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Redaktion u. Haupterpebition: teßen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Mittwoch, den 15. März 1905.
Gießener
14. Jahrgang
Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Conisbeilagen: Oberhefftsche Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Beifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Die Reform der Sozialgefetze.
( Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.) Die Sozialgesete sollen reformiert werden. Nicht sowohl ihrem Inhalt nach, als in der Organisierung ihrer Durchführung. Reichsschatzsekretär Graf Pojadowsky, der die Materie wie fein zweiter beherrscht, hat im Reichstag diese
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Vor etwas über zwanzig Jahren- am 1. Dezember 1884- hat das erste der deutschen Sozialgesetze, die Arankenversicherung, Geltung erlangt. In verhältnismäßig schneller Folge haben sich ihm die Gesetze über Unfall-, Alters- und Invaliditätsversicherung angeschlossen. Die Gesetze waren eine große Tat und werden auf lange Zeit hinaus einen Ruhmestitel des Deutschen Reiches bilden. Jedes einzelne von ihnen beruht auf einem Kompromiß. Den ersten schloß Fürst Bismarck mit sich selbst ab, indem er auf den eigenen Wunsch verzichtete, die Wohltaten des Gejetes allen Deutschen und nicht bloß gewissen Arbeiterkreisen zuteil werden zu lassen. Er ergab sich in eine Beschränkung, um den Versuch nicht an der Größe seines Umfangs zum Scheitern zu bringen. Immerhin ging man mit gewaltigen Schritten vor, mit so großen, daß es nicht an Warnern fehlte, die von einer Ueberlastung der deutschen Produktion mit sozialen Abgaben sprachen und eine Verminderung der deutschen Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt in Ausficht stellten. Die schlimmen Prophezeiungen haben sich nicht verwirklicht, die deutsche Industrie hat fortgesetzt an Kräften zugenommen, obwohl der im Jahre 1890 nach Berlin berufen e internationale Arbeiterschußkongreß seine Aufgabe nicht lösie, zwischen staatliche Abmachungen über das zulässige Maß der Arbeitszeit und obligatorische Arbeiteruzvorschriften anzubahnen. Deutschland war stark genug, für sich allein vorzugehen, und hat bis zur Stunde keine Ursache gehabt, das zu bedauern.
Die Fremdheit des Stoffes, der Mangel an positiver Erfahrung brachte es mit sich, daß die verschiedenen Sozialgefete sich richt übereinander aufbauten, sondern daß sie mebeneinander gestellt wurden, jedes für sich, obwohl doch zwischen ihnen eine enge Verwandtschaft schon deswegen beFland, weil sie ihre Fürsorge denselben Personen, den nämLichen Bevölkerungsschichten zuwandten. Zu dieser SystemLofigkeit, wenn man so sagen darf, wurde man vielleicht auch dadurch hingelenkt, daß die praktische Anordnung und Ausführung den Einzelstaaten zufallen mußte, das Reich sich nur die Beaufsichtigung und im Reichsversicherungsamt - eine Art Oberbau vorbehalten konnte.
Dieser Oberbau, im Laufe der Jahre über die Maßen und bis zur Unübersichtlichkeit angewachsen, ist außer organischem Zusammenhang mit den verschiedenen Unterbauten, Die diese ohne organischen Zusammenhang miteinander sind. Dazu kommt eine Zersplitterung des Krankenkassenwesens, die man gewiß nicht beabsichtigt, aber auch nicht gehindert hot. Im Jahre 1902 hatte man nicht weniger als 7 verdiedene Arten von Krankenkassen( Gemeinde-, Orts-, Betriebs-, Bau-, Innungs-, eingeschriebene Hilfs- und landesrechtliche Krankenkassen). Es liegt wohl auf der Hand, daß es besser, billiger, übersichtlicher wäre, wenn es nur allgemeine Ortsfrankenkassen gäbe, neben denen Raum nur noch für Zuschußfassen" bleiben würde. Man hat auch nicht orcrussehen können, daß sich eine förmliche Renten- Hysterie Hausbilden würde, eine Infall- Hysterie. Ein Unfall, der fonst gar nicht beachtet wurde, wird jetzt zur Grundlage eines Mentenanspruchs gemacht. Aerztliche Kenner, die keine Cegner der Sozialpolitik sind, versichern, daß der dritte Teil aller Krankengelder nicht für wirkliche Krankheiten bezahlt bird. Endlich sind bei der Bemessung der Verteilungsquote auf das Gemeinvermögen Fehler gemacht worden. Diese Quote wurde zu niedrig gegriffen übrigens ohne Schuld Der Reichsregierung, und die Folge ist eine allmähliche Lufzehrung des Gemeinvermögens, das einen Reservefonds Bilden sollte. Eine Umgestaltung ist unabweislich. Die drei großen Versicherungen müssen vereinheitlicht werden-- wie e unfraglich geschehen wäre, wenn man sie mit einem Male geschaffen hätte. Ebenso muß der Unterbau um- und zu einer sozialpolitischen Behörde für engere Bezirke ausgetaltet werden.
