Ausgabe 
8.4.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 84.

Erstes Blatt.

Bufestionspreis: Die einfpaltige Betitzelle für ganz Ober­fen, die Kreise Weglar and Marburg 10 g. fenft 15 Pfg. Reklamen bie Betitzeile 30 refp. 40 Big.

Redaktion u. Saupterpebition: Gießen, Seltersweg 88. Bernfprechanschluk Nr. 302.

Samstag, den 8. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50- Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl.. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der Krieg in Oftalien.

Sie Japaner lassen nicht ab, die Nachhut der russischen Armee ständig zu belästigen. In Cofio eingegangene Mel­dungen wissen von einer ganzen Reihe von Scharmügeln zu berichten, die die Spigen der japanischen Streitkräfte mit den Russen hatten. Dabei gingen die Russen, die teilweise berhältnismäßig schwere Verluste hatten, an einer Stelle 200 Mann, mehrfach zu heftigen Gegenangriffen gegen die Ja­paner bor.

Wie aus den Berichten hervorgeht, drehten sich die Kämpfe in der Hauptsache um die neben der Eisenbahnlinie Tieling- Charbin hinlaufenden Straßen.

Der russische Feldzugsplan,

shizt sich, nach dem, was bisherver lautet, hauptsächlich auf Kirin. Deshalb fiegt der russischen Heersleitung natürlich alles daran, die japanische Verfolgung in dieser Richtung nach Möglichkeit aufzuhalten. Nach den vorliegenden Nach­richten, entsandte General Liniewitsch 50 000 Mann nach Karin; mit dem Rest seiner Armee, etwa 250 000 Mann, bezog er Stellungen auf halbem Wege zwischen Mukden und Avantschentse, wo er sich fest verschanzte. Die Russen ver­wandeln das ganze Gelände in eine Einöde, um den Vor­marsch der Japaner zu hemen.

Russische Seerüstungen.

Nach guten Informationen verhandelt die Petersburger Regierung wegen Neubestellung von Kriegsschiffen. Die Suiten betragen 300 Millionen. Die Frage wird von einem Spezialfomitee unter Vorsiz des Großfürsten Aleris beraten. Der Wermoser des Marineressorts erteilte dem Adjutanten bes Marinehauptstabes Kapitän Silets rinen trengen Ver­weis für die unbefugte Veröffentlichung des gegen Kapitän Klado gerichteten Auszuges aus Briefen des Admirals Roschdiestwensky. Dieser hatte darin, wie erinnerlich, Klage geführt, daß Klados Kritik in seinem Schiffsmaterial die Disziplin der Besaßung gefährdet habe.

Das deutsche Rote Kreuz" in Charbin.

Die Schrecken des Krieges in Ostasien schildert ein eben eingetroffener Brief des Chefarztes des deutschen Vereins­lazaretts vom Roten Kreuz in Charbin, datiert vom 12. März 1905: ch habe gestern zum ersten Male die Schrecken des Krieges gesehen. Fast nur bereiterte Wunden, berjauchte Amputationsstümpfe, Blutvergiftung und schon der zweite Fall von Tetanus( Wund- Starrkrampf). Wir haben von 5 bis 12 Uhr gearbeitet, um nur die notwendig­sten Verbände zu machen. Jeder Tag bringt Tausende neuer Verwundeten. Unsere Patienten kommen fast alle aus den Schlachten vom Ende vorigen und Anfang dieses Monats, sind auf dem Hauptverbandplay verbunden, in den Hilfs­sanitätszug gebracht und 10 bis 14 Tage ohne Verband, ohne Pflege, zum Teil ohne geügende Nahrung transportiert worden, denn sie lagen alle in den für Sanitätszwecken völlig unbrauchbaren Güterwagen."

Kaifertage in Neapel.

Neapel, 1. April.

