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Nr. 262

Jasertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­Geffen, bie Kreise Weglar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.

Rebattion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Dienstag, den 7. November 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pig.. in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das kranke Rußland.

Jmmer wurstiger gestaltet sich der Kampf der verschie benen Strömungen im Zarenreiche. Während es zunächst den Anschein gewann, als ob die Revolution nur mit dem Wider­Stand der Regierung zu rechnen habe, vollzieht sich ein Wandel. Der Zar tommt den Forderungen der Revolutionäre weit entgegen. Dagegen schließt fiich die Partei derer fester zu­fammen, die am Alten festhalten, und sie hat in der Be­amtenschaft starke Unterstüßung. Die Regierung findet hier nachhaltigen Widerstand, sobald sie die angekündigten Re­formen durchführen will, und dadurch wird die Lage immer berwickelter.

Nicht müde wird die Regierung, die Bevölkerung zur Mitwirkung an der Neugestaltung der Dinge aufzurufen und zum Ablassen von den Straßen- Kundgebungen zu mahnen. Witte und Trepow.

Während man allgemein annahm, daß der stille Kamps der Anhänger des Alten und der Förderer des Neuen sich an die Personen des Generals Trepow und des Grafen Witte Enüpfe, hat letterer jetzt selber erklärt, daß der einzige Mensch, der ihn unterstüße, gerade Trepow sei. Das ist die neueste Ueberraschung, und sie ist in der Tat groß genug. Sie wird namentlich die Petersburger Kreise treffen, die schon daran­gingen, Trepow, den man für den Vater alles Unheils er­achtet, gesellschaftlich, amtlich und womöglich auch militärisch Bu boykottieren.

Witte's weitere Pläne

betreffen namentlich die Wahlen zur Duma. Zunächst ist der Minister des Innern, Bulygin, zurückgetreten, und durch das Ausscheiden des Ministers, an dessen Namen sich das lezte Wahlgefe knüpfte, ist die Bahn frei für eine neue Ge­staltung dieser wichtigen Reform. Ueber die neuesten Aus­Laffungen Witte's, die er an die Vertreter der Semstwos und ber Stadtvertretungen richtete, wird aus Petersburg gemeldet: Witte gab zu verstehen, daß er auf ein günstiges Ergebnis des am 19. November zusammentretenden Semstvo- Kongresses Hoffe. Wenn er auch in der Reichsduma kein Alheilmittel sehe, so sei doch gegenwärtig die Berufung des erlangten tonstituierenden Versammlung auf Grund des allgemeinen Wahlrechts unmöglich. Witte wies darauf hin, daß die Zahl derer, die gegen die Reformen Opposition machen, sehr zahlreich sei.

Wie es heißt, soll zwischen den Leitern der Revolutions­partei und Witte eine Art Waffenstilstand auf 30 Tage ab­geschlossen sein, um den Erfolg des Reformwerks und den Entschluß des Zaren abzuwarten. Das Ziel der Extremen bleibt aber die Absetzung der Monarchie und die Proflanierung der Republik.

Kämpfe und Gegensätze.

Inzwischen nehmen die Kämpfe ihren Fortgang. Ist auch der Sonntag in Petersburg ziemlich ruhig verlaufen, so hat es in andern Städten nicht an blutigen Kämpfen gefehlt. Menschenleben spielen zur Zeit im Zarenreiche keine Rolle. So wird aus Don berichtet. daß allein bei dem Brande eines Schuppens, in dem sich zahlreiche Revolutionäre versammelt hatten, 800 Personen umgekommen sind. In Tiflis wurden auf eine Anzahl Reaktionäre, die mit Bildern des Kaisers durch die Stadt zog, Revolverschüsse abgegeben und Bomben geworfen. Truppen, die den Zug begleiteten, erwiderten das Schießen. Zwei Eingetrene, die einen Korb mit Bomben trugen, wurden durch die plaßenden Bomben getötet. In ber Stadt herrschte große Panik.

