Ausgabe 
10.6.1905 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

EINST UND JETZT

Das Handwerk in alter Beit. Handarbeit hat auch heutzutage noch seinen goldenen Boden. Die Ueberschätzung der gelehrten Berufe hat zeit­weilig wohl in weniger nachdenkenden Kreisen den Blick von dem inneren Werte des Handwerks abschweifen lassen, aber ihm nichts von seiner Bedeutung zu nehmen vermocht. Tritt der Handwerksmeister, der Gefelle in der Jeztzeit nicht mehr gewaffnet aus der Werkstatt auf den Markt, um bei wich­tigen politischen Entscheidungen seine Meinung mit der Kraft des Armes zu verteidigen, drehen sich vielmehr die Kämpfe hauptsächlich um wirtschaftliche und berufliche Fragen und werden durch Stimmrecht und öffentliche Rede ausgefochten, jo bildet doch wie ehemals das Handwerk eine solche wichtige Grundlage für den modernen Staat, daß die Gesetzgebung nicht achtlos an ihm vorbei gehen kann. In alter Zeit, in den schweren Wirrnissen des Mittelalters, war der zünftige Mann mehr wie einmal gezwungen, mit Einsetzung des eigenen Lebens an der Entwickelung des öffentlichen Lebens teilzunehmen. Im Jahre 1300 hielt König Philipp von Frankreich Hochzeit in dem reichen Brügge, wo die Königin Johanna nach ihrem eigenen Wort 600 Königinnen" fand Die Herren so kostbar gingen die Frauen Brügges. legten den Zünften die Kosten des Empfanges auf, und Pieter de Koning, der Zunftmeister der Weber, ein Mann bon sechszig Jahren, aber Hauptsprecher der Unzufriedenen, mußte ins Gefängnis und später als Verbannter aus Flan­dern. Er kehrte aber 1302 zurück, und die Zünfte, die Weber boran, reinigten die Stadt von den Franzosen und Fran­30senfreunden; 3500 derselben wurden in den Straßen er­schlagen, und als ein französisches Heer ins Land rückte, siegten die Bürger am 11. Juli bei Kortryk in der Sporen­Im Jahre 1316 belagerten die norddeutschen schlacht. Fürsten Stralsund. Aber am 22. Juni abends fielen die Bürger über die Belagerer her, die Hutfilzer voran, und nahmen im Hainholz den Herzog Erich von Sachsen ge­Die Bäder fangen, worauf die andern abzogen. nechte von München befamen anno 1322 den faiserlichen Adler in ihr Banner, und auf ihrem Hause stand lange Jahr­hunderte ein Reim zur Erinnerung an die Schlacht bei Mühl­dorf, in der sie den Kaiser aus der Bedrängnis durch das Als Ludwig XIV. österreichische Heer herausschlugen.

-

sich 1681 Straßburgs bemächtigte, war es nur ein einziger Schneider, noch dazu ein verwachsener Siebenzigjäh­riger, der die handfesten Zünftler vergebens mahnte, die Da stand es 1365 noch anders. Frant­Stadt zu halten. reich und England hatten Frieden miteinander geschlossen und 40 000 Söldner waren unbeschäftigt. Die Banden, die man ,, Engländer" oder Lomparden", auch die große Kom­pagnie" nannte, fielen von Mezz her in das schöne Elsaß ein, plündernd, mordend und zerstörend. Vergeblich wartete man auf Kaiser Karl IV., der im nahen Selz weilte. Da zogen die Me 3ger mit ihren Bannern vor dem Münster auf und verlangten stürmisch, gegen die unmenschlichen Land­schinder geführt zu werden. Die Banditen, das schnelle Auf­gebot der Städte fürchtend, flüchteten schleunig. Endlich noch etwas von den Schustern. Ihre Innung zu Schles­wig hatte den Prinzen Knut Laward, Sohn Eriks I., auf­genommen und zum Zunftältesten erwählt. Er wurde 1131 von dem Prinzen Magnus ermordet, und die Schuster ruh­ten nicht eher, als bis sie den Mörder gefangen und nach ihren Statuten, die den Tod eines gemordeten Bruders am Täter zu rächen befahlen, gleichfalls erschlagen hatten.

