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Nr. 33.

Sufertionspreis: Die einfpaltige Betitzelle für ganz Ober­teffen, die Kreise Beglar and Marburg 10 Pfg. sonst 15 Mfg. Reflamen bie Betitzeile 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpebttion: teßen, Geltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Mittwoch, den 8. Februar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Bfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Wt. 1.50. Gratiebellagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Sichener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Neue Attentate.

Ein Mann in Offiziersuniform, der sich Alexander Gadd nannte, hat den finnländischen Senatsprokurator Johnsson in Helsingfors am Montag durch drei Revolverschüsse ge­tötet. Auf den Lärm der Schüsse war außer der Diener­schaft der Sohn des Prokurators herbeigeeilt, der den Mör­der durch mehrere Pistolenkugeln schwer verletzte und selbst eine Verwundung am Fuß davontrug. Alexander Gadd war am Montag Abend noch bewußtlos, so daß eine Ver­nehmung nicht möglich war. Ob sie später möglich sein, ob der Tod des Mörders sie nicht dauernd verhindern wird, steht dahin. Enthüllungen sind von ihr unter keinen Um­ständen zu erwarten. Bisher ist nur festgestellt, daß der angebliche Alexander Gadd in Wirklichkeit Karl Lenard Hohenthal heißt und ehemaliger Student der Alexander­Universität ist. Die Tat ist nicht die erste ihrer Art, und ihre Beweggründe sind bekannt. Die Bewohnerschaft des Großfürstentums Finnland, das auf Grund von Staats­verträgen Autonomie genoß, nur durch Personalunion mit Rußland verbunden war, eigene Sprache, eigene Münzen, eigene Gefeße, eigene Verwaltung und, mit einer gewissen Beschränkung, sogar eigene Heereseinrichtungen besaß, war bis in die tiefsten Tiefen des Gemüts erregt, als eines Tages plößlich, durch einen bloßen Federstrich, die Aufsaugung Finnlands in Rußland verfügt, das Großfürstentum zu einem russischen Gouvernement gemacht wurde. Alle Schich­ten der Bevölkerung waren gleichmäßig empört, die Unge­tildeten wie die Intellektuellen, die Besizlosen wie die Rei­chen. Und diese Empörung erhielt immer neue Nahrung Durch die Art, wie die Russifizierung Finnlands eingeleitet und gefördert werden sollte. Diese russische Art ist viel­leicht am Plaz, wo die Kulturüberlegenheit mit der phy­sischen Ueberlegenheit zugleich auf der russischen Seite ist: in Zentralafien oder in der Mandschurei, wo eine an Knech­tung gewöhnte Bewohnerschaft den Wechsel des Herrn ohne Murren hinnimmt und barbarische Härte nicht als neue Dual empfindet. Doch einer zivilisierten Bevölkerung ge­genüber hat die russische Art, deren Sinnbild die Knute und Deren Pionier der Spion ist, sicher nichts Gewinnendes. Die Finnländer machten keinen Aufstand der wäre durch die ungeheuere Ueberlegenheit der russischen Machtmittel sofort erdrückt worden und hätte nur willkommenen Anlaß zur Etablierung einer Schreckensherrschaft gegeben, aber sie zeigten die stille Entschlossenheit, die Vergewaltigung ihrer Rechte nicht anzuerkennen, einen endlosen, zähen gesellschaft­lichen Guerillafrieg gegen die Organe der Russifizierung zu führen. Leider blieb es dabei nicht. Die finnländische Sugend, heißblütig auch im hohen Norden, wollte nicht dar­auf verzichten, der Gewalt Gewalt entgegenzusetzen. Zwar die Form der offenen Empörung, die Straßenemeute, ver­bot sich durch die Ungleichheit der Kräfte. Doch der einzelne

tonnte sich mit den einzelnen miessen und sein veven daran­geben, um das Leben einem Organ der russischen Gewalt­Herrschaft zu nehmen. Noch ist die Untersuchung nicht ab­geschlossen. die wegen eines solchen politischen Mordes gegen den Vater des Mörders, einen finnländischen Senator, nach echt russischer Manier geführt worden ist, und ein zweiter, gleicher Mord liegt vor, auch hier von einem Mitglied der gebildeten Gesellschaft begangen.

