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Nr. 184.

Jutertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­ben, die Kreise Weglar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Betitzeile 30 refp. 40 Big. Debattion u. Haupterpebition: teßen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 8. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Vfa., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Beklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Streiks und Husfperrungen.

Der Bauarbeiterstreit in Rheinland und Westfalen gehört zu den unerfreulichsten aller Aus­stände, weil er dauernden Schaden mit Sicherheit bring!, während kein irgendwie gearteter Nußen von ihm erwartet werden kann. Klugheit schon sollte ihn unmöglich gemacht haben, Klugheit ihn, da er einmal ausgebrochen ist, schleu­nigst beenden. Bei einem Lohnstreit läßt sich in den selten­sten Fällen sagen: auf dieser Seite ist das unzweifelhafte Recht. Meist sind Recht und Unrecht auf beide Seiten hübsch berteilt. Man kann es dem Arbeiter nicht verargen, daß er nach einer Aufbesserung seiner Arbeitsbedingungen strebt. Solches Streben soll er sogar haben. Freilich muß er sich dabei in schicklichen Grenzen halten. Er darf vernünftiger­weise nicht Löhne von einer Höhe verlangen, deren Gewäh­rung durch die Lage des Arbeitsmarktes ausgeschlossen ist. Der Unternehmer, der auch ein Arbeiter ist, will seine Arbeit gleichfalls bezahlt und das von ihm angelegte Kapital ver­zinst, seine Aufwendungen für Maschinen, Gerüste usw. er­stattet und amortisiert haben. Er muß sogar darauf be­stehen, daß einzelne Fehlschläge, die aus irrigen Berechnun­gen und sonstigen Anlässen entstehen, sich wieder einbringen Tassen. Völlig undenkbar ist, daß er seinen Betrieb auf die Grundlage einer Lohnzahlung stellt, die ihn einen Gewinn überhaupt nicht erwarten läßt. Er ist ohnehin immer in der Gefahr, bei seinen Zukunftsberechnungen sich zu seinem Schaden geirrt zu haben. Die Verhältnisse gestatten ihin nur ausnahmsweise, sich das gesame Baumaterial im voraus zu bestimmten Preisen zu sichern; er muß gewärtig sein, daß wenigstens für einen Teil des Baumaterials eine Preis­steigerung eintritt, der er sich nicht entziehen, gegen die er sich gar nicht wehren kann. Es wird nicht immer leicht sein, zwischen den Forderungen der beiden Parteien, der Arbeit­geber und Arbeitnehmer, die rechte Mitte zu finden. Mei­nungsverschiedenheiten sind da beinahe selbstverständlich. In Rheinland- Westfalen selbst ist schon wiederholt die Probe darauf gemacht worden, daß der Wille den Weg zu finden weiß. Die streitenden Parteien haben unter der Anleitung von Vermittlern, die kein einseitiges Interesse im Auge hat­ten, Verständigung gesucht und erreicht. Daß die Verstän­digung fich hart an der Grenze des Möglichen hielt und bei der geringsten Erschütterung wieder in die Brüche ging, ist auch vorgekommen und zeugt für eine ungesunde Gespannt= heit der Verhältnisse. Denn von einem Uebermut der schwer um ihre Eristenz ringenden Unternehmer kann nicht die Rede sein, so wenig wie von einem Uebermut, der die Arbeiter zu positiv übertriebenen Forderungen verleitete. Es ist eben eine kritische Zeit, unter der man hüben und drüben leidet, und unter deren Einwirkung man zur Schroffheit neigt, die unter solchen Umständen am wenigsten förderlich ist. Das Baugewerbe liegt nicht etwa darnieder. Durchaus nicht. Die Tätigkeit ist im Gegenteil überaus rege. Aber gerade dieser an sich erfreuliche Umstand hat die Gefahr geschaffen, Die überreiche Arbeitsgelegenheit, die nicht bloß auf einem einzelnen Gebiet vorhanden ist, bildet einen Anreiz zu dem Versuch, günstigere Lohnbedingungen durch die Drohung der Arbeitseinstellung zu erlangen. Andererseits hatten die Bauunternehmer bereits Zugeständnisse gemacht, die nach ihrer Meinung die Grenze des Möglichen schon streiften. Speziell in Essen war unter Vermittelung des Oberbürger­meisters Zweigert eine Einigung zustande gekommen. Sie hat nicht gehalten. Der Streif ist wieder da, und gerade in Essen ist, wie es den Anschein hat, zum mindesten das for­male Recht nicht auf seiten der Unternehmer. Dieser Mei­nung muß auch die Regierung sein. Sonst hätte sie sich kaum zu der Verfügung entschlossen, durch die sie bestimmt, daß die Bauindustrie ausländische Arbeiter( russische oder ga= lizische Volen) nicht beschäftigen dürfe, daß solche auslän­dischen Bauarbeiter sogar ausgewiesen werden sollen, sobald ihre Heranziehung Ruheſtörungen erwarten lasse. Wir wollen nicht sagen, daß die Regierung damit gegen die Bau­unternehmer Partei ergriffen hat; aber sicher zeigt sie den Arbeitern tatsächlich eine sehr wohlwollende Neutralität, wenn auch die eben erwähnte Verfügung von der Erwägung eingegeben sein mag, daß es nicht dem Staatsinteresse ent­spreche, Arbeiter fremder Nationalität noch mehr als bisher heranzuziehen.

