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Jufertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­haffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonft 15 Pfg. Reklamen bie Petitzeile 30 refp. 40 fg.

Rabattion u. Haupterpedition: Gießen, Setters weg 88. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Donnerstag, den 13. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Vfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen bierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sickener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das Geständnis des Herrn Delcaffé.

Herr Delcassé ist von allem Verstande verlassen gewesen, als er die Politik Frankreichs so führte, wie er getan hat, und der Verstand ist ihm auch nach seiner unfreiwilligen Ab­dankung nicht wiedergefehrt. Er hat immer noch nicht ge­merk:, daß er im Begriff gewesen, die Republik in eine ver­derbliche Abenteurerpolitik zu verstricken, die mögliche Vernichtung der deutschen Kriegsflotte, die wahrschein= liche Schädigung des deutschen Handels mit dem siche= ren Ruin Frankreichs zu bezahlen. Eben jetzt hat er ein offenes Geständnis abgelegt. In dem nationalistischen Pa­riser Gaulois" nird eine Unterredung veröffentlicht, in der Delcassé sich dazu bekennt, den Krieg mit Deutschland gewollt zu haben, da er Frankreich starf genug glaubte, unter Eng­lands Schutz und mit seiner Bundesgenossenschaft Deutsch­land anzugreifen. Das Bekenntnis ist so ungeheuerlich, daß man an der Echtheit zu Ehren Delcassés zweifeln mag. Einst­weilen aber ist kein Dementi erfolgt, und wenn es auch käme, so bliebe bestehen, daß eine französische Partei, die nationalistische, mit einem Krieg gerechnet und ihm zuge­stimmt hat.

Nach dem Gaulois" ist Herr Delcassé geständig, daß er in einem Bündnis mit England die Kraft zu finden geglaubt hat, Deutschland ungestraft vor den Kopf zu stoßen und es her auszufordern, indem er großtuerisch und hochmütig Deutschlands Interessen in Maroffo ignorierte und sich de­monstrativ weigerte, von einem in Deutschlands Rechte ein­greifenden Abkommen Deutschland auch nur Kenntnis zu geben. Er wußte, daß Deutschland sich das nicht gefallen lassen könne; aber er redete sich ein, daß Deutschland sich das werde gefallen lassen müssen, weil- England die stärkere Flotte hat. Frankreich, meinte er, habe nach Eng­land viel mehr als nach Deutschland zu fragen, denn Frank­reich exportiere nach England, während es aus Deutschland importiere. Dem guten englischen Kunden könne man schon etrous zuliebe tun, und dieser Liebesbeweis bestände darin, daß man ihm Gelegenheit gebe, die deutsche Kriegsflotte, deren Wachstum jenseits des Kanals schon mit Unbehagen empfunden werde, zu zerstören, ehe sie noch widerstands­fähiger geworden als sie bereits iſt.

Bei diesem freundnachbarlichen Gedanken fiel Herrn Delcassé nicht ein, daß der Krieg 1870-71 von Deutschland aus ohne Flotte geführt worden, daß während der inzwischen berflessenen 35 Jahre Deutschland eine mehr als 50prozen­tige mumerische Ueberlegenheit Frankreich gegenüber ge­wonnen hat, und daß nicht das kleinste Anzeichen vorliegt, das zu der Annahme verleiten könnte, die deutsche Wehrkraft habe an Qualität eingebüßt, was sie an Zahl zugenommen. Er muß sich wohl eingeredet haben, die englischen Panzer würden die Elbe, die Weser, den Rhein hinunterfahren und die deutschen Heere aushalten. Er muß der Meinung gewesen sein, den englischen Seefelossen wohne eine hypnotisierende Kraft inne, die die deutschen Heeressäulen unbeweglich machen und lähmen würden. Er hatte fein Gefühl dafür, daß bei einer neuen Einnahme von Paris die Vorstellung von zusammengeschossenen deutschen Panzern nur geringen Trost gewähren könne..

Als in dem französischen Ministerrat die Minister mit erhobenen Händen auf Delcassés Darlegungen riefen, Deutschland werde zum Angriff schreiten, erwiderte Delcassé in stolzem Bertrauen auf die englische Flotte: Mag es doch angreifen! Wir haben die Macht, zu antworten!" Es be­greift sich, daß hiernach die französischen Minister, Herr Rouvier an der Spike, furzen Prozeß machten, daß sie Herrn Delcassé mit Beschleunigung hinaustomplimentierten und ihm empfahlen, sich in ärztliche Behandlung zu geben und seinen Gemütszustand untersuchen zu lassen.

