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Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­hessen, die Kreise Wetlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Mittwoch, den 7. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

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Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblaff)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberhessen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Reichskanzler fürft Bülow.

Berlin, 6. Juni. Der Kaiser hat den Grafen Bülow in den Fürstenstand erhoben.

So hätten wir wieder einen Fürsten als Reichskanzler. Daß dem Grafen Bernhard von Bülow die Erhebung in den Fürstenstand winkte, war schon lange bekannt. Schon als das schwierige Werf der Handelsverträge im Februar d. Js. glücklich unter Dach und Fach gebracht worden war, hieß es, daß der Kaiser dem leitenden Staatsmann seinen Danf in Form der Verleihung der Fürstenwürde aussprechen wollte. Graf Bülow habe aber abgelehnt, da seine Vermögenslage ihm nicht erlaube, die Repräsentationspflichten eines Für­ften würdig zu erfüllen. Jetzt ist ihm die kaiserliche Huld von neuem mit demselben Anerbieten nahegetreten und Graf Bülow hat diesmal fein Bedenken mehr gehabt, die ihm an­gebotene Standeserhöhung anzunehmen.

Bernhard Fürst von Bülow steht seit dem Rücktritt des Fürsten Hohenlohe am 17. Oktober 1900 an der Spize des Deutschen Reiches und preußischen Staates als deutscher Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Er ist am 3. Mai 1849 geboren, also noch verhältnismäßig jung, und fann auf eine glänzende Karriere zurückblicken. Schon 1874 fungierte er als Legationssekretär in Rom, später in Be­tersburg und Wien. Seine erste politische größere Tat waren die Vorbereitungen zu dem deutsch- rumänischen Handelsver­trag, die er als Gesandter in Bukarest leitete, wohin er 1888 berufen worden war. 1893 wurde er deutscher Botschafter am italienischen Hofe, im Oktober 1897 Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Der Abschluß des Vertrages mit Spa­nien über die Abtretung der Karolinen-, Palau- und Ma­rianeninseln trug ihm den Grafentitel ein. Seit seiner Er­hebung zum Reichskanzler hat er es verstanden, das Staats­es sei nur schiff durch die schwierigsten Verwickelungen mit geschickter und an die Zeit des Burenkrieges erinnert ficherer Hand hindurchzusteuern. Eine Reihe von sozialen Fürsorgegesetzen ist unter seiner Aegide reif geworden. Nach außen hin war sein letztes großes Werk der Abschluß der Handelsverträge.

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Die Verleihung des Fürstentitels ist, wenn sie nun auch ein wenig post festum kommt, der Dank des Kaisers an sei­nen leitenden Staatsmann für diese politische Tat, durch die dem deutschen Handel auf Jahre hinaus friedlicher Wettbe­werb bei allen Kulturrationen gesichert worden ist.

Sofia Kaiferbof.

Die Reihe der glänzenden Festlichkeiten am Berliner Hoflager, die mit dem Einzug der Herzoginbraut begannen, erreichten mit der Vermählung des jungen Paares am Dienstag ihren Höhepunkt. Der deutsche Kronprinz führte sein junges Weib heim, das berufen ist, an der Seite des Gemahls die höchsten Ehren im Deutschen Reiche zu tragen. Zwei Herzen, die nicht nur nach nüchternen politischen Be­rechnungen, sondern auch in aufrichtiger Neigung sich zu treuem Bunde gefunden haben. Das ganze deutsche Volk nahm den innigsten Anteil an dem Ereignis und die von sel­tener Berehrung zeugenden festlichen Veranstaltungen in der Saupstadt Berlin sowohl wie in allen Gauen des Reiches pra en nicht zum Wenigsten dafür. Die junge Kronprin­gefin ist ein Steis aus deutschem Fürstenstamm, um so näher ist sie dem Volfsempfinden. Der Kronprinz steht an der Schwelle des Mannesalters. Es ist von ihm zu erwarten, daß er nach der Weise seiner Väter in strenger Pflichter­füllung und eifriger Hingabe allezeit ein Mehrer des Reiches sein wird an Segnungen der Kultur. Dafür bürgt die im Hohenzollernhause gepflegte Tradition, dafür bürgt die her­gebrachte sorgfältige Erziehung und die Initiative des kai­serlichen Vaters. Alle Wünsche vereinigen sich deshalb am Fuße des Thrones zum Wohle des Hauses Hohenzollern, der kaiserlichen Familie, zum Segen für das junge Paar und für das Gedeihen des Reiches.

