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Nr. 191.
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Mittwoch, den 16. August 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
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für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Herztliches Proletariat.
Vor einigen Tagen ist in Charlottenburg ein ärztliches Ehepaar vom Schöffengericht wegen Eigentumsvergehens berurteilt worden. Der Arzt war für überführt erachtet, wiederholt von einem Bauplatz Stücke Bauholz entwendet zu haben. Seine Frau hatte sich des gleichen Vergehens in einem Falle schuldig gemacht. Nach den Aussagen der Zeu gen hatten Mann und Frau einzeln den Bauplatz aufgesucht und, wenn sie sich allein glaubten, ein Stück Holz aufgenommen, unter Ueberzieher oder Mantel versteckt und fortgetragen. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß das Ehepaar in harter materieiler Bedrängnis gewesen, daß ihm oft die unentbehrlichsten Lebensmittel gefehlt hätten, schließ= lich sogar das Feuerungsmaterial ausgegangen war. Das entwendete Bauholz wurde zum Heizen verwendet. Das Urteil gegen die bis dahin unbescholtenen Eheleute lautete hart genug: gegen den Arzt auf mehrere Wochen, gegen seine Frau auf einige Tage Gefängnis.
Wir halten es nicht für unsere Aufgabe, Erörterungen über das Urteil und die Anstrengung des Prozesses selbst anzustellen. Die Anzeige wäre vielleicht nicht erstattet worden, wenn der Anzeigende von den Verhältnissen Kenntnis gehabt hätte, die zu dem Vorgehen führten. Auch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die Anrufung einer höheren Instanz eine mildere Beurteilung der Tat zur Folge hat. Dem Täter wird damit unter allen Umständen wenig geholfen sein, denn die Entziehung der ärztlichen Approbation, d. i. der Befugnis zur Ausübung des ärztlichen Berufs, bleibt ihm ungefähr gewiß. Freilich kommt für ihn dabei nur der moralische Schaden in Rechnung; der materielle ist ausgeschlossen, da gerade der völlige Mangel an Praris ihn in die Not gebracht hat, deren Versuchung er unterlegen ist. Auch zur Entschuldigung des unglücklichen Ehepaares möchten wir nichts anführen. Die Sache spricht deutlich genug für sich selbst. Die Entwendung einiger Stücke Holz, um die Wohnung wärmen zu können, ist keine Handlung des Uebermuts, sondern ein Ergebnis der bittersten Not. Was wir erörtern wollen, das ist diese bittere Not selbst, die, wie das angeführte Beispiel zeigt, einen afademisch gebildeten Mann von bis dahin einwandfreier Lebensführung zu einem Tun gedrängt hat, das ihn nach den geltenden Anschauungen deklassiert. Wir sehen auch davon ab, ob etwa in dem in Rede stehenden Einzelfall der Arzt durch besondere Unanstelligkeit nicht dazu gelangt ist, den notdürftigsten Erwerb für sich und seine Angehörigen durch Ausübung seiner ärztlichen Kunst zu gewinnen. Wir gehen vielmehr davon aus, daß der vorliegende Einzelfall nicht typisch, sondern ganz ausnahmsweise fraß ist und sich so leicht nicht wiederholen mag. Die Tatsache aber
steht unzweifelhaft fest, daß wir ein sehr zahlreiches ärztliches Proletariat haben. Dieses Proletariat ist selbstverständlich nicht gleichmäßig über das Reich verteilt, so wenig wie die Aerzteschaft gleichmäßig über das Reich verteilt ist. In den Großstädten, wo die Aerzte am dichtesten gedrängt sind, ist es am meisten zu finden. Daß der junge, unverheiratete Arzt nicht erwirbt, was er bei bescheidensten Ansprüchen braucht, ist ohnehin die Regel. Das soll nicht einmal beklagt werden. Es mag als gerechtfertigt gelten, daß der junge Arzt noch als Lernender angesehen wird. Doch diese Lehrzeit dehnt sich für viele ins Unendliche, bis in hohe Lebensjahre. Im vergangenen Jahre erst ist es in Berlin vorgekommen, daß ein Sanitätsrat sich das Leben nahm, meil er nichts zu leben hatte. Ein Sanitätsrat hat in der Regel eine mindestens zwanzigjährige Praris hinter sich und muß ein gewisses berufliches und bürgerliches Ansehen genießen; sonst würde ihm der Titel nicht verliehen. Hier also hat die materielle Not Jahrzehnte gedauert und hat auch durch das berufliche Ansehen nicht verscheucht werden können. Das mag wiederum eine Ausnahme sein. Aber eine genaue und zuverlässige Statistik sagt, daß beispielsweise in Berlin das durchschnittliche Einkommen sämtlicher Aerzte hinter dem der Handarbeiter zurückbleibt. Und dieser Durchschmitt ist so niedrig, obwohl in Berlin auch die Aerzte mit reichstem Einkommen leben, denen die Praris jährlich 100 000 Mark und darüber trägt. Die Einrichtung der Krankenkassen für Arbeiter, junge Kaufleute u. f. w. hat diese Verhältnisse noch verschlechtert. Es ist bekannt, daß die Honorare, die von den Krankenkassen an die Aerzte gezahlt werden, erstaunlich gering sind, so daß die angestrengteste Krankenkassentätigkeit dem Arzt noch nicht zu einem höheren Einkommen verhilft.