Herr Delcassé hat den Rat nicht befolgt, wenigstens nicht richtig befolgt. Statt in ein Sanatorium, ging er zum Gaulois", wo er zwar Krankheitsgenossen, nicht aber einen Arzt fand. Dort hat er öffentlich erzählt, was bisher von der Amtsverschwiegenheit geheim gehalten worden war. Er hat bewiesen, was für uns freilich eines Beweises nicht erſt bedurfte, daß die deutsche Politik Herrn Delcassé gegenüber und in der Maroffofrage genau so gehandelt hat, wie Ehre und Interesse von ihr verlangten, und daß sie dabei einem durch Krankheit unverantwortlichen Mann mit der Rück­sicht begegnet ist, die seine Kollegen verdienten.

Delcassés Geständnis im Gaulois" beweist, daß er nicht au 3 verstecktem Herzen gehandelt hat, daß die Verstockung ein an deres edles Organ bei ihm ergriffen hatte; sein Geständ­

nis beweist aber auch seine Unheilbarkeit.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Der Bundesratsausschus für auswärtige Anaelegen. heiten hat heute unter Vorsitz des bayerischen Ministers von Bodemils eine Sigung gehalten. Reichskanzler Fürst Bülow hatte den Ausschuß berufen, um ihm über die jüngsten Vorgänge auf dem Gebiet der auswärtigen Politik Mittei­lumgen zu machen. Fürst Bülow gab eine liebersicht der Borkommnisse, die mit der Marokkofrage zusammenhängen;

der Maßnahmen, die er für nötig gehalten, und der Eni­wickelung, die die Dinge genommen. Der Ausschuß er­klärte sich mit allem vollständig einverstanden und sprach mit seiner hohen Anerkennung dem Reichskanzler für seine Ge­schäftsführung Dank aus.

*

Reichskanzler Fürst Bülow ist am Mittwoch abend zu1 längerem Aufenthalt nach Norderney gereist. Er wird von einem ganzen Stab von Mitarbeitern begleitet und führt an der See, von der er Stärkung und Erfrischung erwartet, die Geschäfte fort. Einstweilen werden ihn die Vorbereitun­gen für die Maroffofonferenz noch stark in Anspruch nehmen. Ueber den Sitz der Konferenz wird eifrig verhan= delt. In Frankreich möchte man die Konferenz nach der Schweiz, am liebsten nach Genf, verlegt wissen, während man in Berlin Tanger den Vorzug gibt. England hat sich schon bereit erklärt, einer Einladung zur Konferenz Folge zu leisten.

* Vor kurzem wurde gemeldet, daß die sächsische Regierung sich gegen die Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den deutschen Flüssen aussprechen werde. Das Finanzministerium in Dresden macht jetzt halboffiziell bekannt, daß die Ver­handlungen wegen der Schiffahrtsabgaben auf der Elbe noch nicht abgeschlossen seien, daß aber die sächsische Regie­rung wahrscheinlich gegen die Abgaben Stellung nehmen wird.

Das Ergebnis der bayerischen Urwahlen zum Landtage stellt sich für die Zentrumspartei noch günstiger, wie es an= fangs den Anschein hatte. Die Stärke der Parteien dürfte in Zukunft im bayerischen Landtage wie folgt sein: Zentrum 102( 18 mehr wie bisher), 10 Sozialdemokraten( 1 weniger), 12 freie liberale Vereinigung( 7 weniger), 34 Liberale ( 10 weniger), und 1 Demokrat.

* Der nächste amerikanische Staatsfongreß wird als eine der wichtigsten Angelegenheiten die Handelsbeziehungen mit Deutschland behandeln. In einflußreichen Kreiſen tritt man für den Vorschlag ein, einen Marimal- und Minimaltarif einzuführen. Man führt dabei an, daß man durch den Minimaltarif an England gegen freie Zulassung amerika­nischer Warer. und durch Behandlung Deutschlands nach dem Mayimaltarif zwei Zwecke erreichen werde. Deutschland soll durch Repressalien" getroffen und andererseits England die Ausfuhr nach Amerika erleichtert werden. Dadurch werde man in England die Zwecklosigkeit der Chamberlainschen Idee erkennen, die englischen Kolonien gegen Amerifa zu­jar menzuschließen. Jedenfalls wird die angedeutete Kampf­lust gegen Deutschland bedeutend herabgemildert werden, denn der amerikanische Kongreß wird sich in seiner Mehr­heit nicht in einen Zollfrieg stürzen wollen.

