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Nr. 103.

Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­beffen, bie Kreise Weglar and Marburg 10 Pfg. sonft 15 Bfg. Reklamen die Petitzelle 30 resp. 40 Pfg.

Rebattion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Mittwoch, den 3. Mai 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erfd cint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Zur Marokkofrage.

Nun hat auch der britische Gesandte in Tanger, Mr. Lowther, das Wort in den marokkanischen Verwickelungen ergriffen. Er wurde vor kurzem erst nach Tanger entsandt mit der Bestimmung, dem Sultan in Fez erst im Herbst sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Neuerdings erging die Weisung an ihn, spätestens schon in drei Wochen die Reise nach Fez anzutreten. In Frankreich deutete man dieses Vorgehen Großbritanniens natürlich in dem Sinne, daß man eine englische Unterstüßung Frankreichs in der Meinungs­verschiedenheit mit Deutschland folgerte.

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Mr. Gerald Lowther sagte dem Korrespondenten des Temps" in Tanger, die Beschleunigung seiner Reise nach Jez zum Sultan habe unter den gegenwärtigen Umständen nicht nur die Erfüllung von Etikettevorschriften zum Zweck, sie sei auch durd) jene Klausel des englisch- französischen Ab­fommens veranlaßt, durch die sich die beiden Regierungen verpflichtet haben, sich gegenseitige Unterstützung bei der Durchführung des Abkommens zu leisten. Die dem Sultan von Frankreich unterbreiteten Vorschläge verlegten feineswegs die Interessen dritter Staa­ten und würden dem Lande ermöglichen, sich allmählich ohne Erschütterung zu entwickeln. Deutschland kann mit wirklich diesen Erklärungen einverstanden sein, wenn seine berechtigten Interessen nicht gefährdet sind, die es sicherlich unbeschadet der englischen Dazwischenkunft zu wahren wissen wird. Die Reichsregierung geht überhaupt in der Sache mit aller wünschenswerten Energie vor. Der Pariser Temps" hatte die Nachricht über die an Frank­reich gewährten Hafenkonzessionen in Tripolis dazu benutzt, Verdächtigungen gegen Deutschland auszustreuen. Die tri­politanische Hafengeschichte sollte nach der Behauptung des Tempa" von deutscher Seite verbreitet sein, um in Italien Mißtrauen gegen die französische Politik zu erregen. Darauf wird in einem rheinländischen Blatt eine Erklärung ver­öffentlicht, die offenbar auf amtliche Quellen zurückzuführen ist und in der es heißt:

,, Es ist kaum nötig, darauf hinzuweisen, daß hieran fein wahres Wort ist, und daß Deutschland mit dieser ganzen tripolitanischen Angelegenheit nicht das geringste zu tun hat. Solche un ehrliche Ausstreuungen fön­nen höchstens den Verdacht bestärken, daß Frankreichs Vor­gehen in der marokkanischen Frage doch nicht so harmlos ist, wie es die französischen Offiziösen manchmal darzustellen be­lieben. Eine gute Sache braucht man nicht mit so schlechten Mitteln zu vertreten." Diese fräftige Abfertigung erinnert an die berühmten falten Wasserstrahlen, die der erste Kanz­-Ier des deutschen Reiches bei Gelegenheit in die brodelnde Siedchitze der Deutschenfresserei nach Paris zu senden wußte. Jedenfalls wird dadurch auf das nachdrücklichste gezeigt, daß

man in Berlin mit aller Entschiedenheit auf dem einmal für richtig erkannten Weg fortzuschreiten gedenkt und sich dabei weder von französischen noch englischen Machenschaften ab­halten lassen wird.

Die ruffifche revolutionäre Bewegung.

