übte er sein Amt als Generalgouverneur von Moskau aus, selbst russische Ge­Mußte die Kauf­duld durch sein Verhalten erschöpfend. mannschaft bei irgend einem offiziellen Anlaß zu ihm gehen, so war sie sicher, daß sie Zeugin und Mitwirkende bei pein­lichen Szenen sein würde.

Was man ihm an persönlichen Neigungen laut und öffentlich nachsagte, soll bei dem jetzigen traurigen Anlaß nicht wiederholt werden.

Als in Petersburg die Unruhen ausbrachen in der zweiten Hälfte des Januar- und die Diktatur eingeführt murde. berließ Großfürst Sergei seine Amtswohnung im

Kreml. Daß er seine Hand im Ciel behielt, zeigte die Ernennung seines Gehilfen Bolygin zum Minister des In­nern an des Fürsten Swiatopolf- Mirski Stelle. Die schein­bare Wiederherstellung ruhiger Zustände ließ den Groß­fürsten Sergei zum Kreml zurückkehren, und hier fand er dasselbe Ende wie Minister v. Plehwe am Warschauer Bahn­hof in Petersburg.

Großfürst Sergei war tief verhaßt. Man wußte, daß gerade die Maßregeln, die die größte Empörung hervor­' Dartum gerufen, seiner Initiative zuzuschreiben waren. hat auch die Verbrecherhand gegen ihn sich zu erheben den Willen gefunden. Dem Zaren Nikolai II. gegenüber ha­ben die Revolutionäre sich mit Drohurgen begnügt.

Es kann nicht davon die Rede sein, in irgend einem Sinn nach Beschönigungen für die Untat vom Freitag zu suchen. Keine Erklärung vermag das Verbrechen zu rei­nigen aber auch das Opfer eines Verbrechens wird durch sein beklagenswertes Ende noch kein Märtyrer.

Der Krieg in Oftalien.

Am Schaho hat die russische Offensive wieder energisch eingesetzt. Es haben bereits eine ganze Reihe kleinerer Gefechte stattgefunden. Am 15. d. Mts. war auf der gan­zen Front Kanonendonner zu hören. Von japanischer Seite wird jetzt bestätigt, daß

die russische Kavallerie

gegen den linken Flügel der Japaner in Tätigkeit getreten ist; Einzelheiten über Stärke der Abteilung und die Be­wegungen sind aber nicht bekannt. Der völlige Fehlschlag der letzten Aktion der russischen Kavallerie" so heißt es in einem Bericht aus dem japanischen Hauptquartier, ,, läßt hier annehmen, daß auch von dem jezigen Versuche wenig zu befürchten ist."

Ein eigenartiges Zusammentreffen, das man kaum dem Zufall zuschreiben möchte, ist es, daß zur selben Zeit, wo General Griepenberg seine Anklagen gegen Kuropatkin wegen des unglücklichen Ausgangs der Schlacht am Hunho dem Zaren zu übermitteln in der Lage ist, Kuropatkin von neuem die Einleitung zu einer gleichen Schlacht trifft. Vielleicht geht er von dem Gedanken aus, zu zeigen, daß er ohne Griepenbergs Jehlev imstande gewesen wäre, den Feind auch damals zu schlagen. Ob es ihm gelingen wird, diesen Beweis zu erbringen, ist sehr fraglich. Vorläufig hat Griepenberg für seine Anklagen das Ohr des Zaren, der ihn bereits in einer Privataudienz empfangen haben soll. Daß Griepenberg seinen früheren Oberbefehlshaber nicht schonen wird, geht aus Aeußerungen hervor, die er bereits in Moskau gemacht hat.

Arklagen Griepenbergs gegen Kuropatkin. General Griepenberg äußerte sich einem Interviewer gegenüber dahin: Einzig Kuropatkin trägt die alleinige Schuld am Mislingen der Schlacht am Hunho. Ich hatte vom frühen Morgen bis zum späten Abend standgehalten, als sich herausstellte, daß mein linker Flügel zu schwach war. Als ich Kuropatkin um eilige Verstärkung der 60 Bataillone bat, die mir zur Verfügung standen, schlug er mir sie ab. Hätte er sie gesandt, war der Sieg unser. Die Japaner wären dann in einem festen Ring von 100 000 Mann eingeschlossen gewesen. Als Kuropatkin mich um 5 Uhr nachmittags zum Zurückgehen aufforderte, war ich mit meinen Leuten im Vorteil. Nur zähneknirschend fügte ich mich dem Befehl und am nächsten Morgen bat ich um meine Verabschiedung.

Die öffentliche Meinung ist in diesem Streite entschieden auf Seiten Griepenbergs. Wenn Kuropatkin nicht seine Feldherrnschaft durch einen neuen Erfolg ad oculos de­monstriert, ist an seiner Abberufung kaum zu zweifeln. Ob allerdings, wie behauptet wird, Griepenberg selbst zu seinem Nachfolger auserseben ist fann mehr als fraglich er­scheinen.

Die Dolitik.

Die Reichstagskommission hat mit anerkennenswerter Schnelligkeit den Beschluß gefaßt, dem Plenum die Annahme aller sieben Handelsverträge zu empfehlen. Die Sozial­demokraten und der Abgeordnete Gothein von der freisinni­gen Vereinigung stimmten gegen die Verträge. In der kom­menden Woche werden die Verträge die zweite und dritte Lesung im Reichstag passieren. Die Annahme mit großer Mehrheit ist sicher.

