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Nr. 156.

Jnfertionspreis: Die einspaltige Petitzelle für ganz Ober­beffen, bie Kreise Weylar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Bfg. Setlamen bie Petitzelle 30 refp. 40 Bfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 6. Juli 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhefftsche Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Handfertigkeits- Unterricht.

In der jüngst abgehaltenen 24. Hauptversammlung des Deutschen Vereins für Knabenhandarbeit ist von dem Abge­ordneten v. Schenckendorff, der unter den Förderern des systematischen Handfertigkeitsunterrichts in den Schulen in erster Reihe steht, angekündigt worden, er werde in der nächsten Landtagsfession beantragen, das Unterrichtsministe­rium zu einer entschiedenen Vertretung der Handfertigkeits­unterweisung, namentlich zur Aufnahme des Handfertig­teitsunterrichts, in den Lehrplan der Lehrerseminare auf­zufordern. Im Verlauf der Versammlungsberatungen wurde manches kräftige und gute Wort gesprochen, aber auch manche Uebertreibung verlautbart, die entschiedene Einrede herausfordert.

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Die Unterrichtsverwaltung ist dem Handfertigkeitsunter­richt durchaus nicht abgeneigt. Das beweist sie schon durch die Gewährung einer Subvention von 12 000 Mark an den in Rede stehenden Deutschen Verein für Knabenhandarbeit. Domit ist aber nicht genug getan. Jener Sympathiebeweis e: fordert als natürliche Konsequenz, daß der Staat in seinen Schulen den Handfertigkeitsunterricht nicht bloß für Knaben selbst pflegt, und die unentbehrliche Voraus­setzung hierfür ist, daß er in den Seminarien Lehrer heran­bildet, die zur Erteilung des Handfertigkeitsunterrichts vor­gebildet sind. Das wird freilich noch manche Schwierigkeit machen. Denn jeder Unterricht erfordert Zeit; und da eine Bei mehrung der Zahl der Unterrichtsstunden in den Se­minaren wie in den Volksschulen nicht angängig ist, so wird Platz für den Handfertigkeitsunterricht nur durch Ein­er: gung der für den wissenschaftlichen Unterricht verfügbaren Beit zu erlangen sein. Dazu kommt noch die Kostenfrage, die man sich nicht als allzu flein vorstellen darf. Für jede einzige Schulklasse sind Anschaffungen von Handwerkszeug, für jeden einzelnen Schüler Anschaffungen von Hand­werksmaterial nötig, da man die Aufwendungen hierfür in den Volksschulen nur ausnahmsweise den Eltern der Schul­finder wird auferlegen können. Hobel und Hobelbänke, eiserne Winkelmaße, Meißel, Stemmeisen, Hammer, Zen­trums- und andere Bohrer, Feilen, Raspeln, Sägen, Scheren und noch sehr viele andere Dinge werden in vortrefflicher, weil nur dann haltbarer Qualität, zur Ausrüstung jeder Schule und beinahe jeder Schulklasse gehören.

Die schultechnischen Schwierigkeiten, von denen oben dic Rede gewesen ist, werden nicht unüberwindlich sein. Unsere erfahrenen Schulmänner werden schon herausfinden, wie man wöchentlich einige Stunden für den Handfertigkeits­unterricht erübrigt, ohne den wissenschaftlichen Unterricht in empfindlicher Weise zu beeinträchtigen. Wir halten es sogar nicht für ausgeschlossen, daß solche Beeinträchtigung sich als überhaupt vermeidlich erweist, indem die natürliche Freude der Kinder am Handfertigkeitsunterricht und die Anregung, die die Kinder aus der ihnen lieben Betätigung gewinnen, sie frischer, reger und für den übrigen Unterricht empfäng­licher macht. Auch die Kostenfrage wird kein dauerndes Hindernis bilden. Es kommt schon einmal die Zeit, in der auch der von Berufs wegen farge Finanzminister freigebig wird und eine offene Hand zeigt. Es liegt ferner nicht außer­halb der Welt und ihrer Möglichkeiten, daß reiche Männer durch hochherzige freiwillige Spenden, von denen man in Amerika nicht selten hört, die Ausstattungskosten für den Handfertigkeitsunterricht in den Schulen zur Verfügung der Schulverwaltung stellen. In dieser Beziehung bedarf es bielleicht nur der kräftigen Anregung.