Graf Posadowsky nannte diese Aufgabe eine der vervideltsten. Ihre Lösung hält er nur für möglich, wenn sich ein Reichstag findet, der einer entsprechenden Gesetzesvorlage gegenüber darauf verzichtete, in alle Einzelheiten einzugehen, der vielmehr mit einem gewissen Vertrauen die großen Grundzüge eines solchen Gefeßes annimmt und dann der bessernden Hand der Zukunft den allmählichen weiteren Ausbau überläßt.
Ob sich ein solcher Reichstag finden wird?
Der Krieg in Oftafien.
Wenn es Kuropatkin auch gelingt, wenigstens einen Teil
auch damit pada seiner Armee nach Tieling zu retten, so erscheint es doch
lehrt die tägliche bollkommen appe wang der Anstalt
ogen werden.
fraglich, ob es ihm möglich sein wird, dort ernstlichen Wider
stand zu leisten. Die Wirkung der russischen Niederlage beginnt sich in sehr nachdrücklicher Weise bemerklich zu machen. Aus dem Hauptquartier Kurokis berichtet ein Seriegskorrespondent unterm 14. März folgende Einzelheiten über die russischen Verluste.
Jede Stunde stellt sich der Umfang der russischen Niederlage als größer heraus. Heute Abend wurde die Zahl der auf dem Schlachtfeld zurückgelassenen Toten auf 25.000 festgestellt, wodurch der russische Gesamtverlust anf mindestens 100 000 Mann anwächst. 50-60 000 Mann sind gefangen genommen, über 70 Geschütze erbentet worden; enorme Mengen von Munition und Vorräten fielen in die Hände der Japaner. Die japanischen Berluste übersteigen nicht diejenigen der früheren großen Schlachten, selbst nicht in Kurokis Armee, die nicht mehr als 5000 Mann an Toten und Verwundeten hat. Der Rückzug von Mukden begann am 9. ds. und wurde erst dann ein ungeordneter, als die Russen bemerkten, daß der Rückzug durch japanische Infanterie und Artillerie bedroht war. Gestern Morgen begegnete eine japanische Division mehreren russischen Regimentern, welche sich auf der Straße nach Tieling zurückzogen. Die Japaner verließen die Anhöhen und stellten sich den Russen entgegen, welche ihre Linie zu durchbrechen versuchten. Nach einem scharfen Gefecht, in dem die japanischen Geschütze von großer Wir. fung waren, ergaben sich 4000 Russen mit 10 Geschützen. Der Verlust auf japanischer Seite betrug 100 Mann.