Möglich, daß die ungleiche Verteilung der vorhandenen ärztlichen Kräfte über das Reich zur Erhöhung des Uebels noch beigetragen hat. Darin eine Aenderung herbeizuführen, wäre Sache der Aerzte selbst, die schwerlich zufrieden wären, wenn man ihnen die Freizügigkeit nehmen wollte. Man darf aber nicht glauben, daß die jungen Aerzte aus Genußsucht oder aus ähnlichen Motiven der Niederlassung in der Großstadt den Vorzug geben. Oft wenden sie sich der Großstadt zu, weil sie dort unbemerkt darben können, während es ihnen an fleinen Pläßen nicht möglich ist, sich der kontrollierenden Aufmerksamkeit zu entziehen. Ueber diese Schwierigkeit müssen sie wohl oder übel hinwegkommen.
Auch müssen sie das flache Land mehr als bisher zum Feld ihrer Tätigkeit wählen. Die Hauptsache aber ist: der Zudrang zum Medizinstudium muß nachlassen!
Was Herr von Witte fagt!
Ueber die Friedensaussichten bei dem Kriege im fernen Osten und die Aeußerungen der russischen Delegierten in Portsmouth hatte unser CB- Berichterstatter in Berlin eine Unterredung mit einem deutschen Staatsmann, bei dem folgende Gesichtspunkte zum Ausdruck kamen:
Der russische Bevollmächtigte Herr von Witte ist in Newcastle sehr redselig geworden. Das muß an der amerifanischen Luft liegen, die mitteilsam macht. Der Reporter jenseits des großen Teichs", wie der Yankee den Atlantischen Dzean, zu nennen liebt, kann Schweigsamkeit nicht vertragen und nimmt sie übel. Auch die Chefredakteure der großen Zeitungen im Lande des Sternenbanners haben gegen diese bürgerliche Tugend eine starke Abneigung. Damit muß gerechnet werden, denn nach dem Wort Kaiser Wilhelms haben die Herren die Stellung kommandierender Generale. Herr von Witte hat sich dem Landesbrauch angepaßt und schüttet in kurzen Zwischenräumen die Geheimnisse seines schwer beladenen Herzens in den unverschwiegenen Busen eines Reporters aus. Er wechselt mit den Reportern und er wechselt mit den Geheimnissen. Die Folge davon ist, daß aus den enthüllten Geheimnissen kein Mensch mehr flug wird und alles so ist, als ob Witte den Mund nicht aufgemacht hätte. Sollte das Absicht sein? Sollte der schlaue russische Finanzmann den Kollegen von der zünftigen Diplomatie die Kunst abgelauscht haben, durch Worte seine Gedanken zu verbergen? Fast hat es den Anschein. Doch troß aller seiner Eröffnungen ist eines flar: er will den Frieden. Daß er ihn möglichst billig und unter Schonung des russischen Ehrgefühls haben will, ist selbstverständlich. Russisches Land gibt er nicht her, auch nicht die Insel Sachalin. Das gilt für feststehend, und dahin geht auch die Instruktion, die ihm Zar Nikolaus mitgegeben hat. Es müßte recht seltsam kommen, wenn er die Erlaubnis erhalten sollte, davon abzuweichen. General Lenewitsch müßte schon die in ihn gesetzten Hoffnungen vollständig täuschen. Das zu vermuten liegt noch kein Anlaß vor. Zwar hat General Lenewitsch sich bisher nur abwehrend verhalten, ist er an keinem Punkte je zum Angriff vorgegangen. Deswegen aber ist sein Verdienst feineswegs gering. Er hat die geschlagene, zerstreute desorganisierte Armee zusammengerafft, sie in seine Hand gebracht und keine nennenswerten Verluste erlitten. Das ist immerhin etwas, ist mehr als bisher in diesem Feldzug irgend ein russischer General erreicht hat. Ob er auch auch zu