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Nr. 83.
Onfectionspreis: Die einfpaltige Betitzelle für ganz Oberbiffen, Sie Kreife Beglar and Marburg 10 Bfg. fenft 15 Bfg. Reklamen bie Betitzeile 30 refp. 40 fg.
Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Bernsprechanfchlak Nr. 862.
Freitag, den 7. April 1905.
Gießener
14. Jahrgang
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Neueste Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Der Mut der Goffe.
Als Nachwort zum jüngsten Ruhstrat- Prozeß erhalten wir folgende Zeilen mit der Bitte um deren Veröffentlichung:
Der Prozeß, der am Mittwoch in Oldenburg seinen Abschluß gefunden, nachdem er die öffentliche Meinung in ganz Deutschland auf das lebhafteste beschäftigt hat, ist ein typischer Prozeß gewesen. Von dem oldenburgischen Justizminister Rubstrat hatte man sich in der großherzoglichen Refidenz erzählt, daß er ein Freund des Kartenspiels, auch des Glücksspiels sei, daß er so manche Nacht bei den Karten zugebracht habe, als er noch Staatsanwalt war. Das war gewiß kein feiner Ruhm doch: wer sich ohne Sünde fühlt, werfe den ersten Stein auf ihn! Aus dem Staatsanwalt war inzwischen ein Oberstaatsanwalt und zulegt ein Justizminister geworden, der das Vertrauen des Großherzogs in hohem Maße besaß und dessen berufliche Tätigkeit allgemein anerkannt war.
Plötzlich, nach Jahren, erzählte ein in seinen Aussichten, die er gewiß für berechtigt hielt, getäuschter Lehrer, der die Ursache seiner bitteren Täuschung in dem Justizminister vermutete, in einem übel beleumundeten Skandalblatt böse Dinge von dem Justizminister: daß er wild hasardiert, daß er beim Kartenspiel viele Personen angeborgt und diese dann amtlich bevorzugt habe. Der Lehrer wurde verklagt und streng verurteilt, nachdem feſtgeſtellt war, daß er seine diffamierenden Behauptungen in keinem Punkt beweisen fonnte. Unbestritten war und von dem als Nebenkläger und Beuge auftretenden Justizminister Rubstrat ohne weiteres zugestanden, daß er gern und oft, namentlich in früheren Jahren, Karten gespielt, auch hasardiert habe. Die Berichte, die über den Prozeß in alle Welt hinausgingen, waren für den Justizminister Ruhstr t eine schwere Bein, cine förmliche Marter. Man mußte schon grausam sein, wenn man darin nicht eine reichliche Sühne auch für schweres Verschulden sehen wollte.
Einem oldenburger Cato aber war diese Sühne nicht ausreichend. Der Herausgeber jenes Skandalblattes, Biermann, fühlte den Beruf in sich, die beleidigte Tugend zum Siege zu führen. Er behauptete, daß der Justizminister fälschlich gewisse Nachreden hinsichtlich des Hasardspiels in Abrede gestellt habe. Er fand den berühmten Kellner, der die Gäste bespionierte, während er sie bediente, der für überreiche Trinkgelder sich durch Geschichtenträgereien denkbar erwies, und der mit erstaunlichem Gedächtnis nach Jahren für ihn ganz gleichgültige Einzelheiten festgehalten haben wollte, während die Beteiligten, für die diese Einzelheiten bon hohem Belang waren und deren Gedächtnis sie sich einprägen mußten, die Kellnerangaben als falsch bezeichneten. Dem Cato von Oldenburg, Biermann, wurde der Prozeß gemacht, der mit angemessen schwerer Verurteilung endete. Bezeichnend für den Cato von Oldenburg war es, daß er alle oldenburgischen Richter als befangen ablehnen wolte und vor ein nichtoldenburgisches Gericht gestellt zu werden ber langte.
Zum anderen Mal wurde Justizminister Ruhstrat durch die Zeitungen geschleppt. Die Prozeßberichte, auf deren Abfaffung niemand Einfluß genommen oder Einfluß zu nehmen bersucht hatte, waren in einem Bunkte, wie es scheint, nicht ganz genau, nämlich so abgefaßt, als ob Herr Justizminister Rubstrat auf Befragen ausgesagt hätte, daß er seit 12 oder 13 Jahren nicht hasardiert habe. In Wirklichkeit ist dem Minister Ruhstrat eine solche Frage vor Gericht nicht vorgelegt worden, in Wirklichkeit hat er die erwähnte Auskunft nicht gegeben, hatte er sie zu geben oder das Gegenteil auszuagen auch gar feine Veranlassung.