In dieser Meldung spiegelt sich die Lage der russischen Armee wieder. Die Einbuße an Menschen und Kriegs. material ist schließlich noch wieder auszugleichen. Weit schwerer wiegt die
Lockerung des moralischen Zusammenhalts unter den Truppen, denen die erlittene Niederlage gerade durch die Folgen, die sie gezeitigt, sehr fühlbar zum Bewußt fein gebracht wird. Das unerwartete Auftreten der japa nischen Artillerie, die die Flanke der russischen Rückzugsflanke bedroht, hat besonders eine lähmende Wirkung ausgeübt. Es mag ja sein, wie die Berichterstatter behaupten, daß die Stellung von Tieling viel günſtiger sei, als die bei Mukden. Allein es wird große Schwierigkeiten bereiten, sie mit Truppen zu halten, die in ihrem Bestande und Zusammenwirken derartig erschüttert sind, wie die Reste des russischen Heeres, die vor Frost und Hunger kaum noch sich aufrecht halten können. In den gebirgigen Gegenden östlich von Tieling ergeben sich fortgesetzt beträchtliche Mengen von Russen. Die einzige Hoffnung, die den russischen Heerführern bleibt, ist die, daß auch die japanischen Truppen schließlich an der Grenze ihrer Kräfte angelangt sein müssen.
Während namentlich in amerikanischen Meldungen Gerüchte von bevorstehenden Friedensunterhandlungen in recht bestimmter Form auftauchen, lauten die Petersburger Nachrichten ganz anders. Dort ist allen Ernstes von der Mobilifierung von
drei neuen Armeekorps
die Rede, unter denen das Grenadierkorps sein soll. Das Kommando über diese neue Armee soll dem General Cripenberg übertragen werden, dessen Bericht an den Zaren die Tatsachen ja inzwischen Recht gegeben haben. Wenn man die unerschütterlichkeit ins Auge faßt, mit der bislang der Zar an dem endlichen Sieg seiner Scharen festgehalten hat, so müssen die Friedensgerüchte vor den kriegerischen Petersburger Meldungen zurücktreten. Auch eine Depesche aus Washington, daß das zweite russische Pacificgeschwader zurüfen sei, deutet auf den Willen hin, den Krieg weiter
..
Die innere Lage in Russland. Das amtliche Dementi, das der Nachricht von einem Friedensbegehren des Zaren entgegengesetzt worden ist, hat nicht die Kraft gehabt, in weiten Kreisen der intelligenten Bevölkerung Rußlands die Ueberzeugung von der Notwendigkeit eines baldigen Friedensschlusses zu unterdrücken. Man glaubt im Gegenteil mit aller Bestimmtheit, daß der Zar nicht mehr lange in der Lage sein wird, seiner Friedensneigung den Schein der Freiwilligkeit zu wahren, daß er vielmehr in kurzem sich offenbarem Zwang werde fügen müssen. Die Gründe hierfür sind mannigfacher Art. Banernaufstände.
Die Bauernaufstände in mehreren Gouvernements Westrußlands sind eine nicht mehr wegzuleugnende Tatsache. Mord, Brand und Plünderung sind die greuelvollen Begleiterscheinungen. In Kurst sind bisher neun Großgrundbesizer grausam ums Leben gebracht worden. Eine Bande, deren Stärke auf 8000 Mann angegeben wird, ist in die Stadt Witabik eingedrungen und hat sie verwüstet. Die Agitation unter den Bauern wird von revolutionärer Seite natürlich fortgesetzt.
Brandstiftungen.
In Rußland sind Brandstiftungen auch in ruhigen Zeiten eine regelmäßige Landplage. Selbstverständlich nimmt ihre
Zahl jetzt noch zu. Denn jetzt werden Brände nicht bloß von gewissenlosen Besizern gelegt, die eine hohe Versicherungssumme einstreichen wollen, sondern auch von solchen Personen, deren Absicht dahin geht, ohne eigenen direkten Nugen anderen Schaden zu bereiten und Schrecken zu verbreiten. In Charrow hat in der Nacht zum Dienstag eine große Feuersbrunst eine Straße zerstört, in der sich viele Verkaufs buden befanden. Neun Menschen sind dabei schwer verletzt worden.
Abreise der Kaiserin- Mutter?
Aus der Stimmung, die durch solche Vorkommnisse unbermeidlich geschaffen wurde, ist das Gerücht entstanden, die Kaiserin- Mutter werde ehestens Petersburg verlassen und sich nach Kopenhagen begeben, wohin sie von dem König Christian dringend eingeladen worden sei.
Die gescheiterte Anleihe.