einem Vorstoß und zu dessen energischer Durchführung die Kraft haben wird, muß sich erst zeigen. Aber auch Feldmarschall Oyama muß erst dartun, ob er imstande ist, fern von der alten Operationsbasis dem General Renewitsch gegenüber dasselbe zu leisten, was er Kuropatkin gegenüber geleistet hat. Kehren wir zu Herrn von Witte zurück. Russisches Land will und darf er einstweilen nicht geben. Am liebsten gäbe er auch kein Geld. Ihm würde der Ausweg ge= fallen, daß ein Dritter mit Land oder mit Geld oder mit Land und Geld bezahlend für Rußland eintritt. Kann man es ihm verdenken? Dieser Dritte ist China und Korea dazu. Japan beansprucht das Protektorat über Korea. Herr von Witte hält diese Forderung für zu bescheiden. Nicht das Protektorat, sondern den Besiz Koreas soll Japan haben. Der Unterschied ist allerdings nicht sehr groß. Der chinesische Dritte aber, der in diesem Falle sich gar nicht freut, soll tüchtig bluten. Warum die südliche Mandschurei an China zurückgeben? Mag Japan sie behalten, nachdem Japan die Mandschurei erobert hat! Das wird es doch lieber für sich als für China getan haben. Nimmt Japan die südliche Mandschurei so ist es damit bezahlt. Besteht es aber darauf, daß China die Mandschurei wiedernimmt nun, so mag China die Kosten des Krieges bezahlen, der von Japan zu seinen Gunsten geführt worden! Es kann nichts Einfacheres geben. Dabei hat es noch den Vorteil, aus den bisherigen Feinden gute Nachbarn und gute Freunde zu machen. Das ist sogar notwendig. Denn Rußland und Japan bleiben auf gemeinsame Arbeit in Ostasien angemiesen, und hierfür fann es nichts Förderlicheres geben, als ein gutes freundnachbarliches Verhältnis.
Der Plan ist bestechend gut für die Russen. Ob ihn die Japaner ebenso gut finden werden, bleibt abzuwarten. Sie sind nicht ohne Entgegenkommen. Das Wort Kontribution haben sie sorgfältig vermieden, um die Empfindlichfeit der Russen nicht zu reizen. Aber auf die Sache legen sie Wert, großen Wert sogar. Der japanische Idealismus ist einmal nicht ohne praktischen Einschuß. Die Japaner rechnen gut, und damit muß auf der anderen Seite gerechnet werden.
Die Hauptsache ist: man will auf beiden Seiten den Frieden. Weder die Russen noch die Japaner haben einen festen Plan nach Newcastle mitgenommen. Das fonnten sie gar nicht, denn der eine Plan war von dem andern abhängig, und der Urheber des einen Planes kannte den Plan des andern nicht. Erst aus den beiden heutigen Vorschlägen wird
sich allmählich das entwickeln, was den Namen eines Planes verdient. Der Anfang ist bereits gemacht. Aber gut Ding will Weile haben.
水
Die Verhandlungen in Portsmouth haben nach offiziel len Verlautbarungen bisher zu folgenden Resultaten geführt. Montag morgen wurde der erste Artikel erledigt, der sich mit Korea beschäftigt. Der Artikel ist nicht so gefaßt, wie ihn die Jaapner zuerst vorgelegt haben, sondern ist abgeändert worden, um den Wünschen der Russen entgegenzukommen. Doch ist nicht bekannt, wie weit diese Aenderung geht.
In der Nachmittagssigung fanden Artikel zwei und drei Besprechung. Die Verhandlungen darüber wurden ebenfalls beendet. Die Artikel umfassen die Räumung der Mandschurei durch Rußland, sowie dessen Verzicht auf alle Rechte, die es auf dieses Land hat, sowie die Abtretung der sibirischen Bahn von Charbin ab.
