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Nr. 11.

Insertionspreis: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­Seffen, die Kreffe Meßlar und Marburg 108fg. fenft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 98. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Freitag, den 13. Januar 1905.

Gießener

14 Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertelfährt. Mr. 1.50. Grattebeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Notwehr des Soldaten.

Aus militärischen Kreisen wird uns geschrieben: Die zweitinstanzliche Verhandlung in Magdeburg gegen den Gefreiten Günther und den Musketier Vogt, die von dem Dessauer Kriegsgericht wegen Aufruhrs und Zusammen­rottung zu je 5 Jahren und 1 Tag Zuchthaus und Aus­stoßung aus dem Heere verurteilt worden waren, macht in

threm ganzen feitherigen Verlaufenden waren, macht in in der Beurteilung ihres Zuſammenstoßes mit dem Unter­offizier Heine zwei Entwickelungsstufen genau voneinander trennen wollte, deren erste sich in einem Tanzsaal abspielte und deren zweite die Straße zum Schauplatz hatte.

Wie bekannt, ereignete sich der immerhin traurige Vor­fall, der über zwei Menschenschicksale entscheidet, auf einem Tanzboden. Dort verkehrten der Gefreite Günther und sein Freund Vogt in Gesellschaft von zwei jungen Mädchen, die von dem vollständig sinnlos betrunkenen Unteroffizier Heine belästigt und sogar angefaßt wurden. Daraus entwickelte sich der Konflikt, der zunächst einen mehr oder minder harm­losen Charakter hatte und der wohl auch, wenn die Mädchen selber nicht dabei gewesen wären, die wohl durch ihre auf­geregte Entrüstung die Situation verschärft haben, einen friedlicheren Verlauf genommen hätte. Die Frage, ob zu­nächst zwischen dem Unteroffizier und den beiden Soldaten Tätlichkeiten vorgekommen sind, ist nicht vollständig klar. Jedenfalls aber weiß man so viel, daß der Unteroffizier einem der Soldaten sein Seitengewehr abgenommen hat, das ihm später auf der Straße, wohin ihm die Soldaten gefolgt waren, wieder entrissen wurde. Die Schuldfrage wird sich also voraussichtlich auf Grund der nachweisbaren Vorkomm­nisse auf der Straße entscheiden. Wenn, wie behauptet wird, der Unteroffizier in der durch ihn selbst geschaffenen heiklen Situation tatsächlich die Waffe gezogen hat, dann muß ent­schieden auf Grund des Tatbestandes genau untersucht wer­den, ob nicht Notwehr vorliegt. Den beiden Soldaten steht ganz gewiß das Recht zu, ihre Begleiterinnen gegen fremde Belästigungen in Schuß zu nehmen, auch wenn ein Vorge­segter hierbei in Betracht kommt. Allerdings darf sich dieser Schutz nicht als Verlegung der Subordinationspflicht dar­Kellen. Wenn und so lange er sich in der Form einer güt­fichen Vorstellung und eines geziemenden Appells an die guten Sitten darstellte, kann den Soldaten kein Vorwurf treffen. Wenn zudem der Unteroffizier zu dem einmal be­gangenen Unrecht eines Angriffs gegen die Begleiterinnen der Soldaten, wobei erfahrungsgemäß die Leidenschaften ftets am stärksten wachgerufen werden, auch noch die Bruta­lität einer mißbräuchlichen Ausübung der Dienstgewalt und das Roheitsvergehen eines tätlichen Angriffs mit gefähr­lichem Werkzeug beigesellte, so heißt es doch eine übermensch­liche Selbstbeherrschung und eine ganz einzig dastehende Selbstverleugnung berlangen, indem man dem Soldaten das Recht einer Abwehr absprechen will. Im bürgerlichen Leben tritt bei der sofortigen Erwiderung eines Angriffs Straf­freiheit megen verbaler oder tätlicher Beleidigung ein, weil man annimmt, daß in diesem Augenblick durch Verschulden des Gegners die ruhige Ueberlegung verloren gegangen ist. Man wird also auch selbst bei einem Insubordinationsver­gehen diese aus der Berücksichtigung der menschlichen Natur erflossene milde Beurteilung nicht verweigern können.

