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Nr. 82.

Bufertionspreis: Die einspaltige Bettzelle für ganz Ober­Ben, die Kretse Meglar and Marburg 10 fg. fenft 15 Pfg. Reklamen ble Betttzelle 30 refp. 40 fg.

Redaktion u. Haupterpesttion: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Donnerstag, den 6. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

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Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Die Eisenbahn- Betriebsgemeinschaft.

Die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den preußischen Eisenbahnminister v. Budde knüpft an dessen Tätigkeit für die Kanalvorlage an. Gleichwohl darf man annehmen, daß die Auszeichnung eine Anerkennung für die Gesamttätigkeit des Ministers sein sollte, für seine bis­herigen, wie für die in seinem Arbeitsprogramm in Aus­sicht gestellten Leistungen.

Herr v. Budde hat dieses Programm im preußischen Abgeordnetenhaus dargelegt und dafür allgemeine Zustim­mung gefunden.

Das Programm umfaßt in erster Reihe die Herstellung einer deutschen Eisenbahnbetriebsgemeinschaft. Es bedarf feines Beweises dafür, daß eine große Betriebsgemeinschaft Lokomotiven und Wagen besser ausnuten, die kostspielig­feit leerfahrender Wagen eher vermeiden, über die Vertei­lung der Frachten auf die verschiedenen Streden zweck­mäßiger disponieren, endlich eine ganze Anzahl Ausgaben in der Verwaltung leichter sparen kann, als eine Reihe von Eleineren Betriebsgemeinschaften. Es ist ferner unzweifel­haft richtig, daß von allen deutschen Eisenbahnverwaltungen die preußische, als die größte, bei der Herstellung einer deutschen Eisenbahnbetriebsgemeinschaft den geringsten Vorteil haben würde, während den kleineren Verwaltungen der höhere Nutzen zufiele. Da nun Preußen gesonnen ist, den kleineren Verwaltungen ihren vollen Anteil an den Er­sparnissen zu gönnen, so darf erwartet werden, daß der Schaffung einer deutschen Eisenbahnbetriebsgemeinschaft langer Widerstand nicht mehr entgegengesetzt wird. An­feitige Voraussetzung ist dabei, daß im Eisenbahn besi y eine Veränderung nicht eintritt, daß die Bahnen Staats­bahnen bleiben und nicht in das Eigentum des Reiches über­gehen. Der Reichseisenbahngedanke, den Fürst Bismarck einmal gehabt hat, darf vorläufig als aufgegeben, zum min­deften als auf unbestimmte Zeit zurückgestellt angesehen werden.

Das Programm des Herrn v. Budde zielt ferner auf Ver­minderung des Schreibwesens und des dem Schreibwesen dienenden Personals. Mit der Ausführung dieses Pro­grammteiles hat er sogar schon begonnen. Der daraus er­zielte und noch zu erwartende Gewinn ist ein doppelter: Ver­ringerung der Ausgaben und Erzielung einer erhöhten und beschleunigten Arbeitsleistung. Die Eisenbahnverwaltung hat jetzt weniger Beamte als vor zehn Jahren, die Kosten­ersparnis beläuft sich auf 40 Millionen Mark, und der Ge­schäftsgang ist flotter als er je gewesen. Selbstverständ­lich begegnet der Minister auch für diesen Teil seines Pro­gramms keinem Widerspruch.

Das dritte und wesentlichste Programmstück, für das die Zahl der Interessenten die größte ist, betrifft die Per­sonentarifreform, die seit mehr als zwanzig Jahren ber­heißen ist. Auf dem Gebiet unserer Tarife befinden wir uns noch ungefähr im Zeitalter der Postkutsche", sagte der Minister, und das ist buchstäbliche Wahrheit. Als die Eisenbahnen neu waren, gab man ihnen den Postkutschen­tarif, und dabei ist es allerdings mit zahlreichen Ab­weichungen bis auf den heutigen Tag geblieben. Der Abweichungen find schließlich so viel geworden, daß die Vereinheitlichung das dringendste und nächste Bedürfnis ist. Minister v. Budde will diese Vereinheitlichung auf der Grundlage des halben Retourbilletpreises durchführen. Auch hierfür ist die Zustimmung allgemein. Doch ist damit auch schon die Grenze der Uebereinstimmung erreicht. Eine weitere Verbilligung des Personenverkehrs wird nicht all­seitig gewünscht. Die Besorgnis von einem etwaigen Rück­gang der Einnahmen spricht dabei nicht mit, denn nach allen Erfahrungen zieht Verbilligung des Verkehrs eine solche Vermehrung des Verkehrs nach sich, daß der augenblickliche Ausfall bald wieder eingebracht ist, und Mehrerträge sich einstellen. Man will vielfach die Verkehrsvermehrung nicht, und namentlich nicht die Verkehrsverbilligung, weil diese den Entschluß der ländlichen Bevölkerung zur Schollenfluch noch erleichtern könnte. Aus solcher Anschauung ist auch die Abneigung gegen die vierte Eisenbahnklasse zu erklären. Die vierte Klasse ist bei denen, die sie benutzen, sehr beliebt; fie ist ganz so bequem eingerichtet, wie die dritte- sie ist nur in den Augen derer, die sie nicht benutzen, zu billig.