In der Mandschurei soll tatsächlicher Waffen still. st and herrschen. Es soll unwahrscheinlich sein, daß während der Verhandlungen ein Gefecht stattfinden wird; denn es wurde von beiden Seiten zugegeben, daß, wenn Oyama Lenewitsch zu einem Gefecht zwingen würde, in dem Tausende von Menschen umkommen, Japan unvermeidlicherweise sein Ansehen bei der ganzen Welt verlieren würde.
Dieser Grund erscheint wenig stichhaltig und beruht wohl mehr auf russischen Wünschen, als auf tatsächlichen Notwendigkeiten.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
* Eine Zusammenkunft König Eduards von England mit Kaiser Wilhelm wurde in den letzten Wochen ebenso oft an gekündigt wie dementiert. Wie jetzt definitiv feststeht, wird eine solche Zusammenkunft nicht erfolgen, ist auch von keiner Seite geplant noch verabredet gewesen.
* Die herrschende Fleischteuerung scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Auf dem gestrigen Schweinemarkt in Altenessen, einem der größten Deutschlands, trat ein merklicher Preisrückgang ein. Faselschweine, die in der Vorwoche noch 45 bis 65 Mark foſteten, wurden mit 40 bis 56 Mark verkauft.
* Der preußische Eisenbahnminister von Budde hat sich damit einverstanden erklärt, daß die neuen Speisewagen der Eisenbahnzüge mit dreiachsigen Drehgestellen wie die Schlafwagen gebaut werden. Dadurch soll ein ruhigerer Lauf der Wagen herbeigeführt und die vielfachen Klagen über den schüttelnden Gang abgestellt werden. Der Betrieb der Restaurationswagen ist an die Speisewagengesellschaft" verpachtet.
* In Stuttgart tagt die 18. Generalversammlung des Zentralverbandes deutscher Kaufleute und Gewerbetreibender. Der Verband zählt im ganzen über 17 000 Mitglieder. Bei den Verhandlungen wurde ein Antrag angenommen, nach dem die preußische Regierung eine umfassende Enquete über die Lage des gewerblichen Mittelstandes veranlassen soll. Weitere angenommene Anträge verlangen, daß Konsumbereinslager aus staatlichen Gebäuden entfernt werden und daß Staatsbeamten untersagt wird, Vorstandsämter in Konsumvereinen zu bekleiden. Ferner soll bei der Revision der Einkommen- und Kommunalsteuergesetze in Preußen die Ausdehnung der allgemeinen Steuerpflicht auf Konsum. vereine mit offenen Läden, sowie eine Abänderung des Ge setes über den Verkehr mit Nahrungsmitteln behufs Er. leichterung für den Kaufmann angestrebt werden.
England.
** Das für die Uebungen der englischen Flotte in der Ostsee bestimmte Geschwader hat von Spitehead die Ausreise angetreten. Es besteht aus elf Schlachtschiffen und acht Kreuzern. Das Geschwader wird am 1. September auf der Reede von Neufahrwasser eintreffen und bis zum 4. September dort anfern. Vorher wird Swinemünde angelaufen. Skandinavien.
** Die Volksabstimmung über die Trennung von Schweden ergab bis gestern mittag 365 997 Stimmen mit Ja" und 182 mit„ Mein". Nur die Ergebnisse aus 12 Kreisen stehen noch aus. Im ganzen Lande herrscht große Begeisterung.
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Russland.
Schon seit Monaten sind, wie jetzt bekannt wird, alle Zahlungen für Heeresausgaben in Ostasien in Papiergeld erfolgt. Die dortige chinesische Bevölkerung nimmt dieses Zahlmittel nur zur Hälfte seines Wertes an, so daß es notwendig erscheint, dort zeitweise wieder einmal Metallgeld in Umlauf zu bringen. Von verschiedenen Stellen wird über antisemitische Ausschreitungen berichtet. So wurden in Kertsch mehrere Tage lang die Läden und Häuser der jüdischen Bevölkerung geplündert; viele israelitische Familien verließen die Stadt. In Nevel im Gouvernement Witebik kam es bei der Beerdigung jüdischer Arbeiter zu Unruhen. Als die Polizei die Ruhestörer vertreiben wollte, wurde aus der Menge eine Bombe geworfen, durch die ein Polizeibeamter schwer, ein anderer, sowie ein Passant leicht


