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Nr. 261

Jusertionspreis: Die einspaltige Betitzeile für ganz Ober­been, bie Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.

Mebattion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Kr. 362.

Redaktion der Neuen Berliner

Montag, den 6. November 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Platt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Der ruffifche Schrecken:

Der Zar übt fortgesetzt weiteres Entgegenkommen, das auf Wittes Einfluß schließen läßt. Dem Erlaß der Am­nestie ist die ebenso bedeutsame Ernennung des Fürsten Obolenski zum Oberprokurator des Heiligsten Synods an Stelle Pobjedonoszews gefolgt. Stellenweise ist auch über die deutsche Grenze der Eisenbahnverkehr wieder auf­genommen, und nach langer Pause sind in Petersburg auch wieder Zeitungen erschienen. Aber trotz alledem hält die Erregung an, nehmen die Kämpfe und Greueltaten ihren Fortgang.

Sind die Leidenschaften einmal entfesselt, so tritt der Böbel nur zu leicht in den Vordergrund.

Die schwarze Bande.

In vielen Provinzstädten hat sich eine terroristische Bartei, eine Bartei des Schreckens förmlich organisiert. Sie nimmt Stellung gegen alle, die einen Wandel in der poli­tischen Führung des Landes fordern, und verübt unter dem Vorgeben, dieses vor der Revolution retten zu wollen, die schlimmsten Ausschreitungen. Man hat dieser Partei und den Elementen, mittelst deren sie ihre Ziele zu erreichen sucht, die Bezeichnung der schwarzen Bande" gegeben. Ihrem Wüten sind die furchtbaren Straßenkämpfe in Odessa, in Kiem und anderen Orten und neuerdings auch in Moskau beizumessen. Auf sie ist auch das Vorgehen gegen die Juden zurückzuführen, das vielfach zu richtigen Massakers ausgeartet ist und entsetzlich viele Opfer an Menschenleben gefordert hat.

Das freie Finnland.

sich mit Knirschen gefügt, und selbst recht Hochstehende fanden große Hindernisse, wenn sie Milderungen verlangten. Im russischen Reich sollte es nach ihm nur die eine russische Kirche geben, alles übrige sollte rechtlos sein. Darum ließ er Juden, Protestanten, Polen, Finnen und Balten ver­folgen, fnebeln, entrechten. Die Minister, die das aus­führten, waren einzig die Handlanger Pobjedonoszews, der übrigens feige war wie Robespierre und nach jedem Atten­tat, das einem anderen gegolten, sich ins Bett verkroch. Jezt hat er seine Rolle ausgespielt.

Während in Polen und am Kaukasus die Bewegung durch die Beimischung des nationalen Elementes eine wil­dere Gestalt annimmt, vollzieht sich der Abfall Finnlands von der russischen Herrschaft in verhältnismäßiger Ruhe, aber gleichzeitig mit starker Entschiedenheit. Von der Ent­schlossenheit, mit der die Finnländer, die diesen Schritt ja schon lange vorbereitet haben, vorgehen, legt allein schon die Tatsache Zeugnis ab, daß sich alsbald eine Nationalgarde gebildet hat. Es wird darüber aus Helsingfors gemeldet:

Der Amnestieerlaß ist eine Konsequenz der jüngsten Verheißungen des Zaren. Nachdem der Zor die Forde­rungen des Volkes durch die Zusage ihrer Erfüllung für gerechtfertigt erklärt hat, kann er nicht gut die Ausstellung der Forderungen bestrafen, selbst wenn sie nicht in ord­nungsmäßiger Weise erfolgt ist. Eher könnte davon die Rede sein, die Urheber des jezigen zarischen Entschlusses 311 belohnen. So selbstverständlich aber Sie Amnestie. iſt, die Verkündung hat doch einen tiefen Eindruck gemacht. Die Bevölkerung hat die Nachricht mit freudiger Dankbar­feit aufgenommen.

Die Amnestie umfaßt alle bis zum 30. Oktober gegen die Person des Kaisers oder gegen Mitglieder des Kaiserhauses berübte Verbrechen, sowie das Verbrechen der Teilnahme an zu Umsturzzwecken gebildeten Geheimgesellschaften.

m weiteren werden gewisse Kategorien volitischer Ver­urteilter vollständig begnadigt werden; bei anderen schwereren Strafen verurteilten Personen treten große Strafherabseßungen ein; für politische Vergehen tritt voll­ständige Begnadigung ein.

