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Nr. 236.
Erstes Blatt.
Safertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Oberbeffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg. Rebaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Samstag, den 7. Oftober 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheisen.
Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Nach Ablauf der Sommerferien hat der Bundesrat seine Sigungen wieder aufgenommen. Der Gesezentwurf wegen Sicherung der Bauforderungen ist in der ersten Sigung den zuständigen Ausschüssen überwiesen worden.- Gestern si..d die Ausschüsse des Bundesrats in Gegenwart der Finanzminister der Bundesstaaten zur ersten Beratung der Entwürfe einer Reichsfinanz- Reform und von neuen Steuergefeßen zusammengetreten. Die Beratungen sollen nach Möglichkeit beschleunigt werden. Zahlreiche Abänderung? anträge liegen vor.
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Zu dem angeblichen Burenkomplott in Deutsc Cüdwc= afrika, an dem der Neffe des berühmten Generals de Wet Leteiligt sein sollte, äußert sich der Schwiegervater des Herrn Andries de Wet, Herr Oberstleutnant a. D. Hagedorn. Er schreibt, Andries de Wet sei infolge schwerer Erkrankung auf einer Reise von Anfang Mai bis Ende August nicht in Windhuk gewesen. Er könne deshalb an einem Anschlag gegen die deutschen Behörden gar nicht beteiligt gewesen sein. Falls Umtriebe in seinem Hause vorgekommen seien, so müßten diese nur aus der unfreiwilligen Abwesenheit de Wets erklärt werden. Er sei aus Ueberzeugung Deutscher geworden. Am 24, September telegraphierte de Wet, daß es ihm gut gehe und am 30. September auf eine Anfrage, daß alles in Windhuk zur Aufnahme von Frau und Kind in Ordnung sei. Nach diesem Telegramm hatte de Wet Schwierigkeiten mit der Regierung nicht, er würde sonst Fau und Kind nicht zurückkommen lassen.
Aus Deutsch- Ostafrika berichtet Graf Gößen, daß einige Dörfer zwei Tage südlich von Dar- es- Salam durch Räub.c banden geplündert worden seien, die auch eine Polizeiab i- lung angegriffen haben. Die 8. Kompagnie von Kleist ist dorthin abgerückt. Morogoro ist durch Hauptmann Frhr. von Wangenheim und ein Detachement Marine- Infanterie und Kibuta in den Matumbi- Bergen von einem ander n Detachement Marine- Infanterie besetzt worden.
* Die Eizungen des Teutschen Kolonialkongress fird durch bedeutsam Vorträge ausgefüllt. So sprach in den Plenarsizungen u. a. Prof. Rathgen- Heidelberg über die Auswanderung als weltgeschichtliches Problem, und Generalleutnant 3. D. Liebert über die politische, militärische und bolfswirtschaftliche Bedeutung einer starken Seemacht.n den Abteilungssigungen wurden von fachmännischer Seite die mannigfachsten Fragen erörtert, so die Baumwoll- Frage in den deutschen Kolonien, die Bekämpfung des Typh 3 während des Herero- Aufstandes u. a. m.
* Der Gesetzentwurf über die Ausgabe von Reichsba= noten zu 50 und 20 Mark ist in der letzten Session dis Reichstages unerledigt geblieben. Reichsbankpräsident. Koch deutet im„ Bankarchiv" an, daß der Gesetzentwurf n der nächsten Tagung des Reichstags vermutlich in unbef= derter Gestalt wieder vorgelegt werden wird.
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* Den deutschen Anspruch auf den Molenbau in Maro o hat die französische Regierung anerkannt. Es war das
Stadttheater in Gießen.