Der Kaiser 1st fortgesett Gegenstand begeisterter Huldi­gungen, an denen sich natürlich in erster Linie die deutsche Kolonie beteiligte. Eine Abordnung der Deutschen wurde an Bord der Hohenzollern" empfangen, und für jeden Landsmann hatte der Kaiser ein paar freundliche Worte. Auch die Damen hatten es sich nicht nehmen lassen, ihrem Kaiser eine sinnige Huldigung darzubringen. Sie fandten ein höchst geschmackvoll ausgeführtes Blumenarrangement für die kaiserliche Tafel mit Nachbildungen pompejanischer Kunstformen. Der Kaiser war über diese Aufmerksamkeit besonders erfreut und ließ den Damen herzlichst danken. Aber auch die italienische Bevölkerung jubelt dem Kaiser ent­gegen und bringt ihm, wo er sich zeigt, begeisterte Ovationen dar, denen der Präfeft, der Sindaco und die Handelskammer in offizieller Form Ausdruck geben. Die herrschende Stimmung spiegelt sich besonders in den Zeitungen wieder. Sie nehmen die bei der Galatafel zwischen dem Kaiser und dem König Victor Emanuel gewechselten Trinksprüche zum Anlaß, um in oft geradezu begeisterten Worten namens des italienischen Boltes dem Kaiser und der deutschen Nation zu huldigen. Freilich tönt da in die Festesstimmung auch der unausrott­bare Gegensatz wider Desterreich) hinein, und dem König Viktor Emanuel wird es gut angerechnet, daß er nur von den beiden Alliierten" in seinem Trinkspruch redete, die Er­wähnung des Dreibundes aber dem Kaiser überließ.

Im vollsten Maße vermochte sich die festliche Stimmung bei Gelegenheit der Gala- Vorstellung im Theater San Carlo zu entfalten. Mit nicht endenwollendem Jubel wurde dort der Kaiser begrüßt, als er in Husaren­Uniform an der Seite des Königs Viktor Emanuel erschien. Mit den dicht gefüllten Rängen, in denen die Schönen Neapels im Schmuck ihres Geschmeides Platz ge­nommen hatten, während im Parkett sich der bürgerliche Rock mit der Uniform deutscher ,, Blaujacken" mischte, bot das ganz in einen Blumenhain verwandelte Riesen- Theater einen Anblick von wunderbarem Neiz. Außer dem Roland von Berlin" gab es einen Aft von Gioconda" und das Ballet Excelsior", dessen Schluß eine allegorische Huldigung des

deutsch- italienischen Bündnisses als des Hortes des Welt­friedens brachte.

Bei der Tafel an Bord der Hohenzollern" hatt der Kaiser seinem föniglichen Gaste den Wunsch geäuße:, ven neuen Panzer Reginc Margherita" zu besichtigen. Von dort besuchte der Kaiser das Zoologische Institut des Pro­fessors Dohrn.

Der heutige Vormittag galt der deutschen Marine. Der Kaiser ging mit der Hertha" in See, um Manöver- und Schießübungen vorzunehmen, und nahm auch das Mittags­mahl mit den Offizieren der Hertha" ein. Heute vor­ittaa ist König Victor Emanuel nach Rom zurückgereist.

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Die Politik.

Die Aussichten auf ein Zustandekommen der Börsen­geseknovelle sind sehr gering geworden. Die vorberatende Reichstagskommission hat die wesentlichsten Bestimmungen der Novelle, die ihren ganzen Wert ausmachen, abgelehnt, nämlich die Beschränkung des Termingeschäftsverbots und die Herabsetzung der Verjährungsfrist für erledigte Termin­geschäfte von 30 Jahren auf 6 Monate. Danach hat sich die Kommission auf unbestimmte Zeit vertagt.

Bom preußischen Handelsministerium ist eine Ver­fügung ergangen, wonach die Gewerbeaufsichtsbeamten Be­schwerden der Arbeiter untersuchen, aber die Namen der Arbeiter, die sich mit Beschwerden über Mängel der gewerb­lichen Betriebsstätten an sie gewandt haben, nicht ohne deren ausdrückliche Zustimmung zur Kenntnis der Arbeitgeber bringen sollen,

frankreich.

A Die Pariser Operettenverschwörung, von der in den legten Tagen so viel müßig geschwazt worden ist, hat jetzt glücklich auch ein Ziel gefunden. Bisher wußte man nur, daß sie gegen die Republik gerichtet, aber nicht, zu ressen Gunster sie veranstaltet war. Das ist indhen offenbas geworden: Prinz Viktor Navolcon sollte mit Hilfe voi: 500 alten Gewehren, ebensovielen alten Uniformen und 8000 Gewehrpatronen zum Kaiser gemacht werden.- Es wäre eine ertragreiche Steuer, müßte jeder, der's nicht alaubt. einen Taler bezahlen.

England.