Gleichwohl behauptete der Cato Biermann, daß der
1 Taffe vorzüglich Justizminister einen Meineid geleistet habe. Die Folge war Fleischbrühe eine erneute Anklage und nach langer Verhandlung, in der
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die Verteidigung sich weit mehr durch lebhaftes Tempera
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Kraftbrühe 74 Bfg.
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teilung milde genug: zu einem Jahr Gefängnis-, an die sich unmittelbar eine weitere Verurteilung zu 5 Monaten Gefängnis wegen Beleidigung des Ruhstratschen Rechtsbei
pfiehlt angelegentlicht mann, der ein ungewöhnlich feiner" Mann sein muß, hatte
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Wilhelm Haas
Ben, Bleibftraße 18.
diesem Rechtsbeistand u. a. dessen hohen Rücken zum Borwurf gemacht!
Ort oder zu Ostern finanwälte zu begeistern. Doch lieber möchten wir, daß jede
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Beschäftigung
Wir haben keine Veranlassung, uns des Justizministers Substrat anzunehmen und uns für pokerspielende StaatsStaatsministerialsizung mit der lustigen Sieben" eingeleitet würde deren Bekanntschaft wir den oldenburgischen Prozeßberichten verdanken als daß wir in irgend einem Bunft uns auf einer Gesinnungs- und Handlungsüberein
biefigen Bigarrenfabetimmung mit den Biermann und Genossen ertappen ließen. Alingspor, Gießeen ein Biermann angreift, den können wir um Biermanns
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Aelucht.
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Gieken.
willen nicht angreifen.
Wir können uns überhaupt des Mißtrauens gegen die Catos von Beruf nicht erwehren. Vor einem echten Cato alle Achtung, die tiefste, aufrichtigste Ehrerbietung! Wer aber seine catonische Gesinnung bloß darin bekundet, daß er öchster Zugend unablässige Uebung von andern verlangt,
g. Blutflod. Timeährend er sich gegenüber Nachsicht übt, der ist ein Lump,
Hamburg Fichteff
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ein tausendmal größerer Zump, als irgend jemand, der hier oder da gegen Ordnung und Recht sich vergangen hat. Gewiß ist es ehrenvoll und ein Beweis von Mut, öffentliche Mißstände ohne Menschenfurcht zu rügen, Schäden aufzudecken, namentlich, wenn Machthaber an diesen Mißständen beteiligt sind, diese Schäden verursacht haben. Doch solcher Mut wird zum Mut der Gosse, wenn nicht edle Motive ihn bestimmen, wenn Skandalsucht und Skandalerwerb das leitende Moment bilden. Selbst wo wirkliche Schäden von solchen Revolverhelden offengelegt werden, sind diese Schäden nicht entfernt so schlimm, wie das Treiben der Revolverhelden selbst. Die anständige Presse kann und darf und will nichts mit ihnen gemein haben.
Eine Verfchwörung gegen den Zaren?
Ein englisches Blatt, das ernst genommen werden will, die„ Times", bringt eine sensationelle Meldung aus Peters. burg. Danach ist ein Attentäter, der sich als Oberst verkleidet hatte, mit zwei kleinen Bomben bewaffnet im Palast des Zaren in Barskoje Selo entdeckt und verhaftet worden. Als seine Helfershelfer wurden zwölf Geheimpolizisten ermittelt.
Aus dem ausführlichen Bericht des englischen Blattes feien folgende Stellen wiedergegeben: Am Montag empfängt der Zar regelmäßig, und zwar immer um dieselbe Tageszeit, diejenigen Offiziere, die während der Woche Dienst im faiserlichen Palast tun. Am leßten Montag erschien im faiserlichen Palast auch ein Offizier in der Uniform eines Kofatenregiments. Er war tadellos gekleidet, und seine Haltung war vollständig militärisch. Dennoch fiel er auf. Niemand fannte ihn, und später entdeckte man auch kleine Fehler an seiner Uniform. Es wurde Verdacht geschöpft und zur Verhaftung geschritten. Bei der Leibesvisitation fand man unter der Kleidung des angeblichen Obersten zwei kleine Bomben. Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab, daß 12 Geheimpolizisten die Helfershelfer des angeblichen Oberst waren. Sämtliche zwölf Geheimpolizisten taten regelmäßigen Dienst in dem kaiserlichen Schloß. Der Verhaftete verweigert jede Auskunft über seine Person, auch wurden teinelei Schriftstücke bei ihm vorgefunden.