Die Gerüchte über beginnende Bauernaufstände erhalten in den einlaufenden Meldungen ihre Bestätigung. So wird aus Putiwl im Guvernement Kursk gemeldet:

Die Bauern verlangen von den Grundbesitzern die Abtretung oder Verpachtung von Land. Im Kreise Nowosybkow plünderten die Bauern die Landfiße. Auch die nationale Bewegung nimmt ihren Fortgang. Wie aus Kalisch gemeldet wird, ist dort am Turm der Josefs­Kirche eine Fahne mit dem polnischen Wappen ausgehängt. Die Bolkspartei verlangt volle Autonomie Polens mit einem eigenem Landtage in Warschau. In Finnland beginnen sich unter den nationalen Parteien bereits Gegensätze geltend zu machen. Nach Verhandlungen zwischen der konstitutionellen und der Arbeiterpartei hat lettere ein Ultimatum veröffen..­licht, indem sie mitteilt, daß sie eine provisorische Regierung wählen und der konstitutionellen Partei zwei Size in dieser anbieten wolle. Die Konstitutionellen haben es abgelehnt, an einer solchen Regierung teilzunehmen.

Die österreichischen Wirren. ( Eig. Bericht.)

Wien, 6. November. Die Bewegung für die Wahlrechtsreform und die Ein­führung des allgemeinen Wahlrechts in Desterreich haben am geftrigen Sonntag zu Demonstrationen geführt, die leider an verschiedenen Orten einen blutigen Verlauf genommen haben.

In Prag fam es, nachdem bereits Ende der vorigen Woche fleinere Aufzüge der Arbeitermassen stattgefunden hatten, am Sonntag zu einem förmlichen Krawall, an dem über

50 000 Menschen beteiligt waren. Die Polizei erwies sich dem Ansturm der Demonstranten gegenüber, die sich auf die öffentlichen Gebäude stürzten, um die Scheiben zu zertrümmern und die Läden zu erbrechen, als zu schwach und so mußte Militär die Straßen säubern. Am Karlsplatz errichteten die Tumultanten Barrikaden, die vom Militär gestürmt wurden. Hierbei wurden mehrere der Ruhestörer teils schwer, teils leicht verletzt; auch eine große Anzahl Schußleute ist vers wundet worden. Erst nachdem beinahe 100 Verhaftungen vorgenommen waren, gelang es, die Straßen in der Stadt zu räumen, doch zogen sich die Ruhestörungen in den Vor­städten noch bis in die Nacht hinein.

Weniger blutig, dafür um so großartiger, gestaltete sich der gestrige Aufzug der Arbeiter in Wien, wo mehr als 100 000 Menschen zu Gunsten der Wahlrechtsänderung demon­strierten. Unter Entfaltung roter Fahnen und Absingung von Arbeiterliedern setzte sich der imposante Zug vormittags gegen 10 Uhr in Bewegung und brachte vor dem Parlamentsgebäude, das mit roten Fahnen und Plakaten ganz behängt war, stürmische Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht aus. Arbeiter führer sprachen vor dem Parlament zu der angesammelten Menge, jedoch kamen irgend welche Ruhestörungen nicht vor. Da die Polizei sich lediglich auf Absperrungen beschränkt hatte und die Demonstranten nicht störte, verlief der Aufzug ohne Blutvergießen und löste sich in aller Ruhe auf. Aehnlich Bewegungen haben in den anderen österreichischen Hauptstädten stattgefunden. Es nicht ausgeschlossen, daß es bei fortdauernd ablehnender Haltung der Regierung zu erneuten Massenans sammlungen auf den Straßen und demnächst zu Krawallen mit der Behörde kommt. Das wäre um so bedauerlicher, ala in Prag und z. B. auch in Krakau rassenfeindliche Momente in diese Bewegung hineingetragen werden und eine Schädigung deutscher Interessen durch czechische oder polnische Angriffe gegen deutsches Eigentum zu befürchten ist, wenn es nicht ge lingt die entfesselte Volkswut rechtzeitig zu besänftigen. Ga verlautet denn auch, daß die Regierung dem Reichsrat bei seiner Wiedereinberufung die Vorlage über Einführung des allgemeinen Wahlrechts einbringen werde. Hoffentlich be­wahrheitet sich diese Nachricht, die wesentlich zur Beruhigung der Lage beitragen wird.