A Aus dem öffentlichen Leben Deutschlands soll eine Anomalie allmählich schwinden, die lange genug Anstoß gegeben hat. Für das Lotteriewesen hat es bisher eine Reichseinheit nur insofern gegeben, als das Reich einen Lot­teriestempel erhob. Im übrigen aber schlossen die Einzel­staaten für ihre Lotterien die Grenzen gegeneinander sorg­fältig ab. Wer in der Lotterie eines anderen deutschen Staates spielte, machte sich straffällig, und trotz Sedan wurde der wunderliche Begriff des deutschen Lotterie- Aus­lands" geschaffen. Erst langsam, ganz langsam, wurden

Versuche gemacht, durch Abkommen von einem Einzelstaat zum andern der unerquicklichen Lotteric- Eifersucht den Bo­den abzusgraben. Preußen schloß mit Lübeck ein festes Ab­kommen und bahnte ein gleiches mit Mecklenburg an, wo­durch die preußische Lotterie zur Staatslotterie in Lüfed und Mecklenburg wurden oder werden sollten. Preußen übernahm dabei die Leistung einer Entschädigung. Kürz lich schwebten Verhandlungen zwischen Preußen und Braunschweig, die nicht auf Vereinheitlichung der beiden Lotterien, sondern auf wechselseitige Zulassung ab­zielen sollten. Augenblicklich ruhen die Verhandlungen, die auf dem eben angegebenen Weg kaum zu einer Verständi­gung führen werden.

Oefterreich- Ungarn.

Das neugewählte ungarische Abgeordnetenhaus ist unter dem Vorsiz des Alterspräsidenten Madaraß zusammen. getreten, der seine Funktionen mit der Erklärung begann, daß die in der vorigen Session beschlossene Aenderung der Geschäftsordnung des Hauses unter Rechtsbruch zustande ge­kommen, daher ungeseßlich sei und daß er die Beratungen nach der alten Geschäftsordnung leiten werde. Echt magharisch!

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Die Pforte hat sich bereit erklärt, zur Bekämpfung des Räuberunwesens im Vilajet Uestüb, wo täglich Mord­taten begangen werden, in esküb ein Standgericht einzu­setzen, das inappellable und binnen 24 Stunden vollstreck­bare Urteile zu sprechen befugt sein soll, ebenso wie die Ge­richte in Salonifi und Monastir. Unter den 7 Mitgliedern des Gerichts sollen 3 christliche Beisitzer sein.

Die Regierung der Insel Kreta hat Schulden gemacht und kann sie nicht bezahlen. Die Minister der Pforte blicken mit verständnisvoller Teilnahme auf dieses Ergeb­nis der Herrschertätigkeit des Prinzen Georg von Griechen­land. Als wär's ein Stück von mir," soil der Großherr in Beziehung auf Kreta gesagt haben. Die vier Kreter Ga­rantiemächte haben sich entschlossen, die Zinsen der von ihnen vorgestreckten 4 Millionen auf weitere 5 Jahre zu stunden. Auch wollen sie ihre Truppen von Kreta zurückziehen und mur ihre Stationsschiffe dort belassen.

Amerika.

Der Ungarverein Newyork hat in vergangener Woche dem Präsidenten Roosevelt zu Ehren ein Bankett in ciner recht obskuren Stadtgegend veranstaltet. Der Präsident hatte die Ehrung angenommen und erichien im Verein, wo er die heiterste Laune an den Tag legie und übermütige Laune erweckte. Er wurde recht burschikos Taddy" an­geredet, mit Eljen Taddy" trant man ihm zu, jeder durfte ihm die Hand schütteln. Allerdings hatte die Polizei die Vorsicht geübt, die Identität jedes einzigen Vereinsmitglieds vorher genau festzustellen, jedes Fenster und jedes Dach der umliegenden Häuser Lesetzt.

Hof und Gesellschaft.

Wie in München verlautet, wird sich Prinz Georg von Bayern, der älteste Sohn des Prinzen Leopold, mit der Erzherzogin Marie Prinzessin von Los­cana verloben. Prinz Georg ist ein Enfel des Kaisers Franz Josef von Desterreich. Sein Vater hat die Erzher­zogin Gisela zur Frau. Prinz Georg ist am 1. April 1880 geboren und ist Oberleutnant im 1. schweren Reiterregi­ment.

Beer und flotte

Verstärkung der deutschen Nordseebefestigungen. Für das Jahr 1905 ist, wie bereits früher angekündigt wurde, eine wesentliche Verstärkung, bezw. Verbesserung der dem Be­fehlsbereich der Marine unterstehenden Hafenbefestigungen an der Elbe- und Wesermündung vorgesehen. Die Küsten­batterien an der unteren Elbe werden um eine vermehrt und an der unteren Weser soll eine gefallene Küstenbatterie durch eine neue, modernen Anforderungen entsprechende er­setzt werden. Die Küstenartillerie soll durchgängig moderni­siert und namentlich die Feuerwirkung der Weserforts er­höht werden. Die neugeschaffene Inspektion der Küsten­artillerie wird durch Verstärkung und Erweiterung der Be­festigungsanlagen an Bedeutung gewinnen. Im Falle eines Krieges unterstehen diese Anlagen insgesamt einschließlich der beiden Matrofen- Artillerie- Abteilungen in Wilhelms­haven und Friedrichsort dem Inspekteur der Küstenartillerie als Oberbefehlshaber.

Nab und Fern.

Eine ganze Reihe von Schiffsunfällen, die mehr oder minder schwer verliefen, ist zu verzeichnen. Der Dampfer Orizaba" der Orient- Linie, der sich auf der Fahrt von London nach Sydney befand, ist bei Garden Island ge­strandet. Der Kreuzer Katoomba" ist zur Hilfeleistung abgegangen. Das Wetter ist sehr ungünstig, und man be­fürchtet, daß der Dampfer ganz wrack wird. Der Karls­fronaer Dampfer ,, Linnäa" ist mit Mann und Maus unter­