Ausgabe 
14.11.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 268.

Erstes Blatt.

Sasertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­been, bie Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Vfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 14. November 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werftagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Eine Wendung zum Befferen?

Noch immer bricht in Rußland die Flamme der Leiden­schaft empor, und es fehlt nicht an blutigen Vorkommnissen. Allein diese sind nicht mehr die Regel, sondern werden zu Ausnahmen. Gerade an den Brennpunkten der Bewegung macht sich eine merkliche Beruhigung geltend. Sie tritt be­sonders in der Tatsache in die Erscheinung, daß allen schlimmen Prophezeiungen entgegen der Sonntag fast überall ruhig verlaufen ist und keine der befürchteten Wiederholungen der Judenverfolgungen gebracht hat.

An vielen Orten hat denn auch der wegen der Unruhen und Straßen- Exzesse verhängte Belagerungszustand aufgehoben werden können, und die Bevölkerung beginnt, ihre Be­schäftigung wieder aufzunehmen.

Witte's Reform- Aktion.

So fann denn Graf Witte sein Werk weiterführen. In unzweideutiger Weise hat er neuerdings darauf hingewiesen, daß er dabei der Unterstützung des Zaren gewiß sein darf. Diese Versicherung geschah in einer Unterredung, die Graf Witte mit dem Pfarrer Pezow, einem russischen Liberalen, hatte und über deren Inhalt aus Petersburg folgendes be= richtet wird:

Witte sagte zu Pezzow: Ich spreche zu Ihnen, dem Beistlichen, als ob ich beichten wollte, und gebe Ihnen mein Ehrenwort: Die Versprechungen des Zaren sind keine Phrasen. Der Verfassungserlaß ist der Anfang einer großen Aera des russischen Volkes. Der Wille des Zaren ist sehr ernst gemeint. Der Zar hat eingesehen, daß das Wohl des russischen Volkes eine vollständige politische Frei­heit erfordert, er hat sie dem Volt geschenkt und wird noch vieles Gute tun. Der Zar unterschrieb das Verfassungs­Manisest in aller Ruhe und bekreuzigte sich dann zweimal."

Von ebenso großer Wichtigkeit ist es aber, daß Witte auch von anderer Seite, aus dem Volte heraus Unterstützung erhielt. Zwei hervorragende Persönlichkeiten Moskaus, Dmitri Schipow und A. Gutschkow, die beide als zukünftige Minister genannt wurden, organisieren eine große konstitu­tionelle Partei. Ihr Programm ist die Verwirklichung der im Zaren- Manifest vom 31. Oktober verheißenen Freiheiten. Sie wird am 19. November bei dem Kongreß der Vertreter der Semstwos hervortreten. Es darf angenommen werden, baß diese Partei eine große Anhängerschaft um sich sammeln und der Mittelpunkt des politischen Lebens in Rußland werden wird.

Auswanderung der Juden.

Andererseits fehlt es dem Grafen Witte fortgesetzt nicht an Schwierigkeiten. Diese treten besonders peinlich in der Unterbringung der russischen Anleihe in die Erscheinung, die sowohl in Paris bei dem Hause Rothschild und in Amerika nicht gelingen will. An diesem allerdings recht bedenklichen Umstande tragen zweifellos die russischen Judenverfolgungen die Ursache, infolge deren sich eine starke Auswanderung der Juden aus dem Zarenreiche bemerklich macht. Tausende verlassen täglich ihren Wohnort. Ganze Städte, namentlich im südlichen Rußland. sind entvölfert. In sehr vielen Fällen geben die Juden gutgehende Geschäfte auf, um eine neue Existenz unter den ungünstigsten Umständen im Auslande zu begründen, nur um einer Wiederkehr der Greueltaten zu entgehen.

Weitere Greueltaten.

Wie notwendig ein entscheidendes Einschreiten gegen die Bruitäten der unteren Verwaltungsorgane ist, hat ein Vor­fall ir Reval rwiefen. Es wird darüber von dort gemeldet:

Auf cire völlig rubig verlaufende Versammlung, die einige tausend Bünger auf einem großen öffentlichen Plaze aby eiten, ritten plößlich Kosuten an. Sie gaben sofort mehrere Salven ab und sprengten dann in die fliehende Menge hinein. Fünfhundert Personen wurden getötet, darunter viele Frauen.