Für den, der mit den einschlägigen Fragen sich nicht näher beschäftigt hat, sei zur Vermeidung von Mißverständnissen ausdrücklich gesagt, was eigentlich selbstverständlich ist, daß es sich nicht darum handelt, etwa Tischlereistunden, Buch­bindereistunden u. s. w. gesondert erteilen zu lassen. Es gibt nur allgemeinen Handfertigkeitsunterricht, in dessen unteren Stufen die Knaben gleichmäßig beschäftigt werden, bährend in den höheren Stufen die Kinder sich je nach Nei­gung und Geschicklichkeit die Beschäftigung innerhalb ge­wiffer Grenzen frei wählen dürfen.

Davon soll und kann nicht die Rede sein, daß wir etwa mfere Schulen nach Art der amerikanischen Schulen ein­richten und den Handfertigkeitsunterricht zur eigentlichen Grundlage der Schulerziehung machen. Wenn behauptet wird, daß in dieser Einrichtung das Geheimnis der Vorherr­chaft der Technik im amerikanismen Wirtschaftsleben liege, so ist man für diese Behauptung den Beweis in jeder Hin­icht schuldig geblieben; ebenso für die Behaupturs, daß die arnerikanische Konkurrenz uns in absehbarer Zeit an die Band zu drücken drohe, wofern wir nicht statt des bielfach unnüßen Ballasts an geistigem Wissen" den Schülern mehr als Fisher praktischen Unterht angedeihen lassen. Das ird zum mindeſten maßlose lebertreibungen. Wir ſtatten umfere Volksschulen nicht mit einem lebermaß geistigen Wissens aus, und die unterrichtlich Ausstattung, die wir hnen mitgeben, hat sie bisher nur darin gefördert, ausge­zeichnete Arbeiter zu werden, die den Wettbewerb mit dem Arbeiter jedes anderen Landes auszuhalten vermögen. Wir bollen gern das Gute nachahmen, wo wir es finden. Wir baben aber feinen Grund, gerade das für gut zu halten, wens anders ist als bei uns. Die fräftigere Pflege des Hand­fertigkeitsunterrichts in den Schulen halten wir für sehr

empfehlenswert aber ohne die einseitige Betonung, die in Amerika üblich ist. Auch darin möchten wir dem amerika­nischen Beispiel nicht folgen, daß man der Ausstellung von Schülerarbeiten eine große Publizität gibt. Das verlockt zur Eitelkeit und zur Selbstüberschätzung, Eigenschaften, die man von Kindern sorglich fernhalten soll.

Zweck des Handfertigkeitsunterrichts ist, die Kinder da­hin zu bringen, daß sie ihrer Hände sich mit Fertigkeit bedienen, auch mit dem gebräuchlichsten Handwerkszeug ge­schickt umgehen lernen. ,, Die Art im Haus erspart den Bimmermann". Die Schule soll nicht die Handwerkslehre ersehen, sondern dem Handwerksmeister einen anſtelligen Lehrling zuführen.

Der Krieg in Oftafien.

Trotz der nur äußerst mangelhaft einlaufenden Nachrich­ten läßt sich ziemlich sicher feststellen, daß die japanische Feld­a: mee seit den blutigen Tagen von Mukden erhebliche Verstärkungen für die Generale Kuroki und Okn herangezogen hat. Dabei handelt es sich bei diesen Ersatz­transporten nicht etwa nur um Reserve- oder Landwehr­monnschaften, sondern um zwei Jahrgänge gut ausgebilde­ter Rekruten, die in der Stärke von 90 000 Mann einen nicht gering zu bewertenden Zuwachs für das Operations­heer bilden dürften. Es heißt auch, daß ein Teil dieser jun­gen Mannschaft der in Korea formierten sechsten Armee unter General Hasegawa zugeteilt wurde.

Die letzten Kämpfe

haben keine wesentliche Verschiebung der Sachlage hervor­gerufen. General Linewitsch, der russische Oberkomman­dicrende, will einen Erfolg dadurch errungen haben, daß er bei dem Dorfe Sanbaitse einige befestigte Positionen der Japaner erstürmte. Die Japaner dagegen melden aus Tcfio, daß sie mehrere russische Reiterei- Abteilungen, auch eine Kolonne Infanterie mit Artillerie geschlagen haben. Die Rissen erlitten angeblich Verluste in Höhe von 400 Mann, die Japaner geben als Verlustziffer 90 Mann an.