Der Mord bleibt unter allen Umständen ein verabscheu­ungswürdiges Verbrechen, von dem nur sittliche Ver­wirrung und Verwilderung Heil erwarten können. Doch, daß solche Verwirrung und Verwilderung eingetreten ist, das ist nicht die Schuld der Verwilderten selbst. Die Taten der Verzweiflung sind verwerflich, doch die Verant­wortung für diese Taten fällt nicht zum wenigsten mit auf die, deren Handlungsweise die Verzweiflung erst hervorge­rufen hat.

Es ist immer ein übles Zeichen, wenn Sympathie für einen Mörder auch nur in Frage kommen, wenn auch bloß erörtert werden kann, ob ein Mord begreiflich oder entschuld­bar oder gar gerechtfertigt sei. In Rußland hat es solche Beiten schon oft gegeben, sie sind dort beinahe die Regel ge­mesen, da man mit grausam mißiger Wahrheit den, durch Meuchelmord gemilderten Despotismus" die russische Regie­rungsform genannt hat. Ein kaum minder übles Zeichen sind die Attentats- Drohungen. Es scheint, als ob eine Aera solcher Attentatsdrohungen wiederkehren sollte. Sie war unter dem Zaren Alexander II. da, als dieser sich mit dem Gedanken tiefgreifender politischer Reformen trug. In un­heimlicher, unerklärlicher Weise geschah es, daß er auf seinem Schreibtisch, auf seinem Bett Schriftstücke voller Drohungen gegen sein Leben fand, bald in Form von Todesurteilen, bald in Jori. von gewöhnlichen Briefen. Wer der Brief­schreiber und wer die Briefträger gewesen, ist nie heraus­gekommen. Selbstverständlich waren es nicht die, auf die der Inhalt deutete. Denn wenn diese in der Lage waren, Schrift­stücke so, wie geschehen, in die Gemächer des Zaren zu brin gen, so konnten sie auch ohne Schwierigkeit und ohne vor­gängige Ankündigung dem Zaren selbst zu Leibe gehen. Die Urheber der Drohbriefe waren vielmehr dort zu suchen, wo man ein Interesse hatte, den Zaren von seinen Reformab­sichten fortzuschrecken. Wie verlautet, werden jetzt die alten Künste wieder geübt, hat man dem Zaren in Zarskoje Selo einen Drohbrief in die Hände gespielt, der ihn heftig er­schreckte. Daraus ist zu schließen, daß Zar Nikolaus II. we­nigstens zeitweilig zu politischen Reformen neigt, und daß sich in seiner Umgebung Personen befinden, die ihn davon abbringen wollen und die in ihren Mitteln nicht wählerisch sind.

Zum Bergarbeiterausftand.

Essen, 7. Februar. Zwischen den Vorgängen im schlesischen Sohlenbezirk und den mir dieser Eselsmüller gab. Er und trank so Der Eselsmüller und die Falschmünzer. den mir dieser Eselsmüller gab. Er und trank so lange, bis er einschlief.

4)

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.)

Heiner fing bald an den Eselsmüller noch zu loben: Dieser Kerl mußte doch noch ein menschlich Herz haben, sonst hätte er thn ja einfach niederschießen oder ver­hungern und verdurften lassen können. Er ist doch tein Teufel, hätte ich anders mit ihm geredet, vielleicht wär all dieses Unglück mir nicht geschehen. Na was hilft es, prost Eselsmüller, so rief er laut, und trank einen zweiten tüchtigen Zug. Dann dachte er an die Seinen. Was würden dieselben denken, wenn er heute nicht heim fäme. Sein lieb Mutterchen und seine Auguste nnd Veronika, diese seine beiden Lieblinge? Doch Ernst ist ja daheim und Lorenz futtere ich schon sett bier Monaten! Ernst wird sie schon trösten und thnen sagen, daß die Tugendwege verschiedener Art find... dabei lachte er laut, mein Tugendweg hat mich in den Chausseegraben gebracht. Mein gelehrter Lorenz, Matematiker von Profession, rechnet mit Sicher­heit aus, daß ich unter gewissen zu beobachtenden Regeln nicht habe nach Hause fommen fönnen. Köstlich, die beiden hochgelehrten Söhne trösten Mutter und Schwestern mit Vernunftgründe hier im Dreck. Ist Ist daß nicht zum Verzweifeln alter Heiner, ehemaliger Feldwebel und jeßiger föniglicher Grenzaufseher." Dabei tat er einen neuen Schluck. Dieses Selbstgespräch hatte ihn aufs neue durftig gemacht. Er weiter. Auf