Die Trauung.

Die kirchliche Einsegnung ging nachmittags 5 Uhr in der Schloßkapelle vor sich. Oberhofprediger D. Dryander hielt die Traurede über den vom Kaiser selbst gewählten Tert aus dem Buche Ruth 1, 16: Ruth antwortete: Wo du hin­gchest, da will auch ich hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volf ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott." Der Königliche Domchor sang unter Leitung des Professors Prüfer das Doppelquartett aus Elias: Er hat seinen Engeln befohlen" von Mendelssohn. Mit gemein­samem Gesang der glänzenden Festgesellschaft endete der er­hebende Akt, dessen Vollziehung die donnernden Stimmen der Kanonen der Stadt verkündeten. Der Brautkranz der hohen Braut war ein schmales Gewinde aus lebenden Myrten mit tünstlichen Blüten, das sich um die Krone wand. Das Braut­bukett bestand aus schneeweißen Nelken, zwischen denen Orangeblüten und Myrten hervorsproßten. Die Trauringe

waren aus schiefischem Golde gefertigt und von dem Kom­merzienrat Hermann Güttler in Reichenstein in Schl. als Geschenk dargebracht. Die Brautschleppe ist in Berlin her­gestellt worden. Auf schwerem russischen Silberstoff erheben sich aus Ornamentfiguren gestickte Rosen. Den Fuß der Schleppe durchziehen blühende Myrten- und Orangenzweige, und ein Kranz von Rosen leuchtet aus der Mitte. Rock und Taille zeigten gleiche Ausführung, an der zwanzig Damen fünf Monate gearbeitet haben. Die Schleppe wurde vom Großvater der Braut geschenkt und fostete 10 000 Mark.

Die standesamtliche Trauung war schon um Uhr im Kurfürstenzimmer des Schlosses durch den Hausminister bollzogen worden.

Spielconr und Fackeltanz.

Die große Cour, die das Kaiserpaar mit den Neuber­mählten im Weißen Saale abhielt, vollzog sich mit der am preußischen Hofe althergebrachten Tradition der Spiel­cour". Unter einem Baldachin steht für das Kaiser- und Kronprinzenpaar ein richtiger Spieltisch, ähnliche rechts und links für die übrigen Prinzen und Prinzessinnen. Früher wurde an diesen Tischen wirklich gespielt, während der lange Zug der geladenen Gäste in den Saal hinein und nach tiefer Reverenz wieder hinauszieht. Jetzt sind nur noch der Name und die Tische von der Spielcour geblieben.

An die Festtafel nach der Cour schloß sich das noch viel eigenartigere Schauspiel des herkömmlichen Fackeltanzes an. Der Hof begibt sich in den Weißen Saal zurück und erteilt dem Oberst- Marschall das Zeichen zum Beginn des Tanzes. Die Minister, denen die Pagen große Fackeln gereicht ha­ben, ordnen sich paarweise und nun halten unter ihrem Vorantritt die Braut mit dem Kaiser und den königlichen Prinzen, sodann der Bräutigam mit der Kaiserin und den Prinzessinnen die von altem Zeremoniell vorgeschriebenen Umgänge". Zum Schluß formiert sich alles zu einem lan­Zuge und endlich leuchten nach dessen Auflösung die Mi­rer den Neuvermählten hinaus, früher bis an die Schwelle ihrer Gemächer

Der Krieg in Oftalien.

Trotz der kriegerisch lautenden Nachrichten vom letzten Petersburger Ministerrat, trop des Beginnes neuer Rüstungen in verschiedenen russischen Bezirken will es von angeblichen Friedensvermittelungen nicht still werden. Nachdem erst den Vereinigten Staaten und dann Frankreich die führende Rolle hierbei zugeschoben wurde, soll es nach den neusten Berichten das Deutsche Reich sein, das sich eifrig für eine friedliche Verständigung zwischen den beiden kriegführenden Parteien berwendet.

