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bolliten Dinge

Nr. 79.

Sufertionspreis: Die einspaltige Betitzelle für ganz Ober­Beffen, bie Streise Wehlar amb Marburg 10 Bfg. fenft 15 Pfg. Reklamen ble Betttzeile 30 refp. 40 fg.

Rebattion u. Haupterpebition: teßen, Geltersweg 88. Fernsprechenschluk Nr. 362.

Montag, den 3. April 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50- Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Das freie Land Marokko.

Als Kaiser Wilhelm am Freitag im Gebäude der deut­schen Gesandtschaft zu Tanger die Huldigung der deutschen Kolonie entgegengenommen hatte, gab er der Freude darüber Ausdruck, daß er die Pioniere des deutschen Han­dels und der deutschen Industrie in dem freien Lande Ma­roffo begrüßen könne. Wenige Stunden, nachdem diese Worte gesprochen worden, waren sie in Paris bekannt, wo der Minister des Auswärtigen, Delcassé, dem Senat über die maroffanische Angelegenheit Aufschluß zu geben hatte. Der Minister der Republik tat, was er fonnte, um seine Marokko­politik zu rechtfertigen, und um vor der Welt glaubhaft zu machen, daß er nie die Absicht gehabt habe, Frankreichs Interessen in Marokko im Gegensatz zu den Interessen an­Serer Staaten zur Geltung zu bringen, daß sein Streben vielmehr immer darauf gerichtet gewesen sei, den Gleich­Elang, die Harmonie der französischen Interessen mit den Interessen dritter Mächte in Marokko zu finden und zu er­Halten.

Da Herr Delcassé dies beweisen mußte, und da er in Der glücklichen Lage war, vorausseßen zu dürfen, daß man feine Behauptungen auch ohne Beweis als zutreffend hin­tehmen würde, so hatte er ziemlich leichtes Spiel. Er brauchte nur einige Kleinigkeiten zu verschweigen, und ihm avar das Zeugnis sicher: Dies Kind kein Engel ist so rein"...

Es handelte sich um zwei wesentliche Verschweigungen. Die eine betraf den Umstand, daß man über das englisch­französische Marokko- Abkommen den Mächten, insonderheit Deutschland, gar keine Mitteilung gemacht hat. Von einer Bergeßlichkeit fann hier natürlich nicht die Rede sein, es lag Absicht vor, und diese Absicht bekundete, daß man Deutsch­land nicht für berechtigt hielt, bei irgend einer Regelung der Marokkofrage oder bei der Vorbereitung einer solchen Rege­Jung mitzusprechen und sein Handelsinteresse geltend zu machen. Die andere Verschweigung bezog sich darauf, daß Das englisch- französische Abkommen die Politik des offenen Tors" in Marokko nur auf dreißig Jahre stipulierte, über diesen Zeitpunkt hinaus aber die Bestimmung der marokka­nischen Wirtschaftspolitik von Frankreich allein abhängig ſein ließ.

In einem dritten Punkt waren die Delcasséschen Aus­führungen ganz zutreffend. Frankreich ist in Nordafrika der Nachbar Marokkos, und die inneren marokkanischen Un­ruhen machen sich im französischen Gebiet unerfreulich be­merkbar, greifen über die Grenze, stören die öffentliche Ord­nung und machen deren Wiederherstellung so schwierig wie fostspielig. Herr Delcassé aber geht viel zu weit, wenn er bieraus folgert, die unbequeme Nachbarschaft gebe Frank­reich das Recht, den unbequemen Nachbar unter sein Protek­torat zu nehmen und sich darüber höchstens mit den westlichen Mittelmeermächten zu verständigen.

Das ist eine irrige Auffassung. Wenn Mächte irgendwo mehr als andere interessiert sind, so gibt ihnen das noch feineswegs den Anspruch, jedes dritte Interesse ganz auszu­schalten oder als quantité négligeable zu behandeln. Und Deutschlands Interesse in Marokko ist durchaus keine quantité négligeable, jedenfalls denkt Deutschland nicht daran, zu dulden, daß an irgend einer Stelle, wo Deutschland in Frage kommt, eine Neuregelung ohne Deutschland vor­genommen wird. Deutschland erhebt den Anspruch, um feine Meinung gefragt zu werden, und will nicht übergangen sein. Wer solche Unhöflichkeit sich zu schulden kommen läßt, darf sich über die Konsequenzen nicht beklagen.

