Politische Hutofuggeftion.
Petersburg, 16. Februar.
Ein Bäckermeister in der Prager Altstadt war durch den Lärm, den spielende Knaben vor seinem Haus machten, am Nachmittagsschlaf gehindert. Jungen!" rief er den Störenfrieden zu, habt ihr schon den Lachs gesehen, der in der Leopoldstadt auf der Straße herumläuft?" Die Jungen rannten davon, daß die Pantoffeln flogen, und schrieen die Mär von dem Lachs aus, der in der Leopoldstadt auf der Straße herumspaziere. Das Geschrei rief die Erwachsenen ans Fenster. Sie erkundigten sich nach der Ursache des allgemeinen Rennens und erfuhren sie. Von Haus zu Haus nahm die merkwürdige Kunde ihren Weg. Nach einer Stunde etwa kam sie auch in das Haus unseres Bäckermeisters. Die Meisterin weckte damit den Meister, der sich durch die Erfindung Ruhe verschafft hatte.„ Frau!" rief er, sich erhebend, gib mir Hut und Stock; ich will doch mal in der Leopoldstadt nachsehen, ob dort wirklich ein Lachs auf der Straße herumläuft."
Das ist eine alte Geschichte, aber sie bleibt neu, weil sie sich fast täglich in anderer Form wiederholt. Eine sen= sationslustige englische Zeitung hatte vor etwa acht Tagen ihren Lesern die Erfindung aufgetischt, daß Zar Nikolaus in einer dem Sohn des Grafen Leo Tolstoi gewährten Audienz versichert, binnen Wochenfrist werde die Berufung einer Volksvertretung, des„ Semski Sobor", bekannt gegeben werden. Die Woche ist vorübergegangen, die Berufung ist nicht erfolgt, aber gerade die Erfinder der Nachricht greifen nach Hut und Stock und wollen sich überzeugen, ob der Wahrheit entspricht, was sie sich aus den Fingern gefogen haben.
Es hat einmal einen„ Semski Sobor" gegeben, zu des Zaren Jwan des Schrecklichen Zeit. Was er gewesen, welche Befugnisse er gehabt und ausgeübt hat, wie er zusammengesetzt war, das ist in sagenhaftes Dunkel gehüllt. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß er Entstehen und Vergehen einer zarischen Laune zu verdanken hat. Jedenfalls ist von seinen Erdentagen feine erkennbare Spur zurückgeblieben. Der alte, verschollene Name aber hat neuen Kurs bekommen, ist zum Schlagwort frisch aufgeputzt worden, und gerade glauben am festesten an den„ Semski Sobor", die selbst die Bezeichnung ausgegraben haben.
Was von der Erneuerung des„ Semski Sobor" erzählt wird, ist citel Fabel und Erfindung, und bleibt es, auch wenn über furz oder lang eine beratenze Landesvertretung bernien wird und die genannte Bezeichnung amtlich erhölt Denn
die alte Sustitution kann schon deswegen nicht erneuert werden, weil man nicht weiß, wie sie ausgesehen hat. Und wüßte man es selbst, so haben sich doch in der Zwischenzeit die Verjältnisse so verändert und verschoben, daß es einfach nicht möglich wäre, nach dem Muster Zar Jwans eine Wiederholung zu versuchen.
Reformen sind gegenwärtig im Werk. Doch diese Neformen beziehen sich auf Gesetzgebung und Verwaltung, sie haben nicht staatsrechtliche Verhältnisse zum Gegenstand. Es ist möglich, daß es in absehbarer Zeit auch zu solchen staatsrechtlichen Reformen kommt; einstweilen aber ist dazu in den leitenden Kreisen Neigung nicht zu verspüren, und die„ Intelligenz", die westeuropäische Einrichtungen für Rußland wünscht, hat zunächst eine Ausgestaltung der provinziellen Selbstverwaltung in Auge. Das kann auch wohl nicht anders sein, da für eine repräsentative Reichskörperschaft zunächst alle Voraussetzungen fehlen. Nur Delegierte der Selbstverwaltungsorganisationen fönnten eine Art Gesamparlament bilden, ähnlich wie vor etwa sechszig Jahren in Preußen die Schaffung eines Landtags aus Delegierten der Provinziallandtage geplant war. Der„ Semski Sobor" ist nur eine neue Auflage des in den Straßen der Prager Leopoldstadt herumlaufenden Lachſes.
Preussifcher Landtag.
( 31. Sigung.)
