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Nr. 29.
Insertionspreis: Die einfpaltige Betitzeile für ganz Obereffen, die Kreife Weglar amb Marburg 10.fg. sonft 15 Big. Reklamen bie Petitzeile 30 refp. 40 fg.
Redaktion u. Hauptexpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanfchluk Nr. 362.
Freitag, den 3. Februar 1905.
Gießener
14. Jahrgang.
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Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Was Indizien wert find.
( Von unserem Gerichtsberichterstatter.)
In Lichtenberg Lei Berlin wurde am Sonntagmorgen ein Dienstmädchen in seiner Kammer ermordet aufgefunden. Die Polizei sette auf die Entdeckung des Mörders einen Preis von tausend Mark aus. Daß ein Raubmord vorliege, galt als feststehend, denn das Sparkassenbuch des Mädchens fehlte. Die Polizei mußte wohl meinen, daß der Mörder sich nicht habe mit Kleinigkeiten abgeben wollen, da er berschmäht hatte, 12 Mark Bargeld, die offen dalagen, und geringwertige Schmucksachen mitzunehmen, die immerhin leicht einzuschmelzen und zu verkaufen waren.
Man suchte den Raubmörder in dem Verkehrskreis der Ermordeten, namentlich unter den Gartenarbeitern ihres Dienstherrn. Und man fand den Mörder mit erfreulicher Schnelligkeit. Die Polizei freilich war daran unschuldig. Der Dienstherr war der von seinem Instinkt geleitete Detektiv gewesen, und die Polizei begnügte sich mit dem Verdienste, diesem Instinkt des Unzünftigen bereitwillig gefolgt zu sein.
Der Dienstherr hatte nämlich gleich Verdacht auf einen seiner Gartenarbeiter, einen übelbeleumundeten, wiederholt borbestraften, gewalttätigen und dem Trunk ergebenen Menschen. Der Verdacht wurde durch das gedrückte Benehmen des Burschen verstärkt, der nur widerwillig und zögernd herbeikam, als der Dienstherr die Arbeiter alle zusammenrief. Er wusch und rieb scheu an seinen Beinkleidern, die überall, auch auf dem hinteren Teil, verdächtige Flecken zeigten. Auf Fragen der Arbeitsgenossen über seinen Verbleib während der Mordnacht hatte er unstimmige Auskünfte gegeben. 3war leugnete er der herbeigerufenen Polizei gegenüber, die ihm den Mord auf den Kopf zusagte; aber sein scheues Geficht fam einem Geständnis gleich. Als er die Blutflecken auf seinen Beinkleidern durch Nasenbluten, eine frische Wunde an der Stirn durch eine Stoßverletzung erklären wollte, galt er für überführt, da in der Regel Nasenbluten Beinkleider nicht am rückwärtigen Teil verunreinigt. Man atmete auf: die Mordtat fand sichere Sühne.
Vierundzwanzig Stunden später hatte sich das Bild vollständig verschoben: Der überführte Mörder war aus der Haft entlassen, seine Nichtbeteiligung an dem Mord stand außer Bweifel. Zunächst war als unstreitig ermittelt worden, daß der Verdächtigte in der Mordnacht sinnlos betrunken gewesen, daß er in der Trunkenheit sich Stirn und Nase verlegt, daß diese Verlegungen eine Blutlache vor seinem Bett beranlaßt hatten, in die er stürzte, als er aus dem Bett fiel. Er war am Montag noch nicht ausgenüchtert. Sein scheues Verhalten erklärt sich aus seinem anhaltenden Haarweh" für diesen Zustand gibt es auch minder salonfähige Bezeichnungen und eben dieselbe Ursache macht seine AbWeißtannen II. A neigung gegen jede Ortsveränderung am Montag begreiflich.
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In seinem unklaren Zustand war er vielleicht auch durch die Blicke bedrückt und eingeschüchtert, die von einem Verdacht gegen ihn sprachen; und das Bewußtsein, blutbefleckte Beinfleider zu haben, nahm ihm den Rest von Zuversicht.
Das alles fann vorkommen. Ein ländlicher Gärtnereibefizer braucht nicht den Scharfblick eines berufsmäßigen Detektivs zu haben, darf sich in der Nichtung seines Berdachts irren und hat auch das Recht, über seinen Verdacht unvorsichtige Reden zu Dritten zu führen, unter denen vielLeicht der wirkliche Mörder war, dem er so Gelegenheit bot, den Verdacht auf falscher Fährte zu halten. Es zeigte sich aber noch etwas anderes: das angeblich geraubte Sparkassenbuch fand sich, in Bapier eingeschlagen, mit anderen Sachen in dem Korb der Ermordeten, den man also recht oberflächlich durchsucht haben muß.