Der Senat ist aufgehoben, und die Senatoren, sowie der Generalgouverneur sind verabschiedet. Von Lusby, einer Station bei Helsingfors, famen 100 Mann In­fanterie mit 8 Kanonen an, die Soldaten weigerten sich aber, zu schießen. Eine Deputation ist nach Petersburg abgereist. Die Nationalgarde stellt 4000 Mann und hält jeden Tag Schießübungen ab. Die Soldaten und deren Führer in Sveaborg haben den Bürgern Beistand ver­sprochen. In Kotta, Frederikshamn, Wiborg, Lovisa und Borga haben sowohl das Militär wie die übrigen Ein­wohner versprochen, an der Verteidigung des Vaterlandes teilzunehmen. Als in Helsingfors die Nachricht eintraf, daß eine russische Kompagnie heranrücke, wurde sie von der Nationalgarde zum Stillstand gebracht; die Kom­pagnie zog sich zurück, ohne daß es zum Kampfe kam. Finnland ist von russischen Truppen so gut wie entblößt, und dieser Umstand mag dazu beitragen, daß dort die Wandlung bislang auf keinen allzu großen Widerstand ge­stoßen ist. Es ist aber darum nicht anzunehmen, daß die ruffische Regierung ohne allen Widerstand den Abfall Finn­lands geschehen lassen sollte. Darauf deutet auch die Mel­dung hin, daß das in Reval liegende Geschwader der russi schen Ariens te noble entsandt worden Der neue Oberprokurator Die Amnestie. ( Eig. Bericht.) St. Petersburg, 4. November.

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* Anfang Dezember sollen im Reichsjustizamt die Bera­tungen über die Strafprozeß- Reform beginnen. An den Besprechungen werden sich die Justizverwaltungen von Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden und Hessen beteiligen.

Es scheint, daß selbst der radikalste Teil unter den rebo­lutionären Elementen jetzt geneigter ist, seinen Frieden mit der Regierung zu machen. Diese bedarf übrigens recht sehr der Unterstübung von seiten der besonnenen Intelligenz". Man muß ihr, der Regierung, vertrauen, damit sie das Vertrauen des Zaren behalte. Im anderen Falle ist es recht wohl denkbar, daß der Wankelmut des Zaren sich wieder anderen Ratgebern zuwendet, die eine Gewalt- und Säbelherrschaft empfehlen und durchzuführen wenigstens versuchen. Dabei könnte niemand gewinnen als vielleicht Pobjedonoszew, der gern aus seinem Bett herauskäme und aufs neue die Zügel Rußlands in die zitternden Hände nähme.

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Norwegens

** Die ersten diplomatischen Vertreter Norwegens für Deutschland, Rußland, England und Frankreich sind nun­mehr bestimmt; nach Berlin kommt der bisherige Militär­attachee Hauptmann Lie.

* Die neue Flottenvorlage ist nunmehr dem Bundesrat zugegangen; sie hält sich, was die Zahl der neu angeforder­ten Schiffe anlangt, in dem Rahmen dessen, was bisher offiziös darüber angedeutet worden ist.

Am elften Jahrestag seiner Thronbesteigung hat Zar Nikolaus zwei Erlasse von großer Bedeutung unterzeichnet. Der eine ernennt das Reichsratsmitglied Fürsten Obo­lensky zum Oberprokurator des Heiligsten Synods an­Stelle Pobjedonoszews, der andere verfügt eine Amnestie. Sener Erlaß ist der bedeutsamere. Welche Ansichten und Grundsäße Fürst Obolensky vertreten mag, ist zunächst ziemlich gleichgültig. Daß er Pobjedonoszem nicht ist, und daß seine Ernennung die Entlassung Pobjedonoszews besiegelt, das ist vorläufig die Hauptsache. Der böse Geist Rußlands ist damit des amtlichen Einflusses entkleidet, den er zum Verderb des Reichs, zum direkten Unheil für un­gezählte Tausende seit Jahrzehnten ausgeübt hat. Dieser falte Fanatiker", wie man ihn treffend genannt hat, ist der Vater der Reaktion gewesen, die mit der Thronbesteigung Alexanders III. am 13. März 1881 einsette, der Vater aller Grausamkeiten, die er durch Gesinnungsgenossen bon Ignatiem bis Plehwe ausführen ließ. Der Deut­schenhaß als Grundton der russischen Politik war sein Werk und sein Werkzeug. Seine Orthodoxie beruhte auf maß­lofer Intoleranz. Selbst den Uebertritt zur russischen Kirche erschwerte er durch die Anforderung, daß die Be­fehrten ihren früheren Glauben und dessen Anhänger ber­dammen und verfluchen sollten. So mancher Täufling hat

