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Nr. 293.

Sesertionsprete: Die einspaltige Betitzelle für ganz Ober­been, bie Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Pfg. Reklamen die Petitzelle 30 refp. 40 fg. Redaktion u. Saupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Mittwoch, den 13. Dezember 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Grattebeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Bezlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Befchlufsunfähig!

Von parlamentarischer Seite wird der ,, Deutschen Reform­Rorrespondenz" geschrieben:

Gerade eine Woche war der Reichstag beisammen, zu fünf Sigungen hatte er es gebracht, eben sollte er einen ersten fachlichen Entschluß fassenda wurde formal festgestellt", was ohnehin jedermann wußte, daß er beschlußunfähig sei. Es bedurfte gar keiner Auszählung. Der Präsident und sein ganzes Bureau, wie die amtierenden Schriftführer, waren einig, daß die Zahl der anwesenden Abgeordneten hinter der geschäftsordnungsmäßig erforderlichen Zahl weit zurückbleibe. Der Abstand war so groß, daß man nicht hoffen durfte, während des zeitraubenden Aufrufs genug Säumige heran­zuziehen. Darum unterblieb der Versuch. Ce n'est que le premier pas qui coute" nur der erste Schritt kostet Ûeber­windung. Der Reichstag wird bald in der früheren Ge­wöhnung sein, nach der die Beschlußfähigkeit die Ausnahmen, die seltenen Ausnahmen, die Beschlußunfähigkeit die Regel war. Vergeblich sind die Bitten des Präsidenten Grafen Ballestrem, vergeblich ist das Beispiel des Fleißes der Re­gierung gewesen.

Wenn das Publikum auf den Tribünen nur an den großen Tagen" sich drängt, an den Tagen der ruhigen. Arbeit fernbleibt, so ist das begreifllich, und auch richtig, denn die Tribüne ist für die Neugierigen da, und die Neu­gierde hat für ruhige Arbeit kein Interesse. Wenn aber der Reichstag selbst sich in gleicher Weise einschätzt, herbeiströmt, sobald es sich um eine Sensation handelt, sich verflüchtigt, Sobald die Altäglichkeit ihr Recht verlangt, so ist das eine Selbsteinschäßung, die sein Ansehen tief hinabdrücken muß. Der Reichstag ist doch keine Arena für Rede- Paraden, für Eloquenz- Vorstellungen, bei denen die Ausdauer der Lungen­fraft, die Gewandheit oder unter Umständen die unverschleierte Deutlichkeit des Ausdrucks den Sieg verbürgen den Sieg, der in der befriedigten Anerkennung der zufälligen Buhörer besteht! Ein solches Verhalten des Reichstages ist geradezu selbstmörderisch. Was der Reichstag als eine Not­wendigkeit ansieht, wer ihn hochgestellt wissen und keinen Zweifel auskommen lassen will, daß für die Gesetzgebung und für die Kritik der Verwaltung der Reichstag für alle Bufunft unentbehrlich sein muß, der fann die Gleichgültigkeit des Reichstags gegenüber seiner Pflicht und seiner eigenen Würde nur aus tiefsten Herzen beklagen.

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Gewiß, der Reichstagsabgeordnete ist kein Beamter; er ist unabhängig und unverantwortlich, und niemand fann ihn in Strafe nehmen, wenn er seine Pflicht vernachlässigt. Aber die Straflosigkeit nimmt der Pflichtwidrigkeit nicht ihren Charakter, fie verschärft nur das Unrecht. Wer ein Privilegium mißbraucht, erschüttert den Glauben an die Notwendigkeit dieses Privilegiums und beweist, daß jedenfalls er des Privilegiums unwürdig ist.

Gewiß ist es richtig, daß man den Reichsboten nicht zu­muten fann, eine unberechenbare und unabsehbare Zeit hin­durch alle ihre geschäftlichen und privaten Interessen hintan­zusetzen und zu vergessen und in Berlin auszuharren, um mehr oder minder überflüssige Reden anzuhören. Aber nicht die Fahnenflucht, das einfache Davonlaufen, das Versagen gegenüber der Pflicht bildet die angemessene Form des Protestes gegen eine ungebührliche Zumutung.

