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gründet

1898.

Nr. 3.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitselle für ganz Ober­beffen, die Kretse Weglar and Marburg 10 Pfg. sonst 15 Bfg. Reklamen die Betitzelle 30 refp. 40 fs.

Redaktion u. Haapterpebitions Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Mittwoch, den 4. Januar 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnement@ preis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Bfg., burch bie Boft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Grattabeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) unb bie Gießener Geifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Gießener Neuesten Nachrichten

werden fortwährend von allen Postanstalten, Brief­trägern, unsern Agenten und Trägerinnen angenommen.

Auf den Trümmern Port Arthurs.

In seinem berühmten Roman Der Zusammenbruch" schildert Zola in einer höchst anschaulichen Weise den lang­samen Aufmarsch der deutschen Truppen, welche die Festung Sedan wie einen eisernen Gürtel einschnürten. In äußerster Jerne bewegen sich auf einem hohen Bergrücken, für das bloße Auge von der Festung aus bemerkbar, unaufhörlich dunkle winzige Gestalten wie ein Ameisenhaufen. Tag und Nacht rieselt auf der Höhe diefer unheimliche Fluß weiter, und in der Festung verbreitet sich bei der Gewißheit des nahenden Schicksals ein bleiches Entseßen. Die Schilderung dieser Stimmung in der Stadt, die Darstellung von der bebenden Angst, die dann durch jeden Kanonenschuß und durch fnatterndes Gewehrfeuer in einen jähen Schreck umschlägt, ist wohl die beste Darstellung, die aus Bolas Feder geflossen ist. Wer jetzt unter dem Eindruck der Kapitulationsmeldung von Port Arthur dieses Kapitel nachliest, kann förmlich die Em­pfindungen der eingeschlossenen Besatzung von Port Arthur mit erleben. Wie ein dumpfes, unabwendbares Verhängnis zog sich dieser eiserne Ring immer enger und immer fürchter­licher um die Stadt herum. Belagerer und Belagerte haben in diesem langsamen Ringen, bei dem förmlich jeder Schritt­breit Erde erkämpft und das ganze Kampfgebiet mit zahl­losen Leichen übersät wurde, vor der Weltgeschichte ein glor= reiches Beispiel von Heldenmut geliefert. Aber es geht doch wie eine aufatmende Erlösung durch die Menschheit, daß dieser wüste Traum und das entsetzliche Wüten der Kriegs­furie auf diesem engen Raum endlich zum Schluß gekommen ist.

Bereits regt sich aber auch der Optimismus der Illusio­nisten, welcher die Wahrscheinlichkeit eines baldigen und die Möglichkeit eines dauernden Friedens vorgaufelt. Bort Arthur ist jetzt japanischer Besiz. Zwar haben die Russen, ehe sie sich ergaben, die wertvollsten Befestigungswerke in die Luft gesprengt und ihr Kriegsmaterial zerstört. Aber die Japaner werden alsbald damit beginnen, auf den Trüm­mern von Port Arthur die alten Befestigungswerke wieder herzustellen, um diesen Hafen zum Stüßpunkt ihrer ostasia­tischen Vormachtstellung zu machen. Der Besitz von Port Arthur ist nicht bloß das Wahrzeichen ihrer Vorherrschaft in Ostasien, sondern auch die sicherste Grundlage ihrer Macht, die vollständig den politischen Schwerpunkt unter den Völ­fern verschiebt. War der Krieg gegen China das erste Symptom des Auftretens der mongolischen Rasse in der Weltgeschichte, so reiht der Erfolg vor Port Arthur die Ja. paner in die Gruppe der anerkannten Großmächte ein. Die Boemachtstellung Japans in Ostasien und das ins Maßlose gewachsene Selbstbewußtsein dieses Volkes ist für Europa eine ernste Friedensgefahr, denn mit der Beendigung des russisch. japanischen Krieges beginnt eine neue Epoche. Als Vormachi in Ostasien werden die Japaner ihr Hauptaugenmerk darauf richten, die Chinesen zu höherer Kultur zu erziehen und eine Art Monroedoktrin für Asien ausbilden. Rußland stand immerhin in gewissem Sinne als Posten für die europäischen Bölfer auf äußerster Grenzwarte. Auch wenn dieser Posten noch nicht ganz verlassen ist, so ist doch ein großer Teil des Arieges bereits entschieden.