Ob die Sorge vor der Schollenflucht begründet ist oder nicht, kann dahingestellt bleiben. Tatsache ist, daß sie vor­handen ist und sich zurzeit Berücksichtigung erzwingt. Jeden­falls sind die Zeiten noch fern, in denen wir mit Aussicht auf Berwirklichung an die Einführung des Personenportos" denken dürfen, eines weitstufigen Zonentarifs. Dagegen ist die Erwartung gestattet, daß die deutsche Eisenbahn­betriebsgemeinschaft gewisse erleichternde Einrichtungen einzelner Bahnbetriebe wie die Kilometerhefte Badens allgemein machen wird.

Ebenso wird die Hoffnung erlaubt sein, daß die deutsche Eisenbahnbetriebsgemeinschaft mittels Ausnahmetarifen eine Art Reichspolitik treiben, jedem Deutschen ermöglichen wird, um ein Billiges die Reichshauptstadt kennen zu lernen. Es wäre so übel gar nicht, bekämen nicht bloß die wohlhaben. den oder zur Garde ausgehobenen Reichsländer Berlin zu Gesicht. Nichts stände auch im Wege, durch analoge Aus.

nahmetarife den za.deshauptstadten entsprechenden Verkehr aus dem Landesgebiet zuzuführen.

Herr v. Budde wird nicht so bald am Ende seiner Ne­formen sein. Er hat sich ein großes Aufgabengebiet gesteckt, und dieses Gebiet hat die Eigenheit, daß es wächst, wenn man darin vorschreitet. Es hat noch eine weitere Eigen­heit: daß es mit jedem Vorschreiten sich neue Freunde ge­minnt.

Die Politik.

Dem Reichstag ist der Entwurf einer neuen Maß- und Gewichtsordnung zugegangen. Die Neuerung besteht im wesentlichen darin, daß die Gewerbetreibenden, die nicht am Sitz des Eichamts wohnen, ihre Geräte und Gewichte nicht mehr dem Eichamt zur Prüfung einzuschicken brauchen. Ein Eichmeister besucht die Gewerbetreibenden zur Nacheichung von Geräten, die wegen ihrer Größe oder aus Besorgnis der Beschädigung nicht zum Eichlokal gebracht werden kön­Andere Geräte und Gewichte sind von den Gewerbe­treibenden in bestimmten Eichlofalen vorzulegen.

nen.

In Deutsch- Südwestafrika macht General v. Trotha weitere Fortschritte. Der Häuptling Marengo ist aus den Rarasbergen vertrieben und nach Olifantkloop bei Stunobis in Betschuanaland geflohen. Der Häuptling Abraham Mor­ris ist auf dem Rückzug gefallen.

o Der Verband deutscher Handlung gehilfen hat in seiner jingst in Leipzig abgehaltenen Generalversammlung sich da­fär cusgesprochen, daß die neueingeführten Kaufmanns­gerichte auch in Städten von weniger als 20 000 Einwoh­nern gebildet und dort den Amtsrichtern der Amtsgerichte unterstellt werden möchten.

Die deutsche Kolonialschule in Wikenhausen entließ in voriger Woche ihre Abiturienten, die nach Deutsch- Ostafrika, Deutsch- Südwestafrika, Samoa, Java, Neuguinea und Gua­temala gehen. Im Wintersemester war die Durchschnitts­zahl der Studierenden 65, im Sommersemester wird für 70 Raum sein. Die Nachfrage nach tüchtigen jungen Leuten wächst von Jahr zu Jahr, so daß die offenen Stellen als Pflanzungsbeamte u. f. w. bei weitem nicht besetzt werden

fonnten.