Freilich ist der Reichstag schon oft, sehr oft um Diäten vorstellig geworden, und man hätte sie ihm auch wohl be= willigen sollen. Und wäre es nur, um offenbar zu machen, daß die Diätenbewilligung allein auf den Fleiß des Reichs­tagsbesuch keinen allzu großen Einfluß ausübte. Die Be­seitigung der bequemen Ausrede wäre für sich bereits ein Gewinn. Denn eine Ausrede ist es in sehr vielen Fällen. Den reichen und vermöglichen Herren, die im Reichstag die Mehrzahl sind, macht der Bezug von zwanzig Mark Tage­geldern nichts aus, ist er jedenfalls keine Versuchung, den Aufenthalt in Berlin der gewohnten privatgeschäftlichen Tätigkeit vorzuziehen. Nein, das Bewußtsein muß geweckt werden, daß das Reichstagsmandat ein Amt verleiht und mit dem Amt Pflichten auferlegt, deren Nichterfüllung zwar nicht trafbar, aber schändlich ist, ein Betrug am Reich, ein Betrug an den Wählern, ein Angriff auf den Reichstag und sein Anschen.

Es ist nicht unbedingt nötig, daß bei der laufenden Ge­Schäftserledigung alle Abgeordneten am Blaze sind. Es würde nicht einmal schaden, wenn in solchen Fällen eine Minderzahl von Mitgliedern das Haus vertrete. Vorbedingung hierfür ist aber ein Gemeingefühl der Reichsboten selbst, das zurzeit nicht vorhanden ist. Bis dieses Gemeingefühl hergestellt und Selbstgefühl die unverbrüchliche Regel bei allen Parteien ist, müssen alle Parteien Zucht üben und sich zusammenraffen, um in Erfüllung übernommener Pflicht die Zuchtlosigkeit niederzuhalten.

( 10. Sigung).

Deutfcher Reichstag.

CB. Berlin, 12. Dezember. Das Haus war heute gut besetzt, troßdem wurde, um immer Wiederholung des gestrigen Schlußschauspiels vorzu­beugen, die Abstimmung über die geschäftliche Behandlung de deutsch englischen Handelsprovisorium 3.

auf Vorschlag des Präsidenten von der Tagesordnung ab gesezt. Bei der Fortsetzung der Etatsberatung ber­trat zunächst der Abg. Liebermann von Sonnen berg den Standpunkt der zur wirtschaftlichen Vereinigung gehörenden Antisemiten. Er erklärte das Einverständnis seiner politischen Freunde mit der auswärtigen Politik der Regierung, mit der Flottenvorlage und, vorbehaltlich einer Abänderung der Steuervorlagen, mit der Reichsfinanzreform. Die Besprechung der inneren Politik, bei der die bauernfreundlicher Haltung der Regierung lobte, führte ihn zu der Polemik gegen die Sozialdemokraten, die mehrfach Heiterkeit erregte. Darauf wies der Staatssekretär des Innern Graf Posadowsky verschiedene gegen die Regierung gerichtete Angriffe zurück, zuerst die wegen der Schließung des Reichstags im Frühjahr. Er nannte das Recht der Diskontinuität ein wichtiges monarchisches Recht in parlamentarischen Staaten und meinte, die jetzt erhobenen Vorwürfe zeigten, wie gefährlich es sei, Kronrechte stillschweigend längere Zeit ruhen zu lassen. Be­züglich der Diätenfrage gestand der Staatssekretär zu, daß sich dafür praktische Gründe geltend machen ließen, denen jedoch wichtige politische Bedenken gegenüberständen. Jedenfalls sei es falsch, für den bedauerlichen Absentismus der Abgeordneten allein die Tatsache als Grund anzuführen, daß bisher Tagegelder nicht bewilligt worden seien. Die Ursache sei in der großen Ueberlastung der im öffentlichen Leben wirkenden Personen zu suchen. Zum Schluß beschäftigte sich Graf Posadowsky mit der Stärke der sozialdemokratischen Partei, deren Anwachsen angesichts des steigenden Wohl­standes, der Arbeiterfürsorge und der geordneten Verhältnisse in Deutschland sich schwer erklären lasse. Mit Gesezen sei dagegen nichts auszurichten. Die besitzenden Klassen müßten entsprechend ihrer größeren Wohlhabenheit opferwilliger werden, und die bürgerliche Gesellschaft müsse von ihrer materialistischen Weltanschauung zurückommen. Abg. Schrader stimmt für die freisinnige Vereinigung der Flottenvorlage und der Finanzreform, nicht aber allen Steuervorlagen zu, worauf Abg. v. Jazdzewski den Standpunkt der Polen vertrat. Ferner sprachen Abg. Freiherr von Hodenberg für die Welfen und Abg. Dr. Ricklin für die Elsässer.