Amerika, das selber die treibende Kraft zu einer neuen politischen Konstellation ist und das vor allen Dingen auch auf Asien sein Hauptaugenmerk gerichtet hat, rechnet bereits In höchst realer Form mit der neuen Machtstellung der Ja­paner. Newyork und St. Francisco haben in nachdrucks­ocller Weise das Gelingen der letzten japanischen Anleihe gefördert, und auch jetzt hat die Kunde von dem Erfolg gerade bei den amerikanischen Börsen eine förmlich enthusiastische Stimmung hervorgerufen offenbar weniger aus einer idealen Friedensbegeisterung heraus, sondern in Verfolgung der nüchternen nordamerikanischen Politik, die schon lange ben Handelsverkehr mit Ostasien an sich zu reißen sucht und in dem jungen japanischen Volk das sich namentlich bei seiner schlechten wirtschaftlichen Lage nach Bundesgenossen umsehen muß, einen zuverlässigen Förderer seiner Handels. intereffen sieht, als in Rußland. Jedenfalls ist das Selbst.

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bewußtsein der Japaner durch diese neuen Erfolge ins Un­gemessene gestiegen, und die Gefahr für unseren politischen und handelspolitischen Einfluß auf Asien wird immer größer, je schneller dieses Inselreich Gönner findet, die ihm nach diesem großen Kriege über die inneren Wirtschaftskrisen hinweghelfen. In England herrscht augenblicklich noch das geschäftliche Interesse vor: dort ist die lette Anleihe finan ziert worden, und ein Teil des japanischen Goldbestandes ist dort domiziliert. England wird also diejenige Macht sein, welche für das erstarkende Japan die wertvollsten Geschäfts abschlüsse macht, aber in Frankreich kommt nur der politisch Cedanke zum Wort, und wer etwas feinhörig auf die Aus lassungen der Presse achtet, wird sehr leicht die Sorge er fcimen, welche das französische Volk angesichts der Trümme ron Port Arthur wegen der bedrohten Machtstellung der eurächen Bölker bewegt.___

Das Kapitulationsabkomme

ist inzwischen von den beiderseitigen mit bindender Vollmacht ausgestatteten Abgeordneten unterzeichnet worden. Wie die Bedingungen lauten, darüber ist bisher noch keine amtliche Mitteilung ergangen. Doch scheint es, als ob General Nogi der Anregung des Mikado, der voller Anerkennung für die heldenmütige Tapferkeit des Gegners ist, gefolgt sei und den schwergeprüften Belagerten den Abzug mit allen militärischen Ehren gestattet habe. Aus Tokio wird wenigstens an Lon­doner Blätter depeschiert:

Nach einer Meldung aus Port Arthur wurde den Russen bewilligt, mit allen Kriegsehren, also mit allen Waffen, Feldgeschützen und fliegenden Fahnen aus der Festung zu marschieren. General Stössel und die leiten­den russischen Offiziere sollen sofort auf Ehrenwort nach Rußland gehen dürfen, und dem Rest der Besagung werde ebenfalls die Stückkehr gestattet werden unter der Ver­pflichtung, keinen weiteren Anteil an dem Kriege mehr zu nehmen.

Vor Einleitung der Kapitulationsverhandlungen spreng­ten die Russen ihre sämtlichen Schiffe in die Luft. General Nogi hat sofort angeordnet, daß der erschöpften Garnison sofort Lebensmittel, Arzneien, Tragbahren und chirurgische Instrumente unter japanischer Bedeckung zugeführt werden. Zwischen Nogi und Stössel entwickelte sich ein freundschaft­licher Briefwechsel. Stössel kondolierte Nogi zum Tode seiner Söhne.

In Rußland setzt man jetzt die ganze Hoffnung auf eine Reorganisation der Flotte. Roschdjestwenski hat vorläufig mit seiner Abteilung in den Gewässern Madagaskars Halt gemacht.