Ein anderes aber ist es freilich, wenn die Soldaten dem Unteroffizier Heine auf die Straße gefolgt sind und dort in einen Konflikt mit ihm verwickelt wurden. Hierüber steht der Beweis noch aus, nachdem die Aussage des einen Be­leftungszeugen, des 18jährigen Arbeiters Topp, für unzu­berlässig erklärt worden ist. Durch die Zwischenpause zwischen denn ersten und zweiten Konfliktsstadium sind die Soldaten allerdings, wenn sich Tätlichkeiten gegen den Unteroffizier nachweisen ließen, der juristischen Milderung eines Notwehr­aftes verlustig gegangen. Die öffentliche Erregung wegen des Dessauer Urteils ist auch nicht wegen der Höhe der Strafe entstanden, denn so viel steht sicher, daß die Gehorsams­pflicht der Soldaten gegen die Vorgesezten mit gesetzlichen Mitteln geschüßt sein muß und daß deren Verlegung nur durch schwere Strafen gefühnt werden kann. Die Kritik des Laienpublikums sowie auch namhafter Juristen richtet fich lediglich gegen die Aeußerung des Anklägers, daß es für einen Soldaten eine eigentliche Notwehr nicht gebe. Dieser Ansicht widerspricht der Grundsaz, daß in Lebensgefahr die außergewöhnlichsten Schußmittel erlaubt sind, so wie der Hechtsstandpunkt, daß bei Beurteilung der Schuld die mensch­liche Natur nicht unberücksichtigt bleiben darf. Das unglaub­liche Verhalten des Unteroffiziers Heine hat die Leiden­Shaften seiner Soldaten in einer Sfärfe entfesselt und auch ihre ruhige Ueberlegung derart gestört, daß mit dem strengen Maßstab, wie bei einem wohl überlegten Angriff faum ge­messen werden darf. selbst wenn eine Verlegung der Sub­

dination nachgewiesen würde.

Der Krieg in Oftafien. Nach und nach treffen jetzt die russischen Gefangenen bon Port Arthur in Nagasafi ein. Die Generale und Ad­mirale, die nicht ihr Ehrenwort gegeben haben, während Der Dauer dieses Krieges den Degen nicht mehr gegen Japan Bu ziehen, werden nach Nagoja gebracht. Wie aus Tokio

berichtet wird, haben sich die russischen Soldaten bereits von den schweren Strapazen der Belagerungszeit erholt und sehen recht wohl aus.

Interessante Nachrichten kommen eben daher über die Reste der Port Arthurflotte.

Die japanischen Offiziere in Port Arthur, die mit der Un­tersuchung der russischen Schiffe beauftragt sind, berichten über den Zustand dreier Kreuzer, von denen man bisher nichts näheres wußte. Es sind die Kreuzer Gjildit", Ros. boinik" und" Sabjaka". Der erstere ist im Westhafen gesun­fen, die Masten ragen aus dem Wasser hervor. Der Ras­boinik liegt in der Nähe des Leuchthauses; man glaubt, daß die Russen ihn selbst in Grund gebohrt haben. Der Kreuzer " Sabjaka" liegt ebenfalls im Westhafen, er ist durch Granat­feuer zerstört. Ferner wurden drei Torpedojäser augen­scheinlich auf Grund gesezt und zerstört. Zwei weitere lie. gen 1000 Meter von ihnen entfernt. In der Nähe der letz­teren fand man zwei verbrannte Torpedokanonenboote. Nach einem Torpedojäger wird noch gesucht.

Explosion einer Mine.

Die Aufräumungsarbeiten der japanischen Piontere, die nach Maßgabe der russischen Fortifikationspläne daran gingen, die gelegten Minen unschädlich zu machen, sind nicht ohne Unfall abgelaufen. Eine Kontaktmine explodierte inner­halb eines Forts und tötete zwanzig japanische Soldaten und zwei Pferde. Wie jetzt bekannt wird, warfen die Japaner bon dem Tage an, wo sie den 203 Meter- Hügel erobert hatten, eintausend Bomben nach der belagerten Festung.

Die Politik.

folonialen Der Zweck der letzten Gefechte auf dem Kriegsschauplate, durch Einkesselung des Gegners diesen unter konzentrisches Feuer zu bringen, scheint nach einer neuesten amtlichen Meldung entschieden gelungen zu sein. Wie aus dieser Meldung hervorgeht, ist offenbar die Haupt­macht der Hottentotten geschlagen und nach der Ostgrenze abgedrängt..