Aus Anlaß des Blutbades in Warschau wird uns von einem Kenner der russischen Verhältnisse geschrieben: An den russischen Osterfeiertagen, 30. April und 1. Mai, ertvar­lete man im ganzen europäischen Rußland Gewaltszenen. Nicht den Ausbruch einer elementaren Volksbewegung be­fürchtete man, sondern die ebrigkeitlich, richtiger: die poli­zeilich organisierte und geleitete Erhebung des Pöbels gegen die Gebildeten, einen Raubzug der Besitlosen gegen die Be­jizenden. Die russische Regierung, so erzählte man in Ruß­land selbst ganz offen, und es wurde dort auch allgemein ge­glaubt, wisse gegen die störrige Intelligenz" kein besseres und überhaupt kein anderes Mittel, als die Erregung von Furcht vor der zügellosen Masse. Wenn diese in all ihrem Schrecken sich zeige, werde die Intelligenz fügsamer werden und die autokratische Regierung als Retterin aus der Not mit erneuter Achtung begrüßen. Das ist eine Politik der Verzweiflung; aber es hat beinahe den Anschein, als ob die Möglichkeit einer anderen Politik zurzeit nicht vor­handen wäre. Was irgend zur russischen Intelligenz gehört, schreit nach Verfassung und Volksvertretung. Die Advo katen kommen aus ganz Rußland zusammen, um juristische und Standesfragen zu besprechen, und ihr erster Ruf ist nach Verfassung und Volksvertretung. Der allrussische Pro­fessorentag vereinigt sich, und die gelehrten Herren, die doch alle schon über die Jahre des Sturms und Drangs hinaus find, schreien nach Verfassung und Volksvertretung. Der Aerztekongreß tagt, und nicht nach Krankenhäusern verlangt er, nicht nach hygienischen Einrichtungen, sondern nach Ver­Von den Advokaten kann fassung und Volksvertretung.

man annehmen, daß die Gewohnheiten ihres Berufs sie zu geborenen Parlamentsfreunden machen. Von den Gelehr­ten fann man glauben, daß ihre Ansichten durch theoretische Erwägungen bestimmt seien. Aber die Aerzte sind in aller Welt die unpolitischsten Lebewesen, die wohl als Indivi­duen, doch nie von Standeswegen sich um politische Dinge gefümmert haben. Wenn schon ein Aerztefongreß sich für Verfassung und Volksvertretung einsegt, so ist kein Zweifel, daß in Rußland ohne Ausnahme die gesamte Intelligenz dieser Richtung angehört. Was kann aber die Regierung tun, so lange der Zar am selbstherrscherlichen Regiment fest­hält? Sie darf keine durchgreifenden Reformen vorneh­men sie hat nicht die Macht, die Träger der Verfassungs­so bleibt ihr nichts übrig, als forderung niederzuwerfen der Versuch, die Intelligenz durch die Furcht vor dem Mob den eigenen Forderungen abwendig zu machen.

auch Königliche Grenzjäger genarrt haben. Ich bin ein Der Eselsmüller und die Falschmünzer. geringer, ehrlicher Müller und komme das ganze Jahr nicht hinaus, höchstens einmal auf den Sassenburger Pfingstmarkt. Meine Mühle wirft soviel nicht ab, daß ich Reisen bis Hüsten oder Neheim in Westfalen unter­nehmen kann."

19)

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.) Der Eselsmüller sah den Kreisrichter und den Gendarmen Eigenbrod, die gekommen waren, ihn zu berhaften, von oben bis unten an.

Wir wollen eine Haussuchung in Eurer Mühle abhalten und Euch selbst verhaften," wiederholte der Gendarm kurz, da er offenbar glaubte, der Eselsmüller habe ihn nicht verstanden. Macht also keine Umschweife, Es. Ismüller."

" Genug, Herr Gendarm", fiel der Eselsmüller jetzt ein, meine Mühle gehört nach letzter Entscheidung zu dem Landratsamt Frankenburg, deshalb bitte ich, mir nochmals klar zu machen, was Fürstlich. Beamte hier zu suchen haben. Die Herren müssen sich aber kurz fassen, denn mein Gedächtnis fängt an, schwach zu werden, lange Reden ertrage ich nicht."

Der Müller sah in diesem Augenblick recht dumm aus, sodaß der Kreisrichter und sein erfahrener Eigen brod zweifelhaft wurden, ob eine Haussuchung nötig sei. Ehrerbietig stand der Eselsmüller da, seine Zipfel­müße unter dem Arm.