Ein noch unbestätigtes Gerücht will wissen, daß König Eduard mit König Viktor Emannel zusammentreffen werde. König Eduard wolle sich in Venedig einschiffen, eine Fahrt im Mittelmeer machen und bei dieser Gelegenheit dem Könia Don Italien begegnen.

Skandinavien.

Der Kronprinz- Regent von Schweden- Nor­megen hat in der norwegischen Konsulatsfrage eingelenkt. Er will unter allen Umständen zu einer Verständigung ge­langen, für die er keine andere Basis vorschreibt, als die Er­haltung der Gemeinsamkeit der auswärtigen Angelegen­heiten Schweden- Norwegens. Die Organisationsfrage hält er dabei vollständig offen. Schweden und Norwegen sollen durchaus gleichberechtigt sein.

Ruisland.

Die inneren Unruhen dauern weiter an trot; strenger Maßnahmen der Polizei und Regierung. In Warschau, so erzählen Berichte von dort, werden fast alltäglich in der Zitadelle sozialistische Agitatoren standrechtlich erschossen, was nicht eben beruhigend wirkt. Es wirkt nicht einmal ab­schreckend. In Saratom ist die Polizci auf ein anderes Mittel verfallen, sich der unbequemen niellektuellen" zu erwehren. Sie hat in den niedrigsten Quartieren, in den ,, Nachtasylen" Flugblätter verteilt, in denen zum Kampf gegen die Revolutionäre aufgefordert wird. Verkleidete Polizisten boten einen Rubel Belohnung jedem, der Stu­denten oder sonstige Neuerer" zu verprügeln bereit sein würde. Die Asylisten aber beschämten die Polizei durch entrüstete Ablehnung des Ansinnens. Sie veröffentlichten einen Protest, in dem es heißt: Wir sind gewesene Men­schen, aber doch nicht so ehrlos, daß wir bereit sein sollten, die von der Polizei verlangten Schandtaten auszuführen." Immerhin bleibt die Besorgnis, daß es der Polizei noch ge­lingen wird, Erzesse zu veranstalten, namentlich gegen die Semstwo- und Duma- Mitglieder. In Eupatorin hat der Provinz- Gouverneur die Entsendung von Truppen er­beten, weil er Unruhen befürchtet. In der Umgegend von Libau sind neuerdings zahlreiche Brandstiftungen vorge­kommen. Wie es heißt, ist nun auch die Persönlichkeit des Mörders des Großfürsten Sergius festgestellt worden. Er soll Kalajem heißen und der Sohn eines Polizeiinspektors in Warschau sein. Er war Student an der Petersburger Universität und wurde im Jahre 1899 wegen Beteiligung an politischen Wühlereien relegiert. Seine Persönlichkeit wurde in den Kreuzverhören, die im Zusammenhang mit der Verhaftung von 12 an dem Anschlag gegen das Leben des Zaren am 30. März verhafteten Personen erfolgten, festgestellt. Einer der Verhafteten, nament Sawinkow, war ein Studienkollege Kalajews.

Balkan- Staaten.

In Sofia hat man allmälig den Eindruck gewonnen, als glaube man in Konstantinopel nicht völlig an die kind­liche Unschuld der bulaarischen Regierung in Bezug auf den

Aufstand in Mazedonien. Das Ministerium Patrow ver­sichert hoch und höchst, daß seine Politik unbedingt korrekt sei und daß es sich heilig quäle, zu verhindern, daß die Ban­denbewegung in Mazedonien von Bulgarien aus Verstär­fung erhalte. Inzwischen gehen die türkischen Truppen recht energisch vor. Bei Leskowau- Tapa, Kreis Gewgli, haben sie eine von Towau geführte bulgarische Bande ge­tötet. Auf türkischer Seite fielen 2 Offiziere und 5 Sol­daten, 9 Mann wurden verwundet.

Afrika.

Der Sultan von Marokko hat einen Sieg davon­getragen. Am Donnerstag griff eine Abteilung des Stam­des Beni Sassen, der sich Parteigänger Roghis angeschlossen hatten, die marokkanischen Truppen am Ufer des Wadi Maluja an. Die Angreifer wurden aufs Haupt geschlagen und ließen ihre Zelte mit Inhalt im Stich. Alien.