Leider ist auch die Universität in Wien wieder Schauplatz studentischer Ausschreitungen gewesen, die zur vorläufigen Schließung dieser Hochschule geführt haben. Den unmittel­baren Aniaß boten Krawalle der italienischen Studenten an­läßlich des Jahrestags der unglücklichen Vorfälle in Inns bruch, bei denen, wie erinnerlich, ein junger Maler erschossen wurde. Die deutschnationalen Studenten revoltierten gleich­zeitig gegen den Rektor wegen der Berufung des Professor Dworzak, und der Schluß war eine feierliche Prügelei zwischen deutschen und nichtdeutschen Studenten, die für viele der Beteiligten sehr unangenehme Folgen haben dürfte. Die akademische Behörde ist entschlossen, gegen die Ruhestörer energisch vorzugehen und die Schläger von der Hochschule zu verweisen. Uebrigens ist es bei diesem Krawall auch nicht ohne Verlegungen abgegangen.

Die Schließung der Universität dürfte die Tumulte in diesen Räumen ja vorläufig beenden. Nach den früheren Er­fahrungen steht aber ihre Fortsetzung auf der Straße zu be­fürchten, sodaß wir für die kommende Woche in Wien vielleicht mit einer Wiederholung jener Innsbrucker Studentenkrawalle zu rechnen haben werden. Die Konfliktsbewegung, die na­türlich nur Wasser auf die Mühlen der deutschfeindlichen treibt, ist im Interesse des Deutschtums aufrichtig zu bedauern.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

* Ueber die Abberufung des bisherigen Oberkom mandierenden in Deutsch- Südwestafrika, des General­leutnants von Trotha, werden jetzt genaue amtliche Mit­teilungen gemacht. Generalleutnant v. Trotha wird gleich­zeitig mit dem am 18. November zu erwartenden Eintreffen des neu ernannten Gouverneurs von Südwestafrika v. Lindequist abberufen werden und das Schutzgebiet voraussichtlich Tags darauf verlassen, nachdem er die Gouvernementsgeschäfte dem neuen Gouverneur und das Kommando der Schutztruppe dem Obersten Dame als rangältestem anwesenden Offizier über­geben hat. Der Kaiser hat dem Generalleutnant v. Trotha, dem Major Meister und dem Hauptmann Franke den Drden pour le mérite verliehen.

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* Der Reichstagsabgeordnere Erzberger hat in einer politischen Versammlung zu Berlin seine Behauptungen über Mißstände in der Kolonial- Verwaltung wiederholt und gesagt, er werde demnächst im Reichstag beweisendes Material vorlegen. Die ersten 2 jaben über die angeblichen Unstimmig­keiten erschienen in der Kölnischen Volkszeitung", zerfielen aber, wie die Zeitung selbst zugab, in nichts, da keinerlei positive Nachweise beigebracht werden konnten. Man muß deshalb die Klarstellung im Reichstage abwarten, ehe man zu einem Urteil gelangt.

* In Berlin tagte eine Versammlung von Zucker­Interessenten zur Gründung einer Vereinigung deutscher

Zucker- Raffinerten. Erschienen waren die Vertreter vun 37 Raffinerien und 21 Weißzuckerfabriken. Gegen die Be stimmungen des vorgeschlagenen Vertragsentwurfs erhob sich kein Widerspruch. Der Entwurf umfaßt in wesentlichen die Festsetzung von Richtpreisen durch einen zu wählenden Beirat, Bindung der Lieferungsfristen und Normierung von Verkaufs­bedingungen. Der Vertragsentwurf wird den einzelnen Firmen nud Gesellschaften zur Vollziehung der Unterschriften zugesandt werden.

* Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat den Eisenbahndirektionen mitgeteilt, daß ein Steuer- Abzug für die Dienstbekleidung der Beamten nicht mehr zulässig sei. Die vereinigten Steuersenate des Oberverwaltungsgerichts haben entschieden, ein solcher Abzug bei der Steuereinschätzung sci entgegen früheren Annahmen nicht gerechtfertigt.