Diese oberflächliche Durchsuchung war der erste Fehler. Der zweite, faum minder schwere, bestand darin, daß man aus dem vermeintlichen Fehlen des Sparkassenbuchs auf einen Raubmord geschlossen hatte. Ein Sparkassenbuch ist ein redyt ungeeignetes Raubobjekt. Es ist allgemein bekannt, daß ohne vorgängige Kündigung eine Auszahlung nur bis 100 Mart erfolat. Wer aber um 100 Marf mordet, läßt nicht 12 Mark Bargeld, auch nicht eine goldene Uhr liegen. Der Mörder mußte überdies unwahrscheinlich dumm sein, in der Nacht zum Sonntag ein Svarfassenbuch an sich zu nehmen, das er nicht vor Montag, also erst über 24 Stunden nach Bekanntwerden des Mordes, präsentieren konnte.
Mit dem Raubmord also war es nichts. Das konnte man bei einiger Aufmerksamkeit sofort wissen und bei sorgfamer Durchsuchung des erwähnten Korbes alsbald so unzweifelhaft feststellen, wie es nach 48 Stunden oder später festgestellt worden ist. Dann wäre nicht kostbare und wahrScheinlich unwiderbringliche Zeit bei dem Suchen auf falscher Fährte berloren gegangen. Der Fall ist lehrreich. Er zeigt die Zweifelhaftigkeit des Wertes von Indizien und von Verbachtsumständen. Sogar Blutflecken auf der Kehrseite von Beinkleidern können wirklich vom Nasenbluten herrühren.
Der Krieg in Oftafien.
Auch auf russischer Seite wird jetzt zugegeben, daß der Borstoß General Kuropatkins nicht nur resultatlos verlaufen ist, sondern auch für die Russen schwere Nachteile im Gefolge
gehabt hat. Von englischer Seite wird behauptet, daß der japanische Gegenvorstoß mit dem Ziel, den rechten Flügel der Russen unter General Griepenberg abzudrängen, weiter fortgesetzt wird und große Aussicht auf Erfolg habe. Nach anderen Darstellungen haben beide Teile unter großen Opfern ihre neuen Positionen behauptet.
Von russischer Seite werden noch interessante Einzelheiten über die fünftägige Schlacht
berichtet, die zeigen, mit welchen großen Schwierigkeiten die beiden Parteien zu fämpfen hatten. Die gewöhnlichen Geschütze erwiesen sich zur Zerstörung von Verschanzungen wirkungslos, nur Melinitbomben konnten den gefrorenen Boden sprengen. Hierzu trat die furchtbare Kälte. Die Aerzte konnten die Verwundeten nicht verbinden, weil ihnen die Finger erstarrten. Verwundete, die nicht sofort aufgenommen wurden, fand man nach ein oder zwei Stunden erfroren. Viele erfroren beim Transport, daher die hohe Verlustziffer. Man nimmt an, daß infolge der furchtbaren Erfahrungen, die man jetzt gemacht hat, die kriegerischen Aktionen ruhen werden, bis milderes Wetter eintritt, etwa bis Mitte März.
Die Gesamtverluste der Armee Okus, also des linken japanischen Flügels, werden nach einer soeben veröffentlichten Aufstellung seit Beginn des Krieges bis zur Mitte Dezember vorigen Jahres folgendermaßen beziffert: In den Hofpitälern starben vom 6. Mai an bis zum 1. Dezember von 24 642 eingelieferten Patienten mur 40(?!), 193 waren an Typhus, 342 an Dysenterie und 5070 an Beriberi erkrankt. Gefallen sind von Okus Truppen in der Zeit vom 6. Mai bis zum 19. Dezember 210 Offiziere und 4917 Mann, verwundet 743 Offiziere und 20 337 Mann.
Die Verhältnisse in den japanischen Lazaretten haben sich, wenn kein Fehler in der Depesche vorliegt, wenigstens bei dieser Armee, als wunderbar günstig bewiesen.
Die Lage in Wladiwostok.