Admiral Nebogatom und 81 Russen sind nach Kyoto ge­bracht worden. Die Schiffe Bajan und Pereswjet werden in Port Arthur oberflächlich ausgebessert und dann nach Japan übergeführt, wo sie vollständig in Ordnung gebracht werden sollen. Es heißt, daß sie dann mit den anderen genommenen Schiffen ein besonderes Geschwader unter einem der Admi­rale bilden sollen, die sich in der Schlacht im Japanischen Meer ausgezeichnet haben.

Zu den Friedensverhandlungen will man in russischen politischen Kreisen in der Auswahl der russischen Mitglieder zu den Friedensverhandlungen den eirsten Willen des Zaren erkennen, zu einem dauernden Frieden zu gelangen. In denselben Kreisen verlautet, der Zar habe über Washington sein Einverständnis zu einem Waffenstillstand nach Japan gelangen lassen.

Hufftand und Husftand in Russland.

Angeregt durch die Meutereien auf der russischen Flotte haben jetzt auch die Arbeiter in verschiedenen Gegenden des Barenreiches wieder mit der Streikbewegung begonnen.

Gefahr für die Butilowwerke.

Schon zu Beginn der revolutionären Ausbrüche im Zaren­reiche waren die Butilowwerke in Petersburg der Herd der Arbeiterbewegung gewesen. Auch jetzt vollzieht sich ein ähn licher Vorgang. Es wird uns darüber aus der russischen Hauptstadt berichtet:

Nach amtlicher Meldung sind hier über 25 000 Ar­beiter ausständig. Die Putilowwerke sind von Kosaken, Infanterie, berittener und Fußpolizei besetzt. Die Direktion fordert in einer Bekanntmachung die ausständigen Arbeiter auf, die Arbeit sofort aufzunehmen, widrigenfalls die Fabrik geschlossen werden soll.

Auch in Nikolojew sind Tausende ausständig, und es ist bort schon wieder zu Plünderungen gekommen, Dort und in Bjelostok sind durch Bomben- Attentate Menschen ums Leben gekommen.

Provokateure in Odessa

Die Szenen in Odessa, die sich an die Meuterei des Knäs Potemkin" knüpften, gewinnen im Lichte der allmäh lich durchsickernden Meldungen ein immer schlimmeres Ge­präge. Wieviel tausende ihr Leben verloren haben, ist gar nicht festzustellen, da die Leichen haufenweise in die bren­nenden Hafenanlagen geworfen wurden. Wie oft bei sol chen Vorgängen, macht sich der Verdacht rege, daß dabei Agents provocateurs ihre Hand im Spiele gehabt und das bon Petersburg aus Spizel, die sich in die revolutionären Vereinigungen aufnehmen ließen, den Losbruch künstlich hervorgerufen haben.

Die aufständische Flotte.

Viel Schwierigkeit macht der russischen Regierung der noch immer im Schwarzen Meer sich herumtreibende ,, Knäs Potemkin". Das Meuterschiff ist vor Feodosia, dem Hafen­

ort an der Krim- Küste, aufgetaucht und hat dort Kohlen, Proviant und einen Arzt verlangt. Die Schwarze Meer­Flotte scheint tatsächlich nicht imstande zu sein, etwas Ener­gisches gegen das Treiben der Meuterer zu unternehmen, da die Kommandanten ihrer Leute offenbar nicht sicher sind. Es ist sogar die Rede davon, daß innerhalb der russischen Flotte, soweit sie sich vom Aufstand ferngehalten hat, eine Art Aus­stand der Bemannung Platz gegriffen, der die Regierung bei anlaßt hat, die Munition nnd die wichtigsten Maschinen­teile von allen in den russischen Häfen liegenden Kriegs­schiffen zu entfernen.

Meuterei auf der Handelsflotte.

Auch auf die Kauffahrteischiffe hat sich die revolutionäre Bewegung erstreckt. Es wird uns darüber aus Konstan­tinopel gemeldet:

Auf sämtlichen russischen Handelsschiffen, die au Alexandrien hier eingetroffen sind, stehen die Matrosen in vollem Aufruhr. Die Bewegung hat auch auf den Kaiser Nikolaus", einen Dampfer der Freiwilligen­Flotte, übergegriffen. Dieser sollte nach Alexandrien in See gehen, die Mannschaft erklärte jedoch, daß ihre Ge­genwart in Odessa wichtiger sei, und verlangte, dorthin unter Tempf gehen zu wollen.