Deutschland als Friedensvermittler?

Die bezüglichen Verhandlungen sollen allerdings nicht auf deutschem, sondern auf amerikanischem Boden eingeleitet sein. Aus Washington wird dazu gemeldet:

Der deutsche Botschafter hatte Unterredungen mit dem russischen Botschafter und dem japanischen Gesandten. Wie es scheint, ist eine zwischen mehreren Stellen ver­einbarte Friedensaktion im Gange.

Unserem Botschafter Herrn Speck von Sterburg wurden bereits mehrfach diplomatische Interventionen im russisch­japanischen Zwest nachgesagt. Bisher haben sich alle solche Gerüchte sehr bald als fette Enten herausgestellt. Da die letzte Meldung aber sehr bestimmt auftritt und dazu noch ohne jeden Kommentar vem offiziösen deutschen Telegraphen­bureau verbreitet wird, muß man zum mindesten von ihr Notiz nehmen. Ob sie sich zuverlässiger erweisen wird, als ihre Vorgängerinnen, ist bisher allerdings recht fraglich. Vom Kriegsschauplatz selbst liegen Nachrichten über neue Vorgänge von Belang nicht vor.

Die Verluste der Russen in der Seeschlacht werden nachträglich immer höher beziffert. Sie sollen im ganzen 18 600 Mann betragen. Davon tot 14 000, ein­schließlich der Ertrunkenen, gefangen 4600 Mann. Ein großer Teil der Gefangenen soll an schweren Krankheiten leiden.

Rücktritt des Minifters Delcaffé.

Die französische Ministerkrisis hat mit dem Rücktritt Del­cassés, des bisherigen Leiters der auswärtigen Angelegen­heiten der Republik ihren Abschluß gefunden. Unser Pariser re- Mitarbeiter, der den davon berührten Verhältnissen nahe­steht, schreibt uns über das bemerkenswerte Ereignis aus der Hauptstadt Frankreichs:

Paris, 6. Juni.

Ueber sieben Jahre hat Herr Delcassé an der Spitze der auswärtigen Politik Frankreichs gestanden. Die langlebig­sten Ministerien hat er überdauert. Hand ein Kabinetts­wechsel statt Delcassé blieb. Ob die Radikalen in der Deputiertenkammer den Ausschlag gaben, ob die Sozialisten an die Wand gedrückt wurden oder einen Teil des regieren­

den Blocks" bildeten- Delcassé war der Unerschütterliche, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. Er verkör­perte gewissermaßen die auswärtige Politik Frankreichs; mehr noch: er war der Großsiegelbewahrer des russisch- fran­zösischen Bündnisses. Keine frondierende Mehrheit der De­putiertenkammer wagte sich an ihn heran. Eher hätte man sich entschlossen, den Präsidenten der Republik zu stürzen, als an Delcassés Ministersessel zu rühren. Es war in der Tat rührend. Dieses französische Land mit seiner demo­kratischen Bevölkerung und seinen demokratischen Einrichtun­gen sah in dem Minister Delcassé den Träger der russischen Freundschaft, den mit geheimnisvoller Weihe umgebenen Mann, der das Vertrauen des Zaren genoß und die Liebe des Zaren zu Frankreich vermittelte. Das erhob ihn über alle seine Kollegen und verlieh ihm die Unantastbarkeit eines Souveräns das heißt: eines nichtfranzösischen Souveräns.

Und jetzt ist er gefallen, gefallen trotz der gefälligen Un­terstützung, die ihm des Präsidenten Loubet ausdauernde treue Freundschaft lieh. Dem Gefallenen aber folgt Hohn und unermeßliche Mißachtung. Es gibt kein herabwürdi­gendes Beiwort, das die Pariser Blätter ihm nicht nachriefen. Es klingt beinahe wie eine Schmeichelei, wenn sie ihm bloß Unfähigkeit vorwerfen. Wenig fehlt, und es geht eine Danf­adresse nach Berlin an den gefürsteten Reichskanzler Bülow, weil er Frankreich von Delcassé befreit habe.