Auch ein Vittentat ist wieder zu verzeichne::. Die Frau bes Stadtrats Ezersfy in Mohilev schoß auf den Gouverneur Klingenberg, in dessen Empfangs'c en fie fich unter dem Namen einer Baronin Meiendorf Zutritt erschafft hatte, und ver= wundete ihn am Arm. Die Frau warde verhaftet.

Das Königreich Polen.

Immer kritischer gestaltet sich das Verhältnis zwischen Rußland und Polen. Eine ekanntmachung der russischen Regierung stellt fest, daß alle Parteien in Polen, die Nationalisten wie die Sozialisten, die Bevölkerung zu einer Bewegung mit sich fortzureißer suchen, die auf die Wieder­aufrichtung des Königreichs Vo en abzielen. Hier ist die Re­gierung gewillt, sehr energisch einzuschreiten, wie die erwähnte Bekanntmachung erkennen läßt, über deren Inhalt aus Peters­burg gemeldet wird:

Das Communiqué der Regierung bezeichnet die pol-` schen Bestrebungen als ebenso gefährlich für die Bevöl cing Poiene, wie unverschämt gegen das russische Reich, weil auf einer Trennung von legterem gerichtet. Es er­innert an die vielen politischen Verbrechen und fährt dann fort: Der vernünftige Teil der polnischen Gesellschaft ist oynmächtig geben den immer mehr zunehmenden Druck der

tionären, Organiationen. Die Zatrat der Ausstän= dischen zwingen die Regierung, auf das bestimmteste zu er= flären, daß, iolange nene Ruheitörungen in den Weichsel­gebieten nicht bintangehalten werden und solange der Teil der Bevölkerung, der den politischen Agitatoren folgt, nicht von seiner Verblendung fäßt, teine einzige der aus den Freiheits- Manifesten sich ergebenden Wohltaten diesen Ge­bieten zit teil roerden wird. Von der Verwirklichung fried­licher Grundsätze fen in een Vande, das sich im Auf­rubr befindet, elbstverständlich nicht die Siede sein. Rum Precke der Wiederherstellung der bung werden sämtliche Weichselgerir als zur Rei Kriegszustand befindlich erflärt; so bangt die Zufun des polnischen Volkes von ihm selbst ab. Die Regierung waint das Volk davor, einen Weg zu betreten, desen( slichkeit es leider nicht zum erstenmal kennen lernt.

In dieser polnischen Losreißungs- Bewegung ist zur Zeit die Achilles- Ferse der Witteschen Reform- Aktion zu fürchten.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Ueber die neue Tabaksteuer- Vorlage, die demnächst dem Reichstag zugehen soll, bringt ein süddeutsches Fachblatt nähere Mitteilungen, deren Richtigkeit allerdings vorläufig dahingestellt bleiben muß. Das Blatt macht folgende An­gaben: Die Tabaksteuervorlage bringt eine Zigarettenpapier­stempelsteuer von 2 M. für 1000 Blättchen, eine Erhöhung des Zolles auf ausländische Zigaretten von 270 auf 1200 M., beträchtliche Zollerhöhungen für andere Fabrikate, eine Er­höhung des Bolles auf Tabaksaucen von 85 auf 100 M. Wertsteuer und eine Wertsteuer für sämtliche Rohtabake von 25 vom Hundert des Fakturenbetrages. Die Zigarettenbau­derolesteuer ist fallen gelassen worden. Mit der Einbringung der Vorlage soll ein provisorisches Sperrgesetz erlassen werden. Die Verzouung findet bis zum April 1906 zum alten Sage statt. Der Zweck des Sperrgesetzes ist die Fest­stellung der bis zuin April 1906 abgehobenen Quantitäten, um die entsprechende Nachsteuer der im gebundenen Inland­verkehr befindlichen Tabake eintreten zu lassen, während die im freien Inlandverkehr befindlichen Tabafe und Fabrikate Schäzungsweise herangezogen werden sollen. Die Mehrein­nahme aus der Tabakvorlage wird auf vierzig Millionen be­rechnet." In einer Versammlung des deutschen Tabakver­eins wurden ähnliche Einzelheiten gegeben. Die Versamm­lung beschloß, eine Protest- Eingabe gegen die Mehrbelastung des Tabaks an den Bundesrat zu senden.