Die Leiden der Besatzung

erfahren noch in folgendem Bericht aus Tschifu eine furcht­bare Beleuchtung: Die Offiziere der von Port Arthur dort eingetroffenen russischen Torpedobootszerstörer erzählen folgendes: Die Hospitäler in Port Arthur wurden von Gra­naten getroffen, so daß die Verwundeten nicht mehr darin bleiben wollten. Einige legten sich trotz der heftigen Kälte auf offener Straße auf Trümmerstücken nieder, andere gin­gen wankend zur Schlachtlinie, schleuderten Steine und boten den andringenden Japanern Troß, bis sie gefangen genom­men wurden oder der Tod sich ihrer erbarmte. Das dauerte fünf Tage und fünf lange Nächte. Für Hospitalzwecke fand sich keine Platz mehr, und die Munition, obgleich seit mel reren Monaten sparsam damit umgegangen war, begann zu mangeln. Zwei weitere Torpedobootszerstörer haben sich nach Kiautschau gerettet.

*** Ueber die Kapitulation und die Ereignisse, die ihr unmittelbar vorangingen, liegen noch folgende Telegramme vor:

Tokio, 3. Januar.( Reuter.) Den russischen Offizieren und Beamten wurde gestattet, auf Ehrenwort nach Rußland zurückzukehren. Die Offiziere behalten das Seitengewehr. Der Kapitulationsvertrag bestimmt, daß die Mannschaften der Besagung von Port Arthur als Kriegsgefangene nach Japan gebracht werden.

Nach einem weiteren Bericht General Stössels find bet der Verteidigung Port Arthurs gefallen: 2 Generale, 6 Obersten, 1 Oberstleutnant, verwundet wurden 4 Generale, 6 Obersten, 4 Oberstleutnants, 2 Kapitäne. Von den übrigen Stabsoffizieren ist ein großer Prozentsaz gefallen, gestorben und verwundet. Viele Kompanien wurden von Fähnrichen geführt. Die Kompanten haben durchschnittlich 60 Mann.

Petersburg, 3. Januar. Ein Telegramm Stöffels an den Kaiser vom 29. Dezember besagt:" Gestern Vormittag um 10 Uhr Sprengten die Japaner die Brustwehr des britten Forts und eröffneten sodann eine starke Kanonade auf der ganzen Front, die sich besonders gegen das dritte Fort richtete. Gegen 1 Uhr geiffen sie von den Laufgräben die Brustwehr an. 8wei Angriffe wurden zurückgeschlagen, aber die Japaner besetzten das Loch, welches eine Explosion riß. Gegen 5 Uhr abends beseßten sie die Brustwehr und brangen bei Einbruch der Dämmernng in großer Anzahl

in das Fort. Zwei Bataillone unserer Truppen, die auf den Wällen fämpften, wurden rernichtet. Die Abteilungen unserer Truppen zogen sich in die Kassematten zurück, aber die Japaner stellten vor den Eingängen Revolverkanonen auf, sodaß es den Verteidigern unmöglich war, hinauszukommen. Wir machten drei Gegenangriffe, jedoch ohne Erfolg. Das Fort blieb in den Händen der Japaner. Unsere Verluste, besonders an Offizieren, find bedeutend. Die Besaßung ge­langte durch die Fenster ins Freie Nach der Einnahme des Forts find die Japaner Herren des ganzen Nordostens. Wir werden uns noch einige Tage halten. Die Munition ist fast verschossen. Ich werde Maßnahmen treffen, um in den Straßen Blutvergießen zu vermeiden. Die Garnison leidet an Scorbut; 10000 Mann sind erkrankt. Die Generale Fock und Nikitin leisteten mir heldenhaften Bei­stand."

Die Dolitik.