Trozdem, wie gesagt, die Times" ein unzweifelhaft ernsthaftes Blatt ist, können wir in diesem Fall ihrem Bericht keinen Glauben beimessen. Daß auch in der Nähe des Zaren und wo es sich um die Person des Zaren handelt, nicht immer die anderwärts für selbstverständlich geltende Aufmerksamkeit geübt wird, haben die Vorfälle bei der Wasserweihe in Petersburg bewiesen. Aber von der nachläffigen Behandlung der Vorschriften über das Pußen der Salutkanonen bis zu der Zulassung eines Unbekannten in den engen Kreis der um die Person des Zaren diensttuenden Offiziere ist doch ein großer Schritt. Bisher ist ein wirkliches Attentat auf den Zaren von seiner unmittelbaren Umgebung oder von einem Eindringling in diese Umgebung nicht vorgekommen.
Die Meldung der„ Times" hat bis zur Stunde auch von feiner Seite Bestätigung erfahren.
Die Politik.
Aus Deutsch- Südwestafrika wird von einem Gefecht gemeldet, das am 25. März 25 Kilometer südlich Aminuis stattgefunden hat. Dort stieß Oberleutnant Baehr mit 31 Reitern der 4. Kompagnie auf 150-200 Hottentotten. Auf unserer Seite fielen ein Sanitätsoffizier, ein Unteroffizier und vier Reiter, außerdem wurden ein Unteroffizier und fünf Reiter verwundet; ein Reiter wird vermißt. Der Feind ging in der Richtung auf Kowise- Kolf zurück. Seine Verluste sind unbekannt. Er konnte nicht eingeholt werden. Major v. Estorff marschiert auf Geiab. Das Hauptquartier berbleibt vorläufig in Kub.
Das preußische Beamten- Pensionsgesetz ist fürzlich dahin abgeändert worden, daß die Bestimmung aufgehoben wurde, wonach die 12 000 Mark übersteigenden Gehaltsbezüge nur zur Hälfte als pensionsfähig gelten sollten. Eine Konsequenz hiervon ist es, daß auch in dem Reichsbeamtengesetz eine entsprechende Einschaltung gemacht wird. Das ist um so unabweislicher, als Deutschland einen großen Teil seiner Beamten aus Preußen übernehmen muß und die preußischen Beamten beim Uebertritt in den Reichsdienst natürlich nicht schlechter gestellt sein wollen.
frankreich.
Die Zusammenkunft des Präsidenten Loubet mit König Eduard hat den programmäßigen Verlauf genommen. Schon ist davon die Rede, daß nach einem Monat eine abermalige Begegnung der beiden Staatsoberhäupter stattfinden soll.
England.
Die Regierungspartei hat bei der Nachwahl zum Unterhaus in Brighton, Grafschaft Sussex, einen Sitz verloren. Das ist von symptomatischer Bedeutung.
Rufsland.
Die Unruhen in Warschau werden drakonische Strafberfolgungen nach sich ziehen. Alle Teilnehmer an den Demonstrationen werden vor das Kriegsgericht gestellt, das bebeits zwei Arbeiter zum Tode durch den Strang verurteilt hat. Der Mann, der am Montag auf den Schußmann Sarap im Hospital zu Praga geschossen hat, wurde verhaftet. Der Polizeikommissar Rastiegajem, der vor einiger Zeit schwer verletzt wurde, ist irrsinnig geworden. Das Ministerkomitee hat, um die Gärung unter den Polen zu beschwichtigen, den Beschl gefaßt, ihnen in Zukunft den Zutritt zu Staatsämtern zu gestatten, vorläufig allerdings noch nicht zu den höheren.
Zum Patriarchen der orthodoren Kirche soll der Metropolit Antonius von Petersburg ausersehen sein. Die Stelle eines Generalprokureurs des heilig dirigierenden Synod, die bisher Pobjedonoszew inne hatte, soll fortfallen, der Patriarch selbst das Recht des Vortrags beim Kaiser erhalten. Amerika.