* Der deutsche Städtetag ist zur Beratung von Maß­nahmen gegen die Fleischteuerung zum 27. November nach Berlin in die Räume des preußischen Abgeordneten­hauses einberufen.

* Die Dörfer in der Umgebung von Kilossa in Oft­afrika wurden von mehreren tausend Aufständischen ange= griffen. Ueber 600) Hütten wurden dabei in Brand gesteckt. Bezirksamtmann Lambrecht hat die Aufständischen in süd­licher Richtung in die Flucht geschlagen. Von Station Bis­mardsburg werden Unbotmäßigkeiten einzelner Häuptlinge gemeldet. Im Bezirk Kilwa ist die Gefangennahme des wichtigen Hauptanführers der Aufständischen Kirungu ge= lungen.

* Der preußische Landtag wird auf den 5. Dezember einberufen werden.

* Im Großherzogtum Oldenburg machen sich Be­strebungen zur Einführung des geheimen und direkten Wahl­rechts für den Landtag geltend. Achtzehn Abgeordnete haben einen Antrag eingebracht, in dem die Regierung er­sucht wird, dem gegenwärtig tagenden Landtage oder der nächsten Versammlung des dreißigsten Landtages einen Ge­segentwurf über die Einführung der geheimen und direkten Wahl zum Landtage zu unterbreiten. Ein Zusazantrag ver­langt noch, die Wahltrcise so einzurichten, daß aus jedem Wahlkreise ein Abgeordneter zu wählen sei.

Oefterreich- Ungarn.

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** Wie sehr die Volksleidenschaft in Erregung gekommen ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß in verschiedenen Landes­teilen blutige Straßen- Tumulte stattgefunden haben. So fam es in Lemberg zwischen Ruthenen und der Polizei zu Zusammenstößen, bei denen diese mit Säbel und Revolver einschritt und viele Personen verletzte. In Fünfkirchen in Ungarn entstanden anläßlich eines vom Grafen Apponyi ab­gehaltenen Meetings förmliche Kämpfe zwischen Sozialisten und Angehörigen der Unabhängigkeitspartei. Ein berittener Zug, der den Grafen und andere Abgeordnete festlich ein­holen wollte, wurde auseinandergetrieben, und Apponyi und Begleiter wurden mit einem Steinhagel empfangen, so daß sie nur unter starker militärischer Bedeckung vom Bahnhofe In die Stadt gelangen konnten.

** Das Ministerium Fejervary will sich zwecks Durch­bringung des allgemeinen Wahlrechts für Ungarn an­scheinend an das Voit wenden und das jetzige Abgeordneten­haus auflösen. Der Handelsminister Vörös bezeichnete in einer politischen Versammlung als den Grundpfeiler de Programms ber jebigen Regierung das allgemeine, geheime Wahlrecht und erklärte, daß, da dieses Programm wenig Aussicht habe, in

dem gegenwärtigen Abgeordnetenhause cine Mehrheit zu er­langen, innerhalb nicht sehr langer Zeit ein Apell an die Wähler erfolgen werde.

frankreich.

** Der Sturz des Kabinets Rouvier, der eine zeitlang wahrscheinlich erschien, ist vorläufig abgewendet. Der bishe= rige Minister des Innern Etienne wird Kriegsminister, an Stelie des zurückgetretenen Berteaux, der Marineminister Thomson übernimmt das Ministerium des Innern, der Handelsminister Dubief bekommt das Marineministeriumt und wird als Handelsminister ersetzt durch den Deputierten und ehemaligen Minister Trouillot. Die neue Regierung hat durch diese An­ordnung einen ziemlichen Schritt zu den linksstehenden Par­teien getan.

Türkel.

** In heftige Spannung sind die Beziehungen zwischen der Türlei und Perfien geraten. Soldaten des Sultans haben an der Grenze ein Gebiet besetzt, das Perfien als sein Eigentum be­ansprucht. In Konstantinopel wurden die Unterhandlungenüber den türkisch- serbischen Handelsvertrag durch die Abreise des per= fischen Bevollmächtigten plötzlich unterbrochen.

Hlien.