Lofe Blätter

Die kürzeste Predigt, die wohl je gehalten worden ist, ist aus dem Munde des bekannten englischen Satirikers Jo­nathan Swift( geb. 1667, gest. 1745) geflossen. Als In­haber einer ansehnlichen firchlichen Pfründe hielt er sich in herkömmlicher Weise einen Vikar, der für ihn predigte, war aber gehalten und verpflichtet, einmal im Jahre und zwar an demieniaen Sonntage, an welchem für die Armen des

Sprengels follettiert wurde, in persona das Wort Gottes zu verkündigen. Er betrat die Kanzel, las die Textworte der Schrift, Sprüche Sal. 19, 17 vor: Wer sich des Armen erbarmt, der leihet dem Herrn" und fügte folgende Worte hinzu: Liebe Leute! Wenn euch diese Bürgschaft genügt, - Sprach's und verließ die so gebt ruhig euer Geld her. Kanzel.

"

Schuldig und Schuldig. Bei den Vermählungs- Feier­lichkeiten Ludwigs XVI. hatte sich eine Stadt ganz beson­ders angestrengt. Ihre Deputierten erhielten dafür das Kompliment: Sie hätten alles getan, was sie zu tun schuldig Einer der Deputierten, den dieser stolze gewesen wären. Ton verlegt haben mochte, erwiderte darauf:" Und alles, was wir getan haben, sind wir noch schuldig."

Eitelkeit und Schmeichelei. Ein junger Abbé in Paris war in einer Gesellschaft von einem Anwesenden sehr gelobt worden. Als der letztere sich entfernt hatte, fragte der Abbé sehr selbstgefällig:" Um Verzeihung, wer war der fremde Herr, der mir so viele Artigkeiten gesagt hat?" Ein an wesender Gelehrter versezte: Es ist ein ganz gemeiner Schmeichler."

"

Das Reich des Wiffens

DOO

Die Vögel und die elektrischen Leitungsdrähte. Wer hätte nicht schon mit Verwunderung das Spatzenvolk auf den Telegraphen- und Telephondrähten sizen sehen und sich gefragt, ob ihnen der elektrische Strom in den Drähten nichts anzuhaben vermag. Die für stärkere Ströme beſtimmten Drähte, also namentlich Oberleitungen von elektrischen Straßenbahnen, würden für einen Vogel unbedingt lebens gefährlich sein, aber die Spazzen scheinen das auch zu wissen, denn sonst müßte man wohl häufiger elektrisch hingerichtete Vögel zwischen den Geleisen finden, was unseres Wissens überhaupt noch nie vorgekommen ist. Es entsteht daraus die Frage, ob ein Vogel gleichsam ein Gefühl für die Elektri­zität in einem Draht besigt, ehe er ihn als Ruhepunkt wählt. Es muß wohl so sein, daß die Vögel einen besonderen Instinkt dafür haben, der sie davon benachrichtigt, ob eine elektrische Gefahr für sie vorhanden ist oder nicht. Man hat auch darin eine Erklärung gesucht, daß die Vögel sich nur auf Eisendrähte sezen, auf Kupferdrähte aber nicht. Die Beobachtung hat jedoch gelehrt, daß sich Schwalben gelegent­lich auch auf kupferne Telephondrähte niederlassen. Man sollte, was ja leicht auszuführen ist, noch etwas genauer darauf achtgeben, wie es damit bestellt ist. Vorläufig hat man die Annahme nicht von der Hand weisen können, daß die Vögel ein stärkeres Gefühl für Elektrizität besigen, als der Mensch, und dadurch schon vor der eigentlichen Berüh­rung mit einem Leitungsdraht gewarnt werden

Empor.

Laß das Zagen, trage mutig Deine Sorgen, deine Qual. Sei die Wunde noch so blutig, Heilen wird sie doch einmal. Nur empor den Blick gewendek, Und durch düsteres Wolkengrau Bricht zuletzt, daß es dich blendet, Glorreich noch das Himmelsblau.