+ Die deutsch- asiatische Bank und die British- Chinese Corporation haben einen endgültigen Vertrag über den Bau einer englisch- deutschen Zweigeisenbahn Tientsin- Chinkiang abgeschlossen und der chinesischen Regierung vorgelegt. Un­mittelbar bevor dies bekannt wurde, fabelte die Londoner ,, Times", daß die chinesische Regierung mit Unruhe auf die von England der deutschen Regierung in der wirtschaftlichen Entwickelung von Schantung gewährte Hilfe blicke. Die deutsche Regierung wolle in Schantung tun, was die russische Regierung in der Mandschurei tat. Es bedarf keines Nach­weises, daß die Times" ihre eigene Gesinnung( die mit ihrer Ueberzeugung nichts gemein hat) der chinesischen Ne­gierung einfach unterstellt.

Italien.

Das Kriegsministerium verlangt eine Erhöhung des Militäretats um 12 Millionen Lire, außerdem 30 Millionen zur Anschaffung von Kanonen und 100 Millionen abschläg­lich für Befestigungen an der Nordgrenze. Das Mini­sterium Fortis- Tittoni wird sich dadurch nicht sehr beliebt machen.

frankreich.

Minister Delcaffé hat eine kleine Entschädigung für die schlimme Erfahrung, die er mit seiner Marokko- Politik ge­macht hat. Wenn nicht in legter Stunde eine Absage er­folgt ist, durfte er heute in Gemeinschaft mit dem Präsiden­ten Loubet den König Eduard auf dem Bahnhof Noissy- le­Sec bei Paris begrüßen. Die sehr flüchtige Begrüßung sollte offenbar ein äußeres Zeichen dafür sein, daß England den Reinfall seines Marokkopartners bedauert.

Russland.

Die Rebellion in Rußland kennt nichts Ehrwürdiges mehr. Die Arbeiter von Lodz, die kürzlich eidlich gelobt haben, keine Zigarette mehr zu rauchen, feinen Schnaps mehr zu trinken, glaubten, daß ihnen nun nichts unmöglich sei. In dieser Ueberhebung verlangten sie von Frauen und Mädchen, daß diese auf Haarkämme und moderne Frisuren verzichten sollten. Mit unhöflicher, aber wohl landes­üblicher Deutlichkeit gaben sie ihrem Unwillen dadurch Aus­druck, daß sie Frauen und Töchtern die Kämme aus den Haaren rissen und zerbrachen. Damit war zugleich der moderne Charakter der Frisur ausreichend verwischt. Doch die Männer hatten sich überschätzt, und die Widerstands­kraft der Frauen zu gering veranschlagt. Die Arbeiterinnen mollten ohne den Haarschmuck vor den Männern nicht er­scheinen und legten einmütig die Arbeit nieder. Die Polizei sollte diese mutigen und für gewisse Ideale begeister­ten Frauen in ihre Dienste nehmen, und es würde sich nicht

wiederholen, was am Dienstag im Hospital zu Warschau geschehen ist. In das Hospital, wo ein durch ein Attentat verletzter Polizeibeamter lag, fam ein Unbekannter, schoß den Verwundeten in die Schulter und verschwand. Die Polizei wußte keinen besseren Rat, als daß sie alle ange­schossenen Polizeibeamten in das Militärlazarett verlegte. Die Warschauer Universität bleibt bis auf wei­teres geschlossen. In Petersburg macht das Ent­Iassungsgesuch Pobjedonoszews großes Auf­sehen. Ein Petersburger Blatt sagt: Informierte Kreise bringen diesen Entschluß des Oberprokureurs in Berbindung mit der neuen Strömung unter den Vertretern der Kirche, die in letzter Zeit aut gegen die wider Kirchenrecht und Tra­dition verstoßende Knechtung der Kirche durch die weltliche Bewalt laut protestieren."" Das ist natürlich Pobjedonos­jews eigene, wahrheitswidrige Darstellung. Der überkluge Mann schreit über Knechtung der russischen Kirche, während diese tatsächlich unumschränkt herrscht. Zwei Minister wollen ihren Abschied nehmen: der Landwirtschafts­minister Yermolow, der durch den Fürsten Scherbatom ersetzt werden soll, und der Minister des Auswärtigen Graf Lambsdorf, als dessen Nachfolger der derzeitige Botschafter in Rom Graf Murawiew gilt,

Amerika

In ciner Ansprache an die deutschen Gesangbereine in Louisville, die ihn mit einem Lied begrüßt hatten, feierte Präsident Roosevelt die deutsche Gemütlichkeit. Das Wort schon sei ein mächtiger und wertvoller Besitz. Die Ameri­faner sollten lernen, was die Gemütlichkeit zu bedeuten hat und wie sie in allen Lebenslagen anzuwenden sei.