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Die große Leidenschaft. Lustspiel in 3 Atten von Raoul Auerheimer. Rooul Auernheimer ist, Gott weiß wie, in den Besitz eines eigenartigen Zaubertrants, sozusagen Elixiers für eheliche Treue und Liebe gelangt, und er macht aus seinem herzen absolut teine Mördergrube über die Zusammensetzung die ses föstlichen Arkanums. Es ist kein Geheimmittel, sondern Auernheimer braut es ganz offen vor aller Augen zusammen; ja er tut sogar noch mehr, er demonstriert sofort die Wirkungen feines Trantes, die denn auch ausgezeichnete sogar über Erwarten ausgezeichnete sind. Man bedenke blos einmal: Um den ehelichen Qualifitationen feiner hypermodernen Frau einen festen Bestand zu geben, führt der Ehemann ihr mit Absicht den Hausfreund zu. Etwas apart die Idee, aber wenn man Gemütsmensch wie Fabrikant Arnberg ist, geht das. Frau Sophie Arnberg ist eine moderne Frau, die dichtet und malt und in allerlei halbverstandenen Gedanken herumtappt. Selbstverständlich ist die Ehe überwundener Standpunkt, d. h. wenn man verheiratet und recht gut verheiratet ist. Natürlich gebraucht Frau Sophie für ihre Talente Bewunderer und für ihre übrigen Neigungen ein Dbjekt. Das erste gelingt ihr nur halbwegs, das zweite ber ganz, denn der Maler Adrian Streit, der ein rechter hwerenöter ist, schneidet ihr über Gebühr die Kur, und Knall und Fall verliebt sie sich in ihm. Die Sache geht wider Erwarten gut, die Verliebten brauchen nicht einmal Schwierigkeiten zu übersteigen, sondern der Herr Gemahl
lette noch ausstehende der verschiedenen Punkte, um die h die Verhandlungen drehten. Die spanische Regierung hat das Programm der Maroffo- Konferenz und den Vo schlag, diese in Algeciras stattfinden zu lassen, angenommen.
* Der Handelsvertragsverein beabsichtigt, Ende diese Monats in Berlin eine Versammlung der zu ihm gehörig. 1 Einzelmitglieder und kaufmännischen Vereine einzuberufen, um die Frage der Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zu Amerika einer öffentlichen Erörterung zu unterziehe, 1. Dazu wird halbamtlich geschrieben: Man fragt sich unwi..kürlich, wem das nüßen soll? Die Regierung ist über Wünsche und Bedürfnisse der heimischen Industrie seit lang.r Zeit vollständig auf dem Laufenden; die Verhandlungen mit drüben sind im Werke; jede öffentliche Kundgebung hier würde entweder gewisse Prätentionen auf der ander n Seite erhöhen oder Verärgerung schaffen. Man lasse ie Regierung ruhig gewähren. Ohne regierungsfreundlich zu sein, wird man doch in diesem Fall bedingungslos zugehen müssen, daß die Regierung alles aufbieten wird, um heimischen Arbeit Schutz angedeihen zu lassen und ihr die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt zu wahren."
* Vie Nachwahlen für den Landtag des Fürstentu. s Schwarzburg- Rudolstadt haben zwei Site an die Sozialdemokraten gebracht. In Zukunft setzt sich darnach i.r Landtag aus acht bürgerlichen und acht sozialdemokratisc, sn Abgeordneten zusammen.
* Großes Aufsehen erregt in der Ostmark der Verko is breier Rittergüter an einen Polen. Der Kurator der Lic niger Ritterakademie Graf Kospoth hat als Bevollmächtigter der Landrat von Buddenbrockschen Erben deren drei Rittergüter Offen, Honig und fürstl. Nieffen, zusammen 1670 Heftar, an den Großpolen Martin Biedermann für zirka 1 100 000 Mark verkauft. Die Güter waren alter deutscher Besitz. Nach der kürzlichen Rede des Kaisers hatte man solche Verkäufe nicht mehr erwartet.
Alien.
** Ueber die Beeinflussung des japanischen Finanzwesens durch den Krieg äußerte sich Graf Okuma. Nach der vollständigen Zurückziehung der japanischen Truppen wird die Schuld Japans sich auf 2500 millionen Jen belaufen. Del Steuerbetrag auf den Kopf der Bevölkerung ist vor dem Kriege vier Jen gewesen; jetzt beträgt er zwölf Jen; die Nationalschuld hat vor dem Kriege zwölf Jen pro Kopf betragen, nach dem Kriege beträgt sie fünfzig Jen. Zur Verzinsung der Staatsschuld find pro Jahr 150 Millionen Ten erforderlich. Es ist das ungefähr das Doppelte der Staa.seinnahmen vor einem Jahrzehnt.
