Ausgabe 
8.7.1905 Erstes Blatt
 
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5.u. Mk. 225.

htmann, Röln.

Nr. 158.

Erstes Blatt. Jufertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­beffen, die Kreise Wehlar mub Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen bie Betitzelle 30 refp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpebition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 382.

Samstag, den 8. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfs., in's Haus gebracht 60 Bfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mt. 1.50. Gratisbetingen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle omtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Revolutionäres aus Russland. Das Interesse konzentriert sich mehr und mehr auf das meuternde Schiff, den Fürsten Potemkin". Schon geht das Gerücht, daß es den Verfolgern gelungen sei, den Pan zer, der das Schwarze Meer unsicher macht, in die Luft zu sprengen, indessen ist hier doch wohl zunächst wenigstens der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Schwarze Meer­Flotte soll aus Sebastopol zur Verfolgung der Meutere: wieder ausgelaufen sein.

Die Führer des Meutererschiffes.

Wie man in Feodosia wissen will, wird der Fürst Bctemfin" von einer aus der Schiffsmannschaft gewählten Kommission von sieben Mitgliedern, an deren Spitze der Lotse der Reserve der Kriegsmarine Alexejew steht, befehligt. Die Kanonen befinden sich in gutem Zustande, auch ist Wcu­nition genügend vorhanden. Die Besatzung beträgt 750 Mann, auf dem Torpedoboot Nummer 256", dem getreuen Begleiter des Potemkin", sind 15 Mann. Offiziere sind nicht an Bord, aber es geht das Gerücht, daß sich unter der. Matrosen mehrere ihres Dienstgrades entkleidete Fähnriche in einem Verhältnis wie Arretierte befinden. Ueber den Aufenthalt und die letzten Taten des Raubschiffes wird uns aus Odessa berichtet:

Der Potemkin" hat ein ein englisches Kohlenschiff un­bersehrt aus Feodosia auslaufen lassen und ist dann selber in See gegangen. Dort traf das meuternde Schiff den der russischen Handelsgeeft gehörigen Großfürst Alerius", der Vieh nach Sebasiovel an Bord hatte. Der Potemkin" hielt das russische Schiff an und erzwang die Auslieferung von Vieh, Lebensmitteln und Geld. Man befürchtet einen Ueberfall der Kohlenbergwerke von Heraklea, da es den Meuterern besonders um die Versorgung mit dem Feuerungsmaterial zu tun sein muß.

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Die Gärung im Zarenreiche schafft immer merkwürdi­gere Komplikationen. Vielfach geraten auch die Stadtver­waltungen mit der Militärgewalt in 3wist, und es jetzt blutige Zusammenstöße.

Die Kosaken von Tschernigow.

In der mittelrussischen Stadt Tschernigow sind die Ko­lafen derartig wider die kommunalen Behörden, die in keiner Weise eine revolutionäre Gesinnung gezeigt hatten, aufge­treten, doß die Stadtvertretung davon dem Minister des Innern in Petersburg Mitteilung gemacht und zugleich den Gruberneur gebeten hat, die Rosaken abzuberufen. Ueber den Vorfall wird uns aus Tschernigow gemeldet:

Die Vertreter der Stadt hatten sich zur Bildung einer Bürgerwehr bereit erklärt; als sie den Sizungssaal ver­ließen, griffen Kosaken sie an, und verwundeten von ihnen sowie aus dem Publikum mehrere Personen. Die Rosaken versammelten sich sodann auf Anregung der Po­lizei vor dem Stadthaus und luden ihre Karabiner, um auf die Menge zu feuern. Nur dank dem Einschreiten des Bürgermeisters bei dem Polizeimeister konnte Blut bergießen verhindert werden.

Es ist sehr bezeichnend für die Zustände im Zarenreich, wenn auf diese Weise die berufenen Hüter der Ordnung gegen die Behörden vorgehen.

Die ruffifche Jungfrau von Orleans.