** Die japanische Regierung hat eine Verfolgung der Unruheanstifter in Tofio anläßlich der Temonstrationen gegen den Friedensschluß eingeleitet. Der frühere Präsident des Abgeordnetenhauses Yono, der der hauptsächlichste Sprecher in der letzten Versammlung war, in der gegen den Friedensschluß Einspruch erhoben wurde, ferner der Abge­ordnete Otaka und die bedeutenden Politiker Yamada und Ogawa find verhaftet worden unter der Anschuldigung, sich an den in letzten Zeit stattgehabten Ruhestörungen beteiligt zu haben. Das Barlament ist durch einen kaiserlichen Eriaß für den 25. Dezember einberufen worden.

Hof und Gesellschaft.

** Die Gerüchte über eine vom Kaiser geplante neue Mittelmeerreise werden in einer offiziösen Notiz für unrichtig erklärt..

*** Zur Silberhochzeit des Kaiserpaares hat der Berliner Magistrat jezt beschlossen, der Kaiser Wilhelm­und Augusta- Stiftung die Summe von 500 000 M. zu über­weisen.

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Der Kaiser hat dem Institut für Kunst und Wissenschaft in Brooklyn sein Porträt geschenkt.

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In Nürnberg findet heute auf dem Egidienplage die feierliche Enthüllung des Dentmals Kaifer Wil helms 1. statt. An der Feier nehmen der Prinzregent Luitpold von Bayern, der Kaiser, die Kaiserin, der deutsche Kronprinz und der Großherzog von Baden, sowie der Reichs­fanzler Graf Bülow teil.

** Bei dem deutschen Kronprinzen und seiner Gemahlin fand im Marmor- Palais bei Potsdam eine musi­kalische Abend- Unterhaltung statt. Die mitwirkenden Künstler waren Fräulein Farrar( Gesang), Prof. Grünfeld( Cello) und Hofkapellmeister D. Muck( Klavier.)

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Der König von Spanien traf gestern Vor­mittag in dem österreichischen Sonderzuge, der ihn von Potsdam abgeholt hatte, in Wien ein. Er wurde vom Kaiser Franz Josef auf dem Bahnhofe empfangen und sehr herzlich mit Kuß und Umarmung begrüßt. Auf der Fahrt durch die festlich geschmüdten Straßen zur Hofburg wurden die Mo­Während narchen von der Menge mit Hochrufen begrüßt.

des Aufenthaltes des Königs Alfons in Potsdam hat sich zwischen diesem und dem deutschen Kronprinzen ein besonders herzlicher Verkehr entwickelt. Der König hat vor seiner Ab­reise nach Wien den Kronprinzen Wilhelm à la suite des Re­giments Numancia gestellt.

Der Herzog Alfred von Sachsen- Koburg­Gotha hat mit seiner Gemahlin in Gotha seinen feierlichen Ein­zug gehalten. Am Bahnhof war großer Empfang. Eine Ehren­jungfran sprach einen poetischen Gruß, Oberbürgermeister Liebetreu begrüßte das Herzogspaar. Dann folgte unter brausenden Hochrufen der Bevölkerung und unter Kanonen­donner in sechsspännigem Galawagen durch das Spalier der Vereine, Gewerkschaften und Schulen die Fahrt zum Schlosse Friedenstein. In der Schloßkirche wurde Festgottesdienst ab­Abends brachte die gehalten, dann war Frühstückstafel. Bürgerschaft dem Herzogspaare einen Fackelzug.

Soziales Leben.

X Tarifvertrag im Braugewerbe zu Bremen. Zwischen der Brauersozietät und den Brauereiarbeitern ist ein drei­jähriger Tarifvertrag zustande gekommen. Wegen der auf jährlich 70 Mt. für eine Arbeiterfamilie berechneten Lebens mittelteurung durch den neuen Zolltarif erhält ein verheirateter Arbeiter wöchentlich zwei, ein unverheirateter eine Mark Mehr­lohn. Bewilligt wird ferner ein Sommerurlaub bis zu sieben Tagen mit Lohnzahlung sowie eine Entschädigung bei un­verschuldeter Arbeitsverhinderung und Militärübung.

X Ein neuer Bergarbeiterstreik? Die Nachrichten aus dem Ruhrfohlengebiet lauten beunruhigend. In einer Ver­sammlung der Bergarbeiterführer wurde die Eventualität