Bum Nachdenken.

Das Kleine in einem großen Sinne behandeln, ist Hoheit des Geistes; das Kleine für groß und wichtig halten, ist Pe­dantismus.

Immer behalte getreu vor Augen das Höchste, doch heute Strebe nach dem, was heut du zu erreichen vermagst.

Die Liebe wird durch den Zweifel verwundet, durch die Untreue getötet und durch das Vergessen begraben.

Auflösung des Scherzrätsels aus vor. Nr.:

Ein

-

nie.

r. 135.

Samstag den 10. Juni

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

bet

Gießener Neueste Nachrichten.

Maring bar bener Verlagsdeudoret, vorm. Wilh. Reller'sche Buchdruckerei( gegr. 1788); vestid: Ibin klein

26. Fortsetzung.)'

Aus Leidenschaft

Kriminal- Roman von Reinhold Ortmann

Was er jetzt noch sagte und tat, sie hörte und erlebte es wie in einem Traum. Klar und deutlich verstand sie zu lezt nur das eine, daß er sie bat, zu ihrer Schwester zu gehen und sich ihr zu vertrauen, denn sie vor allen müsse die große Neuigkeit erfahren. Und sie war auch durchaus bereit, diesem Verlangen zu entsprechen, denn daran, daß sie ein Ereignis wie dies vor Margarete geheimhalten könnte, war ja gar nicht zu denken. Aber als sie sich dann in dem Musik zimmer allein sah, ohne recht zu begreifen, weshalb Herbert sie so schnell und mit einer so auffallenden Hast verlassen, da entfiel ihr mit einemmal all der Mut, dessen sie für ein solches Geständnis doch so notwendig bedurft hätte; sie kam sich gar nicht mehr wie eine glückliche Braut vor, sondern bielmehr wie eine höchst strafwürdige arme Sünderin, und das Weinen war ihr um ein Beträchtliches näher als das Jubeln und Lachen. Ganz zerknirscht ließ sie sich wieder auf den Klaviersessel nieder, und da saß sie noch, als nach mehr als einer Viertelstunde ihre Schwester eintrat, die ahnungs­los gekommen war, sie zum Frühstück zu rufen.

Mein Gott, Jenny, was ist dir? Wie siehst du aus?" war die erste bestürzte Frage der jungen Frau. Aber es hatte nur noch eines solchen Wortes bedurft, um die Schleu­sen zu öffnen, die bis dahin den heftig andrängenden Tränen strom zurückgehalten. Schluchzend warf sich Jenny an die treue, schwesterliche Brust, an der sie ja bis zu diesem Tage noch immer eine Zuflucht gefunden in allen Nöten ihres jungen Lebens, und wenn sie auch um nichts in der Welt jezt ein Wort hätte herausbringen können von dem, was zwischen ihr und Herbert von Gilsa geschehen, so bedeutete es ihrem bedrängten Herzen doch eine tröstliche und köstliche Erleichterung, daß sie sich ausweinen konnte, ohne sogleich mit endlosen Fragen nach der Ursache dieser Tränen gequält zu werden.

Denn Margarete fragte nichts mehr, nachdem ihre ersten Worte ohne eine Erwiderung geblieben waren, und nachdem sie auf dem Flügel dasselbe zusammengerollte Blatt hatte liegen sehen, das Herbert ihr vor einer halben Stunde ge­zeigt. Er mußte also inzwischen hier gewesen sein, und es bedurfte feines ungewöhnlichen Scharfsinns, mm sie erraten zu lassen, daß Jennys Aufregung in irgend einem Zusam­menhang stand mit seiner Person. Vielleicht, ja wahrschein­lich hatte er auch ihr von seiner unmittelbar bevorstehenden Abreise gesprochen, und in den heißen Tränen des armen Kindes offenbarte sich nun mit elementarer Gewalt eine Emp­findung, deren es sich selbst bis dahin kaum bewußt gewor­Es war die nächstliegende und natürlichste den sein mochte. Erklärung, die Margarete dem seltsamen Benehmen ihrer Schwester geben konnte, und es war eine Erklärung, die sie selbst auf das schmerzlichste zu erschüttern schien; denn sie sah sehr traurig aus, und es war etwas unendlich Mitleidsvolles in der Art, wie sie das weiche Haar der Weinenden liebevoll streichelte.