Daß der Anleiheversuch in Paris gescheitert ist, wird jetzt amtlich zugegeben, nachdem es anderweitig bereits vor Wochenfrist bekannt geworden war. Das Scheitern wird sehr hübsch mit den Worten umschrieben, daß man die An. leihe, nachdem keine Verständigung erzielt worden,„ ver. schoben" habe.
Die Lage im Kankasns.
Aus dem Kaukasus laufen auffälligerweise keine Mel dungen ein. Das wäre ein günstiges Zeichen wenn nichts zu melden ist. Wahrscheinlich aber wird der nenannte Statthalter des Kaukasus, Graf Woronzow- Dasa,.ov, in seinem Amtsgebiet noch reichliche Arbeit finden.
Die Politik.
Die Budgetkommission des Reichstags hat bei der zweiten Lesung der Quinquenats- Vorlage die Vermehrung der Kavallerie auf 510 Schwadronen genehmigt. Diese Vermehrung soll erst im Jahre 1910 eintreten.
Am 1. April 1906 soll eine Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses für die preußischen Unterbeamten eintreten. Gleichzeitig ist im Reich eine Neuregelung der Servisklasseneinteilung in Aussicht genommen.
A Der Prinzregent Luitpold von Bayern hat anläßlich seines 84. Geburtstages wieder eine umfassende Begnadigung anbefohlen. Die Begnadigung betrifft Personen, die aus Not oder Leichtsinn sich vergangen haben, und die nun zur Ernährung der Familie oder zur Frühjahrsbestellung der Felder nach Haus zurückkehren konnten.
Italien.
Das italienische Kriegsministerium hat zur Befestigung der Alpengrenze einen Nachtragskredit von 200 Millionen Lire verlangt. Es handelt sich um die Alpengrenze nach Desterreich. Wie viel würde das italienische Kriegsministerium wohl verlangen, wenn Italien und DesterreichUngarn nicht Verbündete wären?
Alien.
Zur Verhütung des Verkaufs von Staatsgeheimnissen hat die Kaiserin von China angeordnet, daß alle für sie und den Kaiser bestimmten Schriftstücke in mandschurischer Sprache abgefaßt und in verschlossenen und versiegelten Kassetten überreicht werden sollen. Erst wenn eine Veröffentlichung notwendig wird, soll die Uebersetzung ins Chinesische erfolgen. Diese Verfügung ist durch die Wahrnehmung veranlaßt, daß zahlreiche Beamte, namentlich in Peking, sich ein förmliches Geschäft daraus machen, Staatsaftenstücke an die auswärtige Diplomatie oder an Zeitungen zu verkaufen. Die versiegelte Kassette allein würde nicht biel helfen- aber die mandschurische Schriftsprache ist selbst unter den Chinesen nur wenigen bekannt. Afrika.
Abessynien wird Kulturstaat. Der Negus Menelit hat der Nationalbank von Aegypten das Privilegium gegeben, eine Staatsbank für Abessynien zu errichten. Französische und italienische Finanzgruppen sind dabei beteiligt.
Die Deutsche Bank ist es nicht, auch kein anderes deutsches Bankinstitut, und sie werden wissen, weshalb sie zurückhaltung üben. Sobald eine Handelsstraße, sei es mit Hilfe einer Eisenbahn oder eines Wasserweges, von Abessynien nach Deutsch- Ostafrika führt, werden die deutschen Banken es an sich nicht fehlen lassen. Bis dahin aber dürfen wir meidlos sehen, daß Kaufleute anderer Nationen Politik' geschäfte zu machen suchen.
Feer und flotte.
Wie die Söhne des Kaisers zu grüßen sind, hat der Kaiser durch eine Order in Erinnerung bringen lassen. Danach haben die Prinzen des königlichen Hauses nur die Honneurs ihrer Charge zu beanspruchen. Diese neue Kabinettsorder ist ergangen, weil besonders in letzter Zeit vielfach Mißverständnisse vorgekommen sind und Offiziere und Mannschaften vor den Söhnen des Kaisers Front gemacht hatten.


