Ausgabe 
11.2.1905 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Jesertionspreis: Die einfpaltige Betttzelle für ganz Ober­ben, die Kreife Weglar mub Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg. Reklamen ble Betitzeile 30 refp. 40 fg.

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Redaktion u. Haapterpedition: Gießen, Geltersweg 83. Fernsprechanschluß Kr. 362.

löhnen.

Samstag, den 11. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

bonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Bfg., durch die Bost bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Genttobellagen: Oberhefftfche Familienzeitung( täglio) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Sickener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der Krieg in Oftalien.

Da feine Nachrichten von irgendwelcher Bedentung vom Kriegsschauplatz vorliegen, so sind die politischen Zeichen­deuter, um auf ihre Kosten zu kommen, an der Arbeit, allerlei Friedensgerüchte

zu folportieren und zu glossieren, die wahrscheinlich alle mehr oder weniger phantastischen Ursprung sind. Außer der be­reits neulich erfolgten sonderbaren Meldung von einer Petersburger Großfürstenversammlung, die den Frieden borbereitet habe, muß jetzt noch

Minister Witte als Friedensfreund

aus der Versenkung auftauchen. Er soll gesagt haben: Wir müssen Frieden um jeden Preis schließen." Als Bedingun­gen soll er angeführt haben: 1. Rußland räumt die Man­dschurei; 2. Rußland willigt ein, daß Japan die Man­dschurei von China für die Dauer von 99 Jahren pachtet; 3. Rußland willigt ein, daß Japan unter gleichen Bedin­gungen die Liaotung- Halbinsel pachtet; 4. Rußland behält die Infel Sachalin, Wladiwostok sowie das Usurigebiet; 5. Rußland zahlt feine Kriegsentschädigung.

Diese dem Minister Witte in den Mund gesegten Vor­schläg sind sicher müßige Kombinationen. Man weiß in Petersburg recht gut, daß Japan darauf nicht eingehen würde. In Tokio verlangt man die vollständige Kontrolle über Korea; zweitens die Kontrolle über einen Teil der Mandschurei oder sogar über die ganze; drittens den Besitz von Port Arthur und Wladiwostok; viertens eine große Kriegsentschädigung. Um diesen Preis werden die Russen aber sicher erst Frieden schließen, wenn sie garnicht mehr an­ders können. Vorläufig hat man die Hoffnung auf Sieg in Petersburg auch noch garnicht verloren.

Die Schiffe des dritten Geschwaders

laufen täglich zum Manöverieren aus dem Hafen von Libau aus; sie verlassen den Hafen mit Unterstützung von Bugsier­dampfern und Eisbrechern. Der Eisbrecher ,, Jermak" ist dort eingetroffen. Das Geschwader soll Ende nächster Woche die Ausreise antreten.

General Kuropatkins Gesundheit soll ernstlich gelitten haben. Er soll infolgedessen den Anforderungen, die die Leitung der Armee an ihn stellt, nicht mehr gewachsen sein.

Neue Unruhen in Russland. Petersburg, 10. Februar.

Selbst die Diftatur des Generals Trepow ist nicht im­stande, Ruhe zu erzwingen, obwohl es an Rücksichtslosigkeit des Vorgehens nicht fehlt. Diese Rücksichtslosigkeit hat auch ein angesehener deutscher Reichsangehöriger, Friedrich Hoch aus Mecklenburg, zu kosten bekommen. Er wurde wegen angeblicher politischer Umtriebe verhaftet. Zu seinem Glüd genügte die Intervention des deutschen Botschafters, um schon nach 24 Stunden die Freilassung zu erwirken und die feststellung daß eine Personenverwechselung vorlag, die das russische Ministerium selbst als bedauerliches und grobes Berfehen bezeichnete. Der Polizeibeamte, der das Versehen begangen, ist bestraft worden. Sind die Verhafteten rus­.. w., sowie fiche Staatsangehörige, so kommt die Aufklärung lang­Rechnungsamer, manchmal sogar für russische Geduld zu langsam. In Moskau ist man infolge des Verschwindens zahlreicher angesehener Einwohner, die man im Gefängnis weiß, über­mis erregt. In den Putilow- Werken wird wieder ge­gungen liegen Streift. Ein Umzug der Arbeiter, der zur allgemeinen Ar­Zimmer Nr. 6 beitseinstellung führen sollte, wurde ohne Blutvergießen ge­uf Vordrud, der sprengt. Im Vergleich zu den Warschauer Vorkommnissen gsfrift 3 Wochen mit den hiesigen Verhältnissen noch leidlich zufrieden sein.