Hört mal, Müller," sprach jetzt der Kreisrichter, Eure Berstellung hat feinen Wect. Wir wissen, daß Ihr der Leiter der ganzen Falschmünzerbande seid. Ihr seid einer der geriebensten Burschen. Seid Ihr nicht derselbe, welcher die Grenzjäger so jämmerlich ab­geführt hat?"

Ein Zucken des Spottes ging durch des Esels­müllers Gesicht, dann aber erwiderte er ganz treuherzig: Herr Vetter Kreisrichter, ich habe von Mahlgästen in meiner Mühle erzählen hören, daß einer dort aus dem Filsschen Grunde, bei den Eisenhammern soll er wohnen, fich als den Eselsmüller ausgegeben hat. Derselbe soll

Der Streisrichter wußte nicht wie ihm geschah. Dieses ehrliche Eselsmüllergesicht sollte, wie erzählt wurde, einem abgefeimten Burschen, ja einem Schurken gehören, den keine Behörde zu fassen vermochte?

Eselsmüller," sprach er, es liegen gegen Euch schwere Anklagen vor, deshalb müssen wir Euer Haus durchsuchen. Kein Naum darf uns ungeöffnet bleiben. Wir werden dann sehen, ob Ihr ehrlich seid oder der, als welcher Ihr beschuldigt werdet."

Herr Vetter Kreisrichter, Ihr könnt die ganze Mühle in allen Winkeln vom Dache bis zum Keller untersuchen, verschlossen ist nichts. Doch, Vetter Kreis­richter, meine Mühle, Ihr wißt es ja schon, gehört in das Landratsamt Frankenburg."

Der Kreisrichter stuzte über diese Einwendung. Einen Augenblick dachte er, der Eselsmüller ist doch der Schurke, den wir suchen. Ec gab Eigenbrod einen Wink und beide traten in den Hausgang.

Dort sagte der Kreisrichter gedämpft zu seinem Begleiter: Aufgepaßt, ich traue nur halb."

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Wird geschehen, Herr Kreisrichter," gab Eigenbrod ebenso gedämpft zurück.

Dieser Augenblick hatte dem Eselsmüller genügt, seinem stummen Mahlknappen ein Zeichen zu geben. Derselbe eilte sofort in die Mühle. Neben dem Mahl­fasten war eine Falltür angebracht, welche losgelegt wurde, sobald Hochwasser in die Mühle eindrang. Sie verschloß einen Durchlaß, der in den tiefer gelegenen Mühlgraben, abwärts der Mühle, mündete. Die Ein­hänge wurden von dem stummen Mahlknappen gelöst. Der Eselsmühlenbach rauschte darunter her, der Nuhne zu. Hier war der lange Haase ertrunken.

Das Befürchtete ist nicht eingetreten, die angekündigten Unruhen sind ausgeblieben. Damit ist keineswegs bewiesen, daß die Befürchtungen unbegründet waren. Weit eher ist anzunehmen, daß man auf der anderen Seite auf den Ver­such, der nur glüden konnte, wenn er überraschend kam, Ver­zicht leistete, gerade weil man gesehen, daß man sich darauf vorbereitet hatte. Dazu kam noch der weitere Umstand, daß inan in nicht kleinen Gebiten des westlichen Rußland inner­halb der Kreise der Intelligenz und der Besitzenden ohnehin auf alles gefaßt ist, auf eine furchtbare Bauernbewegung, die nicht von der Regierung kommandiert ist. In den bal­tischen Provinzen magen sich die Gutsbesitzer schon lange nicht mehr ohne Schußbegleitung in ihre eigenen Wälder; es wäre ihnen am Ende schon Schlimmeres begegnet, wenn die esthischen und lettischen Bauern die russische Regierung nicht noch mehr, viel mehr haßten als den Grundherrn, mit dem sie sich zur Not verständigen können.

In Russisch- Polen allein, d. i. in den beiden Großstädten Warschau und Lodz, ist es zu offenen Konflikten, zum Straßenkampf gekommen, bei dem über hundert Personen zu Tode kamen, mehrere Hundert verwundet wurden. Hier hat die russische Regierung die Macht, die Träger der Ver­fassungsforderung niederzuwerfen, und hier ist ihr jeder Vorwand recht, von der Macht Gebrauch zu machen. In Russisch- Polen steht heute noch der Kern des russischen Heeres, den man nicht nach Ostasien zu schicken wagt, weil man ihn im Lande nötig hat. Hier bewährt sich auch das russische Heer-- allerdings einem ungeordneten und nicht regelrecht bewaffneten Feind gegenüber.