-

einmal fiel ihm ein, daß dieser verpönte Nordhäuser ihm doch wirklich wohl tue. Dabei gedachte er seines schon lange heimgegangenen Vaters.

Dann seufzte Heiner hart: Wüßte ich nur wo mein Gaul wäre!" Ein neuer Schluck mußte ihm trösten. Nun wenn ich auch selbst zum Teufel fahre, effen und trinken muß ich und wenn es Nordhäuser ist,

So fanden ihn laut schnarchend, abends Fuhrleute aus Hüften. Aufwecken war unmöglich. Man hob ihn einfach auf den Wagen, legte ihn um und fuhr heim. In Hüsten wurde er" Zur goldenen Krone" ab­geladen, daselbst in ein Zimmer gebracht und in ein Bett gelegt. Säbel und die Kanonen nahm man ihm ab. Alles andere behielt er an. Da lag er bis zum anderen Mittage. Der Teufels- Nordhäuser hatte ihm doch zu schaffen gemacht.

Als der Grenzjäger am Abend nicht zu den Seinen fam, glaubten dieselben, er habe einen weiteren Ritt borgenommen. Sie waren daran schon gewöhnt. Nur eins machte Aufsehen. Des Grenzaufseher Heiners Schimmel war in dem bekannten Gasthaus Grüne" bet Iserlohn aufgefangen worden. Was war da ge­schehen? Telegraphen gab es damals noch nicht, viel weniger Fernsprechnete. Also abwarten, bis Nachricht

fommt. Dieselbe kam.

Anderen Tages brachte die letzte Post einen fönig­lichen Grenzaufseher von Hüsten nach Iserlohn mit, welcher unmohl war. Ihm war, wie er sagte, schwach geworden. Er war vom Pferde abgeglitten, in Ohn macht gefallen, und hilflos liegen geblieben. Als er wieder zu fich gekommen, sei sein Gaul verschwunden gewesen. So ſein kurzer Bericht.- Der Jakob auf dem Postbock setzte diesem Bericht hinzu:" As he bi mit uff den Bock steien tat, stunk he so na Nordhüser." Ginige Tage mußte er der Ohnmacht" wegen frank Nun Heiner kam nach Iserlohn zu den Seinen. sein, dann war es vorbei. Sein Gaul wurde ihm ge­bracht. Es war ja ein ihm von Staat gestelltes Pferd, deshalb war jedermann gern bereit dasselbe an den gestrengen Herrn Grenzbeamten Heiner in Iserlohn bringen zu dürfen. Der Eselsmüller war inzwischen ruhig heim, seiner Mühle, zugeritten, die dort, wo