10 Uhr

amt.

600

dort ist ein Gewehrladen geplündert worden- kann man

Mehr noch, wenn man an Sosnowice denkt, wo es zu einem Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Truppen fam und mehrere Salven abgegeben wurden. Ueber die Zahl der Gefallenen erfährt man einstweilen gar nichts. Es muß noch einige Zeit vergehen, ehe die Unwahrheit gesagt wird.

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Die Dolitik.

Oefterreich- Ungarn.

Graf Andrassy arbeitet noch immer an der Bildung des ungarischen Kabinetts. Die liberale Partei soll darin keinen Siz haben, nur die vereinigte Opposition vertreten sein. Das gibt kein mögliches Ministerium; es müßte denn seine Auf­gabe einzig darin sehen, die Geschäftsordnung wieder einzu­führen, die im Abgeordnetenhaus eine Minorität in den Stand seßt, durch Obstruktion jede Geschäftsführung zu hin­dern. Danach müßte das Ministerium zurücktreten und das alte Spiel könnte von vorne beginnen.

Türkei.

() Ob die Franzosen gute Kaufleute sind, mag dahin­gestellt sein; jedenfalls sind sie rücksichtslose Geschäftsleute, wo sie die Macht haben. Ihnen ist die Lieferung der Schnellladegeschüße für die Türkei entgangen- deutsche Fabrikanten haben sie erhalten und nun drohen sie mit Berbot der Kotierung türkischer Werte an der Pariser Börse. Der Finanzminister des Sultans und der Vakusminister ( d. i. der Minister der geistlichen Güter) haben alsbald dem französischen Botschafter Constans einen Beschwichtigungs­besuch gemacht. Der Erfolg ist die Wiederaufnahme der Verhandlungen wegen Unterbringung einer türkischen An­leihe in Frankreich. Selbstverständlich bedingen sich die Franzosen dabei Ersatz für den bei den anderweitig der­gebenen Lieferungen entgangenen Gevinn.

Im westfälischen Kohlenrevier haben die Bergarbeiter der großen Mehrzahl nach die Arbeit wieder aufgenommen. Daß es Mißbergnügte gab, die das sieglose Ende des Streifs nicht ruhig hinnehmen wollten, ist selbstverständlich. Im großen und ganzen aber hat sich die rühmliche Bedachtsamkeit de Belegschaften gut bewährt. Die Wiederkehr wirklich rubiger Berhältnisse hängt wesentlich von der versprochenen Berggefegnovelle und davon ab, ob die Regierung dem Trop mancher Bergwerksbesizer mit Entschiedenheit entgegentreten bird. Vorläufig ist dieser Trop ungebrochen und wendet kh mit gleicher Schroffheit gegen die Regierung ebenso wie gegen die Bergarbeiter. Dem Geheimen Kommerzienrat Birdorf sagt man sogar nach, daß er sich dem Minister des innern gegenüber direkt ungezogen benommen, schlappen Haltung" und der Rückgratlosigkeit" der Re­gierung in der Streifangelegenheit gesprochen habe.

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Amerika.

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben, wie cr­innerlich, einen tüchtigen Streifen Landes längs des Pana­mafanals von Kolumbien sich lostrennen lassen und den da­raus neugebildeten Panamastaat anerkannt. Dieser neue Staat ist jetzt von dem Präsidenten Roosevelt zu der Ueber­zeugung gebracht worden, daß er einen Teil der Schulden des folumbischen Staats auf sich nehmen müsse, wie das auch die europäisajen Staaten verlangt hätten. Ueber die Größe des von Panama zu übernehmenden Schuldanteils ist eine Verständigung noch nicht erzielt.

Hof und Gesellschaft.

Der Kaiser verlebt den Abend des 9. Februar als des Tages, an dem er im Jahre 1877 in das 1. Garde­regiment z. F. eintrat, im Kreise der Offiziere dieses Elite­Regiments in Potsdam. Diesmal erschien der Kaiser in Begleitung des Prinzen Heinrich von Preußen und des Fürsten von Bulgarien. Nach der Tafel wurden bon den Offizieren mehrere fleine Lustspiele zur Aufführung gebracht. Der Kaiser verblieb die Nacht in Potsdam und nahm am folgenden Morgen mit den auswärtigen Fürstlichkeiten an einem Vorererzieren des Regiments Garde du Corps und darauf an dem Frühstück Im Offizier- Kasino des Regiments teil. Dem Prinzen don Bourbon und dem Fürsten von Bulgarien ist der Schwarze Adler- Orden verliehen worden. Für die nächste Zeit ist ein auf einen Tag berechneter Besuch des Kaisers und der Kaiserin in Neustrelitz in Aussicht genommen.