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Ein Abenteurer als Vaterlandsretter. Das Zarenreich; zittert in allen Fugen und die Männer am Ruder lassen vergeblich die Stimmen erschallen nach einem Befreier aus der Not der Zeiten. Auf den Feldern der Mandschurei weicht die moskowitische Soldateska un­aufhörlich vor dem Elan der Japaner, am Meeresboden muhen die Trümmer der stolzen Flotte, im Lande selbst un­ruhen und offene Empörung an allen Ecken und Enden. Da wäre wohl den Machthabern eine alles mit fortreißende Per­sönlichkeit willkommen, die mit Todesmut das Andreaskreuz fiegreich in die Linien des feindlichen Heerbanns trüge, die zu gleicher Zeit den Drachen der Revolution mit eiserner and niederzwänge und ihm das drohende, Brand und Ver­nichtung speiende Haupt abschlüge. Und siehe da, der Mann ist da und bietet sich dem leidenden Russenreiche an, ganz urnsonst, nur der Ehre halber. Er ist zwar ein etwas an­rüchiger Held, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. Nach den Ueberraschungen, die in jüngster Zeit fast täglich den europäischen Westen erstaunt nach dem Reiche Peters des Großen blicken ließen, würde es wohl nicht allzu ver­trüffend wirken, wenn die bedrängten Herren in Petersburg elbst noch nach dieser Hand griffen. Niemand anders will Rußland retten und rächen, als Ehrenmann Nikolai Sawin, aud) unter dem Namen Graf de Toulouse­autrec bei den Staatsanwälten aller Länder ebenso Wohlbefannt wie eifrig gesucht.

Die Abenteuerlust ist in dem alten Frrfahrer noch un­gebrochen; er taucht in einer Zuschrift an die Silowo" mit einem neuen Plan auf. Vorher gibt er in einer Einleitung eine kleine Rekapitulation über seine nicht uninteressante Persönlichkeit. Er nennt sich mit Recht einen, verlorenen Sohn Rußlands", spricht aber mit Stolz von seinen ruhm­vollen Vorfahren, angefangen von Nikita Ssamin, der mit seinen tapferen und dem Thron ergebenen Kameraden Peters des Großen Tochter Elisabeth auf den gesetzlichen Thron ihrer Vorfahren geführt habe. Dann kommt eine Aufzählung der Ssamins, die sich in den Kriegen ausgezeich­net haben; zuletzt Nikolai Ssawin selbst, der bei Plewna und im Jahre 1898 als Schwadronschef im spanisch- ameri­fanischen Kriege verwundet worden ist. War er doch sogar Prätendent auf den bulgarischen Thron. Seine Thron= fandidatur im Jahre 1887 habe zwar durch seine in Konstan tinopel erfolgte Verhaftung und durch seine Abführung nach Petersburg ein Ende gefunden. Schade! Denn die Sache sei nicht mehr gutzumachen gewesen: man habe nicht ihn, Ssawin, sondern den Deutschen" Ferdinand auf den Thron gehoben! Aber der erfindungsreiche Nikolai Ssamin hatte bald darauf ein zweites großartiges politisches Projekt" ersonnen; es wurde zwar ebenfalls nicht verwirk­licht, legt jedoch von dem Weitblick des großen Ssawin be­redtes Zeugnis ab. Dieser zweite Plan betraf die Ein­nahme von Korea im Jahre 1893! Eine Besizergreifung mittels einer Schar von Vagabunden und Zwangssträf­lingen!" Dieser geniale Plan Nikolai Siawins muß sich noch irgendwo in den russischen Archiven finden, da Nikolai damals dem Kriegsminister und anderen Autoritäten da­von gesprochen hat. Ssaivin bat nur um die Erlaubnis, mit seinen Vagabunden und Sträflingen( etwa 5000 Mann) von den Gewehren, dem Geschütz und dem Artilleriepark in Blagoweschtschenst und Chabarowsk gleichsam eigen­mächtig Besitz ergreifen und auf Korea losmarschieren" zu dürfen! Leider brachte dem großen Patrioten sein kriege­rischer Mut damals nichts weiter ein als verstärkte Polizei­aufsicht, was den Getränkten bewog, nach Amerika zu, emi­grieren", wie er sich euphemistisch ausdrückt. Und weiter reitet Graf Toulouse de Lautrec" in seiner Zuschrift das hehe Pferd der hohen Politik in einem Ueberblick über die politischen Verhältnisse im fernen Osten; zum Schluß kommt er dann mit einer Ueberraschung heraus. Nikolai Sfawin Graf Toulouse de Lautrec will Rußland aus seiner gegenwärtigen Kriegslage retten und an den heimtückischen Japanern Rache nehmen. Mein Plan ist sicher, verlangt fehr geringe Opfer, und ich nehme das ganze Wagnis auf mich. Mehr als das! Ich hafte mit meinem Kopf für seine Verwirklichung! Ist Rußland nach einigen Monaten nicht siegreich, so mag man mich erschießen! Denken Sie, was Jeanne d'Arc getan hat!"... Leider ist aber der kolossale Plan des großen Ssawin noch ein Staatsgeheimnis, das nur höchststehenden" Personen anvertraut werden soll.