den hiesigen besteht ein genauer Zusammenhang, so zwar, daß die hier herrschende Stimmung unmittelbar darauf auch in Schlesien, und dort in fonzentrierter, verschärfter Weise, zum Ausdruck kommt. War gestern hier von Aus­fichten auf baldige Aufnahme der Arbeit die Rede, so begann in Schlesien die Arbeit bereits; und da heute die Aussichten auf Verständigung geringer geworden sind, so hat sich in Schlesien auch schon die Arbeitseinstellung wieder ausge­dehnt. Hier ist eine wachsende Erbitterung unter den Berg­arbeitern wahrzunehmen, die durch das Verhalten des Berg­bauvereins hervorgerufen ist und nur durch die Ueberzeu­gung gemildert wird, daß Staats- und Reichsregierung das Mögliche tun werden, eine Verständigung unter Erfüllung der berechtigten Wünsche der Belegschaften zu erwirken. Die Nachricht, daß Reichskanzler Graf Bülow und Staatssekre­tär Graf Posadowsky am Montag die Angelegenheit der Bergarbeiter beraten haben, ist von wohltätigem und be­ruhigendem Einfluß gewesen. Der Einladung des Reichs­Kanzlers zur sofortigen Wiederaufnahme der Arbeit ist zwar nicht Folge gegeben worden, doch daran trägt vor allem die Wahrnehmung schuld, daß die Bergwerksbesitzer in ihrer Schroffheit verharren. Die materielle Lage der Bergarbei­ter eröffnet diesen teine sehr glücklichen Aussichten. Die Unterstützungen laufen nicht in dem erwarteten Umfange ein, deshalb können statt der versprochenen 10 nur 9 Mark an die Streifenden gezahlt weredn. Vielleicht ist es diesem Umstande zuzuschreiben, daß die Zahl der Arbeitswilligen eine Erhöhung um etwa 1000 erfahren hat. Zugleich hat sich der Streik auf die Kohlenarbeiter auf Rheinau ausgedehnt. Ge­Ihre Forderungen würden bei einigen Firmen gern währung finden, doch das Kohlenkontor läßt es nicht zu. Der kommende Donnerstag ist der kritische Tag, der die Ent­scheidung bringt- hoffentlich zum Guten.

Ein Jahr ruffifch- japanischer Krieg.

( Von unserem-Mitarbeiter.)

II.

Bis zum fall von Dort Arthur. Während die Rufsen sich bisher, mit Ausnahme von einem im Mai unternommenen kühnen, doch strategisch er­getnislosen Streifzug des Kosakengenerals Rennenkampf nach Nordkorea, stets in der Defensive gehalten hatten, mach­ten sie Mitte Juni einen Vorstoß gegen die Halbinsel Liautung zum Entsak Port Arthurs. Auf der Halbinsel hatte sich inzwischen, um Nogis Unternehmung gegen die Festung zu decken, die dritte japanische Armee unter General Ofu gesammelt. Diese wurde von den Russen unter Stackel­berg bei Wafangku angegriffen, doch wurde die mit un­genügenden Kräften unternommene russische Offensive blu­tig abgewiesen. Hätten die Japaner bereits über größere Truppenmassen auf der Halbinsel verfügt, wäre Stackel­

drei Herren- Länder zusammenstoßen, am Ende zweier Bergketten lag. Es war ein enges finsteres Tal, ein kleines, aus dem Sauerlande kommendes Flüßlein kann sich kaum hindurchzwängen. Einige Wiesen und wenig tragende Ländereten liegen um das Mühlchen herum. Ein altes Wohnhaus aus Eichenholz gebaut, wie dort alle Mühlen und auch andere Häuser auf den entfernten Dörfern. Mit Strohschindeln von einem alten Brauser Dachdecker hingestellt, ein Mahl- und

einen Schlaggang. So steht das Geburts- und Wohn­haus des Eselsmüller vor uns. Mehl- und Schlag­gang flapperten jahrein jahraus ihren langsamen Gang, Tag und Nacht. Eine Scheune und Viehstall lag etwas abseits am Walde. Vor der Mühle lag ein Garten, von einer alten tauben Verwanden besorgt. Dieselbe versah auch des Müllers Hauswesen, denn er

war ledigen Standes. In der Mühle war ein stummer Wahlbursche seit Jahren alleiniger Herrscher, ein dem Müller treu ergebener Mensch. Der Eselsmüller wußte wohl, warum er die taube Anneltus und den stummen Peter in die Mühle genommen hatte. Erstere plauderte gern, weil sie aber wegen ihrer Taubheit nicht verstand was verhandelt wurde, so verlernte sie das Plaudern. Der stumme Peter hörte und sah viel, fonnte es aber nicht weiter erzählen. Deshalb glaubten die Leute, Peter set auch taub. Auf den Wiesenmühlen tummelten fich drei oder vier Kühe mit ihren Jungen, ebenso des Müllers vier Esel. Auf den Eseln wurde die Frucht durch den tauben Peter in den umliegenden Orten ab­geholt und das Mehl hingebracht. Wagen mit Pferd seine Antwort, wenn er angegangen wurde solche an­hatte der Müller nicht, dazu sei er zu arm, so war zuschaffen.

( Fortsetzung folgt.)