Daß der Straßenkampf in Warschau und Lodz unver­meidlich gewesen wäre, wird man nicht behaupten können. In Warschau hatten 5000 Arbeiter mit Frauen und Kindern einen Umzug veranstaltet. Daß sie rote Fahnen voran­tragen ließen, daß sie revolutionäre Lieder sangen, war ge­wiß nicht in der Ordnung. Aber die Ordnung herrscht schon lange nicht in Warschau. Solche Umzüge kommen alltäg­lich vor, ohne daß Polizei oder Militär einschreiten. Warum sollte das am Ostermontag anders sein? Die Arbeiter waren bis zum Witkowskyplak gekommen. Einer Patrouille Garde­Ulanen gaben sie willig Raum. Die Patrouille nahm Auf­stellung und machte einen Angriff auf die Menge, als Militär bon der Marschalkowskastraße her anrückte und feuerte. Aehnlich ging es in der Jerusalemstraße zu, nur mit dem Unterschied, daß hier die Arbeiter das Feuer erwiderten.

Am Abend herrschte Totenstille. Man müßte aber sehr optimistisch sein, wollte man glauben, daß diese Friedhofs­ruhe andauern wird. Die Straßen still zu machen, reicht das russische Militär schon aus die Revolution aus den russi­schen Köpfen zu bringen, dazu ist keine Macht imitande.

Ueber die blutigen Vorkommniffe in Warfchau werden eine Menge Einzelheiten gemeldet, welche die Szenen

,, So, nun frisch ans Werk," wendete sich der Kreis­richter an den Eselsmüller und gleich darauf ging es die Treppen hinauf bis zum Boden unter dem Stroh. dache, dann zurüd bis in die Mahlstube. Man fand nicht im Geringsten etwas Verdächtiges. In der Küche gab es beinahe Bsenhiebe. Die taube Haushälterin fühlte sich durch eine Durchsuchung ihrer Küche in ihren Rechten tief gefcänft. Stampfbereit stand sie da mit dem langen Reiserbesen und nur des Eselsmüller Zeichen­sprache hielt sie von dem Zuschlagen ab.

Sternein war furz vorher in den Wald gegangen. Jetzt kam er zurück und trieb die Esel in den Mühl­stall. Um die beiden Fremden kümmerte er sich nicht, obwohl er beide sehr gut fannte. Vielleicht wollten sie mit dem Müller ein Geschäft abschließen oder sprachen auf ihrer Reise nach Br... kirchen einmal flüchtig vor. Der Müller würde fertig mit ihnen, das wußte er, es mochte ihr Weg sein, wie er wollte.

Kernein stand gerade vor dem Mühlgang, als er einen Schrei hörte und gleich darauf einen zweiten, dann ein starkes Plätschern und Prusten. Er eilte sofort an den Mühlbach und sah den Kreisrichter und den Gendarmen Eigenbrod ohne Kopfbedeckung im Wasser liegen. Beide machten vergeblich Rettungsversuche, sie trieben gerade unter dem Wasserrade des Mühlganges. Schnell holte Kernein Haken herbei und zog den alten Eigenbrod, der ihm am nächsten war, zuerst ans Ufer. Unterdessen war auch der Eselsmüller herbeigeeilt und beiden gelaug es darauf, auch den Kreisrichter aus dem starken Ge­triebe herauszufischen.

Der Schrecken und das unfreiwillige Bad wirkten auf den Kreisrichter übel ein. Am ganzen Körper zitternd mußte er vom Eselsmüller und Kernein in die Mühle getragen werden. Dort wurde er entkleidet und in ein für ihn erwärmtes Bett gesteckt. Der Eselsmüller zeigte sich jetzt als Samariter. Mitleidig verabfolgte er den beiden Gebadeten zur Stärkung und Erwärmung einen tüchtigen Schluck des verpönten Nordhäusers". ( Fortsetzung folgt.)