In Wiener publizistischen Kreisen wird eine sehr leb­hafte Erörterung über die angebliche Auszeichnung des Fürsten von Bulgarien durch den deutschen Kaiser gepflogen. Der Kaiser soll bei der Beisezung der Herzogin Alexandrine von Sachsen- Koburg und Gotha den großen bulgarischen Halsorden getragen und innerhalb dreier Stunden mehrere Unterredungen mit dem Fürsten gehabt haben. Daß der Kaiser bei einem familiären Zusammentreffen auch mit dem Fürsten konversiert, ist wohl selbstverständlich. Was aber die sonstigen Aufmerksamkeiten anlangt, so haben wir es hier sicher mit Erfindungen von Publizisten zu tun.

A Die Kanalkommission des preußischen Abgeordneten­hauses hat ihre Arbeiten wieder aufgenommen; sie nahm zunächst Kenntnis von dem zwischen den Weihnachtsferien verfaßten Bericht.

O Demnächst wird eine Sammlung interessanter Briefe aus dem Nachlaß des ehemaligen Chefredakteurs Freiherrn von Hammerstein veröffentlicht. Sie rühren teilweise von hervorragenden Staatsmännern her und werfen inter­effante Streiflichter auf die Zeitgeschichte und auf den Cha­rafter Hammersteins, der es seinerzeit verschmähte, sein Ma­terial zu veröffentlichen, wodurch er sich angesichts des drohen­den Strafprozesses die Unterstüßung mächtiger Persönlich­feiten sichern konnte. Dagegen hat er deren Veröffentlichung durch lettwillige Verfügung angeordnet und seiner Samm­lung ein objektives Geleitsport beigegeben. In der Samm­lung befinden sich auch persönliche Aufzeichnungen des Ver­storbenen.

Oefterreich- Ungarn.

Der König Franz Josef, der in Best eingetroffen ist, wird persönlich die Auflösung des Reichstags in einer Thron­rede bekannt geben. Die Kossuthpartei und die Konserva­tiven haben sich zu einer einheitlichen Oppositionspartei zu­sammengeschlossen.

Die Reformzwickmühle.

Petersburg, 3. Januar.

Die Nachricht von dem Sturze Port Arthurs hat hier mächtig eingeschlagen. Wiewohl schon seit Wochen die ber­zweifelte Lage dieser Festung bekannt war, so war der russi­sche Fatalismus doch auch in diesem Falle mächtig genug, um die Hoffnung auf einen unerwarteten Glücksfall groß­zuziehen. Um so tiefer ist die Niedergeschlagenheit bei den wenigen Nationalisten und um so größer die Friedenshoff­nung bei den Gegnern dieses Feldzugs, die bei weitem in ber Mehrheit sind. Am nachhaltigsten beschäftigt aber dieses Ereignis die Reformfreunde, die nunmehr mit verdoppeltem Nachdruck für ihre Forderungen eintreten, um sie durch Forcierung durchzusetzen. Allerdings die Aussichten sind gering, trotzdem der vom Zaren eingesetzte Ausschuß eifrig an den Reformen arbeitet. Die Mühle klappert, aber sie gibt kein Mehl. Die Hoffnungen sind sehr gering, weil an der Spitze des Reformausschusses der allmächtige Herr 9. Witte sieht ein Mann von starker Individualität, aber immerhin nur der Träger des absolutistischen Prinzips. In inem fonstitutionell regierten Staate, wo schließlich auch die wirtschaftlichen Interessen zur Geltung kommen, wäre sein Wirtschaftsprogramm einer künstlichen Aufzüchtung der russischen Industrie auf Kosten der einheimischen Bevölke­rung und einer Ausdehnung des staatlichen Einflusses bei gleichzeitiger Konservierung Halbbarbarischer Zustände völlig undenkbar gewesen. Ein solcher Mann versteht das Volk nicht und wird sich niemals zu einer Erweiterung des öffent­lichen Einflusses verstehen, weil dann seine Stolle und seine Bolitik ausgespielt ist. In dem Augenblicke, da ſeine per­sönliche Macht sich erweiterte, wankte auch die Stellung des Fürsten Swiatopolk- Mirski, der angeblich seine Demission eingereicht haben soll, um einem Günstling des Herrn b. Witte, dem Fürsten Obolenski, Platz zu machen. Angeb­lich soll Fürst Swiatopolk den Polen zu weitgehende Ver­