Die äußere Ursache des erstaunlichen Umschwungs liegt in dem allerdings harten Abfall, den Delcassés Politik in Marokko erlitten hat. Daß der Scherif von Marokko alle französischen Reformvorschläge glatt abgelehnt hat, mochte noch angehen. Daß aber der Beherrscher von Marokko sich weigert, überhaupt durch Frankreichs Vermittelung mit Europa zu verhandeln, daß er gerade den Kongreß verlangt, den Frankreich vermeiden wollte, das ist in der Tat bitter und würde unter gewöhnlichen Umständen ausgereicht haben, den Minister unmöglich zu machen, dem solches begegnet war. Troßdem muß gesagt werden: Ohne den ostasiatischen Krieg hätte Delcassé auch vor der marokkanischen Niederlage nicht zu weichen brauchen, wäre er der unantastbare Göße des russisch- französischen Bündnisses geblieben. Aber der ostasiatische Krieg hat durch seinen Verlauf die Meinung von dem Wert dieses Bündnisses völlig umgestaltet. Die Folge davon war, daß man auch den Dalai- Lama Delcassé, der das Bündnis vertrat, nicht mehr mit gößendienerischer Ehrfurcht betrachtete, und von dem Priester des Gößen sich abwandte, um nicht dem russischen Gößen selbst gegenüber ungezogen sein zu müssen. Der Sturz Delcassés ist das Ende des russisch- französischen Bündnisses! Der Form nach mag das der Inhalt ist Bündnis noch eine Weile bestehen bleiben ausgeschöpft.

Die Politik.

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Der Gesekentwurf über den Versicherungsantrag war im Bundesrat größeren Schwierigkeiten begegnet, die na­mentlich von bayerischer und sächsischer Seite erhoben wor­den waren. Wie aus guter Quelle verlautet, haben sich diese Schwierigkeiten auf ein Minimum herabgemindert, so daß das Zustandekommen des Gesezes ziemlich gesichert erscheint.

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O Die Entsendung des Kreuzers Kondor" nach unserem samoanischen Schutzgebiet ist nach einer neuen Version nicht die Folge der in einer Bittschrift von Deutschen Samoas an den Neichskanzler ausgedrückten Bitte um tatkräftige Hilfe gegen einen etwaigen Aufstand der Eingeborenen. Der Gouverneur Dr. Solf hielt es nur für richtig, den Einge­borenen, die mehrmals während seiner Abwesenheit unter Anwendung von Gewalt Gefangene befreit hatten, die Macht des deutschen Kaisers in Erinnerung zu bringen. Ob ein Kriegsschiff dauernd in Samoa stationiert werden soll, ist noch nicht bestimmt.

Aus Kapstadt kommen wieder einmal die gewöhn­lichen Alarmnachrichten über Südwestafrika, deren Verbrei­tung die englische Presse sich mit Vergnügen angelegen sein läßt. Es heißt, daß eine Meldung der Grenzpolizei ein­gelaufen sei, monach in Discondisdam, 18 Meilen von der Grenze, stationierte deutsche Soldaten die englischen Behör­den benachrichtigt hätten, daß Warmbad gefallen, und die ganze Besagung niedergemacht sei. Die Nachricht trägt den Stempel böswilliger und zugleich törich­ter Erfindung zu deutlich an der Stirn, als daß man sich durch sie irgendwie beunruhigen lassen dürfte. Sie ist aber fennzeichnend für die gehässigen Gefühle, mit denen unsere englischen Grenznachbarn in Südwestafrika unsere Kämpfe mit den Eingeborenen verfolgen. Das große 1nglück, das sie hier als geschehen ausgeben, wäre für sie die Erfüllung eines sehnlichen Wunsches.

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Die hamburgische Verfassungsänderung ist in der vom Senat vorgeschlagenen Form von der Bürgerschaft angenom­men worden. Dagegen wurde der zweite Teil des Senats­antrages, die Menderung des Wahlgesetzes, einem Ausschuß von 13 Mitgliedern überwiesen.