Ein Telegramm des Generals v. Trotha meldet hier­über: Nach Meldung des Generals v. Trotha hat Oberst Deimling, von Gibeon kommend, am 3. Januar bei Haru­chas, südlich Gochas, am 5. bei Gochas, am 7. anscheinend bei Utifuribis siegreiche Gefechte gehabt. Der Feind ist ver­mutlich nach Osten geflüchtet. Die Verbindung zwischen Oberst Deimling und Major Meister ist hergestellt."

Inzwischen ist auch die Mannschaftsverlustliste aus den Gefechten der Abteilung Meister eingetroffen, eine lange Reihe von Namen, wie sie bis jetzt noch selten zu verzeich­nen war.. Es sind 14 Mann gefallen, 25 verwundet, 7 wer­den vermißt.

Es fann nunmehr nicht mehr bezweifelt werden, daß der Gesamtausstand der westfälischen Bergarbeiterschaft sehr wahrscheinlich geworden ist. Schon jetzt sind etwa 85 000 Mann im Ausstand; 60 Schächte stehen still. Die Führer, die auf die Erhaltung des Friedens bedacht sind, haben völlig allen Einfluß verloren. Dagegen ist die Regierung eifrig bemüht, den Frieden zu erhalten; zu diesem Zwecke bereist der Regierungspräsident mit einem förmlichen Stabe das Streifgebiet. Aber die Stimmung der Arbeiterschaft ist zu erregt, als daß noch sicher auf eine friedliche und eine bal­dige Beilegung des Ausstandes gerechnet werden könne.

O Nachdem die deutsche Regierung ihre endgiltige Er­klärung über den deutsch- österreichischen Handelsvertrag ab­gegeben hat, steht nunmehr die Entscheidung über die deutsch­österreichischen Handelsvertragsverhandlungen in die Nähe gerüdt. Die österreichischen und ungarischen Minister wer­den in einer Pester Konferenz sich darüber entscheiden, ob sie auf Grund der deutschen Zugeständnisse einen Vertrag ab­schließen. Einer günstigen Entscheidung darf man ge­wiß sein.

Dänemark.

Der König hat den Führer der linken Reformpartei Christiansen zum Ministerpräsidenten ernannt, der in wahrhaft salomonischer Weise die Gegensätze zwischen dem Kriegs- und Marineministerium aus der Welt schafft, indem er beide Ressorts übernimmt.

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England.

Die maßgebenden Kreise, darunter der Herzog von Connaught, Premierminister Balfour, Lord Rosebery, Lord Spencer und Campbell Bannermann, bemühen sich um Anknüpfung guter Beziehungen zwischen Deutschland und England. Zu diesem Zwecke ist die Gründung eines deutsch­englischen Klubs in Aussicht genommen.

Spanien.

In verschiedenen Provinzen sind Arbeiterunruhen ausgebrochen. Anlaß dazu: Eintreibung rückständiger Steuern. Rufsland.

$ An der deutsch russischen Grenze sind Berüchte der­breitet, daß ein Anschlag auf das Leben des Zaren versucht, aber nicht ausgeführt worden sei. In der Tat ist gerade an

der Westgrenze eine lebhafte Unruhe im Volfe zu spüren. In Czenstschau ist eine Straßendemonstration vorgekommen, bei der einige Sicherheitswachleute getötet wurden. Es sollen aber noch größere Demonstrationen bevorstehen.

Türkei.

Aus verschiedenen Anzeichen ergibt sich, daß die neueste Politik des Sultans entgegenkommend gegen die Reform­mädie, aber sehr schroff gegen die unzuverlässigen Regie­rungen im Balkan ist. Er hat sich bereit erklärt, die Non­trafte mit den 23 neuen von den Reformmächten ihm förm lich aufgezwungenen Gendarmerieofskzieren zu vollziehen, verlangt aber andererseits von den Balkanregierungen, daß sie ihre Bandenführer zur Verantwortung ziehen. Inbetracht kommen hierbei der ehemalige bulgarische Schulinspektor Gruew und der Serbe Mitka, die beide eine maßgebende Rolle bei den macedonischen Aufrührern spielen. Serbien hat brav die Weisung befolgt und Mizka nach Belgrad ge­Todt, gefangen genommen und dann in Kragujewazz in Nummero Sicher gebracht. Allein Bulgarien, das überhaupt bei diesem ganzen macedonischen Aufruhr eine doppelzüngige Rolle spielt, hat sich geweigert, Grunw, der sich frei im Lande bewegt und gegen die Superänität der Türkei heßt, aus unbekannten Quellen auch seinen Unterhalt bezieht, zur Verantwortung zu ziehen. Infolge dessen sind die Beziehun­gen zwischen Konftantinopel und Sofia sehr gespannt.