Die Zerstörung von Charbin. Ganze Städte gehen in Rußland zu Grunde. Wenn Graf Witte ermahnt, von der Revolution zu lassen und sich dem Reformwerk zu widmen, wenn man nicht wolle, daß man vor die Wahl zwischen Reaktion oder Anarchie gestellt werde, so deuten viele Momente darauf hin, daß die Anarchie bereits im Anmarsch ist.

Furchtbar hat die Leidenschaft im fernen Osten gehaust. Schreckensszenen in Charbin.

Die Truppen, die vor kurzem wider die Japaner im Felde lagen, haben jezt die Waffen gegen einander gekehrt. Ueber Tokio ist folgende Meldung nach Europa gelangt:

Charbin steht in Flammen. Die Kavallerie des Gene­rals Maderilow drang nachts in die Stadt ein uud tötete Hunderte von Meuterern. In der Dunkelheit schossen schließlich die treuen Truppen auf einander und wurden bon den Meuterern umringt, von denen viele den Maschinengewehren zum Opfer fielen.

Aehnliche Szenen werden aus anderen Garnisonen des Barenreiches berichtet, und wo das Militär nicht meutert, macht es mit den Schwarzen Banden" gemeinsame Sache und plündert und mordet erst die Juden und dann die Wohl­habenden aller Bekenntnisse.

Weitere Verhaftungen.

Der Festnahme Chrustalews, des Vorsitzenden der re­volutionären Verbände sind andere Verhaftungen auch von Mitgliedern des revolutionären Bauernverbandes in der Provinz gefolgt. Chrustalew soll wegen Majestätsbeleidigung und Anreizung zum Ausstand mit Waffengewalt unter An­flage gestellt worden. Ueber den Eindruck dieser Maßnahmen wird aus Petersburg gemeldet.

Die Verhaftungen haben eine niederdrückende Wir­fung auf die Revolutionäre ausgeübt und die Inszenierung des Generalstreiks gehindert.

Es gewinnt den Anschein, als wenn der Post- und Tele­graphendienst angesichts der Unbeugsamfeit Durnowos lang= sam wieder in Fluß kommen will. Allein noch immer fehlt es an sicheren Nachrichten über die in der Provinz herrschenden Zustände, und was man erfährt, läßt auf Brand, Mord und Verwüstung schließen.

Algeciras wartet!

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Vorbereitungen zur Maroffo- Konferenz. Die schönen und gesegneten Tage der Konferenz nahen. Mit dem neuen Jahr wird Algeciras, das spanische unbe= deutende Städchen, Weltruhm erlangen. Das ist erstens erhebend für die Lokalpatrioten und zweitens nutz fommt in den Beutel bringend. Geld was hat