Das Urteil im Prozefs Rubftrat

wurde gestern in später Abendstunde gefällt. Der der Be­leidigung des Ministers Ruhstrat angeklagte Redakteur Bier. mann vom Oldenburger Residenzboten" wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wovon 5 Monate auf die Unter­suchungshaft angerechnet werden.

Ueber die Verhandlungen des letzten Tages geht uns noch der folgende Bericht zu:

Oldenburg, 5. April.

Die Plaidoyers haben begonnen. Nach dem, was der gestrige Nachmittag noch brachte, ist es kein Wunder, wenn sie von großer Schärfe sind. Verteidigung und Staatsan­waltschaft führten gestern einen erbitterten Kampf. Der Verteidiger Dr. Sprenger beflagte sich heftig, daß man von seiten der Staatsanwaltschaft immer wieder versuche, ihn mit der Redaktion des Residenzboten" in Verbindung zu bringen. Er sieht diese Absicht in der erneuten Verneh­mung der Frau Biermann, die über ein mit dem Landtags­abgeordneten Wessels geführtes Gespräch berichten soll, in dem sie angeblich behauptet hat, von Sprenger Material gegen den Minister Ruhstrat erhalten zu haben. Die Zeugin erklärt in ihrer Aussage, Dr. Sprenger habe ihr nur juri­stischen Rat erteilt. Dasselbe erklären die beiden Verteidi­ger, die auf ihren Antrag abwechselnd die Robe ablegen und unter ihrem Eide an den Zeugenstand treten. In diesen Vernehmungen treten heftige Vorwürfe gegen die Staats­anwaltschaft und die oldenburgischen Richter zu tage. Eine Frage des Nechtsanwalts Sprenger, ob es nicht in Wahrheit der Minister Ruhstrat selbst sei, der den Prozeß gegen Lier­mann führe, beantwortet Staatsanwalt Simmen mit einem entrüsteten Nein. Die Vernehmung weiterer von der Ver­teidigung vorgeschlagenen 84 neuen Zeugen, die befunden sollen, daß die öffentliche Meinung durch die eidliche Aus­fage des Ministers in den Irrtum versetzt worden sei, daß dieser seit 14 Jahren nicht mehr gespielt habe, wurde von dem Gerichtshof als irrelevant abgelehnt. Die Pleidoyers fönnen beginnen.

Der Staatsanwalt Dr. Simmen geht in seinen Aus­führungen sehr ausführlich darauf ein, daß in dem Bier­mann- Ries- Prozesse, in dessen Verlauf der angebliche Mein­eid des Ministers vorgekommen sein soll, gar nicht die all­gemeine Spielleidenschaft Ruhstrats zur Frage gestanden und daß die Zeugenaussagen der letzten Tage nichts er­geben hätten, was darauf hindeute, daß der Minister s. St. irgend etwas wissentlich troß seines Eides verschwiegen habe. Auch die Verteidigung habe im Biermann- Ries- Prozesse keine einzige Frage gestellt, aus der dem als Zeugen auftretenden Minister zum Bewußtsein hätte kommen können, daß das Spiel Ruhstrats im allgemeinen zur Erörterung stehe. Die Beurteilung dieser Sache könne auch nicht der Auffassung der Verteidigung unterliegen, weil sonst schließlich keine ein­ziger Zeuge dagegen gefeit wäre, daß er später des Mein­eids bezichtigt würde, wenn immer die Auffassung der Ver­teidigung maßgebend sein würde. Der Staatsanwalt be­fundet sodann die Absicht, in dem bevorstehenden Prozeß des Kellners Meyer noch einmal die ganze Spielaffäre des Ministers Rubstrat zu erörtern, und kritisierte scharf die Haltung des Residenzboten", dem es lediglich darauf an­komme, durch persönliche Gehässigkeit Radau zu machen. Da die polizeiliche Unterdrückung des Blattes, die mehrfach ge­