Rußland vergißt troß seiner Kriegsnöte seine politischen Interessen in Zentralasien nicht. Von Petersburg aus ist angeordnet worden, daß an Stelle der Soldaten des Emirs von Buchara auf allen Militärstationen am Oberlauf des Drus und in den Grenzbezirken Schignan und Koschan rus­sische Truppen treten, 4000 Mann der Garnison von Marw den russischen Truppen im Gebiet der Flüsse Kuscht und Murphab zugeteilt und durch Mannschaften a Orenburg ersetzt werden sollen.

Auftralien.

In Australien soll durch ein besonderes Gesetz der seit­herigen schmählichen Behandlung der Eingeborenen energisch ein Ende gemacht werden. Die üble Behandlung ging namentlich von Polizisten und Viehaufsehern aus. Die Hals­fettenfesselungen sollen aufhören, den Polizisten sollen die Revolver und Gewehre abgenommen werden, mit denen sie argen Mißbrauch getrieben haben. Das neue Gesetz soll noch in der gegenwärtigen Session zustandekommen. Deutfcher Keichstag.

( 181. Sigung.)

CB Berlin, 7. April. Mit einem Mißflang ging heute der im allgemeinen so friedlich verlaufene Sessionsabschnitt zu Ende. Das Haus hatte fast ohne Diskussion in einer knappen halben Stunde die Novelle zum Reichsbeamtengesetz und den Ergänzungs­etat für das Rechnungsjahr 1905 in critter Lesung ange. nommen, und alles glaubte schon vergnügt nach Hause gehen zu können, als sich noch eine längere Geschäftsordnungs­Sebatte entspann. Der Präsident Graf Ballestrem schlug bor, d'e rich ste Sizung am 2. Mai abzuhalten, der Zentrumsführer Dr. Spahn hingegen beantragte, jie bis zum 10. Mai zu verschieben. Graf Ballestrem beharrte bei seinem Vorschlage, den er wohlerwogen nannte und sehr entschieden unter anderem mit dem Hinweis darauf verfocht, daß der Reichstag in diesem Jahre schon Anfang Oktober wieder einberufen werden solle und daß deshalb die großen Sommerferien möglichst frühzeitig beginnen müßten. Aber Herr Dr. Spahn sah sich nicht veranlaßt, seinen Antrag zurückzuziehen, und dieser wurde von einer sehr beträchtlichen Mehrheit, zu der auch fast das ganze Zentrum gehörte, an­genommen. Dieser Beschluß berührte offenbar den Präsi­denten, der ihn eben noch recht humorvoll bekämpft hatte, sehr unangenehm. Er schloß die Sizung, ohne den Abge­ordneten, wie er es sonst immer getan, vergnügte Feiertage zu wünschen. Dann begab er sich zu dem Abgeordneten Spahn und sprach auf diesen heftig gestikulierend lebhaft ein. Die Unterredung muß wohl Herrn Spahn stark ange­griffen haben, denn er erlitt darnach einen Ohnmachts­anfall, von dem er sich erst nach längerer Zeit wieder erholte, so daß man anfangs sogar fürchtete, es könnte ihm etwas Ernsthafteres zugestoßen sein. Im Foyer wurde behauptet, daß die Mehrheit keine Neigung zeigte, auf den Wunsch des Präsidenten einzugehen, weil dieser die Ferien selbständig anberaumte, ohne sich darüber mit dem Seniorenkonvent oder auch nur mit den Vizepräsidenten ins Einvernehmen zu feßen.

Preufsifcher Landtag. Hans der Abgeordneten.

RK Berlin, 7. April. ( 175. Sigung.) Nachdem das Haus mit der üblichen Parteileidenschaft einige Wahlprüfungen erledigt und fast alle bean­standeten Wahlen für gültig erklärt hatte, wandte es sich dem Antrag Gamp( frk.) zu, der bis zur beabsichtigten Re­form des Berggesezes eine Sperre der Mutungsrechte be­zweckt. Der Antragsteller führte aus, wie durch die massen­haften Bohrungen der Bohrgesellschaften, denen keine Aus­nuzung der erworbenen Mutungsrechte folge, ein Monopol zur Beseitigung der Konkurrenz geschaffen werde. Minister Möller erkannte die Absicht des Antrages als richtig an und wünschte nur einige Aenderungen der Form. Starke Bedenken, ob der beabsichtigte Zweck erreicht werden würde, äußerten die Abgg. Macco( natl.) und Träger( frf. Bp.), während die Vertreter des Zentrums und der Konser. vativen ihre Sympathie für den Antrag Gamp aus. drückten. Dieser wurde einer besonderen Kommission von