Herrenhaus.
RK Berlin, 16. Februar. The man zu dem Hauptthema des heutigen Tages kam, hielt die Vorlage über die Oderregulierung das Haus fast zwei Stunden lang auf. Der Breslauer Oberbürgermeister Bender hatte eine Reihe von petuniären Einwendigen zu machen, die den Finanzminister vom Rheinbaben zu einer recht scharfen Erwiderung veranlaßten. Schließlich wurde die unbequeme Vorlage an die Kommission zurückverwiesen, und nun erschien auch Graf Bülow im Saal, um die Kanalvorlage dem Hause borzulegen und zu empfehlen. In ernsten Worten, denen man eine gewisse innere Erregung anmerfte, legte der Ministerpräsident noch einmal zusammenfassend die wirtschaftlichen Verhältnisse dar, die den Kanalbau erfordern. Er freue sich und rechne es sich zum Verdienst an, daß die politischen Rücksichten jetzt vor den wirtschaftlichen in den Hintergrund getreten seien. Seitdem die Landwirtschaft den verstärkten Zollschutz erhalten habe, solle man nun auch der Industrie des Westens den Kanal bauen. Mit dringlichen Worten, die er durch lebhafte Gesten begleitete, for= derte Graf Bülow die Rechte des Hauses auf, den Kanalstreit begraben sein zu lassen. Und das lebhafte Bravo, das der Rede folgte, sowie die Erklärungen der verschiedenen Herren von rechts und links ließen keinen Zweifel darüber, daß bedeutende Schwierigkeiten der Vorlage in diesem Hause nicht mehr erwachsen werden. Sie wurde einer Kommission von 25 Mitgliedern überwiesen.
Haus der Abgeordneten.
( 141, Sigung.) RK, Berlin, 16. Februar. Im Schwesterhause fand unterdessen eine zwar recht Iange, aber im allgemeinen sehr stille Sigung statt. Einzelheiten aus dem Etat des Ministerium des Innern wurden mit Gründlichkeit erörtert; rechte Aufmerksamkeit aber fanden nur die Bemerkungen über das Korpsstudentenwesen, die an die gestrige Rede des Abg. Herold anschlossen. Der fonservative Abg. v. Brandenstein verteidigte begeistert die Korps als erziehliche Einrichtungen, während der Freisinnige Wiemer im Verein mit Herrn Her old diese Auffassung mit lautem Eifer bekämpften. Nachdem noch das Kapitel„ Polizeiverwaltungen" eine eingehende Erörterung gefunden hatte, ohne daß wesentliche neue Gesichtspunkte hervorgetreten wären, wurde der Nest des Etats auf Sonnabend verschoben.
Nab und Fern.
Gin Aerzte- Kongres auf hoher See. Eine Gruppe von Aerzten, die zum Besuch des Panamerikanischen Medizinischen Kongresses nach Panama unterwegs war, hatte das Mißgeschick, mit ihrem Schiff in Verzug zu kommen, so daß sie ihren Bestimmungsort nicht mehr rechtzeitig erreichen konnten. Da somit ihre Teilnahme an dem Kongreß illusorisch geworden war, entschlossen sie sich dazu, für sich allein einen kleinen Kongreß abzuhalten. Sie erreichten auch ihren Zweck, indem die Leitung des Kongresses darauf einging, ihre Verhandlungen als die einer besonderen Seftion entgegenzunehmen und mit den übrigen zu veröffentlichen. Uebrigens waren die Aerzte zeitig genug ausgefahren, und das Schiff wurde nur durch das Zusammentreffen von schlechtem Wetter, Nebel und Maschinendefekt aufgehalten.
+ Gine Trauung auf dem Totenbett. In Trier ließ sich ein Angestellter der Eisenbahnwerkstätte zu Karthaus mit einer Witwe, die ihm seit Jahren den Haushalt geführt hatte, im Krankenhauſe trauen. 24 Stunden später war der an Schwindsucht leidende junge Ehemann tot.
Der lebende Tote. Einem schlauen Kniff ist die Verwaltung der Spielbank zu Monaco zum Opfer gefallen. Angestellte der Bank fanden in den Anlagen des Kasinos einen anscheinend toten Mann, der, nach den äußeren Umständen zu schließen, Selbstmord durch Gift begangen hatte. Seine Taschen waren ganz leer. In solchen Fällen pflegt man, ehe die Polizei gerufen wird, den Selbstmördern größere Geldsummen in die Tasche zu stecken, damit es nicht heißt, die Bank habe sie ausgeplündert. Diesmal steckte man 3000 Francs in die Taschen des anscheinend Toten. Dann wurde die Polizei gerufen. Als diese kam, hatte sich der Selbstmörder aber mitsamt dem Gelde aus dem Staube gemacht. Die Bank war von einem schlauen Komödianten geprellt worden.