Als der Kaiser vom freien Land Marokko" sprach, betonte er, er werde es sich angelegen sein lassen, den deutschen Handel in Marokko, der einen erfreulichen Aufschwung nehme, zu fördern, was nur unter der Voraussetzung der Gleichberechtigung aller Mächte und unter der Souveränität des Sultans und der Unabhängigkeit Marokkos geschehen könne. Dabei wird es auch sein Bewenden behalten. Deutschlands Handel braucht die offene Tür" Marokkos und ist auch dabei interessiert, daß diese Tür marokkanisch bleibe, nicht etwa französisch werde. Wenn die westlichen oder die sonstigen Mittelmeerstaaten demgegenüber gleich­gültig sind für Deutschland ist es nicht gleichgültig. Denn wenngleich Deutschland kein Mittelmeerstaat ist, so hat es doch einen nicht unerheblichen afrikanischen Besitz, für den es unter Umständen sehr von Belang ist, ob der Weg nach der Küste nur auf englisch- französisches oder auch auf selbstän­diges marokkanisches Gebiet führt.

Das sind freilich weiter abliegende Erwägungen, die bald mehr in den Vordergrund treten, zeitweilig auch wieder völlig verschwinden können. Die Hauptsache bleibt die Fest­stellung, daß Deutschland in keiner internationalen Frage ignoriert werden darf, und daß sich selbst schadet, wer solchen Versuch unternimmt. Die Leitung der französischen Politik Herr Delcassé mag sie behalten oder in weniger kompro­mittierte Hände legen wird sich je eher je besser ent­schließen müssen, mit diesem unwiderruflichen und unver­fürzbaren Anspruch Deutschlands zu rechnen. Je rückhalt­loser sie es tut, desto leichter wird eine Verständigung auch über das freie Land Marokko" werden.

Der Krieg in Oftalien.

Die Japaner rücken auf dem mandschurischen Kriegsschau. plage weiter schnell und unaufhaltsam vor, troydem starke Schneefälle eingetreten sind. General Liniewitsch meldet die Anwesenheit des Feindes östlich der Bahnstrecke nach Charbin. Ob der russische General diesen Punkt wird halten können, ist mehr als zweifelhaft. Wahrscheinlich hat er gar nicht die Absicht, Charbin ernsthaft zu verteidigen, sondern wird seinen Rückzug weiter nach Norden fortsetzen, vielleicht, um an der sibirischen Grenze Halt zu machen.

In Petersburg werden inzwischen immer weitere skandalöse Vorgänge bei der Räumung Mufdens bekannt. Es wird bestätigt, daß Kuropatkin drei Tage vor dem Rückzug aus Mufden den Befehl gab, den Train fort­zubringen. Dieser Befehl wurde nicht ausgeführt. Der Train verstopfte die Wege und ging verloren. Der Verlust an Jourage, Kleidung und Proviant wird auf sechs Millionen Rubel geschätzt. Die Berichterstatter erzählen in den Blät­tern unglaubliche Dinge. Bei 25 Grad Kälte wurde eine Pontonbrücke eingefahren, wozu das Eis meterdick wegge­brochen wurde. Die Karten von den Schlachtfeldern wurden tagelang nach der geschlagenen Schlacht geliefert. Seit einem Jahre schleppt man Hunderttausende Pud sogenann­ter unantastbarer Proviantreserve mit sich, obgleich) man in einem der fruchtbarsten Gebiete der Welt stand. Die unon­tastbare Reserve kam aus Kiew und geht nach dort zurück, da sie endlich als überflüssig erkannt worden ist.

Ein russisches Geständnis.

Das sind traurige Zustände, doch wird auch mit ihm die russische Niederlage noch lange nicht erklärt. Deren Schlüß­sel liegt ganz wo anders. In einem Artikel über den Strieg macht das russische Militärblatt Rußkij Invalid" folgendes Geständnis: Unsere Infanterie ist nicht ausgebildet, unsere Kavallerie ist nicht schneller als unsere Infanterie, unsere Generale tun nichts weiter als ewig miteinander streiten. Wozu sollen wir da nach weiteren Ursachen unserer Nieder­lagen forschen?"