Rufsland.
** Die Vorbereitungen zu den Wahlen zur Reichs- Duma ferden eifrig betrieben. Der Minister des Innern hat die Gouverneure angewiesen, dafür Sorge zu tragen, daß die Veröffentlichung der Wahllisten nicht später als am 28. Oftober erfolgen und die Behörden und Amtspersonen, bejonders die Landeshauptleute und die Landpolizei sich jeder Einmischung bei den Wahlen enthalten sollen. Inzwischen zeigt sich die Regierung für die Hebung des Verkehrs tätig. Es wird geplant, eine Dampferlinie, die mit dem Norddeutschen Lloyd und der Hamburg- Amerika- Linie konkur
in höchsteigener Person drängt sie einander förmlich auf, während er selbst einen schneidigen Flirt mit der reizenden Beate martiert. Die Wirkung ist die gewünschte: Frau Sophie wird auf Beate und der Maler Adrian Streit auf den Fabrikanten Arnberg als Liebhaber Beatens eifersüchtig. Das Ende vom Liede ist, Arnberg erhält seine befehrte und jetzt furchtbar in ihm verliebte Frau wieder und Adrian Streit, der seinen Bonvivant ablegt, bekommt Beate. Der Schluß ist allgemeines Wohlgefallen, die Kur hat gut an= geschlagen. Die Idee, die dem Dichter vorgeschwebt, ist eine erhabene: Ein Ehemann will seine exzentrische Gattin zur Ehe erziehen. Das Mittel aber, das junge haltlose Weib einem gewissenlosen Lebemanne auszuliefern, ist geradezu frivol. Der Aufbau ist im ganzen genommen ein geschickter, die Haudlung bewegt sich kräftig vorwärts, nur hie und da möchten wir, namentlich im Abstieg, einige Abstriche machen, im die Höhepunkte der Szenen wirkungsvoller einander zu nähern. Die Reisepläne am Schlusse hätte der Dichter sich überhaupt sparen können. Er greift damit zu einem Mittel, das einen platten theatralischen Effekt darstellt und auch schon sehr abgegriffen ist.
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Die Regie des Direktor Steingo etter hatte das ihrige getan," Die große Leidenschaft" wirkungsvoll über die Bühne gehen zu lassen, was ihr denn auch bis auf einige tleine Schleppungen gelungen ist. Von den Darstellern verdient besonders Rudolf Goll hervorgehoben zu werden, der ein Prachtexemplar vom Gemütsmenschen aus seinem Fabrikanten Arnberg gemacht hatte. Mit vornehmer Zurück haltung führte er sein fein nuanziertes Spiel durch.-
rieren soll, von Vibau oder Riga nach Newyork ins Lebent zu rufen. Wie den Mächten in gleichlautenden Noten mitgeteilt ist, hält sich die russische Regierung nicht verpflichtet, Entschädigungen an Ausländer oder Einheimische zu zahlen, die durch die Unruhen geschädigt worden sind. Daher denke die Regierung auch nicht daran, die in Batu geschädigten Ausländer zu befriedigen. Dort und in Tiflis ist die Unsicherheit noch immer eine große. So wurde in Tiflis ein Waggon der elektrischen Straßenbahn durch eine Bombe zertrümmert, die von Tataren auf das Geleise gelegt war. Zahlreiche Passagiere erlitten Verletzungen. Auf den Kreispolizeichef Saifin des Gouvernements Sardtof wurde im Dorfe Kliutschi, das er auf einer Inspektionsreise besuchte, ein Attentat verübt. Fünf Individuen, als Arbeiter verkleidet, feuerten auf Saifin Revolverschiisse ab und verwundeten ihn tödlich. Die Täter entfamen. Amerika.