Das Coligny- Denkmal ist gestern mittag in Berlin voi der früheren Schloßapotheke in Gegenwart des Kaisers und der Kaiserin enthüllt worden. Das Denkmal, ein Werk des Bildhauers Grafen Schliß- Gör trägt die Inschrift:„ Caspard de Coligny, Admiral von Frankreich, Urgroßvater der Gemahlin des Großen Kurfürsten Kurfürstin Luise Henriette. Geboren am 16. Februar 1517. Fiel für seinen Glauben in der Bartholomäusnacht am 24. August 1572." Nach der Enthüllung überreichte der Kaiser dem Schöpfer des Standbildes den Schwarzen Adler- Orden.
Zur Affäre Montignoso. Die Anwälte der Gräfin wollen sich nunmehr auf keine weiteren Verhandlungen wegen Auslieferung der fleinen Prinzessin einlassen, bis der König von Sachsen der Gräfin in bindender Form das Recht zugestanden hat, ihre Kinder an bestimmten Zeitpunkten zu sehen. Sollte das Protokoll über die Vernehmung der Bonne Muth veröffentlicht werden, gedenkt Graf Guicciardini Verleumdungsklage gegen Justizrat Körner, Fräulein Muth und die beiden Kammerfrauen zu erheben.
O Der eifersüchtige Backfisch. Die Urheberin der Attentate auf die Hofschauspielerin Reubke in München ist in einer 14½ Jahre alten Kaufmannstochter entdeckt. Sie hatte eine Neigung zu dem jugendlichen Liebhaber, dem Partner der Reubke, gefaßt und daher dieser die Schachtel mit der Schlange und die Kiste mit den Sprungfedern in die Garderobe geschickt.
* Die bestohlene Gendarmerie. In Bottrop wurde eine aus dreizehn Personen bestehende Einbrecherbande verhaftet, die den Industriebezirk lange unsicher gemacht hatte. Besonders während des Streikes hatte sie ihr schändliches Gewerbe ausgeübt. Daß die heitere Note in dem düsteren Sittenbilde nicht fehle, dafür sorgt die Nachricht, daß sogar die wegen des Streifs ins Ruhrgebiet kommandierten Gendarmen von den Dieben ausgeplündert worden sind.
† Der Durchschlag des Simplontunnels. Wie aus Einladungen zum Durchschlagsfeste des Simplontunnels zu entnehmen ist, wird, da die trennende Wand nicht mehr beträcht lich ist, der Durchschlag sich jedoch wegen zu befürchtender neuerlicher Heißwassereinbrüche wesentlich verzögern fann, der Durchschlag Ende Februar oder Anfang März bekannt gegeben werden. Die Stollenserhältnisse bringen es aber mit sich, daß es nach dem Zusammentreffen der Stoilen drei bis vier Wochen dauern wird, bis eine Passage von einer Seite zur anderen geschaffen werden kann. Bis zu diesem Zeitpunkte muß daher die Durchschlagsfeier hinausgeschoben werden.
Familientragödie. In Düsseldorf erschoß der Besitzer des Hotels Royal seine Frau, seine beiden Kinder und sich selbst. Zerrüttete Vermögensverhältnisse sollen die Veranlassung zu der Tat sein.
Explosionsfatastrophe an Bord eines englischen Unterseebootes. Die Versuche der englischen Marine mit unterseebooten sind bisher vom Unstern begleitet gewesen. Das furchtbare Unglück bei Plymouth, dem die ganze Besatzung eines Bootes zum Opfer fiel, ist noch frisch in aller Erinnerung und schon wieder wird eine schavere Katastrophe gemeldet, diesmal aus Queenstown( Irland). An Bord des Unterseebootes A 5 ereigneten sich zwei Explosionen, durch welche vier Mann getötet und zwei verletzt wurden.
Ein schweres Eisenbahnunglüd ereignete sich in Velgien. Ein abends von Brüssel nach Gent abgegangener Bersonenzug stick bei Melle mit einem Güterzuge zusammen. Zahlreiche Personen wurden dabei verletzt.