Mein teures Herz!" sagte sie nur. Mein armer Liebling!"

( Nachdruck verboten.

Daß hinter ihnen abermals die Tür des Musikzimmers aufgegangen war, sie hatten es beide überhört, und erst das wohlbekannte Aufstampfen des Stockes, auf den Frau von Gilsa sich beim Gehen zu stützen pflegte, ließ sie bestürzt auseinander fahren. So heftig erschrat Jenny bei dem An­blick der alten Dame, deren Wohltaten sie durch den abscheu­lichsten Undank vergolten zu haben vermeinte, daß sie das Gesicht in den Händen verbarg und Miene machte zu fliehen. Aber ein Zuruf der Frau von Gilsa hielt sie zurück.

Nicht doch, liebes Kind! Ich komme, Sie als mein Töchterchen zu umarmen, und Sie wollten sich vor mir ver­tecken?"

Jenny ließ die Arme sinken, aber sie blieb wie ange­vurzelt an dem Fleck, auf dem sie eben stand, und wagte es toch immer nicht, ihre Augen zu der Sprechenden zu er­geben. Es schien ihr undenkbar, daß sie ihren freundlichen Worten die rechte Deutung gegeben habe und daß dieselben wirklich nichts anderes bedeuten sollen, als eine mütterliche Zustimmung zu ihrem Verlöbnis mit Herbert. Aber die nächste Minute schon machte all ihrem Zweifeln und Bangen ein Ende, denn sie fühlte sich zärtlich umschlungen und hörte die bewegte Stimme der Frau von Gilsa dicht an ihrem Ohre:

Mach mir meinen armen Jungen glücklich, geliebtes Kind! Gib ihn dem Leben und der Freude wieder, und ich werde niemals aufhören, dir dafür zu danken!"

Da stand er auch schon in der offenen Tür, strahlend vor Glück, und in seiner ganzen männlichen, edlen Schönheit, die jezt kein schwermütiger Schatten mehr verdunkelte, fein häß­sich bitterer Zug entstellte. Mit einem klingenden Jubelruf eilte er auf die zärtliche Gruppe zu, zog die von all dem un­verhofften Glück ganz überwältigte Jenny an sich und neigte sich zu dem lächelnden Antlitz seiner Mutter herab, um es voll dankbarer Zärtlichkeit zu füssen.

Gott segne euch)," sagte sie, meine Kinder, und jeder Hoffnung, die jetzt in euren Herzen blüht, gebe er Er­füllung!"

Nun erst gedachte Jenny auch der Schwester, die statuen­haft unbeweglich am Flügel stand, totenbleich und mit halb­geschlossenen Augen. Sie machte sich los und flog auf sie zu: ist es dir denn auch ,,, meine liebe, einzige Marga

-

recht? Vergib mir, daß ich dich nicht vorher gefragt habe! Aber es kam alles so plößlch, so unerwartet! Ich selber habe ja bis zu diesem Augenblick noch nicht daran geglaubt!" Die junge Frau preßte sie ungestüm an sich und sagte ihr liebevolle, beglückwünschende Worte. Jenny aber war es, als sei es eine ganz andere, die da zu ihr sprach, so fremd flang ihr die Stimme der Schwester.

Und nun trat auch Herbert hinzu, um sich lächelnd wegen seines etwas higigen Vorgehens zu entschuldigen und um die nachträgliche Einwilligung Margaretens zu erbitten. Bürnen Sie mir nicht, weil ich Ihnen die Schwester rauben will," sagte er herzlich. Sie sollen darum wahr­lich nichts von ihrer Liebe verlieren und sollen vielmehr einen