Trotz dieser beschämenden Selbsterkenntnis wird mit Mobilisierungen weiter fortgefahren. Die zweite Garde­Infanterie- Division wird mit der Garde- Artillerie Brigade demnächst ins Feld rücken.

Die Politik.

A Aus Deutsch- Südwestafrika liegen neue Nachrichten von Belang nicht vor. Für die gefangenen Aufständischen, haupt­sächlich Frauen und Kinder, werden Konzentrationslager eingerichtet. Ihre Zahl wird nach Bedarf vermehrt werden. Einstweilen find 4000 Eingeborene gefangen. In Kame­run ist die Ordnung nirgend gestört oder bedroht. Die Ge­rüchte von einem nahen oder gar schon ausgebrochenen Auf­stand der Bulis beruhen auf Klatsch, wenn nicht gar auf böswilliger Erfindung.

+ Eine in die Etatsberatung hineingeschobene Erörterung über das Sparkassenwesen, die kürzlich im preußischen Herrenhause stattgefunden hat, gibt Veranlassung, einige Daten über den Umfang der Sparkassen in den verschiedenen Staaten zusammenzustellen. Im Jahre 1903 verfügten die Sparkassen Europas und Amerikas über ein Kapital von 31 Millionen Mark. Davon kamen auf Deutschland 9, aus England 4, auf Frankreich 3,5 Milliarden, auf Preußen allein 5,74 Milliarden Mark, auf das Königreich Sachsen 925 Millionen. Die Verzinsung der Sparkassengelder im Reich schwankt zwischen 2 und 4 Prozent.

In der Zeitschrift Der Deutsche" urteilt Feldmarschall Graf Häfeler über den Bergarbeiter des Stuhrgebiets wie folgt:

Die Bevölkerung des Ruhrgebiets steht mir besonders nahe, denn aus ihr rekrutiert sich großenteils das 16. Ar­meekorps( dessen Kommandierender der Graf Häseler lange Jahre gewesen ist). An Umsturz denken diese Leute nicht. Sie sind durch und durch königstreu. Das ist kein blindes Vertrauen, sondern meine durch langjährige Be­obachtung erworbene feste Ueberzeugung. Die ,, Gedien­ten" des Ruhrgebiets sind tüchtige, ehrliebende Soldaten. Wir können uns im Kriegsfall fest auf sie verlassen. Im borigen Sommer hatte der Verein der 131er in Witten an der Ruhr mich zu seiner Fahnenweihe eingeladen, die mit einem Korpsappell" verbunden war. Etwa 10 000 Gediente des 16. Armeekorps standen in Parade unter der Leitung eines ihrer Genossen. Die Haltung war musterhaft, alle waren Soldaten geblieben; ich schied mit dem Gefühle: Lieb' Vaterland, magst ruhig sein!"

Man erkennt auch hieraus wieder, wie vielen Mitgliedern sozialdemokratischer Vereine der Sozialdemokrat nur ganz auf der Oberfläche anhastet. Die Bergarbeiter des Ruhrreviers gehören zum größeren Teil sozialdemokratischen Organi­fationen an, und doch konnte ihnen Graf Häfeler das eben angeführte Zeugnis ausstellen. Die sozialdemokratischen deutschen Arbeiter in Portugal, die dem Kaiser in Lissabon

einen silbernen Teller überbrachten, sind also durchaus nicht vereinzelte Erscheinungen.

England.

Om englischen Unterhaus hat ein Antrag gegen das Rauchen der Jugend Aussicht auf Annahme. Dr. Macnara hatte ihn bereits in der vorigen Session gestellt, und jetzt hat er ihn unter günstigeren Auspizien erneuert. Der An­trag will den Tabakhändlern die Konzession entziehen, wenn sie halbwüchsigen Burschen Tabak, Zigarren oder Zigaretten verkaufen.

Amerika.

Der Präsident des obersten Gerichtshofs von Venezuela hat die französische Kabelgesellschaft ihrer Konzession für ver­lustig erklärt, ihr aber anheimgegeben, an den gesamten Ge­richtshof zu appellieren, dessen Entscheidung endgültig sein würde. Die französische Gesellschaft müßte nicht von Todesmut, sondern von Todessehnsucht erfüllt sein, wenn sie auf diesen Vorschlag einginge.

Hof und Gesellschaft.