man in dem erbärmlichen Portsmouth nicht aus dem Friedens- Ringkampf zwischen Witte und Komura heraus­schlagen. In Spanien schätzt man rotes Gold und weißes Silber ebenso sehr wie in anderen Ländern, und deshalb legt sich zurzeit in Algeciras Mann und Weib, Greis und Kind auf die Lauer. Sie wollen alle an ihrem Teile mitprofitieren von der friedlichen Auseinandersetzung der Mächte über Marokko. Würdige Vorbereitungen werden getroffen für den feierlichen Empfang der Herren Diplomaten und der Scharen von Sekretären, Journalisten und sonstigen Mitessern", die mit den hohen Herrschaften in die über Nacht berühmt ge= wordene Stadt einziehen werden. Die ganze Gesellschaft wird in der angenehmen Bezirksstadt noch vor Beginn der Maroffo= fonferenz ihr blaues Wunder erleben. Die Bewohner des Ortes und der ganzen Umgegend sind nämlich für einen gigantischen Raubzug gerüstet, und wer nicht mit dem Ver­mögen eines amerikanischen Petroleum- oder Büchsenfleisch­Königs nach Algeciras fommt, wird radikal ausgeplündert zu den heimischen Penaten zurückkehren. Auffäuser sind schon seit mehreren Wochen an der Arbeit, alles, was nur irgend in der Nachbarschaft an Vieh und Getreide vorhanden ist, in ihre unsauberen Hände zu bringen, um zur richtigen Zeit den harmlosen Ausländern den Brotforb höher zu hängen und eine imposante Fleischnot zu arrangieren. So erzählt ein spanisches Blatt. Wenn es der Behörde nicht gelingt, diesem Treiben Einhalt zu tun, kann man mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß unter dem niederen Volf von Algeciras eine Hungersnot ausbricht, die zu den glänzenden Festen, die die Stadt ihren Gästen geben will, einen Gegensatz bilden dürfte. Noch beutegieriger als die Lebensmittelwucherer sind die Hotelbesitzer und die sonstigen Vermieter von Wohnungen. Der Alcalde der Stadt, Herr Guadalupe, hat diese Herren und Damen fast flehentlich gebeten, Algeciras nicht vor ganz Europa zu blamieren und sich bei dem unvermeidlichen Schrauben der Wohnungspreise in bescheidenen Grenzen zu halten. Die Hyänen" aber erklären mit zynischer Offenheit, daß sie auf Europa pfeifen und daß nach den vielen magern Jahren jetzt endlich die Zeit der fetten Ernte gekommen sei. Einstweilen sind Wohnungen überhaupt nicht zu haben, denn die Vermieter machen ihre Zimmer, oder was sie so nennen, gu einem Spefulationsobjekt und warten die günstigste Konjunktur ab. Wenn die hohen Gäste ihren Einzug halten, wird immer noch Zeit sein, mit der großen Erdrosselungs­prozedur zu beginnen. Als lofale Eskorte der Diplomnten hat sich bereits heute eine sehr ansehnliche Bettlerzunft etabliert. Wer jemals in Spanien gewesen ist, weiß, was ein spanischer Bettler zu bedeuten hat: gegen ihn ist ein sizilischer Wegelagerer ein herzlieber Reisekumpan. Die Konferenzstadt wird aber neben den vielen Schattenseiten auch einige Lichtseiten haben. Zu den Annehmlichkeiten ge= hört in erster Linie ein bereits eingerichtetes Informations­bureau, in welchem Interessenten unentgeltlich über alles Wissenswerte Auskunft erhalten. Dem Bureau haben sich auch in schöner Selbstlosigkeit eine Anzahl Bürger der Stadt zur Verfügung gestellt, um den Fremden, die es darauf ab­jehen sollten, ohne jede Entschädigung di Sehenswürdigkeiter der Stadt zu zeigen, wobei jedoch zu bemerien ist, daß es in Algeciras nichts zu sehen gibt. Den größten Reiz von Algeciras werden jedoch die zahlreichen Kasinos bilden, die sich mit lobenswertem Eifer à la Monte Carlo einrichten, um den Fremden das Geld abzunehmen. Es wird in Algecirus Spiel­jäle geben, von denen sich die gesamte europäische Diplomatie trotz ihrer anerkannten Weisheit nichts träumen läßt. Zür illes ist gesorgt, das Spiel kann beginnen.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Nach weiteren offiziösen Mitteilungen beür die " Banther- Affäre" scheint tatsächlich ein Matrose vom Bord des Panther" desertiert zu sein, und zwar auf Anstiftung eines in Jtahahy lebenden Reichsdeutschen Steinhof. An Land befindliche Unteroffiziere des Panther" haben nun diesen Steinhof gefunden und ihn stark durchgeprügelt, aber nicht an Bord des" Panther" geschleppt. Was aus dem desertierten Matrosen geworden ist, weiß man nicht, er hält sich anscheinend versteckt. Davon, daß ein Brasilier in den Streit verwickelt und an Bord des ,, Panther" gebracht worden sei, ist nicht das mindeste bekannt. Solange nicht nähere Nachrichten eintreffen, ist nicht recht ersichtlich, wodurch eine Verlegung der brasilischen Gebietshoheit stattgefunden haben fönnte. Sollte sich herausstellen, daß von Mannschaften des Panther" Verstöße gegen das internationale Recht begangen sind, so würde sich ein solcher Zwischenfall bei dem freund­lichen Verhältnis, das zwischen Deutschland und Brasilien besteht, zweifelsohne in befriedigender Weise beilegen lassen. Aus Rio de Janeiro wird gemeldet. daß der Minister des Aeußeren Baron Branco folgende Erklärung gegeben hat: Es schweben Verhandlungen zwischen den Regierungen hier und in Berlin zur Beilegung der Frage der angeblichen Ver­legung von brasilianischem Gebiet durch den Panther". Baron Branco erwartet mit Zuversicht eine befriedigende Lösung. Das Gerücht, daß Kriegsschiffe nach Santa Katharina geschickt seien, sei unbegründet.

"

* Die Stellung der Zentrumspartei zu den Reichs­finanzreform- Vorschlägen des Herrn von Stengel fenn­