In Anbetracht der ernsten Lage, in der sich gegenwärtig die Festung Wladimostok befindet, haben sämtliche Bewohner der Stadt eine Erklärung darüber abgeben müssen, ob sie in Wladivostok bleiben und für den Fall einer Belagerung freiwillig als Kämpfer oder sonst in den öffentlichen Dienst treten wollen. Alle übrigen Bewohner müssen sich bereit halten, bei der ersten Aufforderung die Stadt zu verlassen. Das Knabengymnasium ist geschlossen; die Mehrzahl der Schüler wird auf Kronskosten nach Nertschinsk zum Besuch des dortigen Gymnasiums befördert. Das Orientalische Institut wird nach Werchundinsk überführt, wo bereits für die Unterbringung von 120 Studenten und 10 Professoren gesorgt ist.
Der Zar und die Arbeiter.
Die große Staatsaktion in Zarskoje- Sselo hat stattge= funden. Der Zar hat eine Deputation der Petersburger Arbeiterschaft empfangen und eine Ansprache an sie gehalten. Was aber vor dem fatalen 22. Januar auf das ganze Land eine beruhigende Wirkung ausgeübt hätte, ist jetzt nur geeignet, neues Del ins Feuer zu gießen. Allgemein hält man in liberalen russischen Kreisen die angeblichen Arbeitervertreter für bloße Statisten der Regierung, die die Wirkungen der blutigen Tragödie nun in einem poffenhaften Satyrspiel aufheben sollten. Diese Stimmung spiegelt sich wieder in dem folgenden Bericht aus der russischen Hauptstadt mit der bezeichnenden Ueberschrift
Es bleibt beim Alten.
Petersburg, 2. Februar. Der Empfang der Arbeiterdeputation durch den Zaren hat eine Klärung gebracht, aber keineswegs die gewünschte. Es war eine Komödie, von der Großfürstenpartei und ihren Organen veranstaltet, und Zar Nikolaus II. hat sich dazu hergeben müssen, in dieser Komödie mitzuwirken. Jetzt ist es auch verständlich, daß Fürst Swiatopolk- Mirsky auf seiner Entlassung bestand und die Grenzlinien der Verantwortung genau gezogen wissen wollte. Die Arbeiter deputation war von dem Diktator von Petersburg, Generalgouverneur Trepow, ausgesucht worden. Aus jeder der großen Petersburger Fabriken hatte er einen Arbeiter gewählt, der bereit war, eine Statistenrolle in der kläglichen Staatskomödie zu spielen. Ueber dreißig solcher Figuranten waren zusammengeholt, angemessen gekleidet und nach Zarskoje Sielo zum Baren gebracht worden, der wahrscheinlich wirkliche Vertreter der Petersburger Arbeiterschaft vor sich zu haben glaubte, und an die Versammelten eine Ansprache richtete. Diese Ansprache erklärt das Vorgehen der Regierung am blutigen Sonntag für gerechtfertigt, das Verhalten der Arbeiter für aufrührerisch und verspricht nur deshalb Verzeihen, weil die Arbeiter verführt worden seien. Der Zar verlangt Gehorsam und immer wieder Gehorsam; an Fürsorge für die Arbeiter werde es später nicht fehlen. Damit iſt feſtgestellt, daß der Bar in keinem Bunft nachzugeben denkt,
daß er an dem unbeschränkten autokratischen Regiment unbedingt festhalten will, daß der Einfluß der Großfürsten, namentlich des Großfürsten Sergei, der früher Generalgouberneur von Moskau gewesen, genau so maßgebend ist wie je zuvor. Die Reformvorschläge alle, selbst die gemäßigsten, dürfen als zurückgewiesen angesehen werden. Das Säbelregiment ist auch insofern ausdrücklich bestätigt worden, als dem Diktator von Petersburg alle Befugnisse des Ministers des Innern übertragen sind.