A Erdbeben und Lawinenstürze. Wie aus Triest gemeldet wird, fand im südlichen Teil des Adamellogebietes ein heftiges Erdbeben statt, dessen Ausläufer bis Condino reichten. Durch die Erschütterung wurden zahlreiche schwere Lawinenstürze hervorgerufen. Ob Unglücksfälle vorgekommen sind, st noch nicht bekannt.
Hus dem Gerichtssaal.
§ Der Mörder seiner Geliebten. Das Schwirgericht Breslau verurteilte den 22jährigen Arbeiter Franz Thomas aus Friedland, der seine Geliebte Anna Nowotny erschlagen, die Leiche auf den Stallboden geschleppt und diesen in Brand gesetzt hatte, wegen Totschlags und Brandstiftung zu 15 Jahren Zuchthaus.
§ Der spanische Anarchist Gil wurde in Madrid zu 12 Jahren 6 Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Gil war im Laufe des letzten September nach der spanischen Hauptstadt gekommen, um den Ministerpräsidenten Maura zu ermorden. Der Versuch mißglückte. Zugleich mit Gil stand der Herausgeber eines anarchistischen Madrider Blattes vor den Schranfen. Dieser, Apolo mit Namen, hatte den Gil einige Tage beherbergt. Doch erwies sich seine Schuldlosigkeit an dem
Mordanschlag und er wurde freigesprochen. Beim Nück transport zum Gefängnis stürzte sich Gil plötzlich mit einem verborgen gehaltenen Dolch auf seinen Gefährten und brachte ihm 5 schwere Wunden bei.
Huf den Stufen des Schaffotts. München, 16. Februar.
Die Sistierung der schon angeordneten Hinrichtung des Raubmörders Alramseder beschäftigt alle Streise auf das lebhafteste. Ist es doch eine große Seltenheit, daß die vor dem Schafott Versammelten nach Hause gesandt werden durch die Ankündigung, daß der Verurteilte noch in weitere Untersuchung genommen und daher die Hinrichtung aufgehoben werden müsse.
Der Schneider Albert Alramseder war dringend verdächtigt, die Witwe Katharina Glass und ihren 15jährigen Enkelsohn Franz Schmid ermordet und ihrer Geldmittel und Schmucksachen beraubt zu haben. Er war auf einen Indizienbeweis hin vom Schwurgericht zum Tode verurteilt, und die Hinrichtung sollte am 15. Februar früh 7 Uhr im Hofe des Gefängnisses Stadelheim vollzogen werden.
Während der ganzen Verhandlung hatte Alramseder behauptet, nicht er habe den Mord begangen, sondern ein Gremder, den er Karl Neumann nannte und mit dem er zwecks Verabredung eines Einbruchdiebstahls in der Glass. schen Wirtschaft zusammengekommen sei. Doch war mit dem ominösen Namen„ Karl Neumann" nichts anzufangen, und die bei Alramseder gefundenen Sparkassenbücher ind Schmucksachen der Glasl galten als überführende Anzeichen. Als Alramseder seine letzte Stunde herannahmen sah, entschloß er sich, zu reden. Am Abend vor der Hinrichtung reichte er ein Gesuch um Wiederaufnahme des Verfahrens ein. Er nannte jezt einen gewissen Josef Huber als Mörder, den er das Geld, die Schmuckgegenstände und die Sparfassenbücher entwendet habe. Mit diesem Huber sei er in der Militärstrafanstalt bekannt geworden, wo er eine Freiheitsstrafe zu verbüßen hatte. Er habe seinerzeit einen falschen Namen für den Mörder angegeben, da er den Huber um keinen Preis verraten wollte.
Die sofort angestellten Nachforschungen ergaben, daß es mit der gemeinsamen Haft Alramseders mit dem Huber feine Richtigkeit habe. Da nun auch die Staatsanwaltschaft von Anfang an der Meinung gewesen, daß zwei Personen bei der Tat beteiligt gewesen seien, so gab der in der Nacht zusammengerufene Gerichtshof dem Wiederaufnahmegesuch
statt.
Alramseder hatte gleich nach Absendung seiner Eingabe und nachdem ihn der Staatsanwalt eingehend vernommen, neuen Mut geschöpft. Er aß, trank und rauchte mit Appetit und schlief dann bis zum Morgen, obwohl er über sein Schicksal völlig im Unklaren war. Am frühen Morgen ging er mit dem Kapuziner- Pater, der ihm die letzten Tröstungen spendete, zur Messe und trant dann seinen Kaffee. darauf erhielt er die Nachricht, daß seinem Gesuche Folge gegeben und die Hinrichtung verschoben sei.