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Afien.

** Ueber die Ermordung der amerikanischen Missionäre in der chinesischen Stadt Lientschau wird berichtet, daß der überfallene Dr. Machie die Chinesen reizte, indem er die Entfernung eines Straßentheaters verlangte. Die Chine­sen griffen das Hospital an und brachten ein elett aus dem Schulzimmer als Zeichen der Grausamkeit der Aus­länder. Der wütende Pöbel brannte das Hospital, die Mädchenschule und die Häuser der Ausländer nieder. Dr. Machie und Gattin und ihre junge Tochter, Herr und Frau Peale, Dr. Eleanor Chesnut und Miß Peterson suchten Buflucht in einer Höhle. Alle wurden ermordet, außer Dr. Machie, der schwer verwundet wurde, und Miß Peterson, die in das Mamen floh.

* Bur Linderung der Fleischteuerung hat der Zentral­verband deutscher Industrieller bei den preußischen, baye­rischen und sächsischen Ministerien bekanntlich beantragt, die Einfuhr russischer und österreichischer Schweine zu sofortiger Abschlachtung schon jetzt in dem nach den neuen Handels­verträgen zulässigen Maße freizugeben. Dieser Antrag, welcher der deutschen Landwirtschaft den Seuchen­schutz in vollem Umfange beläßt, aber der Fleischteuerung doch wenigstens soweit wie möglich abzuhelfen geeignet ist, scheint Aussicht auf weitere Wirkungsfähigkeit zu haben. Es berlautet, daß die bayerische Regierung in diesem Sinne Anträge beim Reichskanzler zu stellen gedenkt. Der Vor­stand des Deutschen Fleischerverbandes plant die Einberu­fung eines außerordentlichen Verbandstages angesichts der andauernden Notlage.

Hus den Parlamenten.

Verstaatlichung der pfälzischen Bahnen. Die baye­rische Abgeordnetenkammer nahm den Gesetzentwurf über die Verstaatlichung der pfälzischen Bahnen mit 110 gegen 16 Stimmen an. Die Resolution über die gleich zu be­wertende Vorbildung des Personals der pfälzischen Bahnen fand ebenfalls fast einstimmige Annahme. Dem Personal foll dadurch die Uebernahme in den Staatsdienst gewähr­leistet werden.

Die zweite Kammer des sächsischen Landtages nahm einen Antrag an, die Regierung um einen Gesetzentwurf zur Aufhebung des§ 19 des Ergänzungssteuergesetzes zu ersuchen. In dem§ 19 wird die Freilassung des landwirt­schaftlichen Betriebskapitals von der Ergänzungssteuer bestimmt.

Soziales Leben.

Eingabe der Bergleute des Ruhr- Reviers an den Reichskanzler. Die Vertretung der organisierten Bergleute, die sog. Siebenerkommission, hat sich in einer Eingabe an den Fürsten Bülow gewandt. In dem Schriftstück heißt es, daß auf einer großen Anzahl Zechen im Oberbergamtsbezirk Dortmund die Arbeiter, die ordnungsmäßig von der Zeche abkehren, nicht eher auf anderen Zechen in die Arbeit ein­gestellt würden, bis sie neben dem vom Gesetz vorgeschriebe­nen Abkehrschein von der Zeche einen Ueberweisungs- bezw. Uebernahmeschein vorzeigten. Fehlt dieser Schein, so wird der Arbeiter nirgends eingestellt. Die Beche, von der er abgekehrt ist, verweigere aber die Ausfertigung sol­cher Scheine. Durch diese Verweigerung, werde dem Berg­arbeiter jeder Arbeitswechsel im rheinisch- westfälischen Berg­bau genommen. Nach der Meinung der Siebenerkommission verstößt eine solche Handlungsweise sowohl gegen die guten Sitten, wie auch gegen das Gesetz über Freizügigkeit, ja, hebt für den Bergarbeiter letteres geradezu auf. Der Reichskanzler wird deshalb um schleunige Abhilfe ersucht. Gleichzeitig richtete die Kommission einen Antrag an den preußischen Handelsminister, der vom Bergbauverein ver­öffentlichten und von den Zechenverwaltungen angenom menen Normalarbeitsordnung nur dann seine Zustimmung zu geben, wenn die Umgehungen und Widersprüche gegen die Gesezesnovelle aus der Normalarbeitsordnung beseitigt sind.