Das Staatsdepartement in Washington hat die diplomatische Korrespondenz über das Programm des Staatssekretärs Hays, die Neutralisierung Chinas betreffend, veröffentlicht. Aus der Korrespondenz geht hervor, daß der beutsche Kaiser durch seinen Botschafter Freiherrn Speck von Sternburg die Angelegenheit bei dem Präsidenten Roosebelt in Anregung gebracht hat.
*
Hof und Gesellschaft.
Die Zusammenkunft des Kaisers mit dem König von Italien, der vormittags in Begleitung des Ministers des Auswärtigen, Tittoni, und dem Marineminister Mirabello in Neapel eingetroffen war, fand am Donnerstag mittag an Bord der Hohenzollern" statt. Unter Salut der Kriegsschiffe fam König Victor Emanuel an Bord, wo ihn der Kaiser in Admiralsuniform mit dem Bande des AnnunciatenDrdens erwartete. Nach überaus herzlicher Begrüßung der Monarchen fand an Bord Frühstückstafel statt, an der auch Prinz Adalbert von Preußen teilnahm. Darauf fand die Besichtigung des italienischen Panzers Viktor Emanuel" statt, worauf sich der König mit dem Kaiser zum Frühstück ins Schloß begab. Das Galadiner war wieder an Bord der ,, Hohenzollern" veranstaltet. Abends wohnten die beiden Monarchen im Theatro San Carlo der Aufführung des Roland von Berlin" bei.
Deutfcher Reichstag.
( 180. Sigung.)
CB Berlin, 6. April. Heute wurde bei recht schwachem Besuch zunächst in erster und zweiter Lesung die Novelle zum Reichsbeamtengejeg angenommen, nach der in Zukunft auch das 12000 Mark übersteigende Gehalt bei der Berechnung der Pension voll in Anrechnung gebracht werden soll. Es sprach dazu nur der antisemitische Abgeordnete Raab, der die Vorlage befürwortete und unter allgemeiner Heiterkeit vorschlug, ihr als Motto die Worte zu geben:„ Seinen Staatssekretären der diätenlose Reichstag". Sodann folgte die zweite Beratung des Ergänzungsetats für das Rechnungsjahr 1905, die eine Debatte über Südwestafrika brachte. Der fozialdemokratische Abgeordnete Ledebour protestierte gegen die vom Kolonialminister in der Budgetkommission mitgeteilte Absicht der Regierung, den Herero nach Niederwerfung des Aufstandes ihr Land nicht wiederzugeben, das stünde mit den Bräuchen zivilisierter Völker in Widerspruch. Die kolonialfreundlichen Abgeordneten antworteten darauf, daß in diesem Falle von einer Anwendung völkerrechtlicher Grundsäße nicht die Rede sein könne. In der Sache stand wieder die Sozialdemokratie für sich allein auf einem ablehnenden Standpunkte, alle bürgerlichen Parteien erklärten die Bewilligung der Position zur Herstellung der Ordnung im Schutzgebiet für notwendig. Der Abg. Dr. MüllerSagan hätte sogar am liebsten gleich ganz reinen Tisch gemacht, er schlug vor, die dritte Lesung unmittelbar auf die zweite folgen zu lassen. Allein dieser Antrag konnte nicht zur Abstimmung gebracht werden, da der freikonservative Abgeordnete v. Tiedemann dagegen Widerspruch erhob. Das Haus erledigte daher noch eine größere Anzahl von Petitionen und vertagte sich, da die Tagesordnung erschöpft war, schon kurz nach bier Uhr auf morgen.
Preufsifcher Landtag. Haus der Abgeordneten.
( 174. Sigung.) RK Berlin, 6. April. Die Begründung der Interpellation Faltin( 3enfr.) über die Genickstarre- Epidemie und die Antworten des Kultusministers und seines Kommissars gingen in der lärmenden Unruhe des auffallend gut befesten Hauses fast gang verloren. Die Regierung konnte natürlich nur erklären, daß sie der Epidemie ihre größte Aufmerksamkeit zuwende. Eine weitere Besprechung fand denn auch nicht statt. Die Fülle der erschienenen Volksboten galt der 2. Beratung des Gesetzentwurfs über die Verwaltung gemeinschaftlicher