Gleich
Währenddessen war auf dem Gefängnishofe alles zum legten Gange bereit gemacht. Die Urkundspersonen aus der Bürgerschaft waren erschienen, der Scharfrichter prüfte das Beil, der Leichenwagen war zur Stelle. Da schlug es 7 Uhr. Aber das Armesünderglöckchen, auf das alles horchte, begann nicht zu läuten, der Verurteilte wurde nicht herausgeführt. Nach 10 Minuten erschien der Staatsanwalt und machte den Anwesenden von der Sistierung der Hinrichtung Mitteilung. Der ungewöhnliche Vorgang findet demnach in den begleitenden Umständen seine volle Erklärung.
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Vermilchtes.
[ Der Erfinder des Chassepots,] des französischen Arineegewehrs von 1870, Aphons Chassepot, ist am 13 d. M. auf seiner Besisung im Departement Seine- et- Dise im Alter von 74 Jahren gestorben. Er war in Mußig i. E. geboren und hatte seine Laufbahn als Arbeiter in den staatlichen Waffenfabriken begonnen. Seit 1857 hatte er mehrere Erfindungen für Hinterlader gemacht, die in größerem Maßstabe in der französischen Armee versucht wurden. Seine Haupterfindung, die sich an das preußische Zündnadelgewehr anschloß, hatte er seit 1863 eingereicht. 1866 wurde dann das Gewehr allgemein eingeführt und nach ihm benannt. Das„ Chassepot" war seinem preußischen Vorbild überlegen. Es hatte ein Kaliber von 11 Millimeter, Papierpatrone, Zündpille mit Guttaperchaplatte in einem Kupferhütchen am Patronenboden, eine Ladung von 5,5 Gramm, ein Ge schoß( in gefettetem Papier) von 24,5 Gramm. Chassepot hatte seine Patente an die iFrma Cahen und Lyon abgefreten, in deren Werkstätten er schon vor seinem endgültigen Austritt aus dem Staatsdienst gearbeitet hatte und deren Teilhaber er 1867 wurde. Die Regierung hatte ihn mit der verhältnismäßig geringen Belohnung von 30 000 Francs und dem Kreuz der Ehrenlegion belohnt. Er überwarf sich mit dieser Firma, weil sie ihm angeblich) feinen gebührenden Gewinnanteil überließ, und strengte gegen sie einen Prozek an, den er verlor, und bei dem sich herausstellte, daß er über 200 000 Francs verdient hatte. Bei der Einführung des Grasgewehres schied er aus der Industrie aus und erwarb einen der großen Gasthöfe in Nizza.
[ Bei den Kannibalen am Kongo.] Von der Reise der songokommission, die gegen Mitte April zurückerwartet wird, entwirft ein Mitglied, der Luzerner Regierungsrat Schuhmacher, in Privatbriefen interessante Schilderungen. Die Kommission hatte bekanntlich die Aufgabe, die Anschuldigungen gegen die Regierung des Kongostaates wegen Verübung von Grausamkeiten an ihren Untertanen und Schutzbefohlenen auf ihre Wahrheit hin zu prüfen. Die drei Mitglieder mit einer militärischen Eskorte von 1000 Mann machten die Fahrt bis zu den Stanley- Fällen, nahe dem Aequator, gemeinsam. Nachden die Eskorte gleichmäßig verteilt wurde, trennte man sich. Die Kolonne Schuhmacher drang in südwestlicher Richtung ziemlich weit ins Innere Afrikas vor. Die Mühsale waren gewaltig: tagsüber unaus. stehliche Hize, nachts empfindliche Kälte bei sumpfigem Boden. Die Karawane wurde von den meisten Stämmen, nach dem ihre Furcht und das Mißtrauen vor der militärischen Es. forte zerstreut war, freundlich aufgenommen, und die Verhöre wickelten sich ziemlich rasch ab. Die Wilden wurden zutraulich und die Häuptlinge unterließen es nie, den„ Weißen" ihre Weiber vorzustellen; einer von ihnen besaß deren nicht weniger als 200, und er wollte dem„ weißen Häuptling" großmütig zwanzig zum Geschenk machen, was dieser jedoch mit Rücksicht auf seine Gemahlin in Luzern dankend ablehnte. Tie Bewohner jener Gegend sind durchwegs Kannibalen
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