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Im rheinisch- westfälischen Industriegebiet hat eine außergewöhnlich starke Zunahme der Bevölkerung stattge­funden. Im Handelskammerbezirk Essen wohnten im Jahre 1871 nur 135 036 Seelen; 1890 waren es 241 742, und im vorigen Jahre 402 330. Diese Verdreifachung der Ein­wohnerzahl hat natürlich eine Verdreifachung des Woh­nungsbedarfs zur Folge gehabt. Sogar noch mehr als das, denn die gesundheitlichen Ansprüche an die Wohnungen sind mittlerweile auch höhere geworden. Die Vermehrung der Bevölkerung ist im äußeren Umkreis der größeren Orte be­sonders start. Demgemäß sind die kleinen Wohnungen sehr Inapp. Die industriellen Unternehmungen, die eigene Ar­beiterkolonien bauen, begegnen dabei einer lebhaften Abnei­gung der Arbeiter gegen Werkswohnungen. Zahlreiche Woh­nungen genügen den gesundheitlichen Ansprüchen nicht. Selbstverständlich wird die notwendige Ergänzung durch den gegenwärtigen Bauarbeiterstreik verzögert. Freilich haben

Tausende von Bauarbeitern, die ausgesperrt waren, das Sperrgebiet verlassen, an dessen Grenze sie reichliche Arbeits­gelegenheit finden. Aber gerade deswegen ist ihre Rückkehr nicht zu erwarten, steht Arbeitermangel auch nach beendetem Streik zit befürchten. Dazu kommt, daß die rheinisch- west­fälische Industrie Ausdehnungsbauten von ungewöhnlichem Umfang plant.

Noch schlimmer beinahe liegen die Verhältnisse im sächsisch- thüringischen Weberbezirk. Die dem sächsisch- thüringischen Weberverband angehörigen Unter­nehmer wollen am 19. August ihre Betriebe schließen, haben ihren Arbeitern die vierzehntägige Kündigung zugehen lassen. Zu den bereits ausgesperrten 12 000 Fäbereiarbei. tern kommen jekt 28 000 Weberarbeiter. Der Streit dreht sich hier um 90 Pfennige wöchentlichen Lohn! Man möchte es nicht für glaublich halten, daß um einer so geringfügigen Differenz willen über 40 000 Arbeiter, die doch meist Fa milie haben, das Elend der Arbeitslosigkeit kommen soll! Es wäre Unrecht, wollte man glauben, daß hier bloße Hart­herzigkeit obwaltete. Das ist sicher nicht der Fall. Es wird, wie man zu sagen pflegt, der knüppel beim Hunde liegen. Die internationale Konkurrenz ist zu drückend, der Absat nach dem Ausland vielfach gesperrt.

Aber das Gemeininteresse schreit nach einer Verständi­Jang, und die Verständigen auf beiden Seiten sollten mit Eifer und gutem Willen nach ihr suchen.

Die friedensverhandlungen in Newyork.

Unser Mitarbeiter schreibt uns aus Berlin, 7. Aug.: Die japanisch- russischen Friedensverhandlungen in New­york, die unter recht ungünstigen Vorzeichen begonnen hatten, sind durch die persönlichen Bemühungen des Präsi­denten Roosevelt etwas aussichtsreicher geworden. Die Vorerklärungen, die von japanischer wie von russischer Seite dem Zusammentreffen der Bevollmächtigten voraufgeschickt und der Presse mitgeteilt worden waren, hatten eine Zwie­spältigkeit der Auffassung dargetan, von der man kaum er­warten konnte, daß sie sich überbrücken lassen könne. Jezt ist wenigstens so viel erreicht, daß man erwarten darf, die Unterhändler werden zu ernster Beratung überhaupt zu­sammenkommen. Ist das einmal geschehen, so ist die Hoff­nung berechtigt, daß auch eine Verständigung erzielt wird. Die zu überwindenden Schwierigkeiten sind freilich noch groß gerug. Japan verlangt Landabtretungen und eine Kriegs­kostenentschädigung. Das ist von seinem Standpunkt aus begreiflich. Es hat keine Ursache, freiwillig die Gebiete auf­zugeben, die es mit bewaffneter Hand gewonnen hat und unter allen Uniständen verteidigen zu können glaubt. Das hält es für selbstverständlich. Darüber hinaus fordert es als Siegespreis vollen Ersatz seiner Ausgaben. Gerade hiergegen aber sträubt sich Rußland ganz besonders, weil in der Entrichtung einer Kontribution das Eingeständnis einer Niederlage liegt und solches Eingeständnis als Demütigung empfunden wird. Rußland mag nebenbei noch andere Gründe haben, in der Geldfrage besonders hartnäckig zu sein. Dafür ist Rußland vermutlich bereit, den Japanern erheblichen Landgewinn zuzugestehen, ihnen Korea, Port Arthur mit Dalny, einen Teil der Mandschurei, vielleicht segar die Insel Sachalin zu überlassen. Selbstverständlich wird Herr v. Witte diese weitgehenden Einräumungen nicht ohne Zögern, gleichsam auf dem Präsentierteller entgegen­bringen, sondern mit möglichster Hartnäckigkeit um jeden Pesten ringen. Doch das Ziel ist wenigstens in seinen Um­rissen zu erkennen. Kommt es mittlerweile im Osten Asiens zu entscheidenden Schlachten, so wird deren Ausgang auf den Gang der Friedensverhandlungen natürlich von Ein­fluß sein. Welche Aussichten General Lenewitsch haben mag, läßt sich von hier aus nicht beurteilen, da es an der nötigen Urteilsgrundlage, der genauen Kenntnis der ört­lichen Verhältnisse, der wirklich verfügbaren Truppen­mengen, der Waffenausstattung, der Verpflegung und der Befestigungswerke fehlt. General Lenewitsch allein ist da­mit vollkommen vertraut, und es muß angenommen werden, daß der Bericht, den er an den Zaren gerichtet hat, genau der Wahrheit entspricht. Alle übrigen Meldungen haben nur den Wert ganz subjektiver Sentiments", die sich auf Einzelwahrnehmungen, nicht auf ausreichendes Tatsachen­material ſtigen.

Am Sonntag sind die Friedensdelegierten in New Port in Rhode Island angekommen. Von ihrer Begegnung in Osterbay waren beide Teile befriedigt. Japaner und Russen begrüßten einander mit freundlichem Handschlag, und ebenso trennten sie sich.

In Wladivostok bereitet man sich auf die Belagerung bor. Schon sind alle ausländischen Kaufleute aufgefordert worden, die Stadt zu verlassen. Nur einige von ihnen haben die Erlaubnis erhalten, in Chaborowsk zu bleiben.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Der Gedanke einer Zusammenkunft König Ednards

von England mit dem Katser ist von der deutschen wie von der englischen Presse mit größter Sympathie aufgenommen worden, und auch die französischen Blätter haben die Klug­heit besessen, sich in freundlichster Weise darüber zu äußern. Die Zusammenkunft selbst ist aber noch nicht bestimmt, ge= schweige denn über Ort und Zeit feste Abrede getroffen. Wahrscheinlich wird König Eduard bei dem Betreten deut­schen Bodens auf der Reise nach Marienbad ein Begrüßungs­telegramm an Kaiser Wilhelm schicken, in dem er die Hoff­nung auf Wiedersehen Ausdruck gibt, und danach wird die Einladung zu einer Begegnung erfolgen, für die sich von dem jezigen Wilhelmshöher Aufenthalt des Kaisers aus bequemste Gelegenheit bietet, da König Eduard das nahe Frankfurt am Main passieren muß.

* Die Verhandlungen mit dem französischen Minister­präsidenten Rouvier wegen der Marokkokonferenz nehmen guten Fortgang, so daß ihr baldiger Abschluß mit Sicher heit zu erwarten ist.

*

Der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Rhein­land- Westfalen hat eine Deputation nach Berlin geschickt, die bei dem Minister gegen die Verfügung des Regierungs­präsidenten von Düsseldorf vorstellig werden soll, derzufolge die Beschäftigung von fremdländischen Bauarbeitern, den Unternehmern untersagt wird.

* Die oberschlesischen Magistrate haben noch­mals eine Petition um Erhöhung des russischen Schweine­kontingents auf wöchentlich 2500 Stück an den Landwirt­schaftsminister gerichtet. Eine Anlage zu der Petition ent­hält eine Uebersicht, nach der die Schlachtungen von Inland­schweinen im 2. Quartal dieses Jahres gegen die in der gleichen Zeit des Vorjahres um 33,5 Proz. zurückgegangen sind, im Juli sogar um 38 Proz., trotz der von der Vich­zentrale gelieferten 684 Schweine.

Frankreich.

** Der Pariser Eclair" hatte behauptet, daß die Festung Toul im Belagerungsfall nur wenige Stunden Widerstand würde leisten können und namentlich an schwerer Artillerie Mangel leide. General Langlois versichert nun in einem Brief an das genannte Blatt, Toul und seine wohlausge­rüstete Garnison würden eine regelrechte Belagerung oder einen heftigen Angriff mit Sprengmitteln nach langwierigen Vorbereitungen erfordern. Auch habe Frankreich eine schwere Artillerie, ganz wie Deutschland. Uebrigens sei eine Feldartlleriereserve der schweren Artillerie vorzuziehen, die in der Schlacht nur geringen Nußen bringe. Bedauerlich sei, daß die mit 80 Millimeter- Geschützen ausgerüsteten rei­tenden Batterien Frankreichs gegen die deutschen Batterien sehr zurückständen. General Langlois nimmt die Gelegen­heit wahr, davor zu warnen, daß man durch die Politik die Armee schwäche und sie in Parteien spalte. Die Angebereien hätten den Geist der Armee schon ungünstig beeinflußt, und einzelne Führer genössen weder das Vertrauen noch die Zu­neigung ihrer Untergebenen. Der Generalstab ersticke in Kanzleiarbeiten und sei für die Kriegstätigkeit ungenügend borbereitet. Generai Langiois meint es gewiß gut, aber für die Berechtigung eines Teils seiner Ausführungen dürfte er sich auf das eigene Beispiel berufen.

England.

** Der frühere Minister der Kapkolonie der in Ver­tretung des Kolonialsekretärs der Kapkolonie längere Zeit die Politik der Kapkolonie gegenüber dem Herero- Aufstand geleitet hat, Sir Lewis Mitchells, hat Gelegenheit ge­nommen, in der Morning Post" das Verhalten der eng­lischen Kolonialregierung gegenüber dem Aufstand in Deutsch- Südwestafrika zu verteidigen. Er führt aus, daß die englische Kolonialregierung die Solidarität der weißen Rasse wohl anerkenne, daß sie aber die Pflicht habe, in erster Reihe darauf Bedacht zu nehmen, daß nicht die zahlreiche eingeborene Bevölkerung der Kapkolonie selbst zum Auf­stand verleitet werde. Das aber könne leicht geschehen, wenn diese Eingeborenen wahrnehmen, wie von der Kolonie aus offen für die deutschen Truppen Waffen, Munition und Lebensmittel geliefert würden. Die Aufständischen würden bon der Regierung der Kapkolonie nicht als friegführende Partei behandelt, sondern beim Ueberschreiten der Grenze entwaffnet und in Konzentrationslagern untergebracht. Entweichungen fämen allerdings vor, und die ausgedehnte Grenze fönne nicht vollständig überwacht werden, obwohl die Kapkolonie unter großen Kosten den größten Teil ihrer bewaffneten Macht an die Grenze gelegt habe.- Sehr durchschlagend ist diese Verteidigung nicht; aber sie zeigt doch guten Willen bei aller naiven Selbstsucht. Russland.

** Trotz der Beschwichtigungstelegramme der offiziösen Blätter ist es Tatsache, daß die Unruhen allerorten andauern. In Sedlez in Russisch- Polen wurde der Gendarmerieleut­nant Michailowski von einem unbekannten, als Arbeiter ge­fleideten Mann zu Boden geworfen und durch Revolver­schüsse getötet. Der Attentäter entfloh. In Lukoi beschimpf­ten die Soldaten der dort stehenden Infanterie- Brigade den General Remitsch, als er den Truppen mitteilte, fie müßten zum Kricasschauplab abrücken. er selbit fönne an der Er­