Tap Bar, Zarin und Zarin Mutter den Hinterbliebenen der Opfer des blutigen Sonntags ihr Beileid ausgesprochen und ihnen 50 000 Rubel gespendet haben, macht ihrem Herzen alle Ehre. Doch die tiefe Mißstimmung der Intellek tuellen" Rußlands wird dadurch so wenig beseitigt, wie eine Zufriedenheit der Arbeiterschaft dadurch geschaffen, daß diese in Petersburg zur Arbeit zurückzukehren angefangen hat. Tie Fabrikbesißer haben ihnen übrigens den Entschluß zur Rückkehr erleichtert, indem sie manche Forderung, die sie borher abgelehnt hatten, bewilligten. Ob sie dabei lediglich eigener billiger Erwägung gefolgt sind oder einem Drang nachgegeben haben, der nicht von innen kam, läßt sich im Augenblick nicht feststellen. Leider ist es wenig wahrscheinich, daß die jeßigen Gewalthaber eine ähnliche Milde wie die Fabrikbesizer an den Tag legen werden. Generalgouverneur Trepow hat allem Anschein nach von seinen großfürstlichen Hintermännern den Befehl, die ganze Ausstands- und Aufstandsbewegung als das Werk des Auslandes, namentlich Englands und Japans, hinzustellen, als ein hoch- und landesverräterisches Unternehmen, das im Dienst und gegen Bezahlung des Feindes begonnen torden. Die ins Gefängnis geworfenen Vertueter der Intelligenz, die ein freies Wort gewagt haben Marim Gorki darunter unterliegen, wie General Trepom sagt, dem Gesetz d. h. dem Ausnahmegeset, das eine andere als die Todesstrafe kaum fennt. Ob hier eine bloße Drehung vorliegt, oder ob die Trohung ernst gemeint ist, läßt sich zur Stunde noch nicht erkennen, doch sind schlimme Befürchtungen nicht ohne Grund. In dieser Stunde herrscht die Reaktion, die russische Reaktion, und die Staatsmänner, die reformfreundliche Gesinnung hegen, sind zur Untätigkeit verurteilt.
Heute wird die Gouvernements- Adelsversammlung eröffnet, die in zwei Parteien getrennt ist. Die eine will die Autokratie unbeschränkt erhalten; ein entsprechender Antrag zählt 122 Unterschriften. Die andere wünscht die Anfänge einer Volfsvertretung. Dabei erkennt sie an, daß es vorbereitender Arbeiten hierzu bedürfe. Sie möchte deshalb den Zaren bitten, daß er eine Zeit beſtimme, innerhalb deren die Volksvertretung geschaffen werden solle.
In der Ansprache des Zaren an die Arbeiter ist der Hinweis auf den Krieg bemerkenswert. Dieser Hinweis beſtätigt, daß der Zar an einen Friedensschluß ohne vorherigen Sieg, also jedenfalls an einen nahen Friedensschluß, nicht denkt.
Freilich sind auch Gerüchte im Umlauf, daß ein Umschwung unmittelbar bevorstehe: General Trepow solle nach der Mandschurei geschickt, binnen zehn Tagen eine repräsentative Kammer geschaffen werden. Leider ist das müßiges Geschwäß, das dadurch nicht glaubhafter wird, daß man den Präsidenten des Ministerkomitees Sergei Julitsch Witte als den Anreger der Reform nennt und an Einzelheiten noch anführt: den Waisen und Verlegten des blutigen Sonntags solle eine Pension gegeben werden, friedliche Maßnahmen sollten die Ordnung wiederherstellen, das Volk solle auf« gefordert werden, mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Das sind, wie gesagt, Märchen, und noch dazu schlecht erfundene.
*
Die Arbeiterunruhen,
die an manchen Orten des russischen Westens eine Eindämmung erfahren, sind dafür an anderen Pläßen neu aufgeflammt. Bis Mittwoch war es in der Nähe der oberschlesischen Grenze ganz still, früh wurde in den Fabriken von Sosnowice noch gearbeitet plötzlich wurde das Zeichen zur Arbeitseinstellung gegeben. Wo diese nicht freiwillig eintrat, wurde sie von umherziehenden starken Trupps erzwungen, auch unter gewaltsamer Abstellung der Maschinen. Der Polizeiwachtmeister wurde auf den Umzügen mitgeführt, doch kam es sonst nicht zu Gewalttätigkeiten. Die Laden wurden geschlossen. Ein Kosakenregiment rückte ein. Die rusfischen Grenzbehörden teilten den preußischen Grenzbehörden mit, daß das russische Publikum in dem Glauben sei, preuBische Soldaten würden kommen. Daraus sei der Gedanke entstanden, die kurz vor Sosnowice befindliche Eisenbahnbrücke zu zerstören, um die Preußen aufzuhalten. Das Kattowizer Landratsamt verfügte infolgedessen die Sperrung der Brücke und verlegte Gendarmerieposten dorthin. Am Donnerstag war bis Mittag in Sosnowice alles ruhig. Im Süden Rußlands, in Odessa, ist es wieder zu einem politischen Mordversuch gekommen. Am Mittwochvormittag 10 Uhr feuerte ein Mann in Arbeitertracht auf den Polizeichef Golovine, der ungefährlich ins Schulterblatt ge troffen wurde. Der Täter ist verhaftet.
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Fürst Mirskys Nachfolger.
Rußland hat einen neuen Minister des Innern, das heißt