Schweiz.

** Einen internationalen Kongreß für Arbeiterschutz schlägt der schweizerische Bundesrat in einem Rundschreiben an die Mächte vor im Anschluß an die fürzlich gefaßten Genser Beschlüsse.

Dänemark.

** Die nordischen Seekabelverbindungen erhalten eine weitere Ausdehnung. Der König erteilte der Großen Nor­bischen Telegraphen Gesellschaft die Konzession zum Bau und Betrieb eines unterseeischen Telegraphenfabels zwischen den Shetland- Inseln, den Faröern und Island.

Rufeland.

**

Türkei.

In Konstantinopel sträubt man sich gegen die ange­strebte Finanzreform in Mazedonien. Die Pforte hat die letzte Note sämtlicher Botschafter, welche auf die Annahme der internationalen Kontrolle für die Finanzreform in Maze­donien dringt, ablehnend beantwortet mit dem Bemerken, die Kontrolle sei unnötig, da das Finanzreglement bereits tadellos in Wirksamkeit sei. Die Mächte werden aber auf der Kontrolle bestehen, und es sind Schritte in diesem Sinne zu erwarten. Alien.

** Aus den verschiedensten Gegenden des Zarenreiches wird von Bomben- Attentaten und Kundgebungen gemeldet. In Minst wurde nachts in der Nähe des Hauses des Gou­verneurs eine Bombe geschleudert, durch die ein Schutz­mann und ein Kosak verwundet wurden. Am Abend vorher hatte schon eine nach Tausenden zählende Volksmenge eine Rundgebung veranstaltet, und als die Kosaken auf die Menge feuerten, wurde mit Revolverschüssen geantwortet. In Tiflis sind bei Haussuchungen nicht weniger als 112 Bom­ben gefunden. Auf der Station Michailowo wurde ein Mann verhaftet, der Bomben bei sich führte, ebenso ein Geistlicher, bei dem ein Revolver, Patronen, sowie ein Dolch gefunden wurden. Auch in Moskau ist wieder eine Bomben­Werkstätte entdeckt. Ueber Odessa herrscht noch immer der Belagerungszustand, und die Behörden erklären, daß ohne diese Maßregel Juden- Massakres zu befürchten ständen. Die Schwarze Meer- Flotte ist mit dem Potemkin" jetzt von Constanza abgedampft. Auch unter der Besatzung der Ost­seeflotte gärt es fortgefeßt. So weigerten sich in Reval 700 Mann, das schlechte Mittagessen anzunehmen, und der Kom­mandeur mußte der Mannschaft Recht geben, worauf der Kompagnie- Kommandeur, der die Verpflegung zu besorgen hatte, in Arrest gesetzt wurde. Auf den Schiffen Minin" und Kreml" wurde in Befürchtung einer Meuterei den Ma­trosen die Benutzung der Gewehre entzogen. In Lodz wur­den sogar zwei Kosaken- Offiziere wegen Insubordination bor das Kriegsgericht gestellt.- Der ermordete Stadthaupt­mann Schuwalow war ein Intimus des durch eine Bombe zerrissenen Großfürsten Sergius, dessen überstrenge An­schauungen er durchaus teilte. Die Kunde von der Ermor­dung Eduwalows hat am Zarenhofe eine sehr nieder­schmetternde Wirkung ausgeübt.

** Widerstreitende Gerüchte über die Friedensverhand­lungen zwischen Japan und Rußland werden wieder laut. Die Japaner sind noch nicht überzeugt, daß die Russen den Frieden wirklich herbeiführen wollen. Amerifa hatte einen Waffenstillstand während der Dauer der Friedensverhand­lungen vorgeschlagen, damit überflüssiges Blutvergießen ver­mieden werden sollte. Die japanische Regierung hat nun der amerikanischen Regierung befannt gegeben, daß der Kai­ser von Japan in feinen Waffenstillstand einwilligt.

In Petersburg will man in die Schleifung von Wladi­mostof nicht einwilligen, obwohl Japan dies entschieden for­dern will. China hat sich in einer Note an Frankreich und Desterreich gewandt, in dem es sein Recht betont, zu den Friedensverhandlungen zugezogen zu werden und die Man­dschurei zurückzuerhalten.