Amerika.

Die Schiedsgerichtspolitik des Präsidenten Roosevelt findet doch nicht so glatte Annahme, wie die Urheber dieser neuen amerikanischen Polittk vielleicht angenommen haben. Die Senatoren der südlichen Staaten befürchten nämlich, daß eventuell auch die von ihren Heimatstaaten ausgegebenen Papiere eventuell einer schiedsgerichtlichen Regelung unter­worfen werden müssen und riefen deshalb dem stürmischen Präsidenten ein energisches Stopp zu. Der Präsident wird infolgedessen vielleicht seine Schiedsverträge zurückziehen, obwohl er diese und eine starke Flotte für die beste Friedens­sicherung hält.

Hof und Gesellschaft.

Der Kronprinz, der einige Tage erfältet tar und einige Tage das Zimmer hatte hüten müssen, wird seinen Dienst wieder übernehmen. Wie verlautet, will der Raiser das Rittergut Groß- Glienicke, an der Chaussee zwischen Potsdam und Spandau gelegen, für den Kronprinzen an­taufen.

Generalleutnant Graf Wilhelm von Moltke ist infolge eines Schlaganfalls gestorben. Graf Wilhelm war der Erbe des Feldmarschalls. Er war Kommandeur der 20. Division. Aus seiner Ehe mit einer Gräfin Bethusy- Huc sind drei Söhne entsprossen, von denen der älteste, der nach dem Feldmarschall Hellmuth heißt, die Kreisauer Begüterung erbt.

Heer und flotte.

Die neuen Artillerieſchulschiffe. Das Reichsmarineamt bricht mit dem Brauch, ältere Schiffe umzubauen und als Artillerieſchulschiffe zu verwenden. Die ehemaligen Glatt­deckkorvetten scheiden ars der Schiffsartillerie aus. Den Anfang macht die Carola", die am 9. d. M. auf der Nord­seestation außer Dienst trat. Für die Carola" übernimmt der neue Kreuzer Undine" die Tätigkeit als Schnelllade­fanonenschiff. Das nene Linienschiff Schwaben" wird Artillerieſchulschiff an Stelle des Mars". Somit unter­stehen der Inspektion der Schiffsartillerie drei moderne Aus­bildungsschiffe: das Linienschiff Schwaben", der große Kreuzer Prinz Adalbert", der kleine Streuzer Undine".

Deutfcher Reichstag.

( 116. Sizung.) CB Berlin, 12. Januar. Bei der heute fortgesetzten zweiten Beratung des Ju­stiz etats trat zunächst der Abg. Dr. Ablaß von der Freisinnigen Volkspartei mit Wärme für die Schwurgerichte ein, die mit Recht populär seien, da sie allein dem Unschul­digen die genügenden Garantieen gewähren. Der Redner geißelte auch mit scharfen Worten die neuerdings häufig beobachtete Neigung der Gerichtsvorsitzenden, an den Ur­teilen der Geschworenen Kritik zu üben; er führte einzelne besonders prägnante Fälle an und bezeichnete die Aeuße­rungen der Vorsitzenden als Ungehörigkeiten und grobe Ver­stöße gegen das Taktgefühl. Diese Wendungen machte sich der Staatssekretär des Reichstags Dr. Nieberding natürlich nicht zu eigen, aber in der Sache stimmte er dem Abgeordneten vollkommen zu. Kritik an den Geschworenen­urteilen zu üben, sei nicht Aufgabe der Schwurgerichts- Vor­fizenden, die am besten fäten, sich überhaupt jeder nicht zur Sache gehörenden Bemerkung zu enthalten. Nachdem dar­auf der bayerische Bauernbündler Hilpert der Einfüh­rung der Berufung gegen Urteile der Straffammern das Wort geredet hatte, brachte der freisinnige Volksparteiler Kämpf das Hauptsächlich die Kaufmannswelt interessie­rende umständliche Verfahren beim Wechsel protest zur Sprache