Während seines Aufenthaltes in Gibraltar ist der Kaiser Gegenstand großer Ehrungen seitens der britischen Behörden gewesen. Nach der Landung wurde der Kaiser, der kleine englische Feldmarschalls- Uniform trug, auf der Landungsstelle, sowie am Gouverneurspalast von englischen Ehrenwachen empfangen. Beim Generalgouverneur Feld­marschall White fand Festmahl und großer Empfang statt. In Begleitung des Kommandeurs des englischen Kreuzer­geschwaders, des Prinzen Ludwig von Battenberg, besuchte der Kaiser das Flaggschiff Drake", auch machte er eina Spazierfahrt, die nach dem herrlich gelegenen Militärhospital sich erstreckte. In Port Mahon auf Minorca wurde der Paiser vom Generalfapitän der Balearen in Vertretung des Königs von Spanien begrüßt, auch dort wurde ihm von seiten der Bevölkerung ein herzlicher Empfang bereitet. Bei dem Aufenthalt in Tanger wurden dem Kaiser wunder­bar schöne Geschenke namens des Sultans überreicht, be­stehend in Schmucksachen, Waffen und Seidenstoffen. Die Stadt Tanger schenkte 12 Stück Rindvieh, 50 Hammel, viele Kühe, große Mengen frischer Eier, Gemüse, Früchte und Blumen. Das Vieh wurde mit großer Schwierigkeit von dem Friedrich Carl" an Bord genommen, die Blumen und Früchte an die Kabinen der Gäste des Kaisers verteilt. Der Kaiser verlieh dem Großoheim des Sultans, Abdul Malek, den Kronenorden 1. Klasse, den maurischen Würdenträgern den Roten Adlerorden 2. Klasse. Besonderes Aufsehen beim Einzuge machten die beiden Leibgendarmen mit dem Adler­helm und mit der gelben resp. roten Standarte, die hinter dem Kaiser ritten. Von den Dächern aus begrüßten die ein­geborenen Frauen den Kaiser mit ihren schrillen Rufen. Die Kaiserin machte von Taormina aus Ausflüge in die herrliche Umgegend. So wurde der Berg Ziretti und das Schloß Calatabiano besucht.

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Der Kronprinz nahm in Hamburg, wohin er sich mit dem Prinzen Joachim Albrecht von Preußen und meh­reren Potsdamer Offizieren begeben hatte, am Concours hippique des Poloklubs teil und kehrte abends nach Potsdam zurück.

Heer und flotte.

Die neue Felduniform gelangte zunächst probeweise in Mez beim 2. Bataillon des Königs- Infanterieregiments ( 6. Iothr.) Nr. 145 zur Einführung. Das Tuch für die Offi­ziere entspricht in der ziemlich hellgrauen Farbe den neu eingeführten Mänteln und in der Qualität durchaus dem für die Mannschaftsuniform verwendeten, so daß in Farbe und Glanz keinerlei Unterschied von dieser vorhanden ist. Der Schnitt des Waffenrocks ist der bisherige geblieben. Die blanken Knöpfe stoßen aber durch doppelte Knopflöcher in zirei genau übereinanderliegenden Leinen, so daß, wenn sie nur durch die untere gezogen sind, der Rock geschlossen, aber fein Knopf zu sehen ist. Epaulettes und Achselstücke bleiben wie bisher, auch in der Art ihrer Befestigung, ebenso der hohe rote Stehkragen. Als Beinkleid wird eine Stiefelhose bon ebenfalls grauer Farbe getragen werden. Wie verlautet, wird das Bataillon zunächst im Mai dem Kaiser in Mez in der neuen Uniform vorgestellt werden und sie dann im Kaisermanöver feldmäßig tragen. Auch bei der 4. Kompagnie des Infanterie- Lehr- Bataillons sind Versuche mit der neuen Uniform gemacht worden, die sehr zufriedenstellend aus­fielen. Bei der Vorführung auf dem Bornstedter Felde bei Potsdam ergab sich, daß die Mannschaften in der neuen Be­kleidung ein weit schlechteres Ziel bieten als in der alten.

Neues aus dem Zarenreich. Petersburg, 1. April.

Ein geistreicher Mann hat Amerika das Land der un­begrenzten Möglichkeiten" genannt. Rußland ist Amerika noch über: hier muß eine Sache beinahe unmöglich sein, um glaublich zu erscheinen

In aller Welt würde ein Mann, der über sein Vaterland