Eine Welt- Landwirtschaftskammer soll nach einem Wunsch des Königs von Italien in Rom eingerichtet werden. Sie soll ein internationales Institut zum Schuß der Interessen des Ackerbaues sein, in das die verschie­denen Staaten und größeren interessierten Vereine Vertreter entsenden. Ueber die Einzelheiten liegt uns folgender Be­richt vor:

Rom, 9. Februat.

sind. Aufgabe der internationalen Kammer würde es sein, Untersuchungen anzustellen, die zur Belehrung und Rater­teilung, zu Vorschlägen an die einzelnen Staaten führen können, ohne diese in irgend einer Hinsicht zu binden. Der Rammer würde es zukommen, internationale Abmachungen borzubereiten und vorzuschlagen, die für den Ackerbau von Nuzen sind, beispielsweise zur Bekämpfung von Erfran­fungen der Früchte, Pflanzen und des Viehs, zur Entwicke­lung des landwirtschaftlichen Genossenschafts-, Versicherungs­und Kreditwesens, zur Leitung und Verteilung der Aus­manderung, zur Kundmachung der Marktverhältnisse und zur geeigneten Preisfestseßung.

Der Zweck der geplanten Einrichtung ist somit der denk­bar friedlichste, auch im wirtschaftlichen Sinn. Der Streit des Wettbewerbs soll freundlichem Zusammenwirken Plaz machen; das gemeinsame Beste soll nicht durch kräftebergen­dende Konkurrenz, sondern dadurch erzielt werden, daß jeder vorhandenen Kraft durch Anleitung und Belehrung die größtmögliche Wertschaffung zum Vorteil des Produ­zenten gesichert wird.

Die Zivilliste des Königs von Italien ist, wie man weiß, bon beträchtlicher Höhe, und doch verlangt sie große Spar­samkeit, denn sie ist mit ungewöhnlichen und außerordent­lichen Abgaben belastet. Was die sieben Königreiche, Groß­herzogtümer und Herzogtümer, die das jezige Königreich Italien bilden, an Kronlasten hatten zur Erhaltung von Italien bilden, an Kronlasten hatten zur Erhaltung von auf die Krone Italiens übergegangen. Die Erbschaft war so schwer, daß unter König Viktor Emanuel II. die Zivilliste in arge Bedrängnis kam und einmal sogar eine große Anleihe bei Ismail Bascha, dem ersten Vizekönig von Egypten, nötig machte. Der Staat trat mit einer stattlichen Ausbesserung der Zivilliste ein, und allmählich sind durch gute Wirtschaft ge­ordnete Verhältnisse eingekehrt. Die teilweise freigewordenen Mittel nun will der König für gemeinnüßige Kulturzwecke im engsten Sinne des Wortes verwenden. Den Plan der Verwendung hat ihm ein Amerikaner, David Lubin, einge­geben. Es handelt sich dabei um eine Zentralisation der Ackerbau- Industrie, die gekräftigt werden soll, um der Macht des Kapitals und der industriellen Arbeit gegenüber stand­halten zu können. Ale Staaten sollen eingeladen werden, Vertreter in die internationale Landwirtschaftskammer nach Rom zu schicken, Regierungsvertreter wie Vertreter der gro­Ben landwirtschaftlichen Verbände. Jeder Staat soll auch ersucht werden, nach dem Muster der internationalen Kam­mer eine nationale in seinem Gebiet einzurichten, wobei Modifikationen nach dem örtlichen Bedürfnis vorbehalten