** Der Best.ch des amerikanischen Ministers Taft in ukio soll einer amerikanisch- japanischen Annäherung gegolten haben. Die japanische Regierung soll die bestimmte Erflärung abgegeben haben, daß sie nicht die geringste Absicht habe, die Interessen Amerikas in den Philippinen oder sonst wo im fernen Osten anzutasten. Nach dieser Erklärung hält man ein Einvernehmen Amerikas mit den Tendenzen des englisch- japanischen Vertrages für gesichert. Aus Newyork wird abermals gemeldet, daß Präsident Roosevelt bei der nächsten Präsidentenwahl nicht mehr kandidieren werde.
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Hof und Gesellschaft
Zur Silbernen Hochzeit des Kaiserpaares bewilligte die Stadtverwaltung in Waldenburg 25 000 Mark zur Gründung eines Kinderheims. Die Anstalt soll den Namen„ Wilhelm- Auguste- Stiftung" führen.
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Aufs neue gehen Gerüchte um, daß die Verheiratung der geschiedenen Großherzogin Melitta von Hessen mit dem Großfürsten Kyrill von Rußland stattgefunden habe. Wie verlautet, soll die Vermählung in dem Hotel„ Russischer Hof" in München durch einen russischen Popen und einem foburgischen Standesbeamten vollzogen sein.
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Die Enthüllung des in Nürnberg errichteten Denkmals Kaiser Wilhelms I. findet am 14. November statt. An der Feier nehmen der Kaiser, die Kaiserin, der deutsche Kronprinz nebst Gemahlin, Prinzregent Luitpold und mehrere bayerische Prinzen, sowie der Großherzog und die Großherzogin von Baden teil.
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Der frühere bayerische Justizminister von Leon= rod ist in München gestorben.
Soziales Leben.
Der Kampf in der Berliner Elektrizitätsindustrie. Die Parteien nehmen von beiden Seiten eine abwartende Haltung ein; wichtige Veränderungen in der Lage sind nicht borgekommen. Ein Teil der Arbeiterführer soll die Fortführung des Streiks für aussichtslos halten und die Aufnahme der Arbeit durch die ursprünglich streifenden 800 Arbeiter befürworten. Einer Anzahl alter, nach Ansicht der Vorgesetzten zuverlässig erscheinenden Arbeitern sind Schreiben von den Werkmeistern zugegangen, in welchen die Erwartung ausgesprochen wird, daß sie heute zur Arbeit
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| Elfriede Bayrhammer nahm ihre Frau Sophie zu oberflächlich und farblos, nur Ausgangs des zweiten und anfangs des dritten Aftes trieb sie die Partien ganz gut heraus. Frau Bayrhammer muß die seelischen Bewegungen besser nach außen verarbeiten.- Lily Donecker gab ihre Beate in guter Auffassung und Durchführung. Sie war namentlich im naiven Teil ihrer Rolle sehr glücklich und natürlich, sodaß der hypermoderne Backfisch im ersten Afte nicht so recht dazu passen wollte. Reinhold Lüttjohann spielte den Adrian Streit, den er besonders in den legten Partien gut traf. Zu Anfang verlor er dadurch, daß er das Cynische des gewissenlosen, frivolen Bonvivants nicht genügend berücksichtigte. Hiervon abgesehen, war sein Spiel sehr lebensvoll. Das Haus spendete reichen Beifall. Zum Schlusse tobte Die Banausenschlacht", eine eine einaftige Groteske von Leo Lenz, über die Bühne. Es geht ungemein burlesk zu in dieser Banausen schlacht, es ist darin sehr viel von Hinauswerfen und großem Geldbeutel die Rede. Schließlich aber bleibt der noch größere Geldbeutel Sieger und alles geht nach tem Wahrwort: Auf einen groben Kloz...- Den Brauereibesizer Theodor Tullinger spielte Adolf Lippert in fomischer Weise. Man konnte ihm trotz seines Geldfaces und seiner noblen Einrichtung ordentlich die Hefe aus dem Volte auriechen. Wilelmine Schellenberg gab seine Tochter ganz nett als reifere Den Maler Dr. Dstar Reimers stellte Schönheit. Rudolf Goll als den vollendeten, sicheren Weltmann dar, G. H. der für seinen Idealismus warm eintritt. Das Stück fand gleichfalls den Beifall des Hauses.
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