*

Politifche Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Direktoren einer größeren Anzahl deutscher Ver­sicherungsgesellschaften hatten die Absicht, zur Feier der Silbernen Hochzeit des Kaiserpaares eine Marmorstatue des Kaisers im Sizungssaal des Kaiserlichen Aufsichtsamts für Privatversicherung in Berlin zu stiften. Auf Anfrage hat der Kaiser die Stiftung abgelehnt und anheimgegeben, den in Aussicht genommenen Betrag zu wohltätigen Zwecken zu be: wenden.

* Der sozialdemokratische Parteitag tritt am 17. Septem­ber in Jena zusammen. Dort wird Bollmar über die Par­teicrganisation, Richard Fischer über die Maifeier und Bebel über den politischen Massenstreik berichten.

In der nächsten Herbstsession des Reichstages soll ein Sozial- Berggesetz für Kamerun zur Vorlage kommen, falls es bis dahin nicht gelingt, den Entwurf eines allgemeinen Bergrechts für Deutsch- Südwestafrika fertig zu stellen.

* Der preußische Handelsminister hat verfügt, daß in Zu­kunft Maß- und Gewichtsrevisionen in Großhandlungen und Fabriken in den dem öffentlichen Verkehr nicht zugänglichen Räumen nur noch von den technischen Eichbeamten ohne poli­zeilichen Zwang und ohne Beisein von Bolizeibeamten vor­genommen werden sollen. Es empfiehlt sich für die Gewerbe­treibenden, den technischen Revisionen, die in ihrem eigenen Interesse liegen, keine Hindernisse zu bereiten. Schwierig­keiten, die etwa daraus entstehen, daß die zu prüfenden Ge­räte gerade für den Betrieb benötigt werden, können durch beiderseitiges Entgegenkommen leicht überwunden werden.

* Der preußische Staat hat keine Anleihe nötig, weder im laufenden, noch voraussichtlich im kommenden Jahr. Die außerordentlichen Einnahmen der Staatsbahnen ermöglichen die Staatshaushaltung ohne Inanspruchnahme eines Kre­dits.

* Am Dienstag hat der sächsische Eisenbahnrat zu der deut­schen Personentarifreform Stellung genommen und mit allen gegen eine Stimme die fürzlich von Herrn Eisenbahn­minister von Budde im preußischen Abgeordnetenhaus be­sp: ochene Vorlage als geeignete Grundlage für eine Per­fonentarifrefcrm erklärt. Dabei wurde der Erwartung Aus­druck gegeben, daß es gelingen werde, die gleichzeitige Ent­nahme mehrerer Fahrkarten für verschiedene zusammen­hängende Strecken zu ermöglichen. Außerdem wurden Wünsche laut, die sich auf Verbilligung oder gänzlichen Weefall des Schnellzugszuschlags im Naheverkehr, auf die Verhütung einer Ueberfüllung der Abteile mit Handgepäck und auf Einführung des englischen Gepäckbeförderungsver­fahi ens bezogen. Bei diesem Verfahren hat der Reisende selbst für Unterbringung und Abnahme seines Gepäcks, ohne Haftung der Eisenbahnverwaltung, zu sorgen.

Der Studienreise nach Kamerun und Togo, die in naher Zeit unternommen werden soll, schließen sich auch acht Reichstagsabgeordnete, vorzüglich Mitglieder der Budget­femmission, auf Einladung an. Die Plantagenbetriebe und die vorhandenen Eisenbahnanlagen werden besichtigt, die Ge­lände für den geplanten Bahnbau in Kamerun geprüft werden.

* Wie verlautet, steht im Bundesrat die Beschlußfassung über die Errichtung eines selbständigen Kolonialamts un­mittelbar bevor. Die Bestätigung des Gerüchts, das in die­fer Dringlichkeit nicht sehr wahrscheinlich ist, bleibt abzu­warten.

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Die hessische Zweite Kammer hat den Lotteriever­trag mit Preußen und den thüringisch- anhaltischen Staaten einstimmig angenommen.

* Der preußische Minister des Innern hat durch einen Erlaß Erleichterungen bei der Umsatzstener angeordnet. Alle Erwerbungen von Todeswegen und alle Besi veränd