Zu den Borzügen der von dem König mit wärmsten Eifer empfohlenen Einrichtung gehört, daß sie nicht notwendig international sein muß, daß ihr internationaler Charakter erst aus der Summierung nationaler Bestrebungen entsteht. Es gibt keine Bevorzugung und keine Zurücksetzung; jeder einzelne Staat hat für seine Landwirtschaft vollen Anteil an dem zu erwartenden Nußen mie an den Schadensabwen­dungen. Es ist, deshalb zu erwarten, daß die italienischen Bevollmächtigten, die von dem Ministerpräsidenten Giolitti angewiesen worden sind, bei den Staaten, bei denen sie funktionieren, den Vorschlag des Königs in Anregung zu bringen, entgegenkomunende Zustimmung finden werden. Man braucht den Segen des freien Wettbewerbs durchaus nicht gering anzuschlagen, um gleichwohl zu erkennen, daß der Schritt vom freien Wettbewerb zur organisierten Gemein­schaftsarbeit einen Fortschritt bedeutet. Vielleicht ist die Zeit dazu noch nicht reif. Doch selbst in diesem Fall würde das Mißlingen des Plans nicht gegen seine Güte sprechen. Ist er der Zeit voraufgeeilt, so wird seine Zeit eben noch kommen.

Deutfcher Reichstag.

( 138. Sißung.) CB Berlin, 10. Februar. Die heutige Fortsetzung der ersten Beratung der Han delsverträge vollzog sich, wie ihr gestriger Beginn bei gut besetztem Hause vor stark besuchten Tribünen. Die Dis­Eussion hatte von Anfang an eein lebhaftes Gepräge, da zuerst Herr Gamp von der Reichspartei das Wort erhielt, der ein recht temperamentvoller Redner ist. Er erklärte, daß seine Freunde den Verträgen zustimmen, mit denen der Reichskanzler sein Wort eingelöst habe, der Landwirtschaft erhöhten Schuß zu gewähren. Schwere Bedenken hingegen äußerte Herr Gamp gegen die Viehseushenkonvention mit Desterreich- Ungarn, die er ablehnen würde, wenn damit nicht zugleich der Handelsvertrag fiele. Nur um diesen nicht zu gefährden, werde die Reichspartei auch die Konvention annehmen, aber sie stellt dann die Forderung, daß dem Reich die Pflicht der Entschädigung für Verseuchung inländischen Vichs durch ausländisches auferlegt werde. Zum Schluß er­ging sich der Redner in einigen polemischen und allgemeinen Betrachtungen über die Bedeutung der Landwirtschaft und des Getreidebaues. Da er hierbei auf Widerspruch bei der Linken stieß und seiner Gewohnheit gemäß auf alle Zwischen­rufe sofort einging, so daß man die Herren im Sigungs­scale bald Oho, bald Bravo rufen, bald laut lachen hörte, erregte dieser Teil seiner Ausführung bei den Unbeteiligten auf den Tribünen erhöhtes Interesse. Nach ihm kam der Abgeordnete Gothein von der freisinnigen Vereinigung an die Reihe, der den zuletzt vom Vorredner gezogenen Spuren folgte, und Bemerkungen allgemeiner Natur an die Spitze seiner Erörterung stellte. Herr Gothein, der bei der Rechten nicht gern gesehen ist, wurde von ihr mit Unruhe begrüßt, erzwang sich dann aber Ruhe, die allerdings wiederholt durch lärmenden Widerspruch unterbrochen wurde. Der Redner reizte nämlich die Rechte, indem er im Tone der Zolltarifs= Obstruktions- Debatten gegen die Getreidezölle zu Felde zog, die er geradezu als massenmörderisch" bezeichnete. Auch sonst zeigte Herr Gothein eine große Vorliebe für Schlagworte, sprach von Schweineglück" des Kanzlers, daß Rußland in der niederträchtigen" Zwangslage gewesen sei, den Vertrag schließen zu müssen, den Deutschland mit einer Anleihe be­zahle, und meinte, diese Handelsverträge nenne man bessen ..Mißhandelsverträge". Kein Wunder, daß der Aerger der Rechten des öfteren recht drastisch zum Ausdruck kam, und die äußerste Linke schmunzelnd Beifall zollte. Die Wirkung wurde durch die Dauer der Rede abgeschwächt. Herr Gothein sprach mehr als zwei Stunden, und das wurde den Abgeord neten zu viel, sie hörten nicht mehr zu, sondern widmeten sich ihren privaten Unterhaltungen. Der Gesamteindrud war jedenfalls der, daß dem Grafen Posadomsky stürmische Z stimmung zuteil wurde, als er meinte, dem Vorredner anf allen seinen Wegen zu folgen, sei unmöglich. Der Staats sekretär des Innern verteidigte die Vorträge und auch die