Die Japaner haben übrigens der Insel Sachalin den früheren japanischen Namen Karafuto" wiedergegeben. Wladiwostok soll gänzlich blockiert sein.

Ruffifche Gefchichtsfchreibung. ( Eig. Bericht.) Warschau, 11. Juli.

Wenn man bedenkt, daß die Bücher der Geschichte ebenso wie alle anderen nützlichen oder überflüssigen Erzeugnisse der Druckerpresse von Menschen geschrieben werden, von Menschen mit menschlichen Ansichten und Meinungen, so kann man in gewissem Sinne dem Manne beistimmen, der da ge­sagt hat, eine objektive Geschichtsschreibung gibt es nicht". Alio, die erhabene Muse der Geschichte, schreibt zwar nach dem Zeugnis einer Menge von begeisterten Barden mit eher­nem Griffel. Aber da der Alltagsmensch ihre gewaltigen Schriftzeichen nicht immer deuten kann, so muß er sich eben auf die herkömmlichen Dolmetscher, die berufenen Historifer verlassen. Und so sehr sich ein solcher Mann von Fach auch be­mühen mag, ganz wird er nie aus der Haut seiner subjektiv­menschlichen Ueberzeugung herausschlüpfen können. Was

ist Wahrheit? Aber wenn das Streben nach der Wahrheit zu erkennen ist, mag man immer den Hut abnehmen vor dem braven Geschichtskundigen. Leider ist das Suchen nach der Wahrheit nicht stets der oberste Grundsatz für die historische Darstellung bedeutsamer Ereignisse. Politische und persön­liche Rücksichten, falsche Auffassung über das einem guten Staatsbürger zustehende Maß an Wissen oder auch direkt be­wußte Fälschung haben namentlich in den für die heran­wachsende Jugend bestimmten Lehrbüchern schon die selt­samsten Erzeugnisse in allen möglichen Ländern gezeitigt. Daß im heiligen Rußland mit seiner durch die bureaukra­tische Autokratie bedingten Niederhaltung jeder eigenen Ur­teilsfähigkeit im Kopf des Untertanen in der Geschichtsfäl­schung Besonderes geleistet wird, ist selbstverständlich. Die Höhe der unbeabsichtigten Komik erklimmt für den Kun­digen in dieser Beziehung das für die Gymnasien in Rus­sisch- Polen vorgeschriebene offizielle Geschichtskompendium von Flowajski. Nun ist es einem Warschauer Wigbold ein­gefallen, eine gelungene Persiflage auf diese Art von Unter­richtsbeeinflussung zu verfassen und sie als Flugblatt unter dem Titel Fragment aus der russischen Geschichte von Flo­wajski. Auflage vom Jahre 1910: Der russisch- japa­nische Krieg" in der Stadt zu verbreiten. Alle Welt lacht darüber trotz der schweren Zeiten haben die War­schauer den Sinn für Humor nicht verloren. Nachstehend ein kurzer Auszug aus dem eigentümlichen Fragment":

Zu Beginn des Jahres 1904" so heißt es- ,, über­iel das einerseits durch England, andererseits durch den Bapst Pius X. aufgehegte Japan in tückischer Weise die rus­fische Flotte, die sich ganz ahnungslos in Port Arthur aufhielt. Finige Tage darauf fand die denkwürdige Schlacht von Tschemulpo statt. In dieser Schlacht hatte das russische Pan­zerschiff Wariag" 13 fürchterliche Angriffe der vereinigten drei japanischen Geschwader abgewehrt und wurde schließlich mit dem Kapitän in die Luft gesprengt, wobei Tausende dieser gelben Heiden einen entsetzlichen Tod fanden. Der Krieg begann. Frankreich wollte Rußland zu Hilfe eilen. Aber der großmütige Zar Nikolaus II. lehnte dieses Aner­bieten ab und befahl bloß dem russischen Botschafter in Paris, er möge dem Präsidenten Loubet den kaiserlichen Dank über­mitteln. Kurze Zeit nachher wurde Kuropatkin zum Ober­befehlshaber der Seriegsarmee ernannt. Nach einer blutigen Schlacht um Jalu eroberte das russische Heer mit einer be­wundernsmerten Raschheit die nördliche Mandschurei, und nahm nad; einem in der Geschichte ohne Beispiel dastehenden sechsmonatigen Marsch die Hauptstadt Mukden ein. In dieser Zeit gebrauchte General Stössel, der durch elf Monate alle Angriffe des Admirals Nogi erfolgreich abwehrte, die