In feierlicher Weise hat der Einzug des Lippischen Fürstenpaares in die Hauptstadt Detmold stattgefunden. Das Fürstenpaar verließ im Galawagen das Palais. Krieger­und sonstige Vereine bildeten Spalier. Das Fürstenpaar wurde am Rathause unter in elnden Hochrufen einer un­zählbaren Menge durch den Oberbürgermeister in längerer Ansprache begrüßt. Dann erfolgte die Weiterfahrt nach dem Residenzschlosse. Auf dem Schloßplate erwies eine Ehren­Kompagnie die Honneurs. Im Residenzschlosse wurde der versammelte Landtag eröffnet. Der Fürst verlas eine Thronrede, in der Bezug genommen wird auf den alle Strei­figkeiten beendigenden Richterspruch des Reichsgerichts. Der Fürst gelobt, in rückhaltlosem Vertrauen auf den patrio­tischen Sinn und den redlichen Willen der Bevölkerung, in aufopfernder Handgabe an die Pflichten seines Amtes und in gewissenhafter Handhabung der bestehenden Geseke für das Wohl des Landes unermüdlich zu sorgen. In der Gesetzsammlung wird ein Gnadenerlaß veröffent­licht, nach dem Strafen für Uebertretungen bis zu 150 Mark Dem Geldstrafe bezw. 5 Wochen Haft erlassen werden. Staatsminister Gebefot wurde der erbliche Freiherrntitel * Für mehrere neue Gesandtschaften des Deutschen Reiches werden im nächstjährigen Etat des Auswärtigen Amtes die Mittel gefordert werden. Geplant ist die Errichtung von Gesandtschaften in Abessynien und Montenegro.

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Aussperrung im sächsisch- thüringischen Textilgewerbe. Insgesamt stehen jetzt 34 238 Webstühle still. Die feiernden Arbeiter verhalten sich sehr ruhig; sie sollen ge­sonnen sein, den Kampf durchzuführen. Der Gesamtvorstand des sächsisch- thüringischen Webereiverbandes hat heute in Greiz beschlossen, Montag, den 6. d. Mts. sämtliche Betriebe wieder zu eröffnen. Die Wiedereröffnung ist zunächst nur borläufig, da die Fortführung der Betriebe davon abhängt, daß in allen Verbandsbetrieben dauernd eine genügende Anzahl von Arbeitswilligen fich findet. Ist dieses nicht der Fall, so werden sämtliche Betriebe am 11. November aufs Die Be­neue und zwar auf längere Dauer geschlossen. megung unter den Leipziger Tertilarbeitern zur Einführung des Zehnstundentages ist beendet. Eine stark besuchte Ver­Jammlung akzeptierte das Angebot der Kammgarnspinnerei Stöhr u. Co., zum 1. Januar 1906 die 10% stündige Arbeits zeit und eine 4prozentige Lohnerhöhung sowie zum 1. Juni die zehnstündige Arbeitszeit einzuführen.

Die Bewegung im Ruhrkohlengebiet. Der Verein für die bergbaulichen Interessen erklärt zu der Eingabe der Sie. benerkommission an den preußischen Handelsminister, die Annahme der Arbeitervertreter, nach der die neuaufgestellte Normal- Arbeitsordnung mit den gesetzlichen Bestimmungen in Widerspruch stände, sei unrichtig. Die Erklärung geht die einzelnen beanstondeten Paragraphen durch und findet nirgendwo Anlaß zur Abänderung