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* Der deutsche Botschafter Freiherr Speck von Sternburg hat im Staatsdepartement zu Washington die Handelsver­trags- Verhandlurgen mit der nordamerikanischnn Union förmlich eröffnet. Er unterbreitete die Vorschläge der deutschen Regierung dem Staatssekretär Root. Dieser sagte dem deut­schen Botschafter, daß es sein ernstes Bestreben sei, alle Kräfte an die Aufgabe der Vermeidung des Zollkrieges zu setzen; doch werde er lieber keinen Vertrag mit dem Botschafter ver­einbaren, als einen Entwurf, dessen Bestimmungen später nicht in jeder Hinsicht der Zustimmung des Senats sicher sind.

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* Im preußischen Staatsministerium ist die Deffnung der oberschlesischen Grenze für das erhöhte Schweine- Kontingent aus Rußland erörtert worden. Von preußischer Seite steht ein Antrag zu erwarten, die Erhöhung des Kontingents nach und nach eintreten zu lassen.

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* In Koburg hat der feierliche Einzug des Herzogs Karl Eduard mit seiner Gemahlin stattgefunden. Die Stadt war reich geschmückt und beflaggt. Das herzogliche Paar wurde auf dem Bahnhof von den Ministern und den Hof beamten empfangen. Auf dem Bahnhofsvorplaze hatten sich die Stadtverwaltung, der Magistrat und die Stadtverordneten Oberbürgermeister aufgestellt, Schulen bildeten Spalier. Hirschfeld richtete an die Herzogin eine Ansprache, in der er sie namens der Stadt Koburg herzlich begrüßte. Der Herzog erwiederte im Namen seiner Gemahlin. Unter dem Geläute der Glocken und dem Kanonendonner der Feste Koburg setzte das Paar unter den lebhaften Hochrufen der in den Straßen zu Tausenden versammelten Menge den Weg nach dem Schlosse Derenburg fort. Nach einem Gottesdienst fand Marschalltafel und später ein Festzug mit 47 Wagenabteilungen von Vereinen und Zünften statt. Abends war Festvorstellung im Theater.

Balkan- Staaten.

** Die russische Freiheitsbewegung zeitigt unerwartete Folgen in Montenegro, se Rußland, bester Freund", der alte Nikita auf dem Throne sizt. Fürst Nikolaus richtete an das montenegrinische Volk eine Proklamation, in der er die Freiheitsliebe, den Unabhängigkeitssinn, die Heldenmütigkeit, die Vaterlandsliebe der Montenegriner hervorhebt, die Ab­haltung freier Deputiertenwahlen anordnet und, die Einberufung der Stuptschina auf das St. Nikolausfest den 6. Dezember, festsetzt. Er bewilligt dem Volke aus eigenem Antriebe gewisse Rechte an der Mitarbeit in den Angelegen­heiten und der Verwaltung des Landes.- Ob die Monte­negriner auch Revolutionsgelüfte gezeigt haben? Fürst Nikita hat auf alle Fälle in geschickter Weise etwaigen Kom­plikationen vorgebeugt.

Afrika.

** Der durch den Thron- Prätendenten gegen den Sultan von Marokko genährte Aufstand hat neues Blut erhalten. Mehrere große Stämme ergriffen für den Prätendenten Partei und stellten ihm tausend bewaffnete Reiter zur Verfügung. Vielleicht ist bei der fortschreitenden Rebellion dem marok­tanischen Herrscher die anfangs so verhaßte Hülfe Europas bald ganz willkommen.

Heer und flotte.

Deutsche Kadetten in Italien. Fünfzig Kadetten der deutschen Marine trafen in Florenz ein. Sie wurden von einer Abordnung des italienischen Flottenvereins empfangen. Der Aufenthalt der Kadetten, die zu Informationszwecken reisen, soll mehrere Tage dauern.

König Alfons in Berlin.

Berlin, 6. November. ( Eig. Bericht.) Auf dem königlichen Schlosse wehten heute früh schon drei Standarten lustig im Winde. An der Ausschmückung des Pariser Plazes, des Brandenburger Tores und der Straße Unter den Linden" wurde gestern den ganzen Sonntag über Ueberall erheben und heute morgen noch fleißig gearbeitet.

fich Obelisken mit Bannern in dem Gelb- Rot der spanischen