Der brave Nikolai wird nur durch eine Kleinigkeit von der Verwirklichung seiner edlen Idee abgehalten werden. Es schweben nämlich so zirka ein Dutzend Hochstaplerprozesse gegen ihn. Wenn alle Gerichtshöfe, die nach ihm verlangen, ihre Rechnung mit dem tapferen Grafen in Ordnung zu bringen in die Lage kommen, dürfte ihm schwerlich Muße zur Berwirklichung seiner Rettungsaktion bleiben. Er müßte denn das Alter des Methusalem erreichen.

Ab.mals schade! Schade um Nikolai Ssawin und be dcuerlich für sein Vaterland.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

* Die Unterredung des deutschen Botschafters Fürsten Radolin über die Marokkokonferenz mit dem französischen Ministerpräsidenten Rouvier fand Donnerstag statt. Sie erstreckte sich auf die endgültige Form, die den Mitteilungen gegeben werden sou, welche zu der Zeit ausgetauscht werden, wo Frankreich den Beitritt zur marokkanischen Konferenz vollziehen wird. Radolin und Rouvier werden in aller­nächster Zeit wieder eine Besprechung haben. In offiziellen Kreisen wird erklärt, daß wiederum ein Schritt mehr zum Einvernehmen gemacht sei; es bleibe nur übrig, den endgül­tigen Wortlaut der Schriftstücke festzustellen, die das Ueber­einkommen festießen, dessen Grundzüge jetzt schon endgültig festgelegt sind. Boraussichtlich wird Frankreich bereits heute oder morgen seine Teilnahme an der Konferenz offiziell er­flären. Der deutsche General v. Schenck, der die win Tattenbach nach Fez begleitete, traf in Paris ein. Der General ertiärte, die Marokkaner wüßten trotz ihres Fana­timus die Wohltaten der europäischen Zivilisation zu schätzen und würden die Reformen willig annehmen. Man habe übrigens in Fez nichts von einer Spannung zwischen Fran­zosen und Deutschen verspürt und sei überrascht gewesen, als Nachrichten dieser Art aus Europa eintrafen.

* Die mehrfach angekündigte Revision des Krankenver­sicherungsgesetzes hat der Abgeordnete Bassermann bei einer Rede in Kaiserslautern als bevorstehend erwähnt. Bei den drei großen Gefeßen der Arbeiterversicherung müsse eine Ge­meinsamkeit in dem Sinne festa estellt werden, daß die Ver­

waltungskosten erniedrigt würden. Einbegriffen müsse eine Reform der Krankenversicherung sein.

An die Deutsche Landwirtschafts- Gesellschaft, die in München ihre Tagung abhielt, hat der Kaiser ein Dank­telegramm für die Begrüßung gesandt, in dem er sagt, die deutschen Landwirte müßten, wie sehr dem Kaiser das Ge­deihen der Landwirtschaft am Herzen liege.

*

Nachträgliche Maßregelungen innerhalb der sozialdemo­kratischen Partei anläßlich der Hochzeit des deutschen Kron­prinzen werden aus Berlin gemeldet. Die Parteiorganisa­tion des 6. Berliner Wahlkreises soll alle Arbeiter, die bei der Domeinweihung und der Vermählungsfeier des Kron­prinzenpaares Spalier gebildet haben, ausgeschlossen haben, auch wenn sie den Nachweis führen konnten, daß sie dieses auf Betreiben ihrer Arbeitgeber getan. Der fozialdento­kratische Parteivorstand veröffentlicht einen Aufruf zu Sammlungen für die Opfer der russischen Unruhen.

In

Der zu Freiburg i. Br. tagende Deutsche Fleischer- Ver­bandstag lehnte einen Antrag mit großer Mehrheit ab, nach dem der Fleischerverband die Bestrebungen der Mittel­standsvereinigung anerkenne und den Mitgliedern anraten sollte, sich den lokalen Organisationen anzuschließen. einem weiteren Antrage sprach sich der Verbandstag für die Abschaffung des zollfreien Grenzverkehrs aus. Für alles aus dem Auslande bezogene Schmalz wurde Deklarations­pflicht gefordert. Als Stadt des nächsten Verbandstages wurde Königsberg bestimmt. Im Jahre 1907 soll im An­schluß an den Deutschen Fleischerverbandstag eine inter­nationale Aussprache wegen eventueller Gründung eines internationalen Verbandes stattfinden, zu welcher mohl 50 Vertreter des Deutsch- amerikanischen Fleischerverbandes der Vereinigten Staaten erscheinen werden. Als Ort ist Hant­burg in Aussicht genommen.

Oefterreich- Ungarn

** Im österreichischen Abgeordnetenhause haben sich wieder beschämende Spektakelszenen abgespielt. Nach Erledigung mehrerer Dringlichkeitsanträge wird die zweite Lesung des Die deutschen Handelsvertrages beraten. Tschechisch- Radikalen beginnen, als der Referent zu sprechen beginnt, zu pfeifen und zu lärmen und auf die Pultdeckel zit schlagen. Es entsteht ein ungeheurer Tumult, der sich zu einem Chaos steigert, als der Alldeutsche Stein sein Tintenfaß auf die Tschechisch- Radikalen wirft, das dumpf zu Boden fällt. Wilde Schmährufe werden gegen die Deutschen von den Tschechisch- Radikalen ausgestoßen. Endlich ermüden die lekteren, und die Beratung üder den Handelsvertrag fann ruhig fortgesetzt werden.

Der Handelsvertrag mit Deutschland wird übrigens zum Schluß der Beratung angenommen. frankreich.

** Ueber den Erlaß des deutschen Reichskanzlers wegen des Redeverbots für den französischen Sozialisten Jaurès schreibt dieser in der Humanitee":" Dieser Zwischenfall wird in nichts unsere Anschauungen über die Beziehungen Frank­reichs zu Deutschland ändern. Wenn wir seit Jahren ver­langt haben, daß zwischen beiden Ländern zunächst die Spannung aufhöre und eine Annäherung, sodann ein dauer­haiter fester Friede eintrete, so haben wir nicht eine Minute lang vermutet, daß die deutsche Negierung mit dem Sozialis­nius paktieren könnte; aber wir sprechen damit die Ueber­zeugung aus, daß ein Einvernehmen Frankreichs mit Deutsch­land für den Weltfrieden notwendig sei und die Demokratie und das Proletariat sich nur in diesem Frieden entwickeln könne. Das ist nach wie vor unsere tiefe Ueberzeugung und die Richt­schnur unserer Politik. Der Reichskanzler hat mich nicht als franzö­sischen Bürger, sondern als Sozialisten und Kampfgenossen der deutschen Sozialdemokratie von den deutschen Versamm­lungen ferngehalten. Dieser Zwischenfall wird das Werk der Friedensstiftung nicht verhindern, welches sich zwischen den beiden Ländern vollzieht und zu welchem die Sozialisten unaufhörlich beitragen werden.

Türkei.

** Prinz Georg von Griechenland ist der Funktion als Gouverneur von Kreta müde. Die Lage in Kreta soll sich derart verschlimmert haben, daß Prinz Georg telegraphisch den gesamten Mächten mit seiner Demission drohte, falls den unhaltbaren Zuständen nicht sofort ein Ende gemacht werde. Alien.

** Vom Kriegsschauplak verlautet absolut nichts Neues. In Saigon wurde der deutsche Dampfer Litsun angehalten, weil er angeblich verborgen unter Mehl und Konserven Ariegsmunition führte. Der Mikado hat an die Friedens­bevollmächtigten eine Ansprache gehalten, in der es berßt: Wenn gemäß dem versöhnlichen Geiſte unseres Gegners die Feindicligkeiten zu Ende geführt werden könnten, fo aürde nichts erfreulicher sein als ein solcher Abschluß. Sie müssen fich mit aller Hingebung Ihrer Aufgabe widmen und alle Anstrengungen machen, auf daß die Wiederherstel­lung des Friedens auf dauerhafter Grundlage gesichert sei."

Amerika.

** An die Stelle des verstorbenen Staatssekretärs Hah ist in den Vereinigten Staaten der Politiker Root berufen werden. Root gilt als